Das Licht für eine Stunde ausschalten ändert nichts

Mitte März werden alljährlich auf allen Kontinenten der Erde die Lichter für eine Stunde ausgeschaltet, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Bilder vom Brandenburger Tor und dem Pariser Eifelturm im Dunkeln bahnen sich dann um die Welt in allen Medien und das allerbeste: Jeder kann mitmachen und damit Teil einer weltweiten Aktion sein. Doch was bringt dieser Feel-Good-Aktivismus?

Licht aus. Foto: Teerapat/Fotolia

Licht aus. Foto: Teerapat/Fotolia

Die Aktion soll Aufmerksamkeit wecken für Klimaschutz, gemessen an der Berichterstattung gelingt das sehr gut. Gleichzeitig allerdings werden Dinge vermittelt, die sich vermutlich kontraproduktiv auf das Energiesparen und damit den Klimaschutz auswirken.

Erstens ist Lichtausschalten mit einem großen Verlust an persönlichem Komfort und Einschränkungen verbunden. Ohne Licht ist man hierzulande am frühen Abend fast zurück ins Mittelalter katapultiert – denn fast keine unserer alltäglichen Tätigkeiten funktionieren richtig gut ohne Licht. Klimaschutz ist aber nicht zwangsläufig mit Entbehrungen verbunden, auch wenn diese Aktion so verstanden werden kann. Klimaschutz funktioniert auch durch Energiesuffizienz und Energieeffizienz! Das heißt, da wo Energie verschwendet wird, müssen wir einsparen. Da wo wir den gleichen Nutzen mit weniger Aufwand bekommen können, müssen wir effizienter werden.

Zweitens wird durch diese Aktion der Sachverhalt auch sehr simplifiziert, denn tatsächlich lässt sich die Welt nicht verändern, wenn wir einmal im Jahr für eine Stunde das Licht ausschalten. Diese Aktion suggeriert Schalter drücken, alles gut und nun weiter so wie bisher. Klimaschutz braucht mehr Engagement von jedem Einzelnen. Klimaschutz muss im Alltag ankommen, Klimaschutz kann und muss die Grundlage für alle unsere Entscheidungen werden. Klimaschutz muss eine Rolle spielen, wenn wir die Leuchtmittel kaufen, die wir ausschalten!

Drittens, der Einzelne kann zwar das Licht ausschalten, aber nicht das Energiesystem und die dazugehörige Infrastruktur ändern. Klimaschutz ist also nicht nur eine Frage des individuellen Handelns sondern auch immer der Rahmenbedingungen. Und hier ist der Staat gefragt, gute Rahmenbedingungen für den Klimaschutz zu schaffen. Aktuell arbeitet die Bundesregierung an dem Klimaschutzplan 2050, in dem Maßnahmen in allen Sektoren aufgeführt werden. Absehbar ist aber schon jetzt, die Maßnahmen werden nicht ausreichen, um die Ziele der Bundesregierung, die nicht mal ambitioniert genug sind, zu erreichen (weitere Informationen zum Klimaschutzplan 2050). Die Politik aber wird nicht adressiert durch Lichtausschalten, viel mehr vereinnahmt die Politik die Aktion, indem zum Beispiel Rathäuser ebenfalls unbeleuchtet bleiben nach dem Motto „schaut her Bürger und seid unbesorgt, wir meinen Klimaschutz ernst, wir schalten sogar das Licht aus, wenn es alle tun“. Klimavorreiter wird man über andere Wege.

Mediale Aufmerksamkeit für den Klimaschutz ist gut und wichtig. Es müssen aber über die Aktion hinaus auch Inhalte vermittelt werden. Schaltet das Licht einmal im Jahr für eine Stunde aus, aber vergesst nicht auch sonst das Licht auszuschalten, wenn ihr es nicht braucht. Und denkt bei Euren Entscheidungen im Alltag daran, dass durch jegliches Konsumverhalten auch Klimaschutz gelebt werden kann. Und vergesst nicht, dass die Politik eigentlich mehr machen müsste, und artikuliert das auch!

Sebastian Scholz
Folgen

Sebastian Scholz

NABU-Teamleiter für Energie & Klima
Sebastian Scholz
Folgen

3 Kommentare

Sorin

24.03.2016, 17:58

Der NABU strotzt ebenfalls voller aktivistischen und realitätsfernen Konzepten, wie "Eine Woche ohne Plastik". Wenn man jeden Tag und jeden Abend Strom für Licht und PC braucht, braucht man auch jeden Tag Plastik. Es ist eine moderne Welt in der wir leben und Ziel sollte es sein, solche Dinge wie Strom/Energie- und Plastikverbrauch sowie Fleischkonsum zu minimieren. Zum Wohle der Umwelt. Im Gegensatz zum NABU ist die Aktion "Earth Hour" vom WWF sehr Bevölkerungsnah und wird von den Menschen wahrgenommen, in der Realität und Medial. So kann das Thema leichter transportiert werden. Der NABU-Teamleiter für Energie & Klima Sebastian Scholz sollte sich intilligente, den Menschen nahe Konzepte einfallen lassen bevor er WWF bashing betreibt. Wer im Glashaus (Treibhaus) sitzt ... nicht wahr.

Sebastian Scholz

Sebastian Scholz

29.03.2016, 11:57

Liebe/r Sorin, vielen Dank für den Kommentar. Ich glaube, wir haben das gleiche Anliegen, denn auch unser Ziel ist es, dass Energieverbrauch und Konsumverhalten (Plastik, Fleisch, usw.) hinterfragt wird. Dabei gibt es immer verschiedene Ansätze, das „Plastikfasten“ war zum Beispiel ein Selbstversuch, den Nicole Flöper hier regelmäßig dokumentiert hat. Daraus kann man sehr schön erfahren, welche Schwierigkeiten es mit sich bringt auf Kunststoffe komplett zu verzichten und wie tief Plastik in unserem Alltag steckt. Die Aktionsform der „Earth Hour“ ist eine ganz andere, denn entscheidend dabei ist, dass möglichst viele Menschen mitmachen. Den Ansatz und die Aktion selbst will ich gar nicht bewerten, meine Kritik zielt eher auf die mögliche Rezeption der Aktion – aber das muss ich hier ja auch nicht wiederholen. Es ist insgesamt natürlich gut, dass es verschiedene Organisationen mit verschiedenen Ansätzen gibt, so werden möglichst viele Menschen mit verschiedenen Interessen erreicht – und trotzdem müssen wir nicht immer einer Meinung sein.

Bibo

21.03.2016, 23:23

Wahrscheinlich deswegen kam dieses Jahr die Nachricht: "Earth Hour, Licht aus!" erst zwei Stunden vorher hier an. Ich habe brav ausgeschaltet und bin prompt eingeschlafen. In den Jahren vorher war ich um die Zeit noch unterwegs. Eine Stunde bei Kerzenlicht finde ich persönlich nicht so schlimm, um es gleich als negatives Signal zu werten. Andererseits bekommt hier sowieso niemand mit, ob ich das Licht anhabe oder nicht. Keine direkten Nachbarn gegenüber und nach hinten + Rollläden.

Kommentare deaktiviert

%d Bloggern gefällt das: