Ein Jahr Fit for 55 – Wo steht die Schifffahrt?

Ein Jahr Fit for 55 – Wo steht die Schifffahrt?

Erste Ansätze für mehr Klimaschutz auf den Meeren

Die Auswirkungen der Klima- und Naturkrise sind weltweit zunehmend spürbar. Die Schifffahrt ist dabei für jährlich drei Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich. Während die Internationale Seeschifffahrts-Organisation (IMO) keine ambitionierten Konzepte zur Emissionsminderung auf den Meeren vorstellt, hat die Europäische Union aktuell die Chance, die Weichen in Europa für eine zukunftsfreundlichere Schifffahrt zu stellen.

Die Mühlen in Brüssel mahlen jedoch langsam – das „Fit for 55“-Paket, welches vor einem Jahr veröffentlicht wurde, kommt im Gesetzgebungsprozess der europäischen Institutionen nun endlich in die heiße Phase. Aus Schifffahrtssicht sind vor allem drei Dossiers des Pakets von Interesse: die Ausweitung des europäischen Emissionshandels (ETS), die Vorgaben zu Kraftstoffen auf See (Fuel EU Maritime) und die Gestaltung zukünftiger Tankinfrastruktur in europäischen Häfen (AFIR).

Der ETS ist dabei am weitesten gediehen. Der Zeitplan sieht aktuell ein Inkrafttreten zu Beginn des nächsten Jahres vor. Während das Europäische Parlament einen vergleichsweise ambitionierten Entwurf vorgelegt hat, hat der Rat der Europäischen Union noch Nachholbedarf bei effizientem Klimaschutz. Im inzwischen begonnenen ‚Trilog‘ zwischen Parlament, Rat und Kommission besteht die letzte Chance, andere Treibhausgase neben CO₂ miteinzubeziehen. Ein wichtiges Signal ist hingegen, dass die EU mit dem ETS internationale Verantwortung übernimmt, da diese Regelung auch für Schiffsfahrten außerhalb Europas teilweise gelten soll. Eine ambitionierte Einigung noch in diesem Jahr ist wichtig für zeitnahe Ergebnisse.

LNG ist keine Lösung für die Schifffahrt!

Die Schaffung stärkerer Anreize für klimafreundliche E-Fuels wie grünes Ammoniak oder Methanol durch beispielsweise eine Mindestquote ist unser zentrales Anliegen in der Fuel EU Maritime. Das Beharren vor allem der liberalen und konservativen Fraktionen im Europäischen Parlament auf Biokraftstoffe und Flüssiggas (LNG) ist dabei eine große Hürde auf dem Weg zu nachhaltigerem Seeverkehr. Die von den Liberalen oftmals beschworene Technologieneutralität könnte in der Schifffahrt tatsächlich mal einen Vorteil bieten, denn hier gilt: Die ‚one size fits all‘-Lösung gibt es nicht. Sowohl E-Fuels als auch Batterielösungen werden wichtig sein, um verschiedene Formen des Seeverkehrs zu dekarbonisieren. Auch die Reduzierung des Treibstoffverbrauchs durch Effizienzmaßnahmen wie Windunterstützung wird neben klimatechnischen Vorteilen sich durch steigende Kraftstoffpreise auch wirtschaftlich kaum langfristig vermeiden lassen.

Um eine klimafreundlichere Schifffahrt zu ermöglichen, darf die Versorgung mit alternativen Kraftstoffen nicht außer Acht gelassen werden. Die entsprechende Infrastruktur muss dabei grüne E-Fuels wie e-Ammoniak und e-Methanol beinhalten. Der von Kommission und Parlament vorgeschlagene Fokus auf LNG in der AFIR darf hingegen keine Rolle spielen! Die schlechte Klimabilanz von LNG würde auf dem Weg hin zu einer klimaneutralen EU bis 2050 neben schweren Rückschläge in der Treibhausgasminderung auch versenkte Milliardenbeträge für potenziell schnell überflüssige LNG-Tankinfrastruktur bedeuten.

Die Bundesregierung ist jetzt gefordert

Prinzipiell bietet das Paket vielversprechende Ansätze, den dringend benötigten ‚Push‘ für mehr Klima- und Umweltschutz auf den Meeren zu liefern. Dazu ist eine starke Positionierung der Bundesregierung gefordert, um diese Chance nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Insbesondere der Fokus auf LNG darf in der deutschen Ratspositionierung keine Rolle spielen, sollte der Schifffahrt tatsächlich eine Chance zur Dekarbonisierung gegeben werden. Auch im Europäischen Parlament müssen sich vor allem die konservative (EPP) und liberale (RENEW) Fraktion bewegen und ihre Verzögerungstaktiken gegen mehr Klimaschutz in der Schifffahrt aufgeben!

Es braucht Mindestquoten und mehrfache Anrechenbarkeit für grüne E-Fuels, mehr Landstrom und keine Anreize für LNG oder Biokraftstoffe. Nur mit schnellen und zukunftsweisenden Entscheidungen kann die europäische und internationale Schifffahrt ihren Teil zum Pariser Klimaschutzabkommen beitragen!

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