Allein unter tausenden von Vögeln

Allein unter tausenden von Vögeln

Sieben Monate allein auf Trischen. Mitten im Wattenmeer. Allein unter tausenden von Vögeln. Anne de Walmont berichtet von ihrer Zeit als Vogelwartin auf Trischen.

Wenn man sich entscheidet, der Zivilisation so lange den Rücken zuzukehren und sich ganz der Natur zu widmen, bedarf es einer gründlichen Überlegung und Abwägung. Ich habe mir alles sehr gut durch den Kopf gehen lassen und wusste schnell: Genau das will ich machen: Eine kleine Insel betreuen, die den Vögeln gehört. Hier darf Natur noch Natur sein und meine Aufgabe war es, von Mitte März bis Mitte Oktober zu beobachten, was auf Trischen vor sich geht. Und das ist eine ganze Menge!

Die Insel ist wichtiger Brut- und Rastplatz für sehr viele Vögel. Im Frühjahr und insbesondere im Herbst kommen große Schwärme von zum Beispiel Sanderlingen und Alpenstrandläufern nach Trischen, um sich hier neue Fettreserven anzufressen. Anschließend geht es für sie weiter in ihre  nördlichen Brutgebiete oder eben in die  südlich gelegenen Überwinterungsgebiete. Da ist ganz schön was los am Strand!

Die Vogelwartin bei der Arbeit. Foto: Anne de Walmont

Die Vogelwartin bei der Arbeit. Foto: Anne de Walmont

Meine Aufgabe war es, diese Schwärme regelmäßig zu zählen. Auch die Brutvögel wurden in ihrer Anzahl erfasst sowieso ständig die Vogelwelt der gesamten Insel im Blick behalten, (das Fernglas baumelte quasi immer um meinen Hals) das Watt kartiert, die Insel vermessen, Pflanzen bestimmt und darauf geachtet, dass niemand die Insel, die in der Schutzzone I des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer liegt, betritt.

Außer für mich und den Inselversorger, der mir einmal in der Woche Lebensmittel, Trinkwasser und Post mit seinem kleinen Boot nach Trischen brachte, gilt für alle anderen ein absolutes Betretungsverbot. Und das ist auch gut so. Schließlich gibt es nicht mehr viele Orte, an denen die Natur noch sich selbst überlassen ist.

Eine sich selbst überlassene Insel und ungewöhnliche Gäste

Während andere Inseln durch den Menschen gebannt wurden, indem man Deiche baute, ist Trischen sich selbst überlassen. Die Insel wandert und verändert durch Wind und Meer ihre Form.

Vogelwartin Anne de Walmont am Strand der Vogelinsel Trischen. Foto: Lukas Terwitte

Vogelwartin Anne de Walmont am Strand der Vogelinsel Trischen. Foto: Lukas Terwitte

Die Salzwiese ist nicht beweidet, wie häufig das Deichvorland andernorts, sondern steht hoch und bietet einer großen Zahl von Vögeln und Insekten Schutz. Säugetiere gibt es hier nicht. Die jeweilige Vogelwartin oder der jeweilige Vogelwart stellen da eine Ausnahme dar (die Seehunde, die in großer Zahl vor allem an der Nordspitze der Insel am Strand liegen, sehe ich höchstens als Gäste). Und dass sich im Mai ein Reh durch das Wattenmeer auf die Insel verirrte und ein paar Tage unter den Brutvögel für helle Aufregung sorgte, zählt nicht. Obwohl es durch die Skurrilität, die dieser Besuch mit sich brachte, trotzdem Erwähnung findet: Ein Reh, das wir aus Wäldern (und vielleicht mal von Feldern) kennen, galoppierte über eine Insel, die keinen einzige Baum aufweist! Während die Vögel zeterten, musste ich regelmäßig schmunzeln.

Der Vogelzug der Weißwangengänse - beobachtet von der Insel Trischen. Foto: Anne de Walmont

Der Vogelzug der Weißwangengänse – beobachtet von der Insel Trischen. Foto: Anne de Walmont

Es sind viele kleine Momente, die mir für immer in Erinnerung bleiben werden. Nicht nur das Reh, auch die Sichtungen seltener Vogelarten, das Beobachten des Wanderfalkenpaares bei seinen spektakulären Jagdflügen, die großen Schwärme, die wie schnelle Wolken über den Himmel rasten und mit einem lauten -wusch- über meinen Kopf flogen, die erste Sichtung der Brandgansküken, der Massenzug der Weißwangengänse, das Augen schließen und am Strand stehen, tief atmen und Arme baumeln lassen – all das nehme ich in Gedanken und Bildern in meinem Kopf mit. Zu wissen, dass man gerade mitten im Meer ist und das Privileg hat, einen der letzten Rückzugsorte für Flora und Fauna der Wattenmeerregion betreuen zu dürfen, erfüllt doch ein wenig mit Ehrfurcht.

Nun ist es schon über ein halbes Jahr her, dass ich zurück am Festland bin. Ich denke sehr gerne zurück und, ja, in nicht wenigen Momenten wünsche ich mich auch zurück. Trischen ist in 2020 nicht konstant besetzt. Corona ist Schuld. Ich drücke fest die Daumen, dass meine Nachfolgerin zumindest für eine gewisse Zeit und für bestimmte Erfassungen auf Trischen sein kann. Es geht darum, eine sehr lange Datenreihe fortzuführen, die viele Einblicke in die Entwicklungen der Insel und ihrer gefiederten Bewohner ermöglicht – und natürlich darum, einer Vogelwartin eine unvergessliche Zeit inmitten all dem zu bescheren.

 

Anne de Walmont, Vogelwartin auf Trischen 2019

 

Mehr über Annes Zeit auf der Vogelinsel Trischen findet man unter https://blogs.nabu.de/trischen/

 

 

Natura 2000 ist ein zusammenhängendes Netz von Schutzgebieten innerhalb der Europäischen Union, das seit 1992 nach den Maßgaben der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie errichtet wird. Sein Zweck ist der länderübergreifende Schutz gefährdeter wildlebender heimischer Pflanzen- und Tierarten und ihrer natürlichen Lebensräume. Natura-2000-Gebiete sind ein wichtiges Instrument, um den voranschreitenden Artenschwund zu stoppen.

Von der nordischen Tundra bis zu den Stränden des Mittelmeers, von den Alpengipfeln bis ins Wattenmeer umfasst Natura 2000 die wertvollsten noch erhaltenen Naturschätze der EU. Aber auch auf den ersten Blick weniger spektakuläre Gebiete wie artenreiches Grünland im Mittelgebirge oder naturnahe städtische Parks können zu Natura 2000 zählen. 

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