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Tierspuren

Liebe LeserInnen,

die Insel Trischen ist für die Vogelwelt ein ganz besonderer Ort. Zum einen finden sie hier einen bunten Mix an Habitaten, das heißt Lebensräumen, vor. Der Strand mit den Dünen, die oberen dichter gewachsenen Salzwiesen und die unteren eher lockerwüchsigen Salzwiesen. Diese Bereiche bieten ihnen optimale Bedingungen zur Brut oder zur Rast. Die Salzwiesen sind voller Insekten und Raupen. Daneben ist Trischen von reichhaltigen Wattflächen umgeben. Zweimal am Tag fallen diese trocken und eröffnen damit das große Buffet für die Vögel mit Muscheln, Kebsen, Schnecken und Würmern. In den Prielen, den Wasserläufen, die auch bei Ebbe noch die Insel umspülen schwimmen Krabben und Fische.

Neben all dem Reichtum an Lebensräumen und Nahrung ist für die Vögel auch die Insellage entscheidend. Es gibt hier nämlich keine Säugetiere (abgesehen von Fledermäusen, die hier vorbeifliegen), welche den am Boden brütenden Vögeln gefährlich werden könnten. Die Prädation durch Säugetiere wie Fuchs, Marderhund, Iltis oder Ratten stellt am Festland mittlerweile die größte Gefahr für Bodenbrüter dar. Ein großes Problem, welches nur schwer zu beheben ist. Inseln sind damit besonders wichtig geworden. Denn hier sind die Bodennester sicher.

Warum erzähle ich das alles?

Ich habe vor wenigen Tagen Trittsiegel von einem hundeartigen Säugetier am Strand entdeckt. Zuerst dachte ich die Spuren wären von einer großen Möwe gewesen, die auch manchmal so ähnlich Abdrücke im Sand hinterlassen, wenn sie sich zum Flug abstoßen. Aber als ich noch mehr Spuren fand war ich mir sicher, hier ist ein Säugetier gelaufen. Ich gestehe, ich war im ersten Moment ganz erschrocken. Ein befreundeter Biologe und Jäger hat sich meine Fotos angesehen und tippt auf Marderhund oder eventuell auch Fuchs. Er war wie ich erstaunt, dass das Tier so weit übers Watt rausgelaufen und dann ja noch ein gutes Stück geschwommen ist.

Im Jahr 2019 hat meine Vorgängerin zwei frisch tote Marderhunde am Strand gefunden. Und nun einer der aber noch lebt – oder lebte? Das weiß ich nicht genau. Einige Tage nach dem Spurenfund gab es weiter nördlich noch einmal Spuren – seitdem habe ich aber nichts mehr gesehen.

Ich bin jedenfalls sehr froh, dass die Brutzeit vorbei ist und alle Küken schon gut fliegen können. Mal sehen, ob ich noch einmal Spuren oder sogar das Tier selbst finden werde?

Ich kann nicht aufräumen

Liebe LeserInnen,

vorab ein kleines Update zu meinen Mitbewohnern, den Rauchschwalben. Am 22. Juli flog das erste Küken für einige Zeit aus dem Nest. Ich habe es wegen seinen letzten, lustig abstehenden, Dunen am Kopf „Flusi“ getauft. Die drei Geschwister hatten offenbar noch keine Lust und sind erst am nächsten Tag losgeflogen. Jetzt kreisen Flusi 1-4 täglich für ein paar Stunden rund um die Hütte, sitzen mal im Löckgebüsch, welches gleich nördlich der Hütte ist und ruhen sich dort oder im Nest wieder aus.

Und vor wenigen Tagen habe ich zufällig noch weitere Mitbewohner entdeckt. Ich wollte das Zwischendeck der Hütte ein bisschen aufräumen, da sich dort allerlei Dinge angesammelt hatten. Auf dem Zwischendeck wird Brennholz verwahrt, aber auch Markierungsstecken und auch ein bisschen Strandmüll der später entsorgt werden soll.

Na, jedenfalls räume ich dort ein paar Kisten zur Seite und in dem Moment als ich einen mit Reisig gefüllten Korb greifen will entdecke ich darin ein Bachstelzennest. Erschrocken stelle ich schnell die letzten Kisten wieder zurück, wo sie vorher standen, und verlasse das Zwischendeck.

Am nächsten Tag habe ich mich dann auf halber Treppe in einem Tarnzelt verschanzt, um die Elternvögel beim Füttern der Küken zu fotografieren. Erst kam immer nur das Weibchen. Das Männchen (gut an dem kräftig schwarzen Brustlatz zu erkennen) hielt sich im Hintergrund. Dann endlich kam auch er mit Futter im Schnabel. Etwa alle 10 Minuten haben die beiden fette Beute gebracht. Dicke Larven und verschiedenste Insekten.

 

Es wird wohl noch ein paar Tage dauern bis die kleinen Bachstelzen ausgeflogen sein werden. Und bis dahin stelle ich mir vor, wie ich triumphierend zu meinen Eltern sage: „Ich kann nicht aufräumen – die Bachstelzen brüten doch noch!“

 

„Hau ab!“

Liebe LeserInnen,

der Vogelwartin auf Trischen machen die Brutvögel der Insel regelmäßig unmissverständlich klar, dass sie mich eigentlich nicht gernhaben. Im Mai brauchte ich nur vor die Tür treten und schon ging das aufgeregte „Tütern“ der vielen Rotschenkel los, weshalb sie im Volksmund in Norddeutschland auch oft Tüter genannt werden. Gehe ich in diesen Tagen die Treppe runter, kommen schon die Flussseeschwalben aus der nahegelegenen Kolonie rüber und kreischen mich so lange an, bis ich am Dünenübergang bin. Am Übergang piept mich sogleich der Wiesenpieper an, der dort seine Jungen füttert. Kaum am Strand warnt der Sandregenpfeifer sein Junges vor mir und rennt an der Wasserkante entlang, um mich von seinem Jungvogel wegzulocken. Weiter geht es am Strand Richtung Norden. Dort erheben sich Silber- und Heringsmöwen aus den Dünen, wo sie in Kolonien brüten. Manchmal schaffe ich es ein Weilchen unentdeckt zu bleiben – eine wohltuende Ruhe breitet sich aus. Aber kaum bin ich entdeckt, geht es los. Ich werde so lange verfolgt, bis ich aus dem Risikobereich der Kolonie rausgelaufen bin.

 

der Blick sagt Alles

 

Dann kommen die Möwen schnell wieder zu Ruhe und landen am Strand oder in den Dünen. Meine Strandgänge plane ich daher immer zu Niedrigwasser. Dann ist die Störung wesentlich geringer, da viele Vögel weit draußen auf Nahrungssuche sind. Und selbst meine geliebten Rauchschwalben an der Hütte verjagen mich, sobald ich um die Ecke komme.

Aber nicht nur ich werde verscheucht. Vor kurzem, als die Möwen beringt wurden, war für zwei Tage ein Kolkrabe auf der Insel. Der schien gar nicht mehr zu wissen, wohin er flüchten sollte – so sehr wurde er von den Seeschwalben angegangen. Auch meine beiden Rauchschwalben haben mutig mitgemacht. Schlussendlich saß er dann zeitweilig an der unteren Dünenkante, wo er für die Kolonie außer Sicht war. Volker, der bei den Möwen geholfen hat, konnte ein kleines Video aufzeichnen, wo man einen guten Eindruck bekommt was da los war!

Kolkrabe

Auch Silber- und Heringsmöwen werden heftig von den Seeschwalben attackiert, sobald sie sich der Kolonie nähern. Und das ist das Gute an Vogelkolonien. Nach dem Motto „Gemeinsam sind wir stark“ wehren sie effektiv und sehr erfolgreich Feinde ab. Denn Kolkrabe und Möwe haben, im Gegensatz zu mir, keine guten Absichten, wenn sie in die Kolonie fliegen.

 

 

Aber diese Aufregungen werden jetzt merklich weniger. Die Brutzeit nähert sich dem Ende und auch wenn es einerseits schade ist, freue ich mich auf Spaziergänge über die Insel, ohne dass mir jemand im Sturzflug lauthals signalisiert „Hau ab!“

 

meine Untermieter

Liebe LeserInnen,

beim Bericht über die Brutvogelkartierung hatte ich ja bereits meine neuen Mitbewohner, die Rauchschwalben, erwähnt. Diese sind immer noch bei mir und füttern mittlerweile fleißig die Küken im Nest. Angefangen hat alles am 5. Juni. In der Zeit fliegen viele Rauchschwalben über Trischen hinweg. Aber an dem Tag hat sich ein Männchen entschieden an der Hütte zu bleiben. In den darauffolgenden Tagen hat er viel gesungen, vor allem wenn andere Schwalben auf der Insel ankamen. Die meisten aber flogen weiter Richtung Norden. Drei Tage später ist ein Weibchen dann geblieben. Gemeinsam inspizierten sie die Hütte. Und schon am 10. Juni konnte ich die Beiden mit Nistmaterial beobachten. Nur wenige Tage hat es gedauert, bis die Nisthilfe an der Hütte ausgepolstert war und die Eier bebrütet wurden.

 

In den ersten Julitagen sind die Küken geschlüpft und ich hatte Gelegenheit eine kleine Aufnahme zu machen:

bei der Brut

Mittlerweile sind die Küken schon richtig groß geworden. Vier Stück sind es und man kann in der folgenden Aufnahme gut erkennen, wie sich die Federn an den Flügeln aus den Federkielen schieben. Da kann es beim „sich strecken“ schon ganz schön eng im Nest werden!

Fütterung

 

 

Nest frei!

„Freies Nest mit Meerblick an handwerklich versiertes Vogelpaar zu vergeben. Wegen Wasserschaden sind einige Ausbesserungen nötig, aber die Grundsubstanz des Nestes ist gut erhalten. Das Nest liegt günstig, nur wenige Meter von nahrungsreichen Wattflächen entfernt“. So in etwa würde sich wohl die Annonce lesen, wenn es in der Vogelwelt eine Zeitung gäbe.

Was sich hier wie ein Scherz liest, passiert aber tatsächlich.

 

Die Geschichte dazu

Am 12. Juni kam es auf Trischen zu erhöhten Wasserständen von + 0,5 Metern über dem sogenannten Mittleren Tidehochwasser (MTHW). Das hohe Wasser führte zu dramatischen Ereignissen, welche ich von der Hütte aus beobachten konnte. Ich sah, wie Austernfischer und Flussseeschwalben ihre Nester, bzw. die darin befindlichen Eier verloren.

Die noch kleinen Küken der Rotschenkel sammelten sich derweil auf höheren Gras-Bulten. Diese Bulten würden aber auch bald unter Wasser sein, da es zu dem Zeitpunkt noch 40 Minuten bis zum Hochwasser dauerte und das Wasser stieg und stieg. Für mich persönlich war das ein ganz schön schwerer Moment, denn auf meinen beiden Schultern saßen plötzlich Engelchen und Teufelchen. Der eine sagte: “Schnapp dir schnell einen Jutebeutel und rette die Küken vor dem Ertrinken!“. Der andere sagte: „Nein tu das nicht. Du wirst sie noch weiter ins Wasser scheuchen und alles nur noch schlimmer machen!“. Hin- und hergerissen habe ich mich für Letzteres entschieden: Natur Natur sein lassen. Eine gute Entscheidung, da die Küken – erst eines, dann alle weiteren – unter lauten Rufen der Elternvögel sich tapfer durch das Wasser in die höhere Salzwiese gekämpft haben. Und dann war endlich Hochwasser erreicht und das Schlimmste überstanden.

 

 

Immer wieder kam und kommt es an der Nordseeküste zu kleinen sommerlichen Sturmfluten. Die Brutvögel der Strände und Salzwiesen reagieren darauf natürlicherweise mit Nachgelegen, um den Verlust auszugleichen. Es ist jedoch bekannt, dass es (bedingt durch den Klimawandel) immer häufiger zu Sommersturmfluten kommen wird. Eine Tatsache, die wir schon heute beobachten können. Diese Ereignisse können im schlimmsten Fall zu einem Totalausfall einer ganzen Brutsaison führen, vor allem wenn die Küken bereits geschlüpft sind und die Flut nicht überleben. Darüber ob und ab wann sich diese Veränderungen auf ganze Vogelpopulationen auswirken, kann man nur vermuten.

Nun blieben die beiden Nester von Austernfischer und Flussseeschwalbe also leer und verlassen zurück. Aber siehe da: Bald schon hatten die Austernfischer in genau die gleiche Nestmulde wieder drei Eier gelegt. Und in der Nestmulde der Flussseeschwalbe hatten sich Lachmöwen neu eingerichtet. Die Mulde wurde vorab noch etwas aufgepolstert und los ging es mit der Brut. Schauen Sie auf den Bildern bei der Seeschwalbe und der Lachmöwe mal genau hin. Sie können eine kleine Nestmarkierung (ein kleiner Holzpfahl) entdecken die zeigt das es sich um ein und dasselbe Nest handelt. Nun hoffe ich, dass das Wasser bis zum Spätsommer nicht mehr so hoch aufläuft und die beiden Vogelpaare erfolgreich ihre Brut beenden können.