Fashion For Future – Mode für die Zukunft fit machen

Fashion For Future – Mode für die Zukunft fit machen

Am 22. April beginnt die Fashion Revolution Week. Sie steht ganz im Zeichen der Kleider, die wir an unseren Körpern tragen. Sie markiert auch den sechsten Jahrestag des schweren Einsturzes der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch am 24. April 2013, bei dem 1.134 Menschen ihr Leben verloren.

Es geht in dieser Woche darum, die Modeindustrie transparenter zu machen und sich für bessere Produktionsbedingungen im Textilsektor einzusetzen, Die gleichen Ziele verfolgt auch das Textilbündnis, dem der NABU im letzten Jahr beigetreten ist. Klar ist es ein guter erster Schritt, ökologische und faire Kleidung zu tragen. Doch die ökologischen und sozialen Kosten der konventionellen Produktion sind hoch und können von fairen und Öko-Nischenmärkten nicht ausgeglichen werden. Die gesamte Modeindustrie muss betrachtet werden. Wir müssen sie an ihre ökologischen Pflichten erinnern!

Die lineare Gegenwart: nutzen und wegwerfen

Wir leben in einer linearen Modewelt, in der verschwenderischer Konsum und schlechte Warenqualität den Textilienmüll immer weiter anwachsen lassen. Weltweit werden aktuell 99 Millionen Tonnen Kleidung pro Jahr hergestellt. Die Kleidungsproduktion hat sich in den vergangenen 15 Jahren verdoppelt, die Nachfrage soll Prognosen nach noch weiter steigen. Deutschland ist mit 343.757 Tonnen textilem Abfall pro Jahr nach Italien Vize-Europameister. Einiges von diesem Textilienabfall landet fälschlicherweise in die Restmülltonne und wird verbrannt. Was in Kleidercontainer geworfen wird oder zur Kleiderkammern kommt, ist zur Hälfte als Second-Hand-Ware weiterhin tragbar. Der Rest wird zu Putzlappen oder Dämmstoffen verarbeitet oder ebenfalls verbrannt.

Das Abfallaufkommen ist Abbild eines Trends namens „Fast Fashion“. Dieser beschreibt schlechter werdende Qualität bei sinkenden Preisen und immer schnellere Modezyklen bei immer kürzeren Tragezeiten der Kleidung. Es wird deutlich, dass die globale Modeindustrie nicht an den Kosten für die Entsorgung des textilen Abfalls beteiligt ist, im Sinne einer erweiterten (globalen) Produktverantwortung. Sonst würden sie sich innovative systemische Lösungen zur Reduktion des textilen Abfalls überlegen. Hersteller können durch ein mehr an Verantwortung sowie ein gutes Design stärker zu Abfallvermeidung angeregt werden.

Fast Fashion – ein Verlustgeschäft

Die schnelle und billige Mode wirkt sich nicht nur auf einen immer voller werdenden Kleiderschrank aus, sondern leider auch auf die Arbeitsbedingungen von Menschen in den Produktionsländern und auf die Umwelt. Das bedeutet Löhne unter dem Existenzminimum, Einsatz von giftigen Chemikalien, schmutzige Abwässer, Stäube sowie verheerende Auswirkungen auf die Umweltmedien Luft, Wasser, Boden und den Ressourcenverbrauch. Aus dem fossilen Brennstoff Erdöl wird das heiß begehrte Polyester hergestellt, welches im Moment den globalen Fasermarkt dominiert.

Kleidersammlung

Überquellende Kleiderschränke sind häufig die Folge der Wegwerfgesellschaft. – Foto: NABU/Sandra Kühnapfel

Der Einsatz von Polyester weltweit stieg 2002 von 8 Millionen Tonnen auf 21 Millionen Tonnen im Jahr 2013 an. Was viele nicht wissen: die Kleidungsproduktion, nicht nur von synthetischen Fasern, heizt auf allen Stufen der textilen Kette auch den Klimawandel an – vom Anbau der Pflanzenfasern, über die chemische Gewinnung von synthetischen Fasern, die Faseraufbereitung, Färben, Drucken, Verkauf, Gebrauch und Entsorgung, aber auch das Recycling pustet Emissionen in die Luft.

Effektives Recycling fehlt

Apropos Recycling: Weltweit wird nur ein Prozent der Textilien recycelt. Nur 20 Prozent der Alttextilien werden überhaupt eingesammelt, 80 Prozent werden verbrannt oder landen auf Deponien. Der ökonomische Schaden durch fehlendes Recycling wird von der Ellen-Mac-Arthur Foundation auf 87 Milliarden Euro jährlich geschätzt. Die globale Modeindustrie beschäftigt demgegenüber heute entlang der gesamten Lieferkette mehr als 300 Millionen Angestellte und macht weltweit über 1,13 Billion Euro Gewinn jährlich.

Mindere Qualität von Textilien sind jedoch nur scheinbar ein Gewinn, sondern vielmehr ein Verlustgeschäft – für die Sammler, die hauptsächlich an den weiterverwendbaren Kleidungsstücken verdienen, für die Recycler, die aufgrund der schlechten Textilqualität kein neues T-Shirt aus einem alten zaubern können, für die Arbeiterinnen und Arbeiter in der Textilproduktion und nicht zuletzt für die Umwelt. Auch für die Konsumentin und den Konsument ist es nicht schön, wenn das neue Lieblingsstück nach kurzem Tragen völlig ausgewaschen ist und Löcher hat.

 Zukunftsszenario „Business-as-usual“

Machen wir weiter wie bisher, ergibt sich laut der Ellen-Mac-Arthur Foundation ein Schreckensszenario: Schaffen wir es nicht, die textilen Kreisläufe zu schließen, wird sich nach Schätzungen der Ressourcenverbrauch von Erdöl für die Textilindustrie bis 2050 verdreifachen und die Textilindustrie fast ein Viertel des globalen Kohlendioxidbudgets verbrauchen. Überquellende Altkleidercontainer oder zu volle Schränke werden noch unser geringstes Problem sein. Stattdessen wird die Textilproduktion Artenverlust befeuern und unsere eigene Existenz durch den Klimawandel bedrohen.

Die Kleidung der Zukunft

Eine grüne Zukunft zu zeichnen ist immer ein schwieriges Unterfangen. Doch in dem Fall gar nicht so schwierig, schließlich ist vieles schon einmal dagewesen oder schon in Grundzügen vorhanden. Es gibt bereits viele kleine grüne Modelabels, Organisationen und Privatpersonen, die sich für einen ethischen und ökologischen Umgang mit Kleidungsstücken einsetzen. Viel wird auch geforscht und experimentiert, es gibt Unternehmen, die kompostierbare T-Shirts auf den Markt werfen, andere wiederum bieten Reparatur-Services für Textilien an oder entwickeln hochwertiges Recycling. Alles noch im Frühstadium, es fehlt das Upscaling.

Auch der Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung fördert das Recycling nicht. Er schlägt ausschließlich vor, die Recylingpotenziale von Alttextilien zu evaluieren. Evaluation ist ein kleiner, richtiger Schritt, aber weitere größere Meilensteine müssen folgen. Das Aufstellen gesetzlicher Quoten zur hochwertigen Verwertung von Alttextilien ist kein Hexenwerk: Andere Gesetzgebungen – wie das Elektro- und Elektronikgesetz – zeigen, wie es geht.

Kreislaufführung – jetzt!

Für eine wirklich zukunftsfähige Mode müssen wir jetzt den Sprung zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft von Textilien schaffen. Wir brauchen Fashion for Future. Mode muss für die Zukunft gestaltet sein: mit einem unbestechlichen Design, langlebig, reparatur- und recyclingfähig. Dazu muss auch die Modeindustrie stärker von der Politik in die Verantwortung  genommen werden. Über die EU-Ökodesignrichtlinie muss das nachhaltige Design von Textilien zur Pflicht werden.

Und die Antwort auf Fast Fashion heißt konsequenterweise nicht noch mehr Konsum, sondern erweiterte Produktverantwortung. Das bedeutet, dass Hersteller die Verantwortung für ihre Abfälle übernehmen, das kann ein Rücknahme- und Verwertungssystem sein oder die finanzielle Verantwortung für die Abfälle beinhalten.

Vorbild Frankreich

Frankreich macht es vor. Das Land hat nicht nur vergleichsweise hohe Sammelquoten für Alttextilien geschaffen, sondern mit seinem System auch bereits ökonomische Früchte getragen und durch die Textilsortierung 1.400 grüne Vollzeitjobs geschaffen. Es ist bislang das einzige Land auf der Welt, in dem die Hersteller schon auf diese Art in Verantwortung genommen werden. Trotzdem müsste dieses System viel mehr Produktgruppen umfassen als nur Textilien, Schuhe und Leinen und braucht zusätzliche eine stärkere finanzielle Basis. Deutschland muss sich Frankreich zum Vorbild nehmen und die sogenannte erweiterte Produktverantwortung für Textilien einführen.

Eine ökologische Revolution der Textilindustrie sollte die gesamte textile Kette abbilden, dafür brauchen wir die von der Fashion Revolution Week geforderte Transparenz der Lieferketten. Aber wir müssen auch vor unserer eigenen Haustür kehren:  Es muss darum gehen, weniger Textilien zu konsumieren und Abfälle transparent und hochwertig zu verwerten. Deutschland muss dafür das Thema textiler Abfall groß auf die politische Agenda schreiben.

Titelbild: Sandra Kühnapfel

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