EU will Atomkraft fördern und alle so: WAS?!?

Wir schreiben das Jahr 30 nach Tschernobyl und 5 nach Fukushima und wir lesen fast wöchentlich von Nachrichten über Beinahe-Katastrophen und vorgetäuschte Wartungsarbeiten in Atomkraftwerken. In Deutschland ist der Atomausstieg besiegelt und niemand will das hierzulande noch ändern. Bis im Jahr 2022 die letzten deutschen Meiler vom Netz gehen, muss natürlich für deren Sicherheit gesorgt sein. Aber nicht nur hierzulande braucht es Klarheit über das Ende der Atomkraft. Denn was hilft der nationale Alleingang beim Ausstieg, wenn die grenznahen Reaktoren wie zum Beispiel Tihange, Doel oder Fessenheim jenseits von allen vernünftigen Sicherheitsstandards weiter betrieben werden?

Atomkraftwerk Tschernobyl - Foto: Denis Avetisyan/Fotolia

Atomkraftwerk Tschernobyl – Foto: Denis Avetisyan/Fotolia

Sicherheit würde nur die Überarbeitung des noch von Uralt-Kanzler Adenauer unterzeichneten EURATOM-Vertrags bieten, der regelt, dass jeder Staat in Europa autonom über die Nutzung von Atomkraft entscheiden kann. Stattdessen nimmt die EU-Kommission ausgerechnet diesen Vertrag von 1957 als Grundlage für den Ausbau der Förderung der Atomkraft: Die technologische Vorherrschaft in diesem Sektor müsse verteidigt werden, dazu sollen Investitionen erleichtert und die Forschung an der Atomkraft gefördert werden.

Schon verrückt: Wir erleben, dass die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien längst das preisliche Niveau von fossilen Energieträgern erreicht hat. Außerdem versuchen die ehemals mächtigen Energiekonzerne – der Pleite nahe – sich aus der wahrscheinlich teuer werdenden Verantwortung für die Nachsorge der Atomkraft heraus zu kaufen. Die EU-Kommission scheint vor alledem die Augen zu verschließen. Statt einer Überarbeitung des EURATOM-Vertrags und einer EU-weiten Förderung naturverträglicher erneuerbarer Energien macht sie das Gegenteil.

Wir fragen uns einhellig: Was? / *kopfschüttel* / *kopfklatsch* / *facepalm*

Sebastian Scholz
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NABU-Teamleiter für Energie & Klima
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3 Kommentare

Paul

23.05.2016, 13:11

Energiestabilität könnte zum Beispiel eins der mehren Argumente sein. Einige male pro Jahr gibt es zwar Meldungen, dass ganz Deutschland kurzzeitig mit erneuerbaren Energien betrieben wurde, das hilft uns aber nicht viel. Es ist zwar beeindruckend zeigt aber gleichzeitig auch die derzeitigen Grenzen dieser Technologie auf. Unser Energienetz kann leider nur begrenzt Schwankungen tolerieren ohne das es zu Ausfällen kommt. Eine der folgen ist zum Beispiel, dass Deutschlands CO2-Abdruck trotz des starken Ausbaus der erneuerbaren Energien nicht gesunken ist da mit Kohle oder Gas kompensiert werden musste. Mir persönlich wäre es lieber wenn wir schnellstmöglich CO2-neutral werden, erneuerbar sollte da zweitrangig sein. Förderung von Forschung oder dem Aufbau von neuen Flüssigsalzreaktoren könnte da durchaus aushelfen. Diese hätten eine ganze Reihe von Vorteilen: sind um einiges sicherer und machen eine Kernschmelze unmöglich und funktionieren unter normalem Umgebungsdruck (also auch keine Unfälle wie in Tschernobyl); können kein waffentaugliches Material herstellen, gleichzeitig können Sie die nukleare Abrüstung beschleunigen da sie waffentaugliches Material als Brennstoff verbrauchen können; Lösung der Entlagerfrage da sie derzeitigen Atommüll noch als Treibstoff verwenden können und deren eigene Abfälle nur noch für 300 Jahre strahlen. Es gäbe also durchaus Argumente für diese Förderung.

Sebastian Scholz

Sebastian Scholz

23.05.2016, 13:50

Man hört noch immer oft das Argument, dass wir für die Stabilität des Netzes fossile Energieträger oder Atomkraft brauchen. Fossile Energieträger haben wir im Moment noch im Überfluss - nicht ohne Grund exportieren wir ständig Strom über die Landesgrenzen. Für das künftige Energiesystem brauchen wir nicht neue zentrale Kapazitäten, die sich mit hohen Laufzeiten refinanzieren müssen und so die Netze verstopfen, sondern wir brauchen flexible und dezentrale Lösungen. Speicher und zuschaltbare Lasten müssen genauso wie erneuerbare Energien die Netzstabilität gewährleisten. Das in den letzten Jahren der CO2-Fußabdruck gestiegen ist, hat natürlich auch nichts mit den erneuerbaren Energien zu tun, sondern vor allem mit den Preisen für fossile Energieträger und den dadurch bedingten Shift in der Meritorder der Kraftwerke, so dass Kohlekraftwerke gegenüber Gaskraftwerken bevorzugt wurden. Das ist natürlich klimapolitischer Unsinn. Durch gute Politikinstrumente hätte man dafür aber eine Lösung etablieren können; die Klimaabgabe für Braunkohlekraftwerke ließ sich aber ganz offensichtlich nicht gegen die starke Lobby durchsetzen. Atomkraft sollte bei allen Bemühungen für den Klimaschutz kategorisch ausgeschlossen bleiben, zu groß sind die Risiken für Mensch, Natur und Umwelt und spätestens seit Fukushima sollte auch klar sein, dass auch ein hochtechnisiertes Land nicht gefeiht ist gegen den GAU. Ganz abgesehen davon scheint auch niemand mehr ernsthaft Atomkraft zu wollen. Selbst in Hinkley Point müssen die Investoren trotz hoher Förderung zum "jagen getragen werden". Insofern wäre eine konsequente Förderung von dezentralen und naturverträglichen erneuerbaren Energien und Speicherlösungen durch die EU der richtige Weg.

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