Klimawandel und Artenschwund – eine gefährliche Entwicklung

Klimawandel und Artenschwund – eine gefährliche Entwicklung

Schwindendes Meereis, Korallensterben und Dürren sind Bilder die wir mit dem Klimawandel verbinden. Die globalen Symptome des längst laufenden Erwärmungsprozesses unserer Erde beherrschen die Aufmerksamkeit, wenn das Thema es endlich mal wieder in die Medien schafft. Immer öfter kommen die Meldungen von Extremwetterereignissen inzwischen auch aus Europa, wie kürzlich angesichts der Überflutungen südlich der Alpen und der extremen Hitze und Wasserknappheit nur wenige hundert Kilometer entfernt in Mittel- und Süditalien.

Akute Ereignisse wie diese sind die eine Seite der Medaille, die andere sind die kontinuierlichen, leisen und unsichtbaren Veränderungen in den verschiedenen Ökosystemen. Längst lassen sie sich auch bei uns feststellen. Von dem bereits 2007 im Weltklimabericht prognostizierten Verlust von 30 Prozent der Tier- und Pflanzenarten durch den Klimawandel, werden auch in Deutschland einige von ihnen betroffen sein. Das liegt daran, dass räumliche und zeitliche Beziehungen im Naturhaushalt immer stärker aus dem Gleichgewicht geraten und asynchron verlaufen. Andererseits sind einige Arten so stark spezialisiert, dass ihre Anpassungs- oder Ausbreitungsmöglichkeiten sehr eingeschränkt sind. Folgende Beispiele sollen die Gefahren für die biologische Vielfalt verdeutlichen.

Der Gipfel ist das Ende des Bergs

Jeder, der im Gebirge wandern geht, kennt das: Selbst im Sommer, wenn einen die hohen Temperaturen schattigere Bereiche aufsuchen lassen, weht ein paar hundert Meter weiter oben oft ein Wind und die Temperaturen sind deutlich erträglicher. Hochgebirge sind wie vertikale Breitengrade. Was global gesehen die Pole sind, spiegeln schneebedeckte Berggipfel in verschiedensten Gebirgen der Welt im kleinen Maßstab wider. Der Klimawandel schlägt hier bereits besonders zu. In den Alpen ist die Durchschnittstemperatur seit 1850 um 1,8 Grad Celsius angestiegen. Das ist mehr als doppelt so viel wie 2008 als der weltweite Mittelwert bereits bei 0,8 Grad Celsius lag.

Die erhöhten Temperaturen haben zur Folge, dass dort Schnee schneller abtaut und die Gletscher schmelzen oder im milden Winter weniger Schnee fällt. Auch die Baumgrenze verschiebt sich weiter nach oben und offene Geröllhalden verschwinden. Man spricht hier von einer ökologischen Falle, denn am Gipfel angelangt, geht es im wahrsten Sinne nicht weiter nach oben. An offene und karge Hochgebirgslebensräume angepasste Tiere und Pflanzen können nicht ausweichen.

NABU-CO2-Rechner
Die graue Energie geht meist mit grauen CO2-Emissionen einher. Und Klimaschutz geht uns alle an. Aber wissen wir, wo wir stehen und welche Maßnahmen zukünftig unseren CO2-Fußabdruck entscheidend verbessern können? Das lässt sich rausfinden mit dem NABU-CO2-Rechner. In dieser persönlichen CO2-Bilanz werden verschiedene Bereiche des Lebens von der Heizung über die Ernährung Konsum bis zu den Fortbewegungsmitteln betrachtet. Auch das Thema Konsum spielt in dem Rechner eine Rolle und damit indirekt auch die graue Energie, die man durch sein persönliches Verhalten beeinflusst. Berechnet wird nicht nur der individuelle CO2-Ausstoß, sondern auch das CO2, das durch einen klimafreundlichen Lebensstil nicht mehr in die Atmosphäre entweicht. Zum Vergleich wird auch der deutsche Durchschnitt angezeigt.

Zu den Verlierern gehören Alpen-Mosaikjungfer, Roter Steinbrech oder Alpenschneehuhn (siehe Foto oben). Bei diesem kommt zur Verkleinerung des Lebensraums eine besondere Anpassung erschwerend hinzu. Da es im Winter ein rein weißes Gefieder anlegt, ist es im Schnee fast unsichtbar. Mit der immer früher einsetzenden Schneeschmelze kehrt sich der Tarneffekt jedoch ins Gegenteil um. Auf dem schneefreien, dunklen Boden ist es nun besonders gut für Feinde wie den Steinadler zu sehen und wird so häufiger zur Beute.

Veränderungen im Meer

Die Trottellummen an der Langen Anna gehören zu Helgoland wie die Tagestouristen. Sie brüten in Kolonien an den steil aufragenden Felswänden und ernähren sich von Fisch. Dem Meeresvogel geht in der Nordsee jedoch allmählich die Nahrung aus. Heringe und Sandaale machen sich seit Jahren rar. Nicht nur die Übernutzung der Fischbestände durch den Menschen, sondern auch steigende Temperaturen im Nordatlantik und in der Nordsee setzen der Trottellumme nun zu. Denn im wärmeren Meerwasser hat sich die Artenzusammensetzung der Kleinstlebewesen verändert.

Ganze Kolonien von Trottellummen und anderen Meeresvögeln hängen von ausreichend vielen Sandaalen und Heringen ab. Folgen diese dem Plankton in kältere Gewässer, gehen die Vögel leer aus. – Foto: Christoph Moning

Der Fortpflanzungszyklus von pflanzlichen Planktonbestandteilen wie Algen hat sich verändert, weshalb kleine Ruderkrebsarten, die Nahrung der Fische, nach Norden in kühlere Gewässer abgewandert sind. Viele Fischarten, darunter der Sandaal, finden vor Helgoland also nicht mehr genügend zu fressen und werden dort seltener. So können die Lummen weniger Jungvögel aufziehen und die Bestände sinken.

Auch Seevögel anderer Bereiche der Nordsee wie Papageitaucher und Dreizehenmöwen sind den gleichen Veränderungen ausgesetzt. Andere Fischarten, wie der Dorsch und auch die Scholle treiben die höheren Wassertemperaturen selbst nach Norden. So nehmen zusätzlich zur Überfischung auch deren Bestände bei uns ab.

Unterschiedliche Geschwindigkeiten

Wir müssen den Blick jedoch gar nicht auf die höchsten Berge und die ferne See richten. Auch in einer Wiese  verändern sich ökologische Verknüpfungen. Ein Beispiel ist ein unscheinbarer Schmetterling, der Natterwurz-Perlmutterfalter. Zwar mag er Trockenheit nicht besonders und gerät durch die steigenden Temperaturen in seinem Hauptverbreitungsgebiet – dem Alpenvorland – unter Stress. In besonderem Maße wird dem Falter jedoch seine Abhängigkeit von einer bestimmten Pflanze zum Verhängnis.

Der Schlangenknötterich oder Natterwurz wächst in Feuchtwiesen und ist die Futterpflanze des Natterkopf-Perlmutterfalters. Anders als der Schmetterling kann er bei steigenden Temperaturen nicht ohne weiteres nach Norden ausweichen. – Foto: Christoph Buchen

Seine Raupen sind auf den Wiesen- oder Schlangenknöterich als Futterpflanze angewiesen. Diese Pflanze kann ihr Verbreitungsgebiet aber nicht so schnell und ausgeprägt ändern wie der Schmetterling. Die nächsten geeigneten Lebensräume liegen viel weiter nordöstlich und in Skandinavien. Der Falter kann diese Regionen vielleicht sogar erreichen, aber die Überschneidung mit dem Verbreitungsgebiet des Wiesenknöterichs – seiner Nahrungsquelle – wird kleiner.

Obwohl das Klima geeignet ist, wird er im Norden also keinen passenden Lebensraum finden. Verschwände der Schmetterling aus seiner angestammten Region, ginge auch ein kleiner Baustein im natürlichen Gesamtgefüge verloren, sei es als angepasster Bestäuber für eine bestimmte Pflanzenart oder als Nahrung für Vögel.

Manche Gewinner bringen Probleme

Immer wieder hört man von eingewanderten Tier- und Pflanzenarten – Neozoen und Neophyten. Manche von ihnen sind vom Menschen hierher gebracht, wie der Waschbär oder die Kanadische Goldrute, manche mögen einfach die steigenden Temperaturen und wandern aus dem Süden ein. Beispiele dafür sind die Feuerlibelle, die Gottesanbeterin oder der Dornfinger. Der Dornfinger ist eine wiesenbewohnende Spinnenart, die anders als die meisten anderen mitteleuropäischen Spinnen mit ihren Bissen sehr starke, großflächige und lang anhaltende Schmerzen hervorrufen kann und deswegen vor ihr gewarnt wird.

Miesmuschelbank

Miesmuschelbänke gehen immer mehr zurück, auch weil sie von der Pazifischen Auster besiedelt werden, die vom Klimawandel profitiert. – Foto: NABU/Kim Detloff

Von hohen Temperaturen profitiert auch die Pazifische Auster. Sie wurde in den 1980er Jahren bewusst in der Nordsee angesiedelt nachdem die heimische Europäische Auster überfischt war, um sie zu ernten. Dies geschah unter der Annahme, dass das Wasser viel zu kalt wäre, als dass sie sich unkontrolliert ausbreiten würde.

Heute besiedelt sie im wärmer gewordenen Wattenmeer die Miesmuschelbänke und verdrängt die anderen Muscheln. Die schwindenden Miesmuscheln stehen Vogelarten wie Eiderente oder Austernfischer nicht mehr ausreichend als Nahrung zur Verfügung und die hartschaligen Neubesiedler stellen keinen adäquaten Ersatz dar. Die Fitness und somit die Fortpflanzungserfolge der Vögel leiden.

Eric Neuling

Eric Neuling

Referent für Vogelschutz
Eric Neuling

Keine Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Bitte bleibe höflich.
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht und Pflichtfelder sind markiert.


%d Bloggern gefällt das: