Die Klimakrise kommt bei uns an

Die Klimakrise kommt bei uns an

Die Faktenlage ist eindeutig. Seit Jahren. Wir müssen endlich handeln.

Wir erleben gerade ein Extremwetterereignis, nämlich einen extrem warmen und trockenen Sommer. Die Landwirte in unseren Breiten haben vielerorts Noternten durchgeführt, da in Folge der Trockenheit ohnehin kein Korn ausgebildet wird. Die Flüsse und Gewässer werden immer wärmer. Und je wärmer das Wasser, desto weniger Sauerstoff ist darin gelöst. In Hamburg wurden in diesen Wochen tonnenweise tote Fische, die wegen Sauerstoffmangel verendeten, aus den Gewässern abgefischt. Auch die Infrastrukturen geraten an ihre Grenzen, beispielsweise thermische Kraftwerke: für ihren Betrieb benötigen sie Kühlung, aber Kühlwasser aus Flüssen ist knapp und bereits warm. Mit der Folge, dass Kraftwerke entweder gedrosselt werden müssen oder mit einer Ausnahmegenehmigung die Flüsse weiter über die eigentlich zulässigen Grenzwerte erhitzen und damit auch das Fischsterben weiter verstärken. Im Norden Deutschlands beklagen Wasserversorger Wasserknappheit und befürchten, die Wasserversorgung rationieren zu müssen. In Hannover musste der Flugbetrieb wegen eines Hitzeschadens auf einer Start- und Landebahn für Tage eingestellt werden. Zur Kühlung der Betonplatten werden sie nun täglich gewässert.

Was das Wetter mit der Klimakrise zu tun hat

Was wir erleben, ist das Wetter. Klima beschreibt den statistischen Durchschnitt des Wetters über einen Zeitraum von 30 Jahren. Und im statistischen Mittel ist eine Erwärmung der globalen Durchschnittstemperatur längst messbar. Nach Daten der NASA haben wir bereits eine Erwärmung der globalen Mitteltemperatur von 1,1 bis 1,2 Grad Celsius gegenüber vorindustrieller Zeit erreicht. Die Auswirkungen der Veränderungen des Klimas in Deutschland sind eindrücklich in den „Wärmestreifen“ von Ed Hawkins ersichtlich (siehe Bild). Jeder Streifen steht für ein Jahr und die Farbe steht für die Temperaturabweichung vom Durchschnitt. Die Farbskala geht dabei von dunkelblau, ein sehr kühles Jahr, bis zu dunkelrot, ein sehr heißes Jahr. Die Grafik basiert auf den Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) für die Mitteltemperaturen in Deutschland zwischen 1881 und 2017. Auf dem ersten Blick ist klar: Die Klimakrise findet auch bei uns statt.

Dieser Sommer ist ein Symptom des sich verändernden Klimas. Auch wenn die Komplexität des Klimasystems noch immer keine punktgenaue Vorhersage zulässt, wie genau sich der Klimawandel hierzulande auswirken wird, ist eins sicher: die Wahrscheinlichkeit und die Heftigkeit von Extremwetterereignissen wird zunehmen. Sommer wie dieser werden in Zukunft also wahrscheinlicher ebenso wie die Hochwasser, Starkregenereignisse und ähnliches.

Klimschutzziele hier und weltweit

Das Wissen über die Klimakrise ist vorhanden, und zwar schon seit Jahren. Deutschland hat schon im Jahr 2010 unter einer schwarz-gelben Regierung ein Energiekonzept verabschiedet, das klare Klimaschutzziele für 2020 bis 2050 benennt. Klimaschutzpolitik ist also keineswegs eine politisch grüne Angelegenheit, sondern auch im konservativen und liberalen Lagern ein anerkannt wichtiges Politikfeld. Klimaschutzziele sind auch international verbindlich geworden. Es war eine Sensation, als sich 2015 auf Schloss Elmau die G7-Staaten im Abschlussdokument auf die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft verständigt haben. Ebenso sensationell war im gleichen Jahr die Einigung der Staatengemeinschaft auf völkerrechtlich verbindliche Klimaschutzziele im Pariser Klimaschutzabkommen: Die mittlere globale Erderwärmung soll auf deutlich unter zwei Grad Celsius, besser noch auf 1,5 Grad Celsius begrenzt werden.

Klimaschutzmaßnahmen: Treibhausgasemissionen mindern – überall!

Ursache der Erderhitzung ist der sich ändernde Strahlungshaushalt durch den Treibhauseffekt. Eine Anreicherung von Treibhausgasen in der Erdatmosphäre führt dazu, dass mehr Wärmestrahlung in der Atmosphäre absorbiert wird und sich so das Gleichgewicht aus Sonneneinstrahlung und Wärmeabstrahlung verschiebt. Ganz wie in einem Treibhaus erwärmt sich so die Atmosphäre. Zur Erreichung der in Paris vereinbarten Klimaziele bleibt nun ein begrenztes Budget an Treibhausgasen, die noch die Atmosphäre emittiert werden dürfen. Treibhausgase entstehen vor allem bei der Verbrennung von fossilen Energieträgern, also Kohle, Öl und Gas, aber auch bei Industrieprozessen und in der Landwirtschaft. Wenn wir die Erderhitzung begrenzen wollen, brauchen wir nichts weniger als eine grundlegende Transformation unserer Wirtschaft, die völlig ohne Abhängigkeiten zu fossilen Energieträgern und Kohlenwasserstoffverbindungen auskommt. Dabei muss nicht nur der Elektrizitätssektor völlig auf naturverträgliche erneuerbare Energien basieren, sondern auch der Wärme-, Industrie- und Verkehrssektor. Das wird nicht leicht und gelingen wird das auch nur, wenn wir alle Anstrengungen unternehmen, Energie zu sparen und effizient zu nutzen, denn eine reine Substitution der fossilen durch erneuerbare Energien wird naturverträglich kaum zu stemmen sein. Auch in der Landwirtschaft müssen wir umsteuern, denn Massentierhaltung und Düngung im industriellen Maßstab sind ebenfalls Treiber der Klimakrise.

Wir wissen um die Erderhitzung, haben Ziele zur Begrenzung selbiger formuliert und erleben immer häufiger die Folgen.

Wir wissen um die Erderhitzung und Klimakrise. Wir sind in der Lage im Konsens Ziele zu formulieren, um die Erderhitzung zu stoppen. Wir kennen sogar größtenteils die notwendigen Maßnahmen. Und im Moment erleben wir auch noch hautnah und nicht irgendwo am anderen Ende der Welt die Folgen der Erderhitzung. Und trotzdem tun wir uns seit Jahren schwer, diese Gemeinschaftsaufgabe hinreichend anzugehen. Wenn wir nicht sofort umsteuern, werden wir die selbstgesteckten Klimaschutzziele für Deutschland bis 2020 – nämlich die Minderung der Treibhausgasemissionen um 40 Prozent gegenüber 1990 – verfehlen.

Im Koalitionsvertrag der aktuellen Regierung heißt es, die Kommission für „Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“ – oder kurz Kohlekommission – solle Maßnahmen erarbeiten, um die Lücke zur Erreichung des 40-Prozent-Reduktionsziels soweit wie möglich zu reduzieren. Man muss sich diesen Satz mal auf der Zunge zergehen lassen: soweit wie möglich solle die Lücke zum Reduktionsziel reduziert werden. Implizit ist damit gesagt, es sei nicht möglich, die Lücke vollständig zu schließen. Das ist natürlich Quatsch, es bräuchte nur ein beherztes Handeln der Politik. Dass die Ziele bis 2020 noch zu erreichen sind, haben wir mit vielen Kollegen gemeinsam im „Klimaschutz-Sofortprogramm 2018-2020“ formuliert. Die wesentliche Maßnahme ist der sofortige Einstieg in den Ausstieg aus der Kohleverbrennung und damit das kurzfristiges Abschalten vieler Kohlekraftwerke. Anders ist eine kurzfristige Reduktion der Treibhausgasemissionen schlichtweg nicht mehr möglich. Außerdem müssen die Weichen jetzt richtig gestellt werden in allen anderen Sektoren – denn mittelfristig müssen auch alle anderen Sektoren deutlich weniger Emissionen verursachen.

Ursachen bekämpfen und Symptome abmildern

Die Symptome der Klimakrise, wie die Hitze und Dürre dieses Sommers, treffen die Leidtragenden hart. Natürlich müssen wir als Gesellschaft darüber diskutieren, wie wir Landwirte für die Missernte dieses Jahres entschädigen. Wir dürfen nur auf keinen Fall den Fehler machen, ausschließlich am Symptom herumzudoktern. Wir müssen unbedingt auf die Ursache – die Erderhitzung und die Klimakrise – eingehen. Notwendig ist, dass Hilfszahlungen an Landwirte an Bedingungen geknüpft werden, die einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen bringen und nicht nur ein überkommenes System am Laufen hält. Landwirte müssten sich beispielswese verpflichten, vielfältigere Fruchtarten anzubauen, mehr Naturschutzflächen in der Agrarlandschaft zu schaffen, die Tierbestände deutlich zu reduzieren, den Anteil von 20 Prozent Bio-Anbau schnell zu erreichen und klimaschädliche Emissionen aus der Landwirtschaft, wie Lachgas, zu verringern.

Ausnahmegenehmigungen für Kraftwerke, das Kühlwasser weiter zu überhitzen, werden obsolet, wenn wir unser Energiesystem konsequent umbauen und uns auf naturverträgliche erneuerbare Energien sowie Netz- und Speicherausbau fokussieren. Die Kohlekommission muss auch aus Gründen des Naturschutzes schnell den Ausstieg aus der Kohle vereinbaren. Das wäre im Übrigen auch ein wichtiges Signal für den internationalen Klimaschutz. In diesem Herbst wird im Zentrum der polnischen Kohlewirtschaft, in Kattowitz, über die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens verhandelt. Die internationale Staatengemeinschaft wird dann gespannt nach Deutschland schauen und hofft jetzt schon auf eine Blaupause zum Kohleausstieg, die weltweit übernommen werden kann.

Titelfoto: Wärmestreifen – mittlere Temperaturen in Deutschland zwischen 1881 und 2017. Quelle: Ed Hawkins/klimafakten.de

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NABU-Teamleiter für Energie & Klima
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