Es ist nicht alles grün, was glänzt: Ein kritischer Blick auf die „Alliance to End Plastic Waste“

Es ist nicht alles grün, was glänzt: Ein kritischer Blick auf die „Alliance to End Plastic Waste“

Man muss kein hauptberuflicher Umweltschützer sein, um mitzubekommen, dass das Thema Plastik und seine Auswirkungen auf die Umwelt boomt. Kaum ein anderes Umweltthema stößt aktuell auf ein so großes Interesse der allgemeinen Öffentlichkeit wie Kunststoffabfälle und deren Verbleib an Land und im Meer. In der EU wird wohl in Kürze die Richtlinie zu Einwegplastik offiziell bestätigt. Sie verbietet viele sinnlose Einwegartikel aus Plastik wie Teller, Besteck und Trinkhalme, die häufig an Stränden und in der Landschaft gefunden wurden. In Deutschland ist seit Januar 2019 das Verpackungsgesetz in Kraft, das die Recyclingquoten für Kunststoffverpackungen fast verdoppelt. Es gibt zahllose Beispiele von Firmen, die darüber berichten, wo und wie sie jetzt überall Plastik einsparen wollen. Alles tipp topp, könnte man denken, bei dem Problem können wir einen Haken setzen. Aber: Es ist nicht alles grün, was glänzt!

Das zeigt die privatwirtschaftliche Initiative „Alliance to End Plastic Waste“. Hier die Fakten:

  • 28 global agierende, teils milliardenschwere Unternehmen aus den Bereichen Chemie (u.a. BASF und Exxon Mobile), Konsumartikel (Henkel, Procter & Gamble) und Abfallwirtschaft (Veolia, Suez) wollen das Thema Plastikmüll angehen.
  • Dafür werden sie in den nächsten fünf Jahren zusammen etwa 1,5 Milliarden Dollar (1,3 Milliarden Euro) ausgeben.
  • Welche Maßnahmen sind Teil der Allianz?
    • Punktueller Aufbau von Infrastrukturen für die Abfallentsorgung (etwa durch Städtepartnerschaften)
    • Finanzierung neuer Technologien, Geschäftsmodelle und Unternehmen zur Vermeidung von Meeresmüll und zur Verbesserung von Abfallentsorgung und Recycling
    • Lösungen für Verpackungsverwertungen

Grundsätzlich ist es begrüßenswert und bitter nötig, dass sich Unternehmen endlich der zig Millionen Tonnen Plastikmüll annehmen, für deren Produktion sie verantwortlich sind und von denen mehr als zehn Millionen jährlich in den Weltmeeren landen. Aber was sind hier schon 1,5 Milliarden angesichts dieser von den Unternehmen selbst geschaffenen Entsorgungsproblemen? Letztlich packen sie das Problem nicht an der Wurzel!

1,5 Milliarden Dollar für Abfalllösungen sind nichts im Vergleich zu 89 Milliarden Dollar für noch mehr Plastik

Betrachten wir den Geldfluss. 1,5 Milliarden Dollar oder umgerechnet 1,3 Milliarden Euro in fünf Jahren klingen nach viel Geld.  Und so sprechen die Unternehmen von einem Projekt „bislang beispiellosen Ausmaßes“ und der „bisher umfassendsten Maßnahme zur Beseitigung von Plastikabfällen in der Umwelt“. Interessant ist es, zu schauen, welche Investitionen die Unternehmen aber an anderer Stelle planen. Das niederländische Recycling Netzwerk hat herausgefunden, dass die unterzeichnenden Unternehmen bis 2030 für den Ausbau ihrer weltweiten Plastikproduktionsanlagen mehr als 89 Milliarden Dollar investieren werden. Sie setzen auch in der Zukunft auf die Produktion von kurzlebigen Plastikprodukten und Verpackungen, für die es in zahlreichen Ländern auch in den kommenden Jahren keine Entsorgungslösungen gibt. Von einem Umdenken kann nicht die Rede sein, denn Vermeidung von Plastik spielt im Denken von BASF, Henkel und Co. keine Rolle. Und so wird das Problem nicht an der Wurzel gepackt. Bereits heute werden 400 Millionen Tonnen Plastik produziert, 60 Millionen Tonnen allein in Europa. Darauf zu setzen, kurzfristig einzelne Städte beim Aufbau von Sammelstrukturen zu unterstützen, ist scheinheilig, wenn gleichzeitig ein Vielfaches an Geldern in die Produktion von immer mehr Kunststoffen gesetzt wird. Der Verdacht liegt nahe, dass hier vor allem das Image der Plastikproduzenten poliert werden soll.

Die Abfallentsorgung muss flächendeckend und langfristig finanziert werden

Eine nachhaltige Finanzierung von Infrastruktur zur Abfallentsorgung kann nicht auf freiwilliger Basis erfolgen. Es reicht nicht, einmalig in vereinzelte Projekte zu investieren. Allein für den Bau einer modernen Sortieranlage für Verpackungsabfälle werden in Deutschland mittlere zweistellige Millionenbeträge fällig. Natürlich wäre es begrüßenswert, wenn in den asiatischen Schwellenländern 30 neue Sortieranlagen entstehen – dann wären die 1,5 Milliarden Dollar schon aufgebraucht – für die Betriebsführung und den Aufbau einer Sammellogistik braucht man jedoch auch Geld und ohne Anlagen, die das Material dann weiterverarbeiten, bringt die Sortierung nichts. In Deutschland sind laut Statista aktuell über 400 Sortieranlagen in Betrieb, die Verpackungen aus Kunststoff sortieren.

Was wir brauchen, ist eine verbindliche, durch Staaten verordnete und somit einklagbare Produktverantwortung globalen Ausmaßes. Ein funktionierendes Entsorgungssystem ist nur durch eine kontinuierliche Zahlungsverpflichtung von Produktverantwortlichen finanzierbar. Diese wäre aber natürlich um ein Vielfaches teurer als die aktuellen Zusagen der Kunststoffindustrie für die Allianz: In Deutschland mit seinen rund 82 Millionen Einwohner/innen zahlten die Inverkehrbringer 2011 laut Bundeskartellamt 941 Millionen Euro für die Entsorgung von Verpackungen aus Plastik, Metall oder Papier. Der Betrag dürfte mittlerweile über einer Milliarde Euro pro Jahr liegen.

300 Millionen Dollar der Allianz jährlich werden wohl wenig nachhaltige Effekte zeigen, wenn man bedenkt, dass in den fünf Ländern, aus welchen die meisten Plastikeinträge in die Weltmeere gelangen (China, Indonesien, Philippinen, Vietnam, Sri Lanka) mit 1,9 Milliarden Menschen circa 23 Mal mehr Menschen leben als in Deutschland.

Alle reden von Recycling, keiner von Abfallvermeidung

Weil Chemiebranche und Kunststoffindustrie mit der zunehmenden Berichterstattung über Plastik in Natur und Umwelt inzwischen ein ziemlich schlechtes Image haben, sind sie sehr darum bemüht, sich als möglichst glaubwürdiger und aktiver Problemlöser zu präsentieren. Bei der Vorstellung der Allianz war dann auch die Rede von „Partnerschaften“ mit Städten und Kommunen und Workshops für Regierungen und Verwaltungen, in denen über die effektivsten Entsorgungslösungen informiert wird. Auch hier wird gut verdrängt, dass Regierungen, Städte und Kommunen nicht gleichberechtigte Partner sind, sondern zu allererst Instanzen, die Ordnungsrecht setzen und vollziehen und zur Verbesserung der Umweltsituation für alle Bürgerinnen und Bürger klare Regeln setzen und Unternehmen für Umweltverschmutzung entsprechend sanktionieren. Die Frage ist doch: Sollen wirklich diejenigen Unternehmen, die maßgeblich das Plastikproblem überhaupt erst erschaffen haben, nun die Debatte darüber anführen, wie das Problem im globalen Süden gelöst werden kann?

Strategien der Plastikvermeidung werden von der Allianz selbst konsequent vermieden. Die wichtigsten Fragen, die wir uns eigentlich stellen müssten, sind:

  • Wie kann man Konzepte der erweiterten Herstellerverantwortung auch in strukturschwachen Ländern umsetzen und damit zur Abfallvermeidung beitragen?
  • Wie machen wir unsere Gesellschaften plastikärmer, ohne auf andere rohstoffintensive Materialien auszuweichen? Wie sehen Strategien aus, um Verpackungen wiederverwendbar oder -befüllbar zu machen?
  • Wie können solche Strategien in strukturschwachen Ländern umgesetzt werden?

Der Ansatz der Vermeidung scheint der Branche zu radikal, es würde schließlich ihr Kerngeschäft bedrohen. Mittelfristig geht an diesen Vermeidungsstrategien aber kein Weg vorbei und Unternehmen werden vor allem dann erfolgreich sein, wenn sie alle Umweltaspekte in ihr Geschäftsmodell integrieren.

Das Fazit: Es ist wichtig und richtig, dass Unternehmen sich wesentlich stärker als bisher der globalen Umweltwirkungen von Kunststoffen annehmen und ihren Sachverstand nutzen, um umweltfreundlicher zu werden. Dann muss dies aber konsequent umgesetzt werden und zu einem generellen Umdenken über sinnvolle Kunststoffanwendungen führen, anstatt am Anfang der Wertschöpfungskette immer mehr Geld in immer mehr Plastik zu investieren und hinten zeitlich und regional begrenzte Maßnahmen für die Entsorgung umzusetzen.

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