Im Sturm

Seit Tagen quillt der Speicherkoog über von Rotfußfalken und Steppenweihen. Der Speicherkoog ist das nächstgelegene Naturschutzgebiet am Festland. Meldung folgt auf Meldung. Tagelang starre ich also Löcher in die Luft, denn auch ich möchte mich am Anblick dieser nicht nur seltenen, sondern auch außergewöhnlich schönen Tiere ergötzen. Aber, aber: Nichts! Der Himmel ist leer! Beide Arten wurden auf Trischen bereits mehrfach beobachtet. Aber dieses Jahr scheint die Mühe, einmal herüberzufliegen, zu groß zu sein. Nicht einmal einen Mäusebussard konnte ich bisher notieren! Es gibt Tage, da treiben mich meine durch Abwesenheit glänzenden gefiederten Freunde zum Wahnsinn.

Aber es gibt auch die anderen Tage. Es sind die Tage, an denen ich nichts mehr hören und durch den schmalen Augenschlitz zwischen Kapuze und Balaclava kaum noch sehen kann – und mich dennoch pudelwohl und ganz in meinem Element fühle. An diesen Tagen ist Sturm.

Ende vergangener Woche hatte ich an drei von vier Tagen Landunter. In peitschenden Schauern stand ich knietief im Wasser unter der Hütte und versuchte eine Reihe Plastikkanister, die ich im Laufe der Zeit am Strande gesammelt hatte, am Wegtreiben zu hindern. Wenn einmal die Sonne durchbrach, sah man im Wasser Heerscharen von Laufkäfern, Spinnen und Weberknechten um ihr schwindendes Leben kämpfen. Der Sommer trieb davon. Innerhalb weniger Minuten umstanden in wechselnder Himmelsrichtung mehrere Regenbögen die Hütte: Rettungsinseln, auf denen sich die Farben zusammengekauert hatten. Ich weiß nicht, was es ist, aber ich liebe dieses Wetter. Es fühlt sich an, als wenn der Wind direkt durch den Brustkorb ans Herz fasst und es tüchtig durchrüttelt.

An solchen Tagen stehe ich stundenlang Wache. Eingepackt in den dick gefütterten Ledermantel, mit Handschuhen über den steifen Fingern, einem guten Fernglas um den Hals und der tobenden See fest im Blick warte ich auf den einen Moment: Den Moment, in dem ein winziger, rasender Punkt über dem Horizont erscheint und wieder in einem Wellental wegtaucht…aber noch ist das nicht mehr als ein hoffnungsvoller Gedanke. Und der versinkt mit jeder Regenbö weiter im Grau. Doch wer hätte jemals behauptet, dass die Suche nach Sturmtauchern ein Kinderspiel sei? Schließlich tragen sie ihr Wohlfühlwetter im Namen. Aber wo sind sie? Ist da draußen überhaupt irgendetwas? Immerhin wird mir das Warten bald versüßt.

Ich telefoniere gerade mit einem Freund, als ich mich vor Anspannung fast verschlucke: „R-R-RRAUBMÖWEEE!!“ Ich pfeffere das Handy zur Seite (‚tschuldigung, Jan!). Ein schwarzes Etwas saust niedrig unter den Sturmböen den Strand entlang. Ein Blick durchs Fernglas – ein Griff zur Kamera – zack! Weg ist sie! Das Herz pumpt.. Eine Silbermöwe ist ja ein eleganter Vogel. Aber verglichen mit einer Schmarotzerraubmöwe wirkt sie wie ein VW Passat neben einem Lamborghini Diablo. „Schmaros“ sind arktische Brutvögel, die im Herbst weit draußen auf See bis in ihre Winterquartiere im Südatlantik ziehen. Sie sind Meister des Sturms, der Kälte und des Windes, uns es gibt wahrscheinlich kaum einen Vogel der ihre blitzartige Manövrierfähigkeit übertrifft. Besonders toll finde ich, dass sie in verschiedenen Farbvarianten vorkommen: Der von mir zuerst beobachtete Vogel sah wirklich aus wie ein schnittiger schwarzer Teufel. Später folgte noch eine „helle Morphe“. Normalerweise haben alle anderen Möwen panische Angst wenn sie auftauchen, denn Schmarotzerraubmöwen traktieren andere Vögel, bis diese ihre Beute fallen lassen und die Raubmöwe damit abziehen kann. Diese hier stieß nur einmal etwas uninspiriert einer Silbermöwe in den Bauch und flog dann ab. Ein bisschen wie der böse Willi auf dem Schulhof, der das Schubsen dann doch nicht bleiben lassen kann. Obwohl er eigentlich keine Lust hat. Aber natürlich ist das schlichtweg ihre Lebensweise, ihre ökologische Nische. Die Schmarotzerraubmöwe ist genau so wenig „böse“ wie die Nachtigall.

Und dann erfüllt mir der Sturm doch noch meinen Traum. Ich wische mir zweimal die Augen: Doch. Da ist er. In irrsinniger Fahrt rast ein schwarzbrauner Punkt durch die Wellen. Gerade eben erkenne ich einen kleinen Körper, der zwischen zwei ziemlich langen, steifen Flügeln wie aufgehängt wirkt. Das Tier ist wahnsinnig schnell unterwegs. Mehrfach verliere ich den Vogel wieder aus den Augen. Und doch erkenne ich in etwa anderthalb Minuten Beobachtungsdauer keinen einzigen Flügelschlag. Es ist ein Dunkler Sturmtaucher! Falls Sie sich fragen, warum er es so eilig hat: Er kommt gerade aus Südamerika. Und wissen Sie, wo er wieder hin will, um zu brüten? Genau.

Hach! Wer braucht schon Schönwettervögel? Nimm das, Mäusebussard..

Bild 1: Die tosende See vor West. Den Dunklen Sturmtaucher müssen Sie sich leider vorstellen. Bei Windstärke 9 war nicht daran zu denken, ihn mit dem Handy durch das Spektiv zu fotografieren.

Bild 2: Die Schmarotzerraubmöwe. Ich liebe diese Vögel!

Niemand ist eine Insel

„Niemand ist eine Insel, in sich ganz; jeder Mensch ist ein Stück des Kontinents, ein Teil des Festlandes. Wenn eine Scholle ins Meer gespült wird, wird Europa weniger, genauso als wenn’s eine Landzunge wäre, oder ein Landgut deines Freundes oder dein eigenes. Jedes Menschen Tod ist mein Verlust, denn ich bin Teil der Menschheit; und darum verlange nie zu wissen, wem die Stunde schlägt; sie schlägt dir selbst.“

John Donne

Ende August am Strand: Die Hitze wabert über blendend weißem Boden. Auf dem Boden trippelt, flirrt und schwirrt es. Hunderte Sandregenpfeifer und Alpenstrandläufer stehen kaum fünf Meter von mir entfernt und tschirpen, tschilpen, plustern und putzen sich wie in einem großangelegten Wimmelbild. Einer streckt entspannt sein schwarzes Beinchen nach hinten. Ein anderer versucht, seinen Fuß von einer Muschel zu befreien, die sich um seinen Zeh gekniffen hat. Ich bin so nahe dran, dass ich sogar einen winzigen Tropfen Blut auf der weißen Muschelschale erkennen kann. Wieder ein anderer beäugt mich skeptisch mit schief gelegtem Köpfchen. Sein perlschwarzes Auge funkelt im Licht. Und ich halte ganz, ganz still. Als er gähnt und den Kopf ins Gefieder steckt, fällt auch meine Anspannung ab.

In den letzten Monaten habe ich gelernt, mich mit viel Zeit und sehr viel Ruhe den Schwärmen so zu nähern, dass ich bisweilen fast mittendrin stehe: Unberechenbare Bewegungen mögen sie gar nicht. Stetige Bewegungen sind okay – am liebsten aber natürlich gar keine. Und am liebsten ist es auch mir, wenn sie auf mich zukommen. Dann weiß ich, dass ich wirklich nicht störe. Das ist ein bisschen wie mit den Kindern in der Notaufnahme. Ohne Zeit muss man das gar nicht versuchen.

Und manchmal fängt dann, wie zur Belohnung für’s lange Stillhalten, auch mein Herz plötzlich wie wild an zu puckern: Ein Ringträger! Mal wieder – ich hatte Ihnen ja schon einmal das Ablesen eines Ringes geschildert. Unendlich langsam arbeite ich mich durch den Schwarm vor, bis ich ein Bild machen kann, das mir Sicherheit gibt. Und einige Stunden später habe ich Gewissheit: Der Vogel stammt aus einem Beringungsprogramm aus der Ukraine. Plötzlich hängen an den steichholzdünnen Bein des kleinen Vogels ganz schön viele Fragen.

Ich habe natürlich versucht, etwas über den Vogel herauszufinden. Es ist gelungen. Dies hier ist die Antwort seines Beringers:

„Hello. That is my bird. However, I am at war and have no access to the database.“

Und so ziehe ich den Hut vor jemandem, der in Gott weiß was für einer Situation seine Mails checkt und versucht ein Vogelberingungsprogramm zu managen. Die Beringungszentrale in Kiew – die tatsächlich arbeitet! – konnte mir schließlich mitteilen, dass der Vogel vor zwei Jahren nahe Mikolajiv beringt worden ist – einer Stadt, die heute gezeichnet ist vom Krieg. Seitdem war der Vogel nicht wieder beobachtet worden.

Zunächst hatte ich mich noch gefragt, ob es womöglich vermessen wäre, sich überhaupt mit so einer Angelegenheit zu melden. Aber dann dachte ich mir, dass auch diese Arbeit weitergehen soll. Ich hoffe sehr, dass der Beringer des Vogels sich freut, wenn er, hoffentlich heil and Leib und Leben, zurückkehrt und sieht, dass seinem Werk ein winziges Stück hinzugefügt wurde. Ich wünsche mir von Herzen, dass der Alpenstrandläufer ein gutes Omen war.

Selbst eine einsame Insel ist also kein Ort, an dem man die Welt einfach vergessen kann. Die riesige Bohrinsel vor meiner Haustür, die gigantomanischen Containerschiffer in der Elbe und der Plastikmüll am Strand führen mir das jeden Tag vor Augen. Aber noch nie war es mir so deutlich, wie an jenem Abend, als ich eine Nachricht von einem Ornithologen bekam, der keine Vögel mehr beringt, sondern mit einem Gewehr um sein Leben kämpft.

Bild 1: Der Alpenstrandläufer, der in Mikolayiv beringt wurde.

Bild 2: Rot markiert sind Mikolayiv als Beringungsort und Trischen als Ort des ersten Wiederfunds.

Stille

Während des Studiums habe ich einmal neben einer vierspurigen Straße gewohnt. Nach vier Jahren in einem Studentenwohnheim, das architektonisch ungefähr den Charme einer stalinistischen Arbeitersiedlung in Nowosibirsk versprühte, freute ich mich über die erste „richtige“ Wohnung und schlug einfach zu, als ich die Gelegenheit hatte, zumal ich mir im Labor inzwischen etwas Geld dazu verdienen konnte. Die Wohnung lag im Hochparterre. Fünf Meter daneben raste der Berufsverkehr durch Münster, nur unterbrochen durch die Einfahrt der Rettungswagen, die sich Tag und Nacht mit Blaulicht und Martinshorn ihren Weg bahnten. Nach zwei Jahren war ich nervlich ziemlich runter. Und das lag nicht an den Klausuren. Lärm macht kaputt.

Und jetzt? Als ich heute Morgen aufwachte, fiel ich geradezu in die Stille. Über Nacht war auch der Wind völlig eingeschlafen, und offensichtlich war ich vor ihm aufgewacht. Gedanken machen keine Geräusche. Und da sich in der Hütte nichts regte, befand ich mich in einem, tonal betrachtet, luftleeren Raum. Aber da war doch etwas: Denn das Fehlen von Geräuschen ist in unserer Welt so ungewöhnlich, dass es den Charakter eines eigenen Klangs bekommt: Man kann die Stille hören.

Das erste Tappen der nackten Füße auf den Holzdielen, das Aufgießen des Kaffees, schließlich das Flattern einer Hausmutter am Fenster, die sich nachts in die Hütte verflogen hatte – ganz langsam begann die Sinfonie des Tages anzuheben. Wenig später stand ich vor der Tür und lauschte, was die Insel heute zu erzählen hatte. Und dann ist es wirklich ein bisschen wie bei Ravels berühmtem Bolero. Ein Ton kommt zum anderen. Und zum Rhythmus von Gezeiten, Sonne und Mond verdichtet sich nach und nach die Klangwelt. Hoch in der Luft quätschen Bekassinen. Es klingt wirklich, als würde man Gummistiefel aus dem Matsch ziehen. Und das Gummistiefelgeräusch kündigt passenderweise den Herbst an. Ich liebe es! Im Lockgebüsch sitzen tschackend Gartenrotschwänze, die die Nacht auf die Insel getragen hat. Zwei Fitisse stimmen mit sanftem „hüüüit“ ein. Eine Gartengrasmücke schaut aufmerksam zu und bleibt still. Etwas später lausche ich, ausgerüstet mit Parabolspiegel und Kopfhörer, in den Himmel, der erfüllt ist von den Rufen der Schafstelzen und Baumpieper, die es gen Süd zieht. Unentwegt rufen sie sich zu: „Hier bin ich! Wo bist du?“ Da oben lebt eine ganze Welt von deren Existenz wir kaum ahnen. Erst die Stille der Insel gibt ihr den Raum, sich in meinem Leben abzubilden.

Stille kann aber auch andere Ausmaße, bis hin zur Gewalt, annehmen. Einige kennt jeder, andere sind privat oder einfach sehr speziell: Der Moment, wenn jemand etwas gesagt hat, das alles ändert. Der Moment, kurz bevor man fällt. Wenn man bei der Auskultation mit dem Stethoskop nur noch die Beatmungsmaschine hört. Wenn man reden möchte, aber nicht kann. Wenn niemand da ist, der zuhört. Stille kann manchmal auch sehr schwer zu ertragen sein. Gestern zog gegen Nachmittag ein schweres Gewitter auf. Es sah aus, als würde jemand am Himmel riesige Tintenpatronen in ein Glas Wasser entleeren. Ich stand da wie gebannt. Irgendwann merkte ich, wie ruhig es war. Nur in der Ferne flötete ein Brachvogel. Schließlich kam jedes Geräusch zum Erliegen. Und dann brach der Donner sich Bahn, mit der Kraft eines brüllenden Ungeheuers aus grauer Vorzeit. Es war, als hätten alle anderen Töne Platz gemacht, damit er sich entfalten kann. Und dann versank die Welt im Rauschen des Regens.

Warum empfinden wir das Dröhnen einer Autobahn als unangenehm, das Plätschern eines Baches aber als schön? Ich finde das sehr rätselhaft und habe keine Antwort. Wahrscheinlich ist sie irgendwo tief in der Struktur unseres Gehirn niedergelegt. Ich finde auch, dass man mit dem gleichen Recht, mit dem jemand sagt: Ich muss hier eine Straße haben! sagen kann: Ich möchte hier keine Straße haben. Man muss das im Einzelfall ausdiskutieren, denn natürlich brauchen wir einen Weg für Rettungswagen. Aber eine Diskussion muss man führen. Man darf nicht einfach unwidersprochen dem Lärm das Feld überlassen. Ich weiß, dass es gut tut, der Stille Raum zu geben. Das kann erschütternd sein, aber auch heilsam. Und es öffnet die Sinne für die Existenz des Anderen: Ob das nun ein Mensch ist, der sich aussprechen muss, oder ein Goldregenpfeifer, der hoch am Himmel tütet: „Ich bin da. Hörst du mich?“

Trifft ein Einsiedler einen anderen…

Eigentlich ist sie ja ziemlich schön. Ich mag ihren Olivton, der an Jade erinnert und von schwarzen und beigen Sprenkeln durchsetzt ist. Die Oberflächenstruktur der Schale sieht aus wie die Strahlen einer kleinen Sonne. Trotzdem kann ich mich nicht so recht an dem freuen, was ich da gerade aus dem Watt gebuddelt habe. Aber dazu später mehr.

Es ist Anfang September. Und das heißt: Wattkartierung. Pünktlich zum Eintreffen der Zugvögel aus der Arktis ist das Watt um diese Jahreszeit randvoll mit Leben. Einen ganzen Sommer lang hatten Abermilliarden Organismen Zeit zu wachsen und sich zu vermehren. Über Millionen Jahre Evolution und etliche tausend Generationen hinweg haben Lebewesen ihren Lebensrhythmus nach und nach so aufeinander abgestimmt, dass für alle eine mindestens brauchbare – also das Überleben und Vermehrung ermöglichende – Gesamtlage dabei herausspringt. Und deswegen landet der Alpenstrandläufer hier, wenn der Tisch auch wirklich gedeckt ist. Ich staune jedes Jahr wieder über die synchronisierten Abläufe in der Natur.

Wattkartierung heißt aber nicht nur staunen, sondern auch schwitzen. 15 Kartierpunkte auf zwei insgesamt fast 10 Kilometer langen Strecken muss ich ablaufen. Kluge Leute nehmen sich ein paar Kolleginnen oder Freunde und, wie in der Anleitung empfohlen, „Motivationsschokolade“ mit. Ich habe allerdings auch schonmal von Motivationsbier gehört (Sie ahnen sicherlich, auf welche Idee man bei 15 Kartierpunkten kommen kann – ich halte die Story aber für erfunden..). Auf Trischen sieht’s anders aus. Hier heißt es: Du und das Watt. Und so ziehe ich denn los. Auf meinem Wagen schaukeln ein zur Probeentnahmeröhre umfunktioniertes altes Rohr, ein Spaten und eine Kiste mit dem unabdingbaren Kleinkram. Das GPS-Gerät halte ich in der Hand. Zwischen glucksenden Spüllöchern und stochernden Watvögeln führt es mich zu den vorgesehenen Punkten. Da im gesamten Wattenmeer seit Anfang der 90er Jahre solche Kartierungen vorgenommen werden, lassen sich auf lange Sicht sehr präzise Aussagen über die Dynamik von Populationen verschiedenster Arten treffen. Das ist ein Datenschatz, den sich viele andere Wissenschaftler nur wünschen können.

Aber ich merke einmal mehr: Puh! Wissenschaft ist anstrengend! Die Sonne brennt. Der Schweiß läuft in Strömen. Ich wette, der Salzgehalt der Nordsee liegt um mindestens einen Prozentpunkt höher, wenn Mitte September alle Kartierteams ihre Arbeit verrichtet haben. Das Watt in der Südostbucht ist ausgesprochen schlickig, denn hier kommt das Wasser zur Ruhe. Feinste Teilchen sedimentieren und lassen meine Beine bis zum Knie versinken. Der Wagen sammelt den Schlamm, ihm fehlen die Kotflügel. Alle hundert Meter muss ich ihn vom durch die Räder heraufgeworfenen Schlick befreien. Schließlich gibt sich das Problem, da sie sich irgendwann ohnehin nicht mehr drehen – jetzt habe ich einen Schlitten. Ich zähle Oberflächenspuren, bohre mit der Proberöhre, grabe mit dem Spaten. Als ich nachhause komme, bin ich fix und alle und sehe aus wie das Ding aus dem Sumpf.

Aber jetzt müssen die Proben sortiert werden. Und da fällt mir die Hübsche von oben entgegen. Es handelt sich um eine Teppichmuschel der Gattung Ruditapes. Sie stammt aus dem Pazifikraum und wurde durch Menschen sowohl wissentlich eingebürgert, da sie als Speisemuschel dient, als auch versehentlich eingeschleppt. Leider ist inzwischen belegt, dass sie durch ihre ungeheure Filtrationsleistung die Entwicklung heimischer Muschelarten beeinträchtigen kann. Dennoch, eine Muschel ist ein faszinierendes Wesen: Zwischen den Schalen lebt etwas, das fast nur aus Muskel und ein bisschen Verdauungstrakt besteht. Wenn man daran ein wenig herumphilosophiert (und vielleicht einen kleinen Sonnenstich hat), kommt man auf interessante Gedanken.

Der zweite Tag geht leichter von der Hand. Im Nordwesten ist das Watt sandiger, da hier viel stärkere Strömung vorherrscht. Im Vergleich zum Vortag habe ich das Gefühl, über das Watt zu fliegen. Und dann finde ich noch einen possierlichen kleinen Einsiedlerkrebs, der auf meiner Hand für einen Fototermin posiert. Schön!

Zurück in der Hütte falle ich fast vom Glauben ab: Mit noch schlammigen Füßen lese ich eine Mail. Und in der Mail steht, ich möge doch bitte nach dem invasiven Einsiedlerkrebs Pagurus longicarpus Ausschau halten, der sich inzwischen in hiesigen Gefilden ausbreitet… Pagurus longicarpus erkennen Sie an einem grün-bläulichen Schimmer auf der Schere. Außerdem ist das Glied dahinter verlängert und wirkt gestreckter als beim heimischen Einsiedlerkrebs. Und jetzt schauen Sie sich mal die Fotos an.

Die Zeiten ändern sich also. Arten, die früher noch häufig waren, verschwinden. Neue stellen sich ein. Oft konkurrieren sie miteinander um Ressourcen, zum Beispiel um Plankton, wie Muscheln es aus dem Wasser filtern, oder Gehäuse von Strandschnecken als Behausung, wie Einsiedlerkrebse sie nutzen. Wie die Sache ausgeht, ist nicht immer einfach zu sagen. Manchmal kommt es zur Koexistenz, manchmal können sich Arten etablieren, während andere sich nicht mehr halten. Fest steht, dass der Mensch durch Einschleppungen und vor allem die durch ihn bedingten klimatischen Veränderungen stark zu diesen Prozessen beiträgt. Ich bin gespannt, wie die Ergebnisse der Wattkartierung in zwanzig Jahren aussehen.

In diesem Zusammenhang habe ich noch eine Anmerkung: Manchmal werden grobe Analogieschlüsse von der Natur auf den Menschen genutzt, um politisch Stimmung zu machen. Es ist mir deshalb wichtig zu betonen, dass wir Menschen alle zu einer Art gehören, ob das nun dem Einzelnen passt oder nicht. Abgesehen davon sind Sie und ich, anders als die Teppichmuschel, an moralische Maßstäbe gebunden. Das macht uns zu Menschen. Wer immer das nicht begreift, dem können Sie also gerne sagen, dass er offensichtlich nicht viel mehr Gehalt hat als, nun ja, ein paar Muskeln und einen erstaunlich langen Verdauungstrakt.

 

Ornithologische Fein(st)arbeit

Denken Sie mal an irgendeine beliebige Krankenhausserie. Da geht es ja ständig drunter und drüber, ein Rettungswagen jagt den nächsten, verständnisvolle Ärztinnen sprechen schwerwiegende Diagnosen aus, meistens brennt neben den Herzen der Protagonisten auch noch ein Kindergarten oder wenigstens ein Tierheim und sorgt für noch mehr Drama. Und irgendwer reanimiert eigentlich immer. Das hat mit der Realität natürlich nur bedingt etwas zu tun. Aber manchmal gibt es solche Tage im Krankenhaus tatsächlich. Nun bin ich ja aktuell in anderer Funktion tätig. Aber ich kann Ihnen sagen: Gäbe es eine Emergency-Ornithologen-Serie, wäre heute solch ein Tag gewesen!

Früher Nachmittag. Ich stehe etwa 100 Meter neben der Hütte am Rande der Südostbucht. Die Flut läuft auf. Gerade habe ich den schlickigen Hafenpriel durchwatet, um mich in eine günstige Position zu bringen. Denn das Wasser wird die Watvögel auf mich zu treiben, wenn sie gerade eben vor der Wasserkante konzentriert nach Nahrung suchen und mich nicht bemerken. Ich bin gewappnet: Fernglas und das bis zu 60-fach vergrößernde Fernrohr sind im Anschlag. Schon eine halbe Stunde später ist das Wasser heran – und mit ihm die Vögel. Auf der kleinen Landzunge bin ich umgeben von leise tschirpenden Alpenstrandläufern, Sanderlingen, Sand- und Kiebitzregenpfeifern. Über den Kopf sausen Dunkle Wasserläufer. Und dann geht alles sehr schnell. Plötzlich landet neben zwei Alpenstrandläufern eine kleine Seeschwalbe, die mir allerdings nur den Hintern zustreckt. Rote Füße, dunkle Kappe, die Federsäume verraten ein Jungtier – und dazu die langen Beine – das ist etwas Besonderes! Aber was? Es gibt zwei Möglichkeiten, doch wahrscheinlich nur wenige Sekunden Zeit eine Entscheidung zu treffen. Und schon beginnt das innerliche Flehen, Betteln und Fluchen: Bitte dreh dich zur Seite. Ja, noch ein Stückchen! Verdammt, jetzt steht der Alpi davor! Bitte flieg nicht weg. Hektische Finger suchen nach dem Handy, um schnell ein paar Fotos durchs Fernrohr zu schießen. Jeder Moment, in dem ich versuche, das Telefon vor die Linse zu kriegen, ist einer, in dem ich nicht beobachten kann. Die Wahl fällt schwer, aber wenn der Vogel gleich doch abfliegt, habe ich weder einen Beweis noch die Möglichkeit, die Details zu begutachten, um sicher zu sein. Und schon ist es passiert. Alle Vögel fliegen hoch. Weg ist sie. Immerhin: Ein paar Fotos sind gelungen. Der Schweiß steht auf der Stirn.

Und jetzt beginnt die ornithologische Feinarbeit. War es doch „nur“ eine junge Trauerseeschwalbe – oder die hier sehr viel seltenere Weißflügelseeschwalbe? Als der Vogel aufflog, ist mir der weiße Bürzel aufgefallen. Das unterscheidet die beiden Arten im Jugendkleid. Ich hatte mich zufälligerweise vor einigen Tagen mit einem Freund über genau dieses Detail unterhalten. Aber genau das ist auf dem Bild nicht zu erkennen, denn da sitzt die Seeschwalbe und der Bürzel ist nicht sichtbar. Die Brustseite, die bei der Weißflügelseeschwalbe heller ist, war leider gar nicht zu sehen. Allerdings sprechen die langen Beine sehr für diese Art. Und jetzt ist es tatsächlich ein bisschen wie in der Medizin: Wenn’s kritisch wird, lieber eine Zweitmeinung einholen. Und zwar am besten von einem erfahrenen Kollegen. Mein ornithologischer Oberarzt heißt in diesem Fall Martin Kühn. Martin, Nationalparkranger und absolutes Schwergewicht in Sachen Vogelbestimmung, sichert die Diagnose ab: Weißflügelseeschwalbe! Ich freue mich. Diese Art wurde vor 21 Jahren zuletzt auf Trischen beobachtet. Es ist hier die vierte Sichtung seit Beginn der Aufzeichnungen.

Wenig später am Weststrand. Ich habe mich bis auf zwanzig Meter an einen emsigen Trupp Steinwälzer und Alpenstrandläufer herangepirscht. Die Freude ist groß, denn gerade ist mir gelungen, bei einem Alpenstrandläufer einen Ring, den er ums Bein trägt und auf dem klitzeklein ein Code steht, abzulesen. Wenn ich zuhause bin, kann ich nachvollziehen, woher der Vogel stammt, wie alt er ist und mit der Beobachtung auf Trischen einen kleinen Teil zur Erforschung dieser Art beitragen. Doch dann blitzt ein paar Meter weiter plötzlich etwas in der Sonne. Da ist ja noch einer! Dieser Vogel trägt allerdings keinen Farbring mit Code, sondern nur einen winzig kleinen Aluminiumring. Diese Ringe werden eigentlich nur abgelesen, wenn man den Vogel in der Hand hält, also bei einem Wiederfang oder Totfund. Der Ring ist nur einen Millimeter weiter als der Durchmesser eines Beins des kaum starengroßen  Vogels… Aber jetzt ist mein Ehrgeiz geweckt. Über eine Stunde später ist der Vogel nahezu umrundet. Ich bin kaum noch fünf Meter von ihm entfernt. Natürlich hat er nicht stillgestanden. Natürlich war die Sonne entweder viel zu hell und der Ring gleißte unablesbar im Licht. Oder das Gegenlicht war zu stark und er lag unergründlich im Dunkeln. Und selbstverständlich hüpften, als würden sie es absichtlich machen, permanent andere Vögel in die Sichtachse. Es ist eine Zitterpartie. Ich muss an meine Zeit in der Neurochirurgie denken, wo ich manchmal bei Operationen assistieren durfte, bei denen es auch auf den Millimeter ankam und der Operateur sich keinen Ausrutscher leisten durfte. Anderer Kontext natürlich, aber für mich beides ziemlich aufreibend. Und dann ist es tatsächlich doch geglückt: Mit sehr viel Geduld und noch mehr Behutsamkeit, mit Zeitlupenbewegungen und einer inneren Anspannung zum Zerplatzen: Der Code auf dem Ring lautet JT8407 Poland. Operation geglückt. Das klappt lange nicht immer alles so wie heute. Letzten Sonntag hatte ich nach einer längeren Durststrecke noch ein Gesicht gemacht wie sieben Tage Regenwetter.

Wenn keine Ziffer fehlt, wissen wir in ein paar Tagen mehr über den Vogel (der Patient ist also sozusagen noch nicht ganz über den Berg). Unten habe ich Ihnen einmal ein paar Ringe abfotografiert. Der große ist der Farbcodering einer Silbermöwe, der nächstkleinere der Aluminiumring einer Silbermöwe, der kleinste gehörte zu einer noch kleineren Brandseeschwalbe. Halbieren Sie die Größe des letzten, und sie landen bei der Ringgröße des Alpenstrandläufers. Darunter die Bilder vom Vogel und seinem Ring.

Im Bild darunter die Weißflügelseeschwalbe (die erwachsenen Tiere sehen übrigens ganz anders aus. Googeln sie ruhig mal, es lohnt sich!).