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Moore sind wie Spreewaldgurken – und retten unser Klima

 

Alle sprechen über Bäume. Dabei speichern Moore – wenn sie intakt sind – weltweit mehr Kohlenstoff als alle Wälder der Erde zusammen. Offenbar haben Moore ein Imageproblem. Das beschäftigt mich und die Menschen, die um mich herum sitzen. Seriös gekleidete Männer in meist dunklen Jacketts. Frauen in schlichten Hosenanzügen. Einige haben Notizbücher auf dem Schoß. Ich auch. Schreibt mein Kugelschreiber? Naja. Geht so. Am Ende der langen, aber spannenden Veranstaltung wird er aus dem letzten Loch pfeifen. Aber so weit sind wir noch nicht. Zunächst heißt uns Alar Streimann, Botschafter von Estland, herzlich willkommen.

Kein freier Sitzplatz ist mehr zu sehen, hier in der Estnischen Botschaft in Berlin, an diesem viel zu milden Abend im Januar. Das liegt an dem Thema der heutigen Podiumsdiskussion, das kaum aktueller sein könnte und über 90 Expert*innen aus Wissenschaft, Politik und Naturschutz innerhalb der EU zusammengeführt hat. Es lautet „Moore renaturieren, Klima schützen“. Was können und müssen wir tun, um intakte Moore zu erhalten und zerstörte Moore zu renaturieren? Was ist nötig, um ihre Leistungsfähigkeit wieder zu aktivieren, um also effektiv und dauerhaft Kohlenstoff der Atmosphäre zu entziehen? Wie kann uns der Ausstieg aus der Torfnutzung gelingen? Und wie lösen wir das Imageproblem von Mooren?

Es liegt auch an Dr. Hans Joosten, Professor für Moorkunde und Paläoökologie, dass es in es letzten zehn Minuten so proppenvoll im Saal geworden ist. Er ist eine echte Koryphäe auf seinem Gebiet. Kaum jemand kann so leidenschaftlich und klug wie er über die faszinierenden Eigenschaften von Mooren und Torf sprechen – ein Thema, bei dem Otto Normalverbraucher*innen eher an Irrlichter, Schlamm und Matsch denken. Das stelle ich schon nach wenigen Augenblicken fest, als er mit seinem Vortrag beginnt. 25 Minuten geballtes Wissen. Zahlen, Fakten, die erst in meinem Kopf rauschen und sich dann zu einem facettenreichen und in sich schlüssigen Bild zusammensetzen. Farbspektrum: braun bis grün. Konsistenz: feucht.

Gewürzgurkenwasser bringt’s

Wie gespannt und konzentriert die Atmosphäre ist, als Dr. Hans Joosten hinter sich auf ein Glas Spreewaldgurken deutet. Es flackert in seiner Power-Point-Präsentation auf der Wand auf. Für einen Moment ertappe ich mich bei dem Gedanken an meine Paddeltour zwischen Burg und Lübbenau in diesem Sommer und an den pfeffrig-süßen Geschmack auf der Zunge. Joosten erklärt: „Moore sind wie Spreewaldgurken: Wenn man das konservierende Wasser entfernt, verfaulen die organischen Stoffe. Genau so ist das auch mit den Mooren.“ Einige der seriös gekleideten Menschen nicken, andere schmunzeln. Aber nur kurz. Denn sie wissen um die Problematik, die in diesem Vergleich zum Ausdruck kommt. Wenn Mooren – die effektivsten Kohlenstoffspeicher, die unser Planet zu bieten hat – das Wasser entzogen wird, sie also trockengelegt werden, dann verrottet der oftmals über Jahrtausende abgelagerte Torf. Die Treibhausgase CO2 und N2O entweichen in großen Mengen in die Atmosphäre. Und zwar so viel davon, dass sich unser Klima aufheizt. Weltweit emittieren trockengelegte Moore jährlich zwei Gigatonnen Treibhausgase. Indonesien sei dabei der größte Emittent: „Aber, und das wird ganz gerne vergessen, die EU folgt gleich auf Platz zwei“, sagt Joosten.

Genau deswegen arbeiten aktuell neun Partner, darunter der NABU, im LIFE-Projekt „Peat Restore“ dafür, dass elf Moorgebiete in Deutschland, Polen, Litauen, Lettland, und Estland mit einer Gesamtgröße von 5.300 Hektar wiedervernässt werden. Denn das Einmaleins von Paris lautet: Bis zum Jahr 2050 müssen die EU-Länder klimaneutral wirtschaften. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen wir 150.000 Quadratkilometer Moorflächen wiedervernässen, also 5.000 Quadratkilometer im Jahr. Joosten versprüht eine unglaubliche Energie. Er treibt zum Handeln an. Seine Botschaft könnte kaum klarer sein: Moore müssen wiedervernässt werden, für das Klima, für das Land, die Menschen, für immer…

Ins Feld gehen und Dialog suchen

Und wirklich. Der Optimismus von Joosten wirkt ansteckend, täuscht aber nicht über die tatsächlichen Herausforderungen hinweg, die anstehen, wenn es konkret werden soll. Es geht um Moorschutz im Feld. Wortwörtlich. Denn Hauptursache für die Entwässerung von Mooren ist die intensive Landwirtschaft. Für Landwirt*innen gibt es aktuell kaum ökonomische Anreize, um die Nutzung von Moorböden anzupassen oder einzustellen. Wie soll man sie überzeugen? Jedenfalls nicht mit langen Konzeptpapieren, betont NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger in der Panel-Diskussion. „Nein, wir müssen in die Regionen gehen und mit den betroffenen Landwirt*innen sprechen, sie im direkten Gespräch von naturverträglichen Alternativen überzeugen“, sagt Krüger. Es gilt, fordert er, das EU-Fördersystem und die veraltete Logik dahinter zu verändern. Das war an den Vertreter der EU-Kommission, Christian Holzleitner, gerichtet. Neben Holzleitner sind noch weitere Vertreter*innen aus der internationalen Politik gekommen, darunter Alda Ozola, die stellvertretende Staatssekretärin im Ministerium für Umweltschutz in Lettland.

Holzleitner versucht zu erklären und spielt, so wirkt es auf mich, am Ende doch auf Zeit: „Natürlich müssen wir an dem Fördersystem arbeiten. Wir haben 30 Jahre, um zu einer wirklich nachhaltigen Landnutzung zu kommen.“ Einige im Saal denken „nur 30 Jahre“, Holzleitner meint „noch“. Das Einmaleins von Paris klingt plötzlich nach einer anstrengenden, bürokratischen Bürde. Es klingt, natürlich, nach einem Kompromiss. Es klingt nach: Ja, wir müssen diesen Rucksack schultern, aber getragen wird er nur bis zur nächsten Kreuzung, dann wird er erst einmal abgesetzt. Kleine Verschnaufpause…

Erkenntnisse des Abends

Kontroversen, die gibt es immer, wenn verschiedene Interessensgruppen aufeinandertreffen. Man kann die Uhr danach stellen. Mich überrascht, wie einig sich Joosten, Krüger, Holzleitner und die anderen Panel-Teilnehmer*innen in vielen zentralen Punkten trotzdem sind.
Moore sind als Kohlenstoffspeicher heute wichtiger denn je! Moore zu renaturieren ist zwingend erforderlich, um die Pariser Klimaziele einzuhalten. Was uns in die Hände spielt: wir haben längst das nötige Wissen und die Methoden, um trockengelegte Moore wiederzuvernässen. Aber das EU-Subventionssystem zur Landnutzung muss geändert werden. Dringend. Außerdem brauchen Projekte wie „LIFE Peat Restore“ eine größere Öffentlichkeit, damit mehr Unternehmen nachhaltige Wege zur Landnutzung kennenlernen und, viel wichtiger, diese auch selbst beschreiten.

So. Jetzt ist es passiert. Mein Kugelschreiber hat den Geist aufgegeben. Nach guten zwei Stunden Input. Wieder schweife ich kurz ab. Wenn ich an einen entspannten Abend mit Freunden denke – es gibt belegte Brote und Spreewaldgurken – dann weiß ich, was ich favorisiere: Ich hätte bitte gern die Gewürzgurken, die ich frisch und knackig aus dem konservierenden und mit Dill und Pfeffer getränkten Wasser fischen kann. Keine verrotteten, kleinen Schrumpel-Gurken. Sorry, aber da bin ich intolerant. Bei trockengelegten Mooren auch.

 

Hintergrund

Moorrenaturierung und Ausstieg aus der Torfnutzung zum Erhalt des Klimas – wie kann das gelingen? Podiumsdiskussion  „Moore renaturieren, Klima schützen“ am 15. Januar 2020 in der Botschaft von Estland. Mehr zum Thema: www.life-peat-restore.eu

 

Teilnehmer*innen

Grußworte

Alar Streimann
Botschafter der Republik Estland

Jörg-Andreas Krüger
NABU-Präsident

Dr. Frank Woesthoff
Leiter Unternehmenskommunikation beim Volkswagen Financial Services

Sebastian Scholz (Moderator)
Teamleiter Energie & Klima beim NABU

Vorträge

Dr. Hans Joosten,
Professor für Moorkunde und Paläoökologie und Generalsekretär der „International
Mire Conservation Group” (IMCG)

Alda Ozola
Stellvertretende Staatssekretärin im Ministerium für Umweltschutz in Lettland

Panel 1

Alda Ozola
Stellvertretende Staatssekretärin im Ministerium für Umweltschutz in Lettland

Christian Holzleitner
Leiter der Abteilung „Land Use and Finance for Innovation” in der EU-Kommission

Dr. Hans Joosten
Professor für Moorkunde und Paläoökologie und Generalsekretär der „International
Mire Conservation Group” (IMCG)

Jörg-Andreas Krüger
NABU-Präsident

Panel 2

Maria Karus
Beraterin für Umwelttechnologie im Umweltministerium von Estland

Dr. Wiktor Kotowski
Abteilung für Pflanzenökologie und Naturschutz in der Universität Warschau

Dr. Thomas Schmidt
Referatsleiter Garten- und Landschaftsbau im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft

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