Beobachtungen Beiträge

Birdrace 2026

Moin!

Am vergangenen Wochenende war es wieder so weit: Der wichtigste Tag im Jahr stand an – das Birdrace. Es wird jährlich vom Dachverband Deutscher Avifaunisten (DDA) organisiert und ist ein bundesweiter Wettbewerb, bei dem es – neben der Freude an der Vogelbeobachtung – darum geht, innerhalb von 24 Stunden so viele verschiedene Vogelarten wie möglich zu sehen oder zu hören. Im Idealfall tritt man dabei in Teams an, doch dieses Jahr musste ich die Herausforderung zumindest physisch ohne mein Team, die „Rothausschwänze“, annehmen. Der Rest meines Teams trat zeitgleich in Südbaden und am Dithmarscher Festland an.

Die Aufregung war so groß, dass ich – obwohl der Wecker eigentlich auf 5:00 Uhr gestellt war – bereits um 4:00 Uhr hellwach im Bett lag. An Schlaf war nicht mehr zu denken und noch direkt aus dem Bett konnte ich die ersten beiden Arten, Rotschenkel und Austernfischer, die das Rennen draußen lautstark einläuteten, auf meine Liste setzen.

Pünktlich zum Sonnenaufgang verband ich dann die Arbeit mit dem Vergnügen und machte mich an eine anstehende Brutvogelkartierung. In einer wunderschönen Morgenstimmung konnte ich so die nächsten Arten feststellen. Besonders freute ich mich über eine Wasserralle, die sich mir für einen kurzen Moment zeigte.

Nach dieser großen Runde über die Insel ging es erst einmal zurück zur Hütte für ein kleines Mittagsschläfchen, um wieder Kraft für den restlichen Tag zu tanken. Kurz vor Hochwasser machte ich mich dann auf den Weg zur Südspitze. Dort wartete ich, gut versteckt in den Dünen, auf die mit der Flut kommenden Limikolen und auf Axel, der sich für diesen Tag mit einer Versorgungsfahrt angekündigt hatte.

An Bord der „Luise“ gab es erst einmal ein deftiges Mittagessen und dazu ein paar Löffler- und Brachvogelbeobachtungen aus nächster Nähe, da Vögel Boote (ähnlich wie Autos) als deutlich weniger bedrohlich einstufen als Menschen und sich deshalb nicht stören ließen.

Auf dem Rückweg zur Hütte passierte dann noch etwas Spannendes: Ein Sandregenpfeifer versuchte mich zu „verleiten“. Das bedeutet, der Vogel täuscht eine Verletzung vor, um einen potenziellen Feind von seinem Nest oder seinen Jungen wegzulocken. Mein Interesse war natürlich geweckt und nach kurzem, vorsichtigem Umschauen entdeckte ich tatsächlich den Grund: zwei winzige „Pulli“, die es mit ihren langen Beinen nicht schwer hatten, ihren Eltern zu folgen. (Als Pulli (Einzahl: Pullus) werden Jungvögel bezeichnet, die noch nicht flügge sind.)

Eines der Elterntiere war beringt, und beim Ablesen der Ringkombination stellte sich heraus: Es ist ein alter Bekannter auf Trischen! Wer den Blog schon länger verfolgt, hat mit Sicherheit schon von ihm gelesen (ansonsten lohnt es sich, die Suchfunktion mit dem Stichwort „Sandregenpfeifer“ zu bemühen).

Den Abend ließ ich dann entspannt auf dem Hüttenumlauf ausklingen. Nach einem spektakulären Sonnenuntergang war ich eigentlich schon bereit fürs Bett, doch dann schob sich der Mond so majestätisch über den Horizont, dass ich mich noch einmal mit letzter Kraft die Treppe hinunter zum Strand schleppte, um dieses Motiv festzuhalten.

Am Ende des Tages standen dann 35 Arten auf meiner Liste, mein Team kam dabei auf 150 Arten und auch wenn es auf Trischen spannend war: In Gesellschaft ist das Birdrace immer noch am schönsten und ich freue mich schon jetzt darauf, nächstes Jahr wieder gemeinsam „racen“ zu gehen.

Zum Schluss noch zwei Hinweise:

Stunde der Gartenvögel: Wer nicht eh schon teilgenommen hat: Bis morgen läuft noch die „Stunde der Gartenvögel“ des NABU – quasi ein etwas entspannteres Birdrace, aber mindestens genauso wichtig für den Naturschutz!

Außerdem ist die Stellenausschreibung für den/die Naturschutzwart*in 2027 auf Trischen online. Falls ihr auch Lust auf dieses besondere Erlebnis und diese Arbeit habt: Ihr könnt euch noch bis zum 31. Mai auf der Website des NABU Schleswig-Holstein bewerben.

Trischen, den 09.05.2026

[Totfunde] Ein Erstnachweis und das etwas andere „Lockgebüsch“

Nach meinem letzten, eher persönlichen Einblick wird es heute wieder etwas fachlicher. Wie bereits angekündigt, möchte ich mich in diesem Beitrag mit dem beschäftigen, was neben Müll und Plastik sonst noch hier auf Trischen angeschwemmt wird.

Doch bevor wir zum „Angeschwemmten“ kommen, blicken wir erst einmal auf etwas „Angeflogenes“, das mich ziemlich unvorbereitet traf.

Der Erstnachweis

Schon direkt bei meiner Ankunft auf Trischen entdeckte ich unter der Hütte etwas, bei dem ich zweimal hinsehen musste, bevor ich meinen Augen trauen konnte: eine tote Schleiereule.

Schleiereulen, die in Europa vor allem als Kulturfolger auftreten und offene Agrarlandschaften bewohnen, kenne ich aus meinem Heimatdorf sehr gut. Ihr charakteristisches, schrilles Kreischen hat mich (nicht nur) aus Faszination schon so manche Nacht wachgehalten. Sie nun leblos und still hier auf Trischen aufzufinden, verwunderte mich nicht nur aus fachlicher Perspektive, sondern ließ mich auch persönlich nicht ganz unberührt.

Meine Verwunderung bestätigte sich nach einer kurzen Recherche in den Berichten meiner VorgängerInnen: Es handelt sich hierbei tatsächlich um einen Erstnachweis dieser Art für die Insel.

Wie die Eule hier mitten im Wattenmeer landete, bleibt Spekulation. Vielleicht wurde sie durch starke Winde verdriftet. Dass sie im Zuge der im Herbst typischen Wanderungen der Jungvögel hierhergelangt ist und den Winter überlebt hat, halte ich für unwahrscheinlich. Eines ist jedoch sicher: Auf der Insel hatte sie kaum Überlebenschancen. Ihre typische Nahrung in Form von Kleinsäugern, insbesondere kleinen Nagetieren, fehlt hier völlig. Das Tier ist vermutlich entkräftet verhungert – ein trauriger und zugleich überaus spannender Fund.

 

Das „Lockgebüsch“ der anderen Art

Ebenfalls in meiner ersten Woche fand ich im Spülsaum einen toten Schweinswal. Anstatt ihn der nächsten Flut zu überlassen, entschied ich mich dafür, den Wal noch als „Köder“ für all die aasfressenden Bewohner Trischens zu verwenden: Ich schleppte den Kadaver also an eine etwas erhöhte Stelle am Strand und installierte eine Wildkamera davor.

01.04.2026 09:02/01.04.2026 17:49/07.04.2026 06:25

Wildkameras sind in der modernen Forschung an vielen Stellen mittlerweile unverzichtbar. Sie sind eine wunderbare Methode „geringer Invasivität“: Man erhält intime Einblicke in das Verhalten von Tieren, ohne sie durch Anwesenheit zu stören oder gar zu verscheuchen. Solche Kameras sind inzwischen auch relativ erschwinglich, sodass sie auch im privaten Bereich – etwa auf dem Balkon oder im Garten – faszinierende Beobachtungen ermöglichen.

Schon bei meinem nächsten Kontrollgang, bei dem ich die Speicherkarte wechseln wollte, war der Kadaver verschwunden. Hatte ich ihn doch nicht flutsicher genug platziert? Ein langes Spekulieren ersparte ich mir, denn die Kamera lieferte die Antwort: Ein Seeadler hatte den – nach einer Woche bereits deutlich mitgenommenen – Delfinartigen kurzerfang weggeschleppt. Die genaue Auswertung der über 3.000 Bilder hebe ich mir für trübe Bürotage auf. Besonders interessiert mich, neben den verschiedenen Arten, die sich am Kadaver bedienten, auch, ob ich vielleicht beringte Vögel ablesen kann.

Die „Entführung“ (09.04.2026 09:02)

 

Weitere Funde

Des Weiteren gibt es hier noch eine kleine Auswahl an Totfunden, die ich bisher am Strand entdecken konnte. All diese Arten konnte ich – dem Umstand geschuldet, dass sie leblos herumlagen – zum ersten Mal aus direkter Nähe betrachten.

Die Seehunde, die wohl zu unseren bekanntesten Meeressäugern gehören, sehe ich sonst meistens nur in der Ferne, wie sie auf den Sandbänken die Sonne auf den Bauch scheinen lassen oder ab und zu ihre Köpfe aus dem Wasser strecken. An einem dieser Seehunde – der sich die Sonne schon deutlich länger aufs Gerippe scheinen lässt – komme ich nun einmal wöchentlich vorbei, wenn ich zur Südspitze der Insel laufe, um meinen Proviant für die Woche abzuholen.

Ebenfalls angespült wurden gleich zwei „Kleingefleckte Katzenhaie“. Man findet hier zwar oft ihre charakteristischen Eikapseln im Spülsaum, doch die ausgewachsenen Tiere mit ihrer wunderschönen Punktierung habe ich zuvor noch nie gesehen. Ein weiterer Fund war eine Trauerente, diese Art habe ich bisher vor allem beim „Seawatching“ in Trupps in kilometerweiter Entfernung als dunkle Punkte vorbeiziehen sehen. Zuletzt entdeckte ich noch eine Trottellumme – auch diese Art habe ich bisher nur aus der Ferne gesehen, zum Beispiel auf Helgoland, wo die Art an den Felsen brütet.

 

Terminhinweise

Zum Schluss möchte ich noch auf zwei Termine hinweisen, die mir besonders am Herzen liegen:

1. Mai: Tag der Arbeit

Gerade in Zeiten, in denen die Errungenschaften der ArbeiterInnenbewegung zunehmend unter Beschuss stehen, ist es wichtig, sich zu organisieren und diese Errungenschaften zu verteidigen. Da ich hier draußen die Stellung halten muss und mich nicht selbst an den Demonstrationen beteiligen kann, hoffe ich auf euch: Vielleicht können diejenigen, die es bisher noch nicht getan haben, an meiner statt auf die Straße gehen. Selbst auf das Hissen einer roten Fahne muss ich dieses Jahr verzichten – so sehr ich es gerne täte, die Gefahr, dass sie als offizielles Seezeichen missverstanden wird, ist mir doch zu groß.

2. Mai: Birdrace des DDA

Direkt im Anschluss folgt der für „Birder“ wohl wichtigste Tag im Jahr: Das Birdrace des Dachverbandes Deutscher Avifaunisten.

Auch wenn ich dieses Jahr zumindest physisch nicht gemeinsam mit meinem Team, den „Rothausschwänzen“, durch die Gegend ziehen kann, werde ich hier auf Trischen alles geben. Ich bin extrem gespannt, welche Arten mir vors Spektiv fliegen, und werde euch im Nachgang natürlich davon berichten. Im Gegensatz zum oft recht sportlichen Programm in Südbaden freue ich mich dieses Jahr auf ein etwas entspannteres, beinschonendes „Rennen“ direkt von der Hütte aus.

In diesem Sinne wünsche ich euch allen einen kämpferischen 1. Mai und „Gut Glas“ fürs diesjährige Birdrace! 

Trischen, den 29.04.2026

Insekten im Wattenmeer

Moin!

Den heutigen Blogeintrag muss ich mit einer Korrektur starten: Im letzten Eintrag habe ich behauptet, ich sei das einzige „Säugetier“ auf Trischen. Dabei habe ich völlig die Seehunde unterschlagen, die sich gerade vor allem an der Nordspitze der Insel die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Nicht alles, was Flossen hat, gehört zu den Fischen! 😉

Neben meinem Hauptaugenmerk, den Vögeln, möchte ich heute einer weiteren Klasse Aufmerksamkeit schenken: den Insekten. Ohne sie hätten viele Vogelarten hier auf der Insel nämlich schlichtweg keine Nahrung, und zudem ist das Themenjahr 2026 des Nationalparks Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, zu dem Trischen gehört, ganz diesen faszinierenden Sechsbeinern gewidmet.

Besonders die Nachtfalter haben es mir angetan, auf die ich im Laufe der Saison auch noch genauer eingehen möchte, aber daneben gibt es natürlich unzählige andere Gruppen. Da man sich unmöglich auf alle spezialisieren kann, muss ich an dieser Stelle an einen sowjetischen Entomologen (Insektenforscher) denken, den ich 2018 auf einer Exkursion in Kirgistan kennenlernen durfte. Sein Rat hat mir schon während meines Studiums viel Kopfzerbrechen erspart:

„Man muss nicht alles wissen, man muss nur wissen, wo man nachschlagen kann.“

Früher schleppte man dafür dicke Bestimmungsbücher durch die Gegend, heute sind diese nach und nach digitalen und schließlich KI-gestützten Hilfen gewichen. Die Bandbreite ist mittlerweile riesig, aber ich möchte heute besonders auf ObsIdentify eingehen, die ich selbst schon seit vielen Jahren nutze.

Was mir an ObsIdentify (bzw. observation.org) gefällt, sind vor allem die „Community-Features“. Man kann in Gruppen die Entdeckungen von Freundinnen und Freunden sehen, es gibt Ranglisten und „Errungenschaften“, die man freischalten kann – fast wie in einem Spiel. Ein großer Pluspunkt: Das Projekt ist transparent finanziert und richtet sich nach europäischen Datenschutzrichtlinien. Im Vergleich dazu bietet als Beispiel das US-Pendant iNaturalist zwar oft die schickeren Funktionen, verarbeitet die Daten aber eben in den USA, was ich kritisch sehe. Und noch der Vollständigkeit halber: Der NABU bietet mit den Apps „Vogelwelt“ und „Insektensommer“ ebenfalls eigene Bestimmungshilfen an. Ich persönlich habe damit zwar noch keine Erfahrungen gesammelt, aber ich denke, dass sich auch hier ein Reinschauen lohnen kann.

Aber – und das ist mir wichtig zu betonen: Die Benutzung solcher Apps hinterlässt digitale Spuren. Wenn ich mir meine eigene „Heatmap“ anschaue, sehe ich genau, wo ich die letzten Jahre war, gearbeitet und geschlafen habe. In der heutigen Zeit, in der Daten oft wertvoller sind als Gold, müssen wir uns bewusst machen: Sobald wir ein Smartphone in der Tasche haben, sind wir nachvollziehbar. Die App ist nur ein Teil eines viel größeren digitalen Fußabdrucks, den wir ständig hinterlassen.

 

 

Und trotz aller Technik-Begeisterung gilt: Eine KI ist eine Hilfe, aber (noch) kein Ersatz für echte Expertinnen und Experten. Eine App erkennt oft nur das Offensichtliche. Deshalb schätze ich an ObsIdentify besonders, dass viele Beobachtungen im Hintergrund noch von echten Fachleuten geprüft und validiert werden.

In diesem Sinne: Wer meine Beobachtungen verfolgen oder selbst aktiv werden will, ist herzlich eingeladen, in meine Trischen-Gruppe bei ObsIdentify zu kommen! Es gibt eine Rangliste, und für den ersten Platz am Ende der Saison werde ich mir einen Preis überlegen – Mitmachen lohnt sich also! Beitreten könnt ihr über diesen Link oder indem ihr den QR-Code scannt.

 

Einladungscode ObsIdentify

 

Übrigens: Vor ca. 2 Wochen habe ich ein kleines Experiment gewagt und eine Flaschenpost auf Reisen geschickt. Diese wurde mittlerweile tatsächlich gefunden! Dazu aber im nächsten Beitrag mehr.

 

Trischen, den 13. April 2026

Sensation (diesmal wirklich!) im Lockgebüsch und die ersten 14 Tage auf Trischen

Moin zusammen!

Zuerst einmal die wichtigste Nachricht für alle, die in den letzten Tagen den Horizont nach ägyptischen Bergungshubschraubern abgesucht haben: April, April!

Der vermeintliche Sarkophag entpuppte sich bei genauerer Betrachtung als ein alter Backstein, vermutlich ein Überbleibsel des Luisenhofes, einem landwirtschaftlichen Betrieb, den es früher einmal auf Trischen gab. (Weitere Infos dazu findet ihr hier). Auch eine spannende Geschichte, aber eben nicht ganz so spektakulär wie die Ladung der Pharaonen. Danke an alle, die den Spaß mitgemacht haben!

Doch während ich mir diesen Scherz erlaubt habe, ereignete sich am 1. April tatsächlich noch eine echte Sensation, die ganz ohne Hieroglyphen auskommt:

 

Der Gast im Lockgebüsch

Ein Teil meiner ersten Arbeitstage bestand darin, das „Lockgebüsch“ an der Hütte aufzustocken. Das sind künstlich platzierte Zweige, die Singvögeln in der baumlosen Weite des Watts Schutz bieten. Dass sich diese Mühe lohnt, zeigte sich prompt: Genau dort konnte ich am 1. April um 15:45 ein beringtes Schwarzkehlchen-Weibchen fotografieren.

Nach Rücksprache mit meinem Vorgänger Jakob Wildraut (dem „Herrn der Ringe von Trischen“ 😉), der mir den Kontakt zum Beringer des Vogels vermittelte, war das Staunen groß: Der Vogel wurde im September 2025 in Glen Dye, Schottland, beringt und ist erst der zweite Nachweis eines in Großbritannien beringten Schwarzkehlchens in ganz Deutschland!

Besonders beeindruckend: Das junge Weibchen ist erst im letzten Sommer geschlüpft. Nachdem sie den Winter vermutlich im milderen Süden verbracht hat, führt sie ihre erste Rückreise ins Brutgebiet nun über Trischen in unser Lockgebüsch. Ein kleiner Vogel im zweiten Kalenderjahr, der bereits über 1.000 Kilometer Flugerfahrung in den Schwingen hat (alleine die Luftlinie zwischen Trischen und Glen Dye beträgt rund 800 km!).

An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Beringer Moray Souter für die schnelle Antwort, all die spannenden Details und die freundliche Zurverfügungstellung des Bildes von der Beringung in Schottland. Ohne das Gebüsch als sicheren Landeplatz hätte diese Sichtung mit ziemlicher Sicherheit nicht zustande kommen können.

 

Spuren im Sand

Während sich mein Blick hier meistens gen Himmel oder in die Ferne richtet, nutzte ich die windstillen Tage für Kontrollgänge am Strand und entlang der Dünenkante. Hier betreibe ich Spurenlese, und bisher ist das Ergebnis zum Glück beruhigend: Im Sand entdecke ich ausschließlich meine eigenen Abdrücke und die Fährten von Vögeln.

Das ist eine wichtige Nachricht für den Bruterfolg auf Trischen: Bisher gibt es keine Spuren von Prädatoren wie Ratten oder Füchsen. Für die bodenbrütenden Vögel wäre das Auftauchen von Raubsäugern fatal. Jedes Mal, wenn ich also nach einer Runde über den Strand feststelle, dass außer mir kein Säugetier hier unterwegs war, atme ich tief durch.

Bei Windstille bleiben Fährten im Sand lange erhalten – ideale Bedingungen für die Spurensuche.

 

Geburtstag auf einer einsamen Insel

Inmitten der Phase des Ankommens fiel außerdem ein (zumindest für mich) besonderer Tag: mein Geburtstag. Es war eine seltsame, aber wunderschöne Erfahrung, diesen Tag hier auf der Insel zu verbringen, zwar ohne menschliche Gäste, dafür mit tausenden Vögeln.

Meine Sorge, den Tag ohne Kuchen verbringen zu müssen (ich hatte glatt vergessen, Mehl mit auf die Insel zu nehmen), war verflogen, als ich das Päckchen öffnete, das mir meine Vorgängerin Mareike über Axel zukommen ließ: Ein leckerer Zitronenkuchen!

 

Fazit nach 14 Tagen:

Ich würde sagen: Ich bin angekommen. Die Insellogistik steht, die für mich jedes Jahr aufs Neue anfängliche Herausforderung als „Südlicht“ bei der Bestimmung der Küstenvögel ist verflogen und die ersten Erfassungen sind gemacht. Die nächsten Wochen werden intensiv, wenn die Hauptbrutzeit beginnt, aber das Fundament steht. Ich bin sehr gespannt, welche Überraschungen und Sensationen Trischen noch für mich (und euch) bereithält.

 

Und noch ein wichtiger Hinweis für den Blog:

„Wo viel Leben ist, wird viel gestorben.“ Dieser Satz trifft auf das Wattenmeer ziemlich gut zu. Die enorme biologische Produktivität hier draußen bringt untrennbar auch eine hohe natürliche Sterblichkeit mit sich, ein Kreislauf, der hier auf Trischen zum täglichen Bild gehört.

Ich möchte euch dieses ungeschminkte Bild der Insel nicht vorenthalten. Damit ihr wisst, was euch erwartet, werde ich Beiträge mit solchen Inhalten künftig direkt im Titel mit dem Zusatz [Totfund] kennzeichnen. In diesen Beiträgen werde ich Funde dokumentieren, die den Tod und den Verfall zeigen. Die entsprechenden Aufnahmen setze ich zudem ganz ans Ende der jeweiligen Artikel. Wer sensibel auf Darstellungen von toten Tieren reagiert, sei hiermit um Vorsicht beim Scrollen gebeten.

 

Trischen, den 3. April 2026

Vom Staunen zum Handeln: Zwei seltene Entdeckungen und die Artenvielfalt

Vom Staunen zum Handeln: Zwei seltene Entdeckungen und die Artenvielfalt

Oft widme ich meine Blogeinträge ja den gefiederten Freunden um mich herum. Doch diesmal möchte ich von zwei Entdeckungen erzählen, die auch fliegen – aber ohne Federn und was sie mit der Shifting Baseline zu tun haben.

Seltene Bewohnerin der Salzwiesen

Die Strandaster (Aster tripolium) ist eine charakteristische Art der Salzwiesen, die diese im Spätsommer und Frühherbst mit ihren zartlila Blüten schmückt. Ende August suchte ich dichte Bestände der Strandaster gezielt ab, um eine ganz besondere Bewohnerin der Salzwiesen zu finden: Die Strandaster-Seidenbiene (Colletes halophilus). Und schon nach wenigen Minuten hatte ich Glück: Zwei Weibchen dieser seltenen Wildbienenart sammelte emsig Pollen an den vielen Blüten. Was für ein Glück!

Blühende Strandastern (Aster tripolium) auf Trischen

 

Strandaster-Seidenbiene (Colletes halophilus) beim Pollen sammeln

Die Standaster-Seidenbiene wurde 2019 das erste Mal sicher auf Trischen nachgewiesen und 2015 erstmals in Schleswig-Holstein. Eine Bekannte, die sich seit Jahren mit Wildbienen in Schleswig-Holstein beschäftig, erzählte mir noch einige spannende Fakten: In Deutschland ist die Art extrem selten. Das liegt vor allem an ihrem speziellen Lebensraum: Die Strandaster-Seidenbiene gräbt ihre Brutröhren in den Sand, dort legt sie ihre Eier mit einem Vorrat an Pollen der Strandaster als Nahrung für die Larven ab. Da die Gefahr von Überflutungen groß ist, hat die Seidenbiene vorgesorgt: Sie produziert einen polyesterartigen Kokon für ihren Nachwuchs. Wenn das Meer die Brutröhren überspült, sind die Eier bzw. Larven in ihrem Luftsack sicher und ertrinken nicht. Eine geniale Erfindung, finde ich!

Heimliche Hüttengäste

Ein paar andere fliegende Gäste habe ich nicht gezielt aufgesucht. Diese haben sich ein besonders lauschiges Plätzchen, zwischen der Hüttenwand und meinem Duschsack, ausgesucht. Als ich ihn abhängte, um ihn mit Wasser zu befüllen staunte ich nicht schlecht als ich in die Augen von fünf kleinen Fledermäusen schaute. Die Fünf waren mindestens genauso überrascht wie ich, suchten sich aber nach einem kurzen Schock eine andere Bleibe um den Tag zu überdauern. Wie sich abends herausstellte allerdings nicht unbedingt eine geeignete: Als es dunkel wurde flatterte nämlich plötzlich einer der Kollegen in meiner Hütte umher. Wieder einmal waren beide Seiten etwas überrascht und überfordert, doch nach ein wenig Zeit und Überwindung (die Handhabung von Vögeln bin ich durch viele Jahre Vogelberingung gewohnt, aber eine Fledermaus hatte ich noch nie in der Hand) schaffte ich es den armen Irrgast in einem Karton nach draußen zu bringen. Beim Umgang mit Fledermäusen gilt: Immer Handschuhe anziehen! (Hier gibt es mehr Informationen zum Umgang mit verirrten Fledermäusen.)

Meine Recherche ergab, dass es sich vermutlich um Rauhautfledermäuse (Pipistrellus nathusii) handelte. Sie wurden von einigen Vorgänger*innen schon im Frühjahr und Herbst durch Feldermausdetektoren auf Trischen nachgewiesen. Da Fledermäuse viel heimlicher, als die meisten Vogelarten leben, ist es recht unbekannt, dass auch Fledermäuse weite Strecken zwischen Brut- und Winterquartieren zurücklegen – Rauhautfledermäuse sogar bis zu 1.500 km! Sie waren bei mir etwa eine Woche zu Gast, bis ich sie nicht mehr abends um die Hütte jagen sah. Bei der Ansammlung könnte es sich sogar um ein sogenanntes Balzquartier gehandelt haben, denn Rauhautfledermäuse paaren sich in Balzquartieren während des Zuges (Quelle: Bundesamt für Naturschutz).

Potenzielle Rauhautfledermäuse (Pipistrellus nathusii) an der Hütte

 

Artenvielfalt im Rückgang – das Phänomen der Shifting Baseline

Und wieder einmal zeigt es mir wie vielfältig die Natur ist und wie viel es zu entdecken gibt. Neben der Strandaster-Seidenbiene gibt es noch viele andere Wildbienenarten in Deutschland, die teilweise sehr selten geworden sind. Bei den heimischen Fledermäusen sieht es nicht besser aus: Alle in Deutschland vorkommenden Fledermausarten sind stark zurück gegangen und stehen ausnahmslos auf der Roten Liste (Quelle: Landesfachausschuss Fledermausschutz NRW).

Doch das sind nur zwei Beispiele für das was wir Artensterben nennen. Und wir sind mittendrin. Neben dem menschengemachten Klimawandel ist vielen Menschen nicht bewusst, dass dieser Hand in Hand mit dem 6. Artensterben geht – ebenfalls menschengemacht. Dass die Artenvielfalt abnimmt merken wir oft nicht, da solche Prozesse schleichend gehen und sich oft über mehrere Generationen ziehen: Waren für unsere Großeltern Rebhuhn, Kiebitz und Wachtel noch Allerweltsvögel, kennen sie viele junge Menschen gar nicht mehr und dass kaum noch Insekten auf der Autoscheibe kleben ist heute normal, vor 50 Jahren war das anders. Dieser Effekt wird Shifting Baseline genannt. Die Basislinie, also das was wir als „normal“ empfinden, verschiebt sich bei der Artenvielfalt langsam und schleichend nach unten…

„Man kann nur Schützen was man kennt“

Doch wir müssen diesem Prozess nicht hilflos zusehen! Ich bin mir sicher, dass das viele von Euch wissen und schon so handeln, aber ich möchte diesen oft gelesenen und so wahren Satz hier noch einmal zitieren: „Man kann nur schützen was man kennt.“

Deshalb: Lernt die Tieren und Pflanzen in eurer Umgebung kennen, macht Ausflüge in die Natur(schutzgebiete), nehmt an Führungen teil, gebt das Wissen und eure Begeisterung an eure Mitmenschen, eure Kinder, weiter. Der NABU hat eine Plattform entwickelt, auf der man sein Artenwissen kostenlos erweitern kann: Die NABU-Naturgucker-Akademie. Naturschutzzentren bieten Veranstaltungen für Groß und Klein. So können wir dem Gewöhnungseffekt etwas entgegen setzen. Wir profitieren alle davon und es macht sogar Spaß!

 

Dieser Blogartikel ist länger geworden als sonst, aber mir liegt das Thema sehr am Herzen und ich danke Euch, dass ihr in bis zum Ende gelesen habt! 😊

 

Eure Naturschutzwartin 2025
Mareike

 

Hier sind noch einige nützliche links:

Wildbienen helfen im Garten, auf dem Balkon und der Fensterbank: https://www.wildbiene.org/allgemein

Fledermausfreundliches Haus: https://schleswig-holstein.nabu.de/tiere-und-pflanzen/saeugetiere/fledermaeuse/fledermausschutz/ffh/19035.html

Naturnahe Gartengestaltung: https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/oekologisch-leben/balkon-und-garten/grundlagen/index.html

Zum Weiterlesen:

https://www.klimawiese.de/artensterben-in-deutschland-das-kannst-du-tun-um-artensterben-zu-verhindern/

https://www.wissenmachtklima.de/shifting-baseline-umweltforschung/