Die Zahnbürste und die geplante Obsoleszenz

Am Anfang dieser Geschichte steht eine kaputte elektrische Zahnbürste, die ich seit drei Jahren mein Eigen nenne. Aber was heißt schon „kaputt“? Der Akku funktioniert einfach nicht mehr. Nach ständigem Aufladen hat er den Geist aufgegeben. Und nun? Die Zahnbürste zum nächsten Wertstoffhof bringen? Kommt für mich nicht in Frage! Schließlich setzen wir uns beim NABU ja immer dafür ein, dass Elektrogeräte ein längeres Leben bekommen und damit Umwelt und Ressourcen geschützt werden.

Elektrische Zahnbürste - Foto: Michael Dommel

Praktisch ein Ding der Unmöglichkeit, den Akku einer elektrischen Zahnbürste selber auszuwechseln – Foto: NABU/Michael Dommel

Versuch, den Akku selber auszutauschen

Ich untersuche die Zahnbürste also genauer und stelle fest, dass es nirgendwo eine Öffnung oder eine Klappe gibt, durch die ich an die Batterie herankomme. Es handelt sich also um einen eingebauten Akku, der erheblichen Einfluss auf die Lebensdauer der Bürste hat. Denn ist er erst einmal kaputt, werfen viele Verbraucher das Gerät sofort weg und kaufen eine neue Bürste.

Mit Youtube-Videos zum Erfolg?

Was also tun? Wer heute nicht mehr weiter weiß, der bildet keinen Arbeitskreis, sondern guckt sich erst einmal im Internet um. Auf der Internetseite des Herstellers werde ich erst einmal enttäuscht, denn ich finde zwar eine knappe Bedienungsanleitung, aber kein Handbuch für die Reparatur. Nach kurzer Suche finde ich zwar einen Reparatur-Service-Partner, der befindet sich aber am anderen Ende von Berlin. Also surfe ich weiter und werde dann auch sofort überwältigt von 21.700 Suchergebnissen, bestehend aus Reparaturvideos, Reparaturblogs, Zeitungsartikeln und Produktbewertungen.

Gescheitert, doch es gibt Hoffnung

Die kurzen Videos zur Reparatur sind auch wirklich sehr hilfreich. Nach wenigen Sekunden weiß ich, wie ich meine Zahnbürste aufbekomme. Leider stelle ich auch schnell fest, dass der Akkuwechsel nicht ohne Lötkolben möglich ist. Außerdem sieht das alles auch ganz schön kompliziert aus. Zum Glück habe ich aber vom Netzwerk der Repair-Cafés in Deutschland gehört. Das ist ein so einfaches wie geniales Konzept: Bei ehrenamtlichen Treffen kommt man zusammen, um gemeinsam kaputte Dinge vom Stuhl über den Toaster bis hin zum Wollpulli zu leimen, zu reparieren und zu nähen. Hier sind dann auch die nötigen Spezialwerkzeuge vorhanden und Leute vom Fach oder Tüftler helfen einem mit der Reparatur. Gleichzeitig lernt man viel über das Innenleben seiner Geräte und bekommt Lust, mehr Dinge wieder selber zu reparieren.

Elektroschrott - Foto: Foto:©pantermedia.net/pnphoto

Was tun, wenn Elektrogeräte den Geist aufgeben? Reparaieren? Leichter gesagt, als getan! – Foto: Foto:©pantermedia.net/pnphoto

Mit dem Repair-Café zum Erfolg?

Leider haben die netten Helfer vom Repair Café aber nicht mit so vielen Lötstellen gerechnet, die dann auch noch schwer erreichbar sind. Von Reparaturfreundlichkeit keine Spur. So beschäftigen wir uns dann noch einmal zu dritt abwechselnd für zwei Stunden, bis der Akku (eine ganz normale wiederaufladbare AA-Batterie) ausgetauscht ist. Am Ende dieser Geschichte steht also viel Frust und Arbeitsaufwand wegen des Austauschs einer Batterie für ein ganz normales Alltagsgerät.

Wo Unternehmen nicht handeln, müssen Gesetze klare Regeln vorgeben

Diese Erfahrung steht exemplarisch dafür, wie viel beim heutigen Design von Elektrogeräten falsch läuft. Denn Umwelt- und Verbraucherfreundlichkeit spielen häufig keine große Rolle und zum Teil wird die Lebensdauer von Produkten sogar absichtlich verkürzt. Für dieses Phänomen hat sich mittlerweile der Begriff der geplanten Obsoleszenz durchgesetzt. Oft fällt es nicht einfach, Unternehmen nachzuweisen, dass sie in ihren Produkten absichtlich Sollbruchstellen eingebaut haben. Rechtlich fällt eine Handhabe dementsprechend schwer.

Man kann sich nicht allein auf den kritischen Konsumenten verlassen, der bereits beim Kauf auf Langlebigkeit und lange Garantiezeiten achtet. Denn oft fehlen schlichtweg die Informationen. In diesen Fällen ist dann der Gesetzgeber gefragt.

Der NABU und auch viele Reparatur- und so genannte ReUse-Betriebe haben klare Vorstellungen, wie Vorgaben für ein besseres Ökodesign aussehen müssten. So muss der Verbraucher die Akkus jederzeit und gefahrenlos austauschen können. Wenn ein Unternehmen Sicherheitsbedenken hat, dann muss es diese nach klaren Regeln begründen.

Ein Siegel für reparaturfreundliche Geräte muss her

Gleichzeitig bräuchte es ein Siegel für reparaturfreundliche Elektrogeräte, das verpflichtend eingeführt werden sollte und das den Kunden die Wahl für umweltfreundliche Produkte erleichtert. Zudem müssen die Firmen für jedermann zugänglich Reparaturhandbücher in einem standardisierten Format veröffentlichen. Hersteller müssen zudem über einen längeren Zeitraum Ersatzteile für ihre Produkte vorhalten, wobei letztere auch ohne patentierte Spezialwerkzeuge reparierbar sein sollten. Nur wenn diese Schritte verwirklicht werden, bekommen die Elektrogeräte ein längeres Leben bzw. kann ihnen ein zweites Leben geschenkt werden.

Das nunmehr reformierte Elektrogerätegesetz (ElektroG) hätte ein erster Schritt in die richtige Richtung sein können. Leider wurden die Themen Abfallvermeidung und Wiederverwendung noch nicht einmal halbherzig angegangen. Der Artikel zur Produktkonzeption beinhaltet viele „sollte“ und „möglichst“ und spricht von der Entnahme der Akkus, aber nicht von deren Austauschbarkeit.

Wenn es um Ökodesign geht, verweist die deutsche Politik gerne auf Zuständigkeiten auf europäischer Ebene. Sie steht aber ganz klar in der Verantwortung, sich bei der Reform der europäischen Ökodesign-Richtlinie für hohe Kriterien der Ressourceneffizienz einzusetzen. Tut sie das nicht, nimmt die Wegwerfschwemme im Elektrobereich kein Ende und die Elektroschrottberge wachsen weiter in Deutschland und auch weltweit.

Links:

MURKS? NEIN DANKE! – sammelt Fälle der geplanten Obsolezenz

Reparatur Revolution – Suchhilfe für professionelle Reparaturwerkstätten

Broschüre „REPARIEREN“ – Momentaufnahme der Reparatur-Bewegung

Video zu „eingebauten Fehlern“ im Bayerischen Rundfunk

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Sascha Roth

Sascha Roth

Referent für Umweltpolitik

13 Kommentare

Andreas

24.11.2016, 06:59

Heute gibt es, so dachte ich doch, seitens der EU Bestrebungen, dass alle Altgeräte demontiert werden müssen sodass auch die alten Teile wiedereverwertet werden. Da bin ich dann wohl fehlinformiert! Weiters macht es ja Sinn, dass man es tut. Bei alten Autos funktioniert es ja auch bestens!

Susi

16.01.2016, 14:19

Ja das mit Akkus ist echt immer so eine Sache. Da machen die Hersteller eben richtig Geld mit, traurig aber war. Am besten gleich am Anfang auf sowas achten, dann hat man später keine Probleme und Ärger damit.

Günter

12.11.2015, 21:21

Hallo Sascha, gibt es auf dem deutschen Markt tatsächlich eine elektrische Zahnbürste mit einfach (also ohne Löten, Spezialwerkzeug etc.) austauschbarem Akku? Mir wäre keine bewusst ... Wenn ja wäre ich für einen Tipp dankbar - gerne auch an die private Mail. Technisch könnte ich mir das schon als machbar vorstellen. Man benutzt die Bürste ja in der Regel nicht in der Badewanne und beim Putzen hängt sie auch nicht am Stromnetz. Oder meinst Du elektrische Geräte im Allgemeinen? Das Argument mit der Sicherheit geht meiner Meinung nach meist sowieso völlig am Thema vorbei. Früher konnte man beispielsweise bei fast jedem Gerät, das mit Batterien betrieben wurde, die Batterien austauschen oder eben auch durch einen wiederaufladbaren Akku ersetzen. Heute sind die Dinger vielfach völlig unnötig verschweißt. Darüber werden mehr und mehr fragwürdige "Gadgets" produziert. Zum Beispiel singende und dudelnde Geburtstagskarten, die nach kurzer Zeit samt Elektroschrott im Hausmüll landen.

Günter

11.11.2015, 23:14

Hallo Sascha, ups, den Ausdruck "geplante Obsoleszenz" kannte ich so bewusst gar nicht. Auch wenn mir das Thema an sich durchaus präsent ist. Ich beobachte zum Beispiel gespannt die Entwicklung um das Fairphone: Ein Smartphone bei dem einzelne Komponenten spielend leicht ausgetauscht werden können. Fast so wie bei einem Baukasten. Toll und absolut der Weg in die richtige Richtung. Und auch wenn ich ein solches (noch) nicht besitze, habe ich bei meinem aktuellen Smartphone wenigstens darauf geachtet, dass sich der Akku ohne Probleme wechseln lässt. Bei den elektrischen Zahnbürsten ist die Situation vielleicht etwas anders. Die Hersteller werden wahrscheinlich besonders mit dem Thema Sicherheit argumentieren. Schließlich wird das Gerät im feuchten Badezimmer betrieben und kommt direkt mit Wasser in Berührung. Sicherlich ließe sich das Problem technisch aber auch lösen. Allerdings ist es meiner Meinung nach ein Unterschied, ob ein Hersteller absichtlich eine Sollbruchstelle einbaut, wie dies beispielsweise Druckern oft nachgesagt wird, nur um ein neues Gerät zu verkaufen. Oder ob einzelne Bauteile einem natürlichen unvermeidbaren Alterungsprozess unterliegen. Im ersten Falle finde ich dies absolut verwerflich. Im zweiten Fall bin ich jetzt nicht ganz so streng. Sicherlich wäre es auch hier schön, wenn sich das entsprechende Bauteil leicht auswechseln ließe. Andererseits benutze ich meine aktuelle elektrische Zahnbürste (von keinem der beiden großen Hersteller) nun sicherlich bereits seit 5 Jahren und es noch kein wirklich signifikanter Akku-Verlust festzustellen. Im Zweifelsfall hänge ich das Gerät halt einen Tag früher an die Ladestation ...

Sascha Roth

Sascha Roth

12.11.2015, 11:04

Hallo Günter, danke für deinen Beitrag. Gerne argumentieren Hersteller mit der Sicherheit, wenn es um die Austauschbarkeit der Akkus geht. Dass es aber erschwingliche Produkte mit austauschbaren Batterien auf dem Markt gibt, schwächt das Argument erheblich.Tatsächlich ist es oft schwer einen klaren Trennstrich zwischen der "geplanten" Obsoleszenz und dem wettbewerbsbedingten Einsatz von billigen oder bruchanfälligen Materialien und Produktionsteilen zu ziehen. Auffällig bleibt aber, dass sich die Nutzungsdauern für verschiedene Groß- und Kleingeräte in den letzten Jahren verkürzten, was zum einen an immer kürzeren Produktions- und Innovationszyklen liegt, andererseits aber auch auf mehr Defekte nach wenigen Jahren zurückzuführen. Im Januar 2016 will das Öko-Institut eine umfassende Studie zu diesem Thema veröffentlichen.

Meicel von Zahnbuersten.net

28.10.2015, 01:33

Hallo Sascha, danke für die kritische Stellungnahme. Ich beobachte häufig, wie bei Zahnbürsten bewusst dafür gesorgt wird, dass nach relativ kurzer Zeit erneut das Produkt gekauft werden muss. Beginnt mit Aufsteckbürsten und hört mit nicht austauschbaren Bürstenköpfen auf. Denn wenn ich eines aus meinen ganzen getesteten Zahnbürsten gelernt habe, dann das. Prüfe immer, welche Lebenszeit Kunden für die Zahnbürste rechnen. Daraus kannst Du zumindest etwas für die Umwelt und Deinen Geldbeutel tun. VG und viel Erfolg für die Zukunft! PS: Danke auch für die schnelle Rückmeldung zu meinen Anliegen!

Dr.E.KNOP

29.07.2015, 17:47

Gruezzi ,Bei dieser Angelegenheit hilft der Fachmarkt/die Fachfrau weiter; ausgebaut- neu e Batterie. eingebaut dort, bezahlt und die alte verbrauchte wird zurückgenommen-so geht ohne selbst schrauben u. fummeln.Wo habt Ihr Probleme?

Sascha Roth

Sascha Roth

30.07.2015, 09:15

Guten Tag Herr Knop, es ist erfreulich, wenn der Kunde kompetente und kostengünstige Unterstützung vom Fachgeschäft erhält. Uns geht es aber, um die Problematik, dass der Verbraucher in vielen Fällen nicht die Möglichkeit hat, die leere Batterie selbst unkompliziert auszuwechseln, obwohl dies risikolos und technisch leicht möglich wäre.

Tina

27.07.2015, 11:52

Bei elektrischen Zahnbürsten kann ich mir vorstellen, dass es insofern ein bisschen schwieriger ist, da sie ja wasserdicht sein müssen, was natürlich kein Grund ist, das Austauschen einer Batterie beinahe unmöglich zu machen. Für Reparaturanleitungen im Allgemeinen kann ich IFIXIT sehr empfehlen. Sie vergeben für Tablets und Laptops auch Punkte für Reparaturfreundlichkeit. Ihr Europa-Büro ist übrigens in Deutschland. https://www.ifixit.com/Info/Repairability

Bettina Sander

25.07.2015, 20:02

Geplante Obsoleszenz ist in der Tat dreist und dumm. Es gibt eine Firma, die Akkus bei Zahnbürsten austauscht: http://www.akkutauschen.de/. Das soll keine Schleichwerbung sein, und es ist nicht meine Firma. Ich finde die Idee aber pfiffig und unterstützenswert. Wer also gern elektrisch putzen möchte, aber nicht schrauben und löten kann oder will, der ist hier gut aufgehoben. Die sind ausgezeichnet worden vom Nachhaltigkeitsrat. Noch besser wäre es sicher, für rechtliche Regelungen zu sorgen. Bis dahin müssen wir halt findig sein!

Annette

18.01.2016, 10:09

genau dies haben mein Mann und ich gemacht ... den Akku professionell tauschen lassen. Und was soll ich sagen, PERFEKT! Die Akkuleistung ist um ein mehrfaches höher (unfassbar!) und bisher laufen unsere beiden generalüberholten Stromzahnflitzer ohne Probleme (bei mir seit 1 1/2 Jahren, bei meinem Mann seit über 2 Jahren nach dem Akkuwechsel). Kann ich nur empfehlen, solange diese geplante Obsoleszenz nicht verboten ist und ein einfacher Akkuwechsel möglich.

Bibo

22.07.2015, 11:01

Wie wäre es mit mechanisch schrubben?

Anne Schuldt

22.07.2015, 15:46

Mechanisch - find ich gut, weil: spart Geld, Zeit (die Geräte wieder zu reinigen ) und schont die Umwelt. Also bei mir tut es immernoch die herkömmliche Zahnbürste, die Zitruspresse und auch der Wischeimer mit Schrubber und Lappen. Viele Elektrogeräte sind schön anzusehen und sollten uns den Alltag erleichtern, aber die Bedienung ist oft kompliziert und die Reinigung und Wartung nimmt mehr Zeit und Geld Inanspruch.

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