Möwen Beiträge

Wie der Ring ans Bein kommt

Liebe Blogfolger*Innen,

vor einigen Wochen habe ich schon einmal kurz über das Ablesen von Möwenringen berichtet. Dieses Mal möchte ich aus gegebenem Anlass darauf eingehen, wie und warum ein Ring an ein Vogelbein kommt.

Wissenschaftliche Vogelberingung
Jeder Ring trägt eine Kennnummer, die eine individuelle Zuordnung zu einem Vogel möglich macht. Durch Beringung und Ablesung der Kennnummer lassen sich Kenntnisse über das Leben des Vogels gewinnen. Werden genug Individuen einer Vogelart beringt, können beispielsweise Rückschlüsse auf Zugwege, Überwinterungsgebiete, populationsökologische Parameter wie Überlebensraten usw. gezogen werden. Und diese Informationen sind dann wiederum für den Naturschutz relevant. Denn nur wenn wir wissen, dass sich die Überlebensraten von Jungvögeln verschlechtern, können wir auf Ursachensuche gehen.

Ringarten gibt es vielerlei verschiedene. Der „Standardring“ ist ein Metallring, der neben der individuellen Kennnummer noch Informationen zur zuständigen Vogelwarte und zum Herkunftsland enthält. Um diesen Ringtyp abzulesen, muss der Vogel aber oftmals wiedergefangen werden bzw. bedarf es zum Ablesen großer Geduld und einer günstigen Gelegenheit. Daher werden im Rahmen spezieller Projekte zusätzlich andere Ringe eingesetzt, die auch auf Distanz abgelesen werden können. Möglich sind beispielsweise Farbringe mit Kennnummer, oder Kombinationen mehrerer Farbringe. Aber auch Halsringe oder Flügelmarken finden, je nach Vogelart, Verwendung.

Möwenberingung auf Trischen
Auf Trischen werden seit einigen Jahren im Rahmen des „Trilateral Monitoring Assessment Program“ (TMAP) der drei Wattenmeeranrainerstaaten Silber- und Heringsmöwen beringt. Die Beringung dient in erster Linie dazu den Bruterfolg (Küken pro Paar) von Silber- und Heringsmöwen abzuschätzen, hilft darüber hinaus aber noch bei der Beantwortung weiterer wichtiger Fragestellungen, wie beispielsweise bei der Ermittlung von Überlebensraten und Überwinterungsgebieten.

Für die Beringungsaktion bekam ich letztes Wochenende Besuch, denn beringt werden darf (auch außerhalb der Nationalparkzone I) nur mit Genehmigung. Drei Tage lang haben wir in zwei Durchgängen die Dünen auf der Suche nach Möwenküken durchkämmt, die sich erstaunlich gut in der hohen Vegetation verstecken können. Und manchmal war sogar etwas sportlicher Einsatz zum Einfangen der Küken gefragt. Zur besseren Ablesung bekamen die Möwen, als Ergänzung zum Metallring, einen Farbring ans Bein. Insgesamt konnten so ca. 280 Küken beringt werden, deutlich weniger als im letzten Jahr.

 

Ringe ablesen
Damit fängt die Arbeit aber erst an, denn nur durch Ablesungen lassen sich die erhofften Erkenntnisse gewinnen. In den nächsten Wochen werde ich mich also wieder verstärkt an Möwengruppen heranpirschen und fleißig Möwenbeine durchmustern, vielleicht ist ja irgendwo ein Ring versteckt. Und durch zahlreiche Ablesungen lassen sich hoffentlich nach und nach die Lebenswege der einzelnen Möwen nachvollziehen.

Möglicherweise finden auch sie am Strand, am Hafen oder an der Mülldeponie eine beringte Möwe und können durch ihre Sichtung zum ersehnten Erkenntnisgewinn beitragen. Den Ringfund melden können sie über die zuständige Vogelwarte, oder sie suchen unter www.cr-birding.org nach dem Beringungsprojekt.

Ihre Melanie Theel

„Hau ab!“

Liebe LeserInnen,

der Vogelwartin auf Trischen machen die Brutvögel der Insel regelmäßig unmissverständlich klar, dass sie mich eigentlich nicht gernhaben. Im Mai brauchte ich nur vor die Tür treten und schon ging das aufgeregte „Tütern“ der vielen Rotschenkel los, weshalb sie im Volksmund in Norddeutschland auch oft Tüter genannt werden. Gehe ich in diesen Tagen die Treppe runter, kommen schon die Flussseeschwalben aus der nahegelegenen Kolonie rüber und kreischen mich so lange an, bis ich am Dünenübergang bin. Am Übergang piept mich sogleich der Wiesenpieper an, der dort seine Jungen füttert. Kaum am Strand warnt der Sandregenpfeifer sein Junges vor mir und rennt an der Wasserkante entlang, um mich von seinem Jungvogel wegzulocken. Weiter geht es am Strand Richtung Norden. Dort erheben sich Silber- und Heringsmöwen aus den Dünen, wo sie in Kolonien brüten. Manchmal schaffe ich es ein Weilchen unentdeckt zu bleiben – eine wohltuende Ruhe breitet sich aus. Aber kaum bin ich entdeckt, geht es los. Ich werde so lange verfolgt, bis ich aus dem Risikobereich der Kolonie rausgelaufen bin.

 

der Blick sagt Alles

 

Dann kommen die Möwen schnell wieder zu Ruhe und landen am Strand oder in den Dünen. Meine Strandgänge plane ich daher immer zu Niedrigwasser. Dann ist die Störung wesentlich geringer, da viele Vögel weit draußen auf Nahrungssuche sind. Und selbst meine geliebten Rauchschwalben an der Hütte verjagen mich, sobald ich um die Ecke komme.

Aber nicht nur ich werde verscheucht. Vor kurzem, als die Möwen beringt wurden, war für zwei Tage ein Kolkrabe auf der Insel. Der schien gar nicht mehr zu wissen, wohin er flüchten sollte – so sehr wurde er von den Seeschwalben angegangen. Auch meine beiden Rauchschwalben haben mutig mitgemacht. Schlussendlich saß er dann zeitweilig an der unteren Dünenkante, wo er für die Kolonie außer Sicht war. Volker, der bei den Möwen geholfen hat, konnte ein kleines Video aufzeichnen, wo man einen guten Eindruck bekommt was da los war!

Kolkrabe

Auch Silber- und Heringsmöwen werden heftig von den Seeschwalben attackiert, sobald sie sich der Kolonie nähern. Und das ist das Gute an Vogelkolonien. Nach dem Motto „Gemeinsam sind wir stark“ wehren sie effektiv und sehr erfolgreich Feinde ab. Denn Kolkrabe und Möwe haben, im Gegensatz zu mir, keine guten Absichten, wenn sie in die Kolonie fliegen.

 

 

Aber diese Aufregungen werden jetzt merklich weniger. Die Brutzeit nähert sich dem Ende und auch wenn es einerseits schade ist, freue ich mich auf Spaziergänge über die Insel, ohne dass mir jemand im Sturzflug lauthals signalisiert „Hau ab!“

 

Möwen

In der zweiten Juliwoche wurden, genau wie letztes Jahr, auf Trischen die Küken von Silber- und Heringsmöwen beringt. Im Gegensatz zur Silbermöwe kamen Heringsmöwen erst ab Ende der 1960er Jahre regelmäßig zum Brüten an die deutsche Nordseeküste. Heute sind sie deutlich häufiger als Silbermöwen. „Mitte der 1980er Jahre brüteten an der gesamten schleswig-holsteinischen Küste nur ca. 150 Heringsmöwen. Ein paar Jahrzehnte später beherbergt allein Amrum über 10.000 Brutpaare Heringsmöwen“ erzählt mir dazu Bernd Hälterlein, der auf Trischen die Möwen beringt. Ihm habe ich abends nach der Beringung ein paar Fragen gestellt:

Bernd, seit wann beringst du Möwen?

Das erste Mal im Projekt von Sönke Martens 2005 auf der Amrumer Odde.

Und seitdem bist du Möwen-Fan?

Ja das stimmt. Aber so richtig infiziert war ich etwa 3 Jahre später, als ich überall an der Küste die beringten Möwen gesehen habe und im Winter einige unserer Möwen in Portugal wiedertraf. Sie eignen sich einfach sehr gut für solche Farbringprojekte, da man sie auch aus großen Distanzen von etwa 200 Meter noch ablesen kann.

Was schätzt du – wie viele Möwen hast du schon beringt?

Puh, das ist schwer zu sagen. Zusammen mit noch anderen Beringern haben wir hier seit Beginn des Projektes in 2005 bestimmt 15. – 20.000 Möwen beringt. Das muss mit einer guten Datenbank wohl organisiert sein. Wir wollen ja den Ablesern auch eine Rückmeldung zu dem Vogel geben, den sie gesehen haben.

 

 

Was ist die Fragestellung des Projektes?

Schon die Dokumentation des Zuggeschehens und der Überwinterungsgebiete, die bei der Heringsmöwe in SW-Europa und W-Afrika liegen, und der möglicherweise durch den Klimawandel bedingten Veränderungen ist sehr spannend.

Das Hauptziel ist aber die Ermittlung des Bruterfolges. Das machen wir, indem wir in der Kolonie am ersten Tag alle Küken, die wir finden beringen. Am nächsten Tag gehen wir ein zweites Mal durch und finden dann immer noch weitere unberingte Küken und auch die bereits beringten vom Vortag. Zudem ermitteln wir die Anzahl der Brutpaare. Aus dem Verhältnis dieser Zahlen kann man den ungefähren Bruterfolg in der Kolonie herleiten.

Das zweite ist die Sterblichkeit der Vögel. Wir schauen uns an, wie gut die Jungvögel ihr erstes Jahr überleben. Die Sterblichkeit von Jungvögeln ist natürlich wesentlich höher als bei Altvögeln, da die jungen Vögel quasi die „Gefahren des Lebens“ noch nicht kennen. Die Altvögel überleben aber sehr gut und zeigen Überlebensraten um 90%.

Und konntet ihr da über die Jahre Veränderungen feststellen?

Schauen wir uns die ersten 10 Projektjahre an, dann gab es bei den Altvögeln und bei den einjährigen Heringsmöwen keine großen Veränderungen in den Überlebensraten. Bei den einjährigen Silbermöwen hat sich aber die Überlebensrate fast halbiert. Das hat mit Sicherheit damit zu tun, dass sich die Nahrungssituation für die Vögel in der Zeit verändert hat. In vielen Ländern wurden die offenen Mülldeponien geschlossen, die vor allem in Winterzeiten eine gute Nahrungsquelle darstellten. Ich kenne das von der Kompostierungsanlage in der Nähe von Husum: Wenn donnerstags der Biomüll geliefert wird, kann man dort besonders gut Möwen ablesen.

Wie ist es denn um die Population der beiden Möwenarten bestellt, vor allem wenn wir jetzt ja wissen, dass bei den Silbermöwen die Jungvögel das erste Lebensjahr nicht gut überleben?

Die Silbermöwen gehen in all ihren west- und mitteleuropäischen Verbreitungsgebieten zurück. Sie steht in der europäischen Roten Liste auf der Vorwarnstufe. Die Heringsmöwe ist bei uns nach wie vor auf einem Allzeithoch, vor allem auch wegen der Fischereiabfälle, die bis Anfang der 2000er Jahre eine ideale Nahrungsquelle boten. Eben mal 70-80 km fliegen, um hinter einem Fischkutter nach Nahrung zu suchen, ist für die Heringsmöwe kein Problem. Diese Fischkutter sind aber in der Deutschen Bucht weitgehend verschwunden. Daher fliegen die Heringsmöwen heute auch ins Binnenland und suchen auf Äckern nach Regenwürmern und Käfern. Auf der Nordsee fangen sie noch Schwimmkrabben. Diese Nahrung hat aber nicht die gleiche Qualität wie Frischfisch. Das könnte erklären, warum auch hier der Bruterfolg eingebrochen ist. Die Population ist zwar noch stabil, wird aber mit Sicherheit demnächst wieder zurückgehen. Möwen sind eben auch Kulturfolger.

 

 

 

Wie ist dein erster Eindruck vom diesjährigen Bruterfolg auch im Vergleich zu den anderen Jahren?

Wir hatten zuletzt 3 gute Jahre. Auch mit Beginn des Projektes 2005-2008 waren noch gute Jahre. Dazwischen gab es 10 schlechte Jahre. Wir hatten erst keine Idee, woran das liegen kann. Dann gab es eine studentische Arbeit, wo eine Kolonie von morgens bis abends beobachtet wurde. Da kam raus, dass die Möwen die Küken aus der Kolonie an ihre eigenen Küken verfüttert haben. Das legt nahe, dass es zu wenig andere Nahrung gab. Diese Phänomene sind auch sehr detailliert von Texel bekannt und untersucht.

Ich habe hier auf Trischen eine Möwe abgelesen, welche letztes Jahr in Velez-Malaga (Spanien) beringt wurde.

Es gibt in fast allen europäischen Ländern Möwenprojekte. Es gibt zwischen den Projekten auch viel Austausch. Da freut man sich natürlich, wenn man auch mal eine „fremde“ Möwe ablesen kann.

Ich bedanke mich bei Bernd Hälterlein für das spannende Gespräch. Und vielleicht haben ja auch Sie Lust bekommen, den Möwen mal etwas genauer auf die Beine zu schauen? Das richtige Beringungsprojekt um Ihre Ablesung zu melden finden Sie auf der Seite www.cr-birding.org, oder Sie wenden sich an die Vogelwarte Helgoland

 

Möwen mit Geschichte

Auf Trischen brüten in etwa 3.000 Brutpaare von Möwen. Die beiden häufigsten Möwenarten sind dabei die Silber- und Heringsmöwe. Wie bei allen Brutvögeln im Nationalpark, zählen wir die Brutpaare der Möwen um frühzeitig zu bemerken ob sich die Bestände verändern. Das ist eine sehr gute Sache. Aber trotzdem bleiben viele Fragen offen: Wie alt werden die Vögel? Wie gut überleben sie das kritische Kükenalter? Welche Gebiete in Schleswig-Holstein oder Europa suchen sie auf? Kehren die Jungvögel wieder in das Brutgebiet zurück, in dem sie geschlüpft sind?

Solche und weitere Fragen können mit Hilfe der Vogelberingung beantwortet werden. Vogelberingung gibt es schon seit dem Jahr 1900. Dem gefangenen Vogel wird dabei ein Metallring ums Bein gelegt. Diesem Ring ist eine individuelle Nummer eingestanzt und schadet dem Vogel nicht. Es gibt entsprechend große Stahlringe für große Vögel (z.B. Seeadler oder Störche) und ganz kleine und leichte Aluringe für die ganz Kleinen (z.B. Meisen oder Rotkehlchen).

In den letzten Jahrzehnten kamen dann noch Kunststoffringe hinzu. Diese haben den großen Vorteil, dass die Ringkennung mit dem Fernglas oder einer guten Fotokamera aus der Ferne abgelesen werden kann, ohne den Vogel dafür zu fangen oder zu stören. Auf diese Weise werden manche Vögel über viele Jahre immer wieder abgelesen. Jede Ablesung bringt uns dabei weitere Erkenntnisse über das Leben der Vögel. Sie erzählen uns quasi ihre eigene Geschichte.

 

Möwenberingung auf Trischen

Nun wurden vor einigen Tagen auf Trischen etwa 400 Küken der Silber- und Heringsmöwen mit eben diesen Farbringen ausgestattet. Die Organisation übernimmt dabei die Nationalparkverwaltung in Absprache mit der Vogelwarte Helgoland. Ich habe in den Tagen nach der Beringung die Küken am Strand beobachtet und sie dort quasi das erste Mal abgelesen. Jetzt bin ich sehr gespannt, wo diese Vögel jetzt überall wiedergesehen werden.

Möwen am Strand – eine ist beringt.

 

Vielleicht entdecken Sie beim nächsten Besuch an der Nord- oder Ostseeküste ja auch eine beringte Möwe. Melden sie diese gerne an die Vogelwarte Helgoland oder geben sie dem örtlichen Naturschutzverband Bescheid! Denn jede Ablesung hilft bei der Beantwortung wichtiger Fragen in der Vogelforschung.

Viel Spaß beim beobachten!

Abflug von Trischens Jungmöwen

Im Sommer war die Vogelwelt auf Trischen insbesondere durch die Silber- und Heringsmöwen sowie deren Nachwuchs geprägt. Der Strand und die Salzwiese waren rappelvoll! – nun sind sie ausgeflogen.