Umdenken für unsere Meere

Umdenken für unsere Meere

Reflexionen zum Bericht des Weltklimarates (IPCC) 2022

Viele der Krisen, die wir heute zu bewältigen haben, sind das Resultat eines jahrzehntelangen Raubbaus an der Natur. Der schlechte Zustand unserer Ökosysteme, der enorme Rückgang der Artenvielfalt und die Klimakrise sind eng miteinander verzahnt. Lösungsansätze für eins dieser Probleme können ohne die Einbeziehung der anderen nicht funktionieren – dies zeigt sich beispielhaft an unseren Meeren. Doch leider scheint diese wissenschaftliche Erkenntnis noch nicht bei allen angekommen zu sein.

Hervorgehoben werden die engen Wechselbeziehungen zwischen Klima, dem Zustand der Ökosysteme und der Artenvielfalt sowie ihre Auswirkungen auf unsere Gesellschaft auch im neuen Bericht des Weltklimarates. Der Bericht zeigt zudem klar, dass die mit der Klimakrise einhergehenden dramatischen Veränderungen zurzeit besonders die schwächsten Teile der Weltbevölkerung treffen. Die Ernährungssicherheit und der Zugang zu sauberem Trinkwasser nehmen vor allem auf dem afrikanischen Kontinent und kleineren Inselstaaten immer weiter ab, während die Gefahr von Krankheiten und Naturkatastrophen dort zunimmt. Ausmaß und Umfang der Auswirkungen des Klimawandels auf Mensch und Natur sind dabei sogar noch stärker als in früheren IPCC-Berichten vorhergesagt.

Schnelles Handeln, kein Aktionismus

Wir, die westlichen Industrienationen, als langjährige Antreiber der Klimakrise, sind folglich in der (moralischen) Verantwortung nicht nur die Zukunft unserer Kinder (siehe hierzu auch das Urteil des BVG vom 29.04.2021) zu schützen, sondern auch den durch unser Handeln bereits jetzt von Vertreibung und Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen betroffenen Menschen zu helfen. Wir müssen alles Nötige tun, um den Ausstoß von klimaschädlichen Gasen drastisch zu reduzieren und die Aufnahmekapazitäten des Planeten für Kohlenstoffdioxid (CO2) zu erhalten bzw. wieder zu verbessern.

Ziel muss es sein, unseren Rohstoff- und Energieverbrauch deutlich zu verringern und deren Nutzung zu optimieren. Wir müssen diese Transformation jetzt angehen, denn – auch dies macht der IPCC-Bericht klar – mit jedem zehntel Grad Celsius mehr werden die Risiken überproportional zunehmen! Dennoch dürfen wir nicht in puren Aktionismus verfallen, sondern müssen eine wirkliche und langfristige Änderung unseres Handelns herbeiführen.

Laut IPCC-Bericht reduzieren auf kurzfristigen Erfolg ausgerichtete Aktionen sogar die Chancen für langfristigen und wirklichen Wandel. Leider gehen viele der jetzt geplanten Anpassungen aber genau in diese Richtung. Um den Ausstoß von CO2 endlich ausreichend zu verringern, bauen wir auf kurzfristige (technische) Anpassungen, die unsere Ökosysteme und die Artenvielfalt negativ beeinflussen. Prominente Beispiele: Der massive Ausbau der Erneuerbaren Energien auf See oder bestimmte Formen des Küstenschutzes.

Klimaschutz nicht auf Kosten unserer Meere

Offshore Windkraft- Foto: Kim Dettloff

Eine Reduktion oder sogar ein kompletter Verzicht auf fossile Energieträger ist ohne Zweifel der richtige Schritt zur Klimaneutralität. Auch eine Verstärkung von Deichen und Wellenbrechern (sogenannter „harter“ Küstenschutz) sind mancherorts probate und wichtige Mittel. Aber: Ihre Auswirkungen auf die Umwelt müssen sorgfältig geprüft und bei der Planung miteinbezogen werden. Wir müssen uns mit aller Kraft dafür einsetzen, dass ökologisch sensible Meeresgebiete wirksam geschützt und Natur- und Klimaschutz nicht gegeneinander ausgespielt werden! Unsere Meere, ihre Bewohner und Lebensräume sind wichtige Verbündete im Kampf gegen den Klimawandel – sie dürfen nicht noch weiter belastet werden.

Vielmehr müssen Klimaschutzmaßnahmen die Widerstandsfähigkeit der Meere erhöhen. Nur dann bleiben sie auch unter geänderten Bedingungen in der Lage, ihren (Klima-)Funktionen nachzukommen. Dasselbe gilt für das Management, also die Planung, ‚Bewirtschaftung‘ und Kontrolle, solcher Gebiete. Es muss Raum für Anpassungen ermöglichen (Stichwort: adaptives Management), ansonsten laufen wir Gefahr sogenannte lock-in Effekte zu fördern, also unseren Handlungsspielraum in der Zukunft noch weiter zu reduzieren. Die Gefahr solcher Fehlanpassungen (maladaptations), wie sie im IPCC- Bericht genannt werden, finden in den meisten Diskussionen leider zu wenig Gehör.

Windenergie auf See vs. ökologische Belastungsgrenzen

Wollen wir als Gesellschaft einen massiven Ausbau der Windenergie auf See, wie im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung und im aktuellen Wind-See-Gesetz verankert (von derzeit ca. 8 Gigawatt auf 70 Gigawatt im Jahr 2045), dann müssen wir andere Belastungen reduzieren. Wir dürfen die ökologischen Belastungsgrenzen unsere Meere nicht (weiter) überschreiten! Wir müssen der Natur wieder mehr Raum geben, sich an die veränderten Bedingungen anzupassen. Natürlich werden wir noch einige Zeit in der Lage sein unsere Deiche zu erhöhen und riesige Speerwerke zu errichten, aber was passiert dann? Wäre es nicht viel sinnvoller und einem potenziell vorausschauenden Wesen, wie uns Menschen, auch angemessener, wenn wir versuchen die Zukunft ‚offen‘ zu gestalten?

Seegraswiese – Foto: Kim Detloff

Dafür wäre mancherorts eine Öffnung von Deichanlagen, die Wiederherstellung von Flachwasserbereichen sowie von Seegraswiesen und/oder Salzwiesen ein geeignetes Mittel. Dem Ausbau der Windenergie auf See muss eine gründliche und transparente Prüfung der Umweltverträglichkeit der Standorte vorangehen, Auswirkungen auf die Meeresumwelt und die Tier- und Pflanzenwelt – über und unter Wasser – miteinbezogen werden. Auch begleitende Artenschutzprogramme spielen eine wichtige Rolle.

Nicht ohne Grund zielen neue internationale Verpflichtungen darauf ab, bis zu 30 Prozent der Meeresfläche effektiv zu schützen. Laut IPCC-Bericht müssen sogar 30 bis 50 Prozent der Landes- und Meeresflächen effektiv geschützt werden, um die Widerstandsfähigkeit der Arten und Ökosysteme zu bewahren. Der Erhalt und die Wiederherstellung von weitestgehend ungestörten Bereichen müssen wieder deutlich mehr in den Fokus unseres Handelns rücken. Das bedeutet folglich auch, dass Windparks in Meeresschutzgebieten nichts zu suchen haben. Denn, wie heißt es so schön: „von Natur aus“ sind die Meere bisher in der Lage etwa ein Drittel der menschengemachten CO2-Emissionen aufzunehmen. Die in ihnen ablaufenden Prozesse tragen in einem erheblichen Maße dazu bei, dass weniger CO2 in der Atmosphäre verbleibt und diese sich nicht noch schneller erwärmt.

Klimawandel bedroht Mensch und Natur

Doch die Meere, ihre Bewohner und Lebensräume geraten immer weiter unter Druck. Laut IPCC-Bericht sind Massensterben, der Verlust von Korallen und Kelpwäldern sowie die Abwanderung von vielen Arten in kältere, nördliche Bereiche klar auf den Klimawandel zurückzuführen. Das beeinträchtigt einerseits die Fähigkeit der Meere das Klima zu stabilisieren und andererseits auch unsere eigenen Lebensgrundlagen.

Der IPCC-Bericht verdeutlicht: Unsere heutigen und künftigen Entscheidungen hinsichtlich unserer Produktions- und Konsumgewohnheiten spielen eine entscheidende Rolle für die Anfälligkeit der Meere und anderer Ökosysteme gegenüber dem Klimawandel. Das hat direkte Konsequenzen auch für unser eigenes (Über-)Leben. Die Meere brauchen unsere Hilfe. Noch mehr aber brauchen wir gesunde, artenreiche und naturnahe Meere, um die Krisen unserer Zeit bewältigen zu können. Es muss endlich ein Umdenken stattfinden!

Titelbild: Frank Derer.

Dr. Thorsten Werner

Dr. Thorsten Werner

Wissenschaftlicher Mitarbeiter Team Meeresschutz
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