Ende Energiewende? Nein, die Küche ist noch nicht fertig!

„Kritik am massiven Ausbau der Übertragungsnetze.“ „Gegenwind für EEG-Reform.“ „Anstieg der Ökostrom-Umlage stößt auf harsche Kritik.“ „Verspargelung der Landschaft!“ „EEG-Entwurf würgt Energiewende ab.“ So lesen sich derzeit die Nachrichten, wenn es um das Thema Energiewende geht. Aber was genau ist eigentlich „Energiewende“. Warum brauchen wir sie? Ist eine Energiewende überhaupt möglich?

Kohleabbau, die bisherige Basis unserer Energieversorgung. Foto: NABU/E.Neuling

Kohleabbau, die bisherige Basis unserer Energieversorgung. Foto: NABU/E.Neuling

Atomkraft? – wollen wir (zurecht) nicht. Erdöl, Erdgas, Kohle? Wie lange reichen die Ressourcen noch? Und was machen wir mit dem ganzen CO2 bei der Verbrennung der fossilen Energieträger? Ohne Atom- und Kohlestrom bleiben nicht mehr viele Möglichkeiten, elektrischen Strom, ohne den unsere Welt nicht mehr funktionieren kann, zu erzeugen.

Und wie kalt wäre es in unseren Gebäuden – ohne Erdöl und Erdgas? Wir brauchen also die Energiewende. Regenerative Energien, basierend auf Sonne, Wind, Wasser, Erdwärme und Biomasse sind die einzige Antwort, langfristig und nachhaltig unsere Energieversorgung naturverträglich sicherzustellen. Aber der alleinige Umstieg auf regenerative Energien reicht bei unserem Energiehunger auch nicht aus – Energieeffizienz und Energiesuffizienz müssen ebenso integraler Bestandteil der Energiewende sein.

Wir wollen nun also unsere gesamte Energieerzeugung massiv umbauen, ständige Versorgungssicherheit gewährleisten, Speichermöglichkeiten schaffen und unser Nutzerverhalten nachhaltig verändern. Als hochentwickelte Industrienation. Nicht mehr und nicht weniger bedeutet die Energiewende. Das hat vor uns noch keine Industriegesellschaft gewagt – aber viele schauen auf uns und wollen von unseren Erfahrungen, aber auch von unseren Fehlern lernen.

Der Kernpunkt ist aber, dass wir das im laufenden Betrieb hinbekommen müssen. Wir können nicht sagen: Strom und Heizungen aus, fünf Jahre Umbau, dann Strom und Heizung wieder an. Dass bei einem solch komplexen Vorhaben eine gute Planung, viel Geduld und Toleranz und eine sinnvolle Fehlerkultur zwingend notwendig sind, zeigt sich, wenn man ein solches Projekt mal aus einer anderen Perspektive betrachtet.

Energiewende und Küchenumbau: Scheitern ist keine Option!

Letztes Frühjahr haben meine Frau und ich beschlossen, dass sich unsere Küche jetzt auch unserem Leben anpassen muss. Also hieß es, aus einer WG-Küche eine Küche für eine Familie mit zwei Kindern zu machen. Im laufenden Betrieb. In Eigenregie und -durchführung. Nach Feierabend und am Wochenende. Also Abbau der alten Möbel und Geräte, Aufbau der neuen Möbel und Geräte. Bei der Gelegenheit auch gleich mal malern. Und weil die Kinder und die Eltern trotzdem was Essen müssen, dürfen Herd und Kühlschrank höchstens ein bis zwei Tage nicht funktionieren.

Solarenergie, die zukünftige Basis unserer naturverträglichen Energieversorgung. Foto: NABU/E.Neuling

Solarenergie, die zukünftige Basis unserer naturverträglichen Energieversorgung. Foto: NABU/C. Kasulke

Der Beginn lief recht gut. Neue Möbel, einen neuen Herd nebst Backofen und eine neue Spüle aussuchen und bestellen. Das macht Spaß. Damit aber die Küche weiterhin nutzbar ist, mussten die neuen Möbel schon aufgebaut und in den anderen Zimmern zwischengelagert werden, während die alten Möbel abgebaut, verkauft, verschenkt oder entsorgt wurden.

Auf jeder verfügbaren Fläche der Wohnung standen nun Töpfe, Gläser, Teller. Halt alles, was sonst in den Küchenschränken verstaut ist. Nun hieß es, alten Herd und Kühlschrank raus und Malern. Das Chaos war perfekt. Wir glaubten nicht, dass wir jemals wieder eine funktionierende Küche in unserer Wohnung haben werden. Nichts war zu finden. Alles schmutzig. Und wie kriegen wir jetzt den neuen Spülenschrank durch die Tür?

Als wir dann beim Einbau der neuen Möbel merkten, dass die beiden Wände, zwischen die die neue Arbeitsplatte passe sollte, nicht parallel sind und die Platte somit nicht passte, war der Frust riesengroß. Aber scheitern war keine Option! Also musste alles neu vermessen, hier gesägt und dort geschliffen werden. Es traten so viele kleinere und größere Probleme zu Tage, an die vorher nicht zu denken war. Der Aufwand und die Kosten stiegen. Der Frust auch. Aber irgendwann war es doch geschafft. Als dann alles auf- und eingeräumt, angeschlossen und verstaut war, haben wir uns richtig über unsere neue Küche – und unsere Arbeit gefreut.

Sicher, hätten wir einen Küchenbauer beauftragt, wäre uns viel Ärger erspart geblieben. Den konnten und wollten wir uns aber nicht leisten.

Leider gibt es keinen „Energiewendebauer“, den wir mal einfach so beauftragen können, die Transformation unseres Energiesystems mal eben durchzuführen. Da müssen wir nun durch. Die Energiewende ist gut gestartet. Der Ausbau von Wind- und Sonnenenergie lief viel besser und schneller als gedacht, auch wegen der nötigen Anreize. Dass wir 2015 über 30 Prozent Ökostrom im Strommix haben, hatten zu Beginn der Energiewende die optimistischsten Enthusiasten nicht einmal zu träumen gewagt.

Der Beginn der Energiewende ist also ein Erfolg. Nur jetzt sind wir in der chaotischen Phase. Es muss aber dennoch weiter gehen. Wie sollen wir die volatilen Energien speichern? Wie und wo müssen die Netze am besten ausgebaut werden? Wie erhöhen wir den Anteil erneuerbarer Energien weiter, um unser Ziel, 2050 CO2-frei Energie zu produzieren, zu erreichen? Wie kann und soll Energie bezahlbar bleiben? Und wie machen wir die Energiewende auch naturverträglich?

Das sind alles keine leichten Fragen. Über die Antworten werde ich heute Abend in meiner neuen Küche nachdenken. Denn: Scheitern ist keine Option und aus dem derzeitigen Chaos ergibt sich die Chance für eine Neustrukturierung! Wir sollten den jetzigen Status der Energiewende nicht als Scheitern ansehen.

Natürlich brauchen wir vorerst noch Backup-Systeme auf Basis fossiler Energieträger. Erst, wenn die Transformation hin zu 100 Prozent erneuerbaren Energien mit 100-prozentiger Versorgungssicherheit abgeschlossen ist, können wir alle alten Systeme endgültig abschalten und CO2-frei Energie erzeugen. Wenn wir uns dabei die Dynamik des Klimawandels anschauen, sollte das möglichst schnell geschehen. Es ist machbar, wir dürfen nur nicht aufhören zu wollen und sollten unsere Energie weniger ins Meckern und mehr ins Machen stecken.

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Danny Püschel

Danny Püschel

Referent Energiepolitik und Klimaschutz

2 Kommentare

Herbert Wendland

27.08.2016, 07:38

Hallo Danny, Ich darf Sie doch so nennen? Bitte senden Sie mich Ihre Mail-Adresse. Ich kann Ihren Artikel so nicht stehen lassen und möchte Ihnen persönlich meine Meinung dazu mit- Teilen.

Danny Püschel

Danny Püschel

29.08.2016, 10:24

Hallo Herbert, sicherlich können Sie mich Danny nennen, das ist ja auch mein Name ;) Sie erreichen mich unter danny.pueschel@nabu.de, können Ihre meinung aber auch gerne hier im Dialog kundtun. Beste Grüße, Danny Püschel

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