Klimawandel aufhalten und die Natur schützen – ein Spagat?

Seit der letzten Klimakonferenz in Paris 2015 steht fest, dass die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei oder besser noch 1,5 Grad Celsius begrenzt werden muss, um die schlimmsten Gefahren des Klimawandels abzuwenden. Nach den neuesten Erkenntnissen des Weltklimarats (IPCC) kann die Erderwärmung zu unumkehrbaren Folgen für Mensch und Natur führen. Hier ist von den Tipping points, den „Kipppunkten“ die Rede, die, wenn sie erreicht werden beziehungsweise „kippen“, Prozesse in Gang setzen können, die schwer aufhaltbar sind.

Foto: Margaret Bunzel-Drüke

Rotmilan vor Windkraftanlage, Foto: Margaret Bunzel-Drüke

Und das Ausmaß dieser Prozesse auf die biologische Vielfalt und Ökosysteme und deren systemische Zusammenhänge ist nicht abschätzbar. Das heißt, dass die 1,5-Grad-Obergrenze die einzige Messlatte ist, die uns zur Verfügung steht, um weltweit vorsorglich den Schutz der biologischen Vielfalt und der Ökosysteme zu garantieren.

Aus NABU Sicht kann der Hauptweg dahin nur über eine Reduktion des globalen Emissionsbudgets und somit auch einen weltweiten Ausstieg aus den fossilen Energien und einen Ausbau der erneuerbaren Energien begangen werden.. Der erste richtige Schritt auf diesem Weg muss die Senkung des Gesamtenergieverbrauchs und die Steigerung der Energieeffizienz in allen Bereichen sein. Erforderlich ist dafür ein Umdenken in der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft, vorausgehend mit einer Transformation des Energiesystems. Dies ist folglich eine systemische, verhaltensbezogene und vor allem kommunikative Herausforderung.

Die Herausforderung der naturverträglichen Energiewende

Die Bundesregierung hat bis 2050 Klimaschutzziele formuliert: Die Treibhausgase müssen bis 2050 um 80 bis 95 Prozent gegenüber 1990 reduziert werden. Vor dem Hintergrund des Pariser Klimaabkommens erscheint die obere Grenze des Korridors notwendig, um die Erderwärmung auf unter 2 Grad zu dämmen. Für den Stromsektor folgt daraus, dass er nahezu zu 100 Prozent auf erneuerbaren Energien basieren muss. Während des Ausbaus der Windenergie der vergangenen Jahre konnte das Rahmenwerk in Deutschland nicht schnell genug angepasst werden und ist somit nicht dafür ausgelegt. Allen voran gibt es in den meisten Bundesländern keine verbindliche regionale Planung, die Eignungsgebiete mit Ausschlusswirkung festlegt.

Entweder sind momentan die Regionalpläne in den Bundesländern in der Überarbeitung oder wurden als rechtswidrig erklärt. Bei den Genehmigungsbehörden mangelt es oft an Kapazitäten. Auch gibt es Bedarf im Qualitätsmanagement, was die Gutachten, Verträglichkeitsprüfungen, die Datengrundlage allgemein und auch das Langzeitmonitoring betrifft. Allgemein gibt es nach wie vor großen Handlungs- und Forschungsbedarf und zu viele Unsicherheiten. Aber vor allem geht der Ausbau der Erneuerbaren mit einem Interessenkonflikt im Raum einher, der von Anfang an nicht richtig gelöst wurde und eher Wildwuchs beim Ausbau und somit negative Auswirkungen auf die biologische Vielfalt zur Folge hatte. Der Ausbau stellt auch die Windindustrie vor eine große Herausforderung, denn es gibt nach wie vor wenig Planungs-und Rechtsun?sicherheit, Fehlinvestitionen, juristische Streitigkeiten.

Das Pariser Klimaabkommen formuliert nicht nur Klimaziele, sondern statuiert auch, „dass die Integrität aller Ökosysteme und der Erhalt der biologischen Vielfalt bei allen Maßnahmen, die gegen den Klimawandel ergriffen werden, sichergestellt werden muss“. Die Kernfrage ist also: Wie kann der Ausbau der erneuerbaren Energien stattfinden ohne dass die biologische Vielfalt, Ökosysteme oder wertvolle Habitate in Deutschland verloren gehen? Eines der Hauptargumente für einen starken Ausbau der erneuerbaren Energien ist, dass der Klimaschutz auch die Natur schützt, was richtig ist. Der Dreh-und Angelpunkt ist aber, dass der Naturschutz nicht an zweiter Stelle nach dem Klimaschutz stehen darf, sondern auf gleicher Ebene.

Mit dem stetigen Ausbau der Windenergie geraten auch immer mehr naturschutzfachlich kritische Standorte wie etwa Waldgebiete in den Fokus, so dass durch die Windenergie in Deutschland immer mehr Arten und deren Habitate gefährdet sind. Das ist also ein Widerspruch in sich, der gelöst werden muss. Und genauso muss beachtet werden, dass vor allem die Stärkung der Ökosysteme und ihrer „Leistungen“ genauso wichtig ist, um den Klimawandel zu entschleunigen. Das bedeutet dass die Naturverträglichkeit integraler Bestandteil der Energiewende werden muss, also in Einklang mit den Naturschutzgesetzen in Deutschland erfolgen muss und dass die biologische Vielfalt genauso wie Ökosysteme nicht gefährdet werden dürfen.

Die wichtige Rolle der Kommunikation bei der naturverträglichen Energiewende

Foto: Ingo Ludwichowski

Die Energiewende muss her – aber bitte naturverträglich. Foto: Ingo Ludwichowski

Für die Umsetzung der naturverträglichen Energiewende ist es notwendig, dass die Verbindung zwischen dem Klima-und Naturschutz auf politischer, wirtschaftlicher und öffentlicher Ebene kommuniziert wird. Auch der Klimawandel wurde vor Jahrzehnten noch kaum in der Öffentlichkeit besprochen wurde, weil es zu komplex und unverständlich war. Dennoch ist es jetzt Thema in der Öffentlichkeit, dass Klimaschutz stattfinden muss. Dieser geht mit einer gesellschaftlichen Wende und mit eventuellen Entbehrungen einher, welche jedoch mehr  in der Öffentlichkeit akzeptiert werden. Bei der naturverträglichen Energiewende stehen wir vor einer ähnlichen Komplexität, die schwierig zu kommunizieren ist. Der NABU gibt konkrete Handlungsempfehlungen für eine naturverträgliche Energiewende, damit garantiert wird, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien stattfinden kann und Schutzmaßnahmen für Arten und Ökosysteme integriert werden.

Die Naturverträglichkeit muss stärker als politisches Leitbild nicht nur auf den Ausbau der Windenergie einbezogen, sondern integraler Bestandteil der gesamten Energiewende werden. Denn erneuerbare Energien erfüllen erst dann den Anspruch der Naturverträglichkeit und des Klimaschutzes, wenn Naturschutzbelange in der Antrags- und Genehmigungspraxis ausreichend berücksichtigt und Arten und Ökosysteme erhalten werden.

Ähnlich wie beim Klimawandel muss die Komplexität, die hinter der Transformation hin zu einer weniger zum Energiekonsum orientierten Gesellschaft ohne fossile Energien steht, vereinfacht dargestellt und auf allen Ebenen kommuniziert werden.

Mehr zu Erneuerbaren Energien und zur Energiewende unter

www.nabu.de/energie

Das könnte Sie auch interessieren:

Inga Römer

Inga Römer

Referentin für Naturschutz und Energiewende

2 Kommentare

Inga Römer

Inga Römer

30.06.2016, 14:04

Vielen Dank für die Nachricht und die wunderbare Unterstützung! Leider werden wir ohne eine Emissionsreduzierung von 80-95% und einen Ausbau der Erneuerbaren von bis zu 100% nicht bis 2050 kommen. Und ein großer Teil wird davon von der Windenergie getragen. Aber viel wichtiger ist, dass zuerst eine starke Reduzierung des Energie-und Ressourcenverbrauchs von statten geht und die Effizienz gesteigert wird. Nur dann kann man abwägen, wie viel wir tatsächlich noch benötigen. Wir haben im Energie-und-Klima-Team beim NABU schon einmal eine kleine beispielhafte Rechnung gemacht: Beim derzeitigen Anteil (2015) der erneuerbaren Energien von rund 30% an der Stromerzeugung ist bei der Annahme eines linearen Ausbaus eine jährliche Steigerung des Anteils der erneuerbaren Energien von rund zwei Prozent nötig (AGEB 2016a). Derzeit wird rund 45% des erneuerbaren Stroms durch Windkraft (ca. 40% Wind onshore, 5% Wind offshore), rund 20% durch Photovoltaik(PV)-Anlagen und der Rest durch Wasserkraft, biogene Brennstoffe und weitere erneuerbaren Energien erzeugt (AGEB 2016b). Beispielhafte Rechnungen zeigen, dass eine 100%ige Deckung unseres Stromverbrauchs bis 2050 möglich ist. Unter der Annahme, dass im Jahr 2050 der gesamte Stromverbrauch durch Sektorkopplung insgesamt relativ konstant bei rund 600 TWh/Jahr bleibt und die durchschnittliche Leistung einer Windenergieanlage von derzeit ca. 1,5 MW auf 3,5 MW steigt, würden zur Deckung des Stromverbrauchs insgesamt 32.000 Windenergieanlagen benötigt. Zum Vergleich: In den vergangenen knapp 20 Jahren wurden in Deutschland etwa 27.000 Windenergieanlagen installiert (Stand: Dez. 2015) – folglich ist der größte Teil der Wegstrecke (rein quantitativ) schon begangen. Wir werden im November unsere neue Position zur Windenergie veröffentlichen, in der wir auflisten, wo genau die Probleme beim Ausbau sind. Außerdem identifizieren wir, warum der Ausbau immer noch nicht naturverträglich stattfindet, und geben Handlungsempfehlungen, damit die naturverträgliche Energiewende vorankommen kann.

Martin Wiese

16.04.2016, 10:23

Die "Verspargelung" in Deutschland wird in den nächsten Jahren Aussmasse annehmen, die die Natur auf weiter Flur verschandeln wird. Der Hintergrund sind nicht effektive und erneubare Energieerzeugungalternativen, sondern vielmehr der attraktive Profit, der sich für das Windenergiegewerbe. Und das natürlich mal wieder auf Kosten der Natur. Die Effektivität der Windkrafträder für die Energieerzeugung ist sogar zu vernachlässigen. Erst ein Vielfaches der jetzigen Windparks werden die herkömmliche Energieerzeugung annähernd ersetzen können. Damit ist mein Fazit: Erst wenn jeder ein Windrad im Garten stehen hat und der Wald von Windrädern verdeckt ist, erst dann wacht die Bevölkerung und Politik wieder einmal auf. Unakzeptabel und ich bin bereit mit NABU gegen die Errichtung weiterer Windparks vorzugehen.

Kommentare deaktiviert