Way up in North Freezeland

Okay, okay, ich weiß ja: Trischen gehört natürlich zum Kreis Dithmarschen! Nicht zu Nordfriesland. Verzeihen Sie mir bitte den albernen Wortwitz, aber mir ist das Lachen gestern fast eingefroren, und dann kommt einem so etwas in den eisüberhauchten Sinn.

Der Wetterumschwung hatte sich bereits am Vorabend angekündigt, und zwar ziemlich handfest: Die Hütte wackelte auf ihren Stelzen. Da beschleicht einen schon ein recht mulmiges Gefühl. Nach einer Weile gewöhnt man sich aber daran, und dann liegt es sich im Bett wie in einer gemütlichen Schiffskoje. Inzwischen bilde ich mir sogar ein, die Windstärke (ab 7) am Ausmaß des Wackelns unterscheiden zu können.

Morgens zeigte das Thermometer dann sieben Grad – in der Hütte. Als ich die Tür öffnete, riss der Wind sie mir sofort aus der Hand. Eisregen schlug mit solcher Wucht in mein Gesicht, dass es unmittelbar schmerzte: Wie von einem unsichtbaren Kältefön getrieben, fegte Schnee über die weißgrau überfrorene Landschaft, dazwischen kümmerliche Flecke von Braun und Beige, als würden sich selbst die Farben wegducken vor dem scharf schneidenden Wind. Als ich die Tür wieder zugewuchtet hatte, entdeckte ich beim Blick aus dem Fenster, dass einer dieser Flecken ein etwas konsterniert dreinschauender junger Seeadler war. Seine riesigen Schwingen taugten heute nicht zum Fliegen. Dafür hatte er sich in sie eingehüllt wie in eine schützende Decke. Nichts zu machen, es kommen bessere Tage!

Ich habe mir dann im Tagesverlauf nach und nach immer noch eine Schicht mehr angezogen. Bis es draußen auszuhalten war (im Bett verkriechen funktioniert nicht ewig, man muss ja für neues Brennholz sorgen..), sah ich aus wie unten auf dem Bild. Irgendwie ging es dann, und es war ein verdammt gutes Gefühl mit einem Arm voll duftendem Feuerholz in die Hütte zurückzukommen. Ich fühlte mich wie Jack London in „Alaska-Kid“, und draußen heulte der Wind wie tausend Wölfe.

Am Abend sank schließlich ein eisblauer Himmel schwer auf die Insel herab. Nur ganz knapp über dem Horizont stand, wie scharf von einer Schere abgeschnitten, eine hauchdünne Linie in glimmendem Altrosa. Ich wusste bisher nicht, dass diese Farbe glimmen kann. Sie kann.

Trotz kalter Temperaturen einen Frühlingsanfang mit ebenso schönen Eindrucken wünscht Ihnen

Alaska-Till Holsten

Am Nabel meiner Welt

Ich habe Ihnen etwas vorenthalten. An einem windigen Märztag, bereits einen Tag nach meiner Ankunft, stand ich plötzlich vor einem Graugansnest. Drei Eier waren bereits gelegt. Die Tiere hatten einfach ohne mich angefangen.

Nach der Anreise hatte ich zunächst einmal meine Rucksäcke ausgepackt und mir sozusagen das eigene Nest bereitet. Schließlich ist jeder Gang in die Natur noch schöner, wenn eine behagliche Heimstatt wartet. Trotzdem wollte ich mir gerne zügig einen Überblick über mein neues Revier verschaffen. Einmal die Insel komplett gesehen haben, auch in der Fläche der ausgedehnten Salzwiesen, bevor die Brutsaison beginnt und ich jede Störung vermeiden möchte – das war mein Plan. Zu wissen, wie das Gelände strukturiert ist, welche Bodensenken gut einsehbar sind und wo sich hinter einer Prielkante oder etwas höherer Vegetation vielleicht eine Überraschung verbergen kann, ist Gold wert, wenn später im Jahr tausende Vögel schwärmen und man auf große Entfernung versucht festzustellen, wer denn da in welcher Anzahl was genau tut.

Ich hatte bereits ein gutes Stück der Insel durchwandert, als sich plötzlich zwei braungraue Hälse aus den trockenen Pflanzen reckten: Ein Grauganspaar. Ich konnte ihnen an der Schnabelspitze ansehen, dass da im Wortsinne etwas im Busch war; man kriegt so ein Gefühl dafür. Kaum eine Sekunde später flogen sie mit rauhkehligem Schrei auf. Und zwischen den strohfarbenen Halmen der vorjährigen Salzwiese schimmerten in einer flachen Mulde mattweiß drei wunderschöne Eier.

Ich war etwas überrascht. Nun ist Mitte März für Graugänse zwar gar nicht besonders zeitig, zumal das Gelege noch nicht vollständig war und vor dem Beginn des eigentlichen Brütens weitere Eier hinzukommen würden. Ich hatte in all meiner Ankunftsaufregung aber nicht mehr bedacht, dass mein Beginn auf dieser Insel nicht der Nabel ist, um den sich alles dreht und ich nicht die Person, auf die alles wartet. Man fällt leicht immer wieder darauf herein, insbesondere, wenn man die einzige Hütte auf einem ansonsten menschenleeren Eiland bewohnt (vielleicht aber sogar noch eher als Einwohner einer großen Stadt, die gar keine nicht-menschlichen Bezugspunkte mehr bietet). Aber die Prozesse hier laufen auch ohne mich ab. Die Vögel werden balzen und ihre Eier legen, die Seeschwalben zurückkehren. Die Salzwiese wird blühen, der Herbst den Queller rot färben. Die Nordsee wird die Insel weiter formen. Und selbstverständlich hat auch keine Graugans auf den Vogelwart gewartet, bis sie geruhte ihr Nest zu bauen.

Selbstverständlich hieß es nun schnell den Rückzug antreten. Genau das hatte ich ja vermeiden wollen; und Störungen an Nestern gilt es, wenn sie denn überhaupt nötig sind – und diese Notwendigkeit dürfen allenfalls gelegentlich einmal Feldbiologen und Wissenschaftler für sich in Anspruch nehmen – so kurz wie möglich zu halten. Das Gelege darf nicht auskühlen, und viele hungrige Schnäbel warten nur auf einen bloß liegenden Leckerbissen. Aber ich war seltsam berührt. Ein Nest finden ist ein bisschen, als hätte man versehentlich ein schönes Geheimnis erfahren.

Ich habe dann aus der Entfernung noch beobachten können, wie die beiden Grauganseltern wieder zurückgekehrt sind. Mit etwas Glück gibt es dann in ein paar Tagen die ersten gebürtigen „Trischener“ zu bestaunen. Ich bin gespannt, mit wem ich die Insel bald teilen darf. Denn der Nabel der Welt, das ist, für die Graugänse genau wie für mich, nun eben für einen Sommer lang – Trischen!

 

Ice, Ice, Baby!

Nun ist es so weit, der Winter verabschiedet sich endgültig. Aber er hat einen verdammt festen Händedruck! Das habe ich Sonntag spüren müssen, als ich die Tür kaum gegen den eisigen Ostwind aufstemmen konnte. Bei Böen bis 60 km/h muss ich (so stelle ich mir das zumindest in meiner wilden Fantasie vor) ausgesehen haben wie ein Polarforscher, als ich in eine Art Roald-Amundsen-Gedächtnismantel gehüllt und mit  einer dicken Pelzmütze auf dem Kopf am Strand nach Treibholz für den Ofen gesucht habe. Glücklicherweise hatte das Meer mir genug vor die Tür gelegt, sodass abends schließlich ein lustiges Feuer im Kamin knisterte.

Als letzte Boten hat der Winter mir zwei besondere gefiederte Gäste geschickt, von denen ich noch einmal erzählen möchte, bevor wir dann im nächsten Beitrag wirklich dem Frühling die Tür öffnen.

Trischen wird hauptsächlich von Möwen besiedelt. Den M(L)öwenanteil daran stellen die sattgrauen Heringsmöwen und die hellgrau gefiederten Silbermöwen, die Sie vielleicht auch von der Hafenpromenade ganz gut kennen. Beim Blick über den weiten Nordstrand fiel mir unter ihren Schwärmen aber etwas auf, das das Auge irritierte. Vielleicht haben Sie das schon einmal erlebt: Man hat sich an ein Muster gewöhnt, und plötzlich stimmt irgendetwas darin nicht. Oft kann man es zunächst gar nicht genau benennen. Aber in diesem Fall war unter hunderten Vögeln irgendwie zu viel Weiß im Bild. Als das auflaufende Wasser die Tiere nach und nach auffliegen ließ, gab es den Blick frei auf einige sehr große Möwen, die einen ziemlich alten Kadaver – vielleicht ein Seehund? – umstanden, von dem bald nur noch die Rippen aus dem Wasser ragten. Drei von ihnen trugen einen anthrazitenen Federmantel – das waren Mantelmöwen. Die vierte aber war ganz und gar crèmeweiß. Ich hatte eine Eismöwe entdeckt.

Eismöwen leben, der Name lässt es ahnen, im höchsten Norden. Sehr selten zieht es eine von ihnen bis zu uns in die südliche Nordsee. Unten finden Sie ein Bild des Exemplars – eine im letzten Jahr geborene Möwe – das ich erleben durfte, durchs Spektiv fotografiert. Eismöwen sind ziemlich groß, größer als die ja schon recht beeindruckenden Silbermöwen vom Badestrand. Kennzeichnend ist, dass sie, anders als fast alle anderen Möwen, keine schwarzen Flecken in den Handschwingen (etwas vereinfacht: Den Flügelspitzen) aufweisen. Schauen Sie mal auf die Möwen, die Ihnen begegnen, Sie werden keine ohne Schwarz finden. Falls nicht, schreiben Sie mir bitte.. Das Weiß sticht also hervor; man sieht in heimischen Gefilden selten Tiere, die ganz weiß, aber kein Albino sind. Daher meine Irritation beim Beobachten. Es war aber gar nicht die besondere Färbung, die mich am meisten beeindruckt hat, sondern – wie soll ich es sagen? Ihr Ausdruck! Ihre Bulligkeit, die voluminöse Brust, die aussieht, als wäre sie extra gepolstert gegen Nordwind von vorne, der lange, kantige, wie mit einem Keil gehauene Kopf, der kurze Schwanz; alles wirkt hier in der Sonne Trischens etwas fehl am Platze und erzählt von endlosen Winterstürmen, von rauhen Felsklippen über eisiger See und davon, dass so ein gammeliger Seehundskadaver (den die waffeleisverwöhnten Silbermöwen verschmähen) doch echt ein verdammt leckerer Happen ist. Und doch wirkte sie irgendwie zurückhaltend. Sie wird wohl bald wieder gen Norden fliegen.

Im Spülsaum, im trocken raschelnden Treibsel, war auf meinem Rückweg dann noch ein viel, viel kleinereres, unauffälliges Vögelchen unterwegs, das sich nur durch einen ganz weichen Pfiff verriet: Eine winzige Schneeammer. Auch sie brütet in arktischen Gefilden und ist nur im Winter zu Gast. Mit etwas Glück erleben Sie sie beim Spazierengehen am Winterstrand, wenn sie in weiß blinkenden Trupps auffliegen. Sie war ganz alleine, wie die Eismöwe; ihre Gefährten sind wohl schon weiter gezogen. Und so turnte sie durch den Spülsaum, klein, hurtig, und wirklich – ziemlich niedlich.

Ob also bärbeißig wie eine Eismöwe oder fix wie die kleine Schneeammer – ich hoffe, Sie sind gut durch den Winter gekommen. Wir winken den Wintervögeln. Der Frühling kann kommen!

 

 

Angekommen!

Endlich! Diese Zeilen schreibe ich Ihnen von einer kleinen Holzbank an der Vogelwärterhütte. Die Sonne sinkt langsam gen Horizont, und nachdem ich sie mittags bereits im T-Shirt genießen konnte, habe ich mir jetzt doch einen dicken Pullover übergezogen. Ich sitze an der Westseite der Hütte, das Fernglas liegt neben mir, und wenn ich auch schreibe, habe ich doch immer ein Ohr im Wind:

Aus den noch braunen Salzwiesen rundherum piepst es etwas atemlos und hastig „fiist, psst, zit zit“ – das sind die kleinen Wiesenpieper, die klingen, als würden sie sich „nur noch eben ganz schnell ganz ganz dringend etwas erzählen“ wollen, bevor der Tag zu Ende geht. Ein paar hundert Meter weiter, direkt hinter der Dünenkante zum Strand, rollt der seltsame, gutturale und irgendwie urtümliche Ruf der Ringelgänse, die sich vor dem baldigen Abflug vielleicht schon von ihrer Heimat im arktischen Norden erzählen.  Hoch in der Luft stehen noch die scharfen Rufe einiger Sturmmöwen. Und in den Prielen locken die Strahlen der Abendsonne den Großen Brachvögeln einen letzten melodiösen Triller aus der Kehle. Es ist wunderschön.

Seit vorgestern bin ich nun auf Trischen. Die Überfahrt gelang morgens um 11:00 Uhr bei fast spiegelglatter See. Zwar stand die Küste noch etwas im Dunst, aber der Himmel war schon klar und lichtblau. Als wir nach knapp drei Stunden den ersten Fuß an Land setzten, war die Sonne voll durchgebrochen und präsentierte uns den von Muschelschill über und über bedeckten Strand in diesem reinen, harten Weiß, das richtig blenden kann und ja wirklich aus einer Mischung von Licht und Kalk gemacht ist. Es ist den Nordseestränden so eigen!

Aber die Idylle täuscht leicht darüber hinweg, dass hier bis vor kurzem noch ein ganz anderer Geist regierte. Es müssen wirklich unglaubliche Gewalten gewirkt haben während der Sturmfluten der letzten Wochen: Die Treppe zur Hütte ist abgebrochen, und mit ihr hat das Meer das gesamte im Zwischendeck unter dem Hüttenboden gelagerte Brennholz genommen. Und meine Vorgängerin Anne hatte so fleißig gesägt für Wärme in der Hütte… Wie hoch das Wasser gestiegen ist, sieht man an den Treibselresten, die am Turm im Norden in über vier Metern Höhe hängen, Sie sehen es im Bild. Frieren muss ich übrigens nicht, denn neben dem Ofen lagern noch einige Briketts, und etwas Treibholz habe ich auch schon gesammelt. In die Hütte gelange ich zunächst einmal über eine gut abgesicherte Leiter. An diese Stelle gehört natürlich noch ein großes Dankeschön an meine Umzugshelfer Anne, Karsten und Axel – danke, dass Ihr das möglich macht!

Ich habe Ihnen ein paar Impressionen zusammengestellt, damit Sie sich ein Bild von der Insel zu Jahresbeginn machen können. Vergleichen Sie es vielleicht später einmal mit weiteren Aufnahmen aus dem Jahresverlauf. Zu den Vögeln erzähle ich im nächsten Beitrag mehr, denn aus der Natur gibt es ein paar gute Nachrichten. Aber davon demnächst!

Bis dahin,

Ihr Till Holsten

 

Papiervögel

 

 

Wege über das Meer sind mit Unsicherheiten behaftet.

Ich finde, das wäre auch ein ganz treffender Schlusssatz für Homers Odyssee gewesen – dort werden ja bekanntlich die endlosen Irrfahrten des namensgebenden Helden geschildert. Der Held dieser Erzählung führt, ich muss das leider zugeben, bisher ein etwas weniger episches Leben als der edle Laertid. Aber ich arbeite daran, das zu ändern.

Und dafür steht der Wind gut – morgen geht die große Reise los! Das ist gar nicht so selbstverständlich, denn nach Trischen kann man nicht einfach mal eben übersetzen. Oft gelingt es sogar erst Ende März oder gar Anfang April. Zu dieser Jahreszeit muss Poseidon einem schon sehr gewogen ein, damit ein sicherer Weg durch die Untiefen des Wattenmeeres möglich ist. Denn die Stürme des Winterhalbjahres verändern es gewaltig. Ich bin aber zuversichtlich, dass Axel Rohwedder uns sicher an den Nordsee-Äquivalenten der homerischen Seeungeheuer Scylla und Charybdis vorbeisteuern wird. Axel fährt schon sehr lange zur See; ich traue ihm fast wirklich zu, dass er mich in einer ruhigen Minute vor Zyklopen, Sirenen oder anderen vergessen geglaubten Fabelwesen warnen wird. Letztere sind laut Odyssee übrigens Σειρήν: Vögel mit Frauenköpfen – und fallen also zumindest teilweise in meinen ornithologischen Fachbereich. Sollten wir welchen begegnen verspreche ich, Ihnen eine Aufnahme anzufertigen.

Bei aller Liebe zum Märchen: Das Packen der Kisten in den letzten Tagen war begleitet von Gedanken, die dann doch sehr in der Realität verhaftet waren. Ich kann angesichts der Nachrichtenlage nicht umhin, immer wieder daran zu denken, was für ein unschätzbar wertvolles Privileg es ist, freiwillig die sieben Sachen packen und in voller Sicherheit an den Ort gehen zu dürfen, der mir behagt. Niemand treibt mich; kein Zwang und keine Drohung, keine Gefahr an Leib und Leben hatte Anteil an meiner Entscheidung. Über den größten Teil der Menschheitsgeschichte teilen die Wenigsten diese Erfahrung.

Als nun das klare Wetter letzte Woche die ersten Kranichschwärme mit sich brachte, musste ich also auch daran denken, dass diese Tiere keine Grenzen in unserem Sinne kennen. Ein Vergleich zwischen Mensch und Tier hat immer seine Tücken. Aber vielleicht geht es auch weniger um einen Vergleich als um eine Art Erinnerung daran, ein Symbol dafür, dass eine stacheldraht- und minenbewährte Grenze – anders als eine natürliche, wie etwa ein hoher Gebirgszug oder ein Fluss – zunächst einmal im Kopf eines Menschen entsteht, bevor sie konkret wird. Sie, und im schlimmsten Falle der Tod an oder wegen ihr, ist keine natürliche Notwendigkeit.

Zugvögel sind wohl schon immer ein Symbol für Freiheit gewesen, vor allem für die Freiheit dorthin zu gehen, wohin es einen treibt. Dabei stellt sich häufig ein Gefühl von Hoffnung und Sehnsucht ein, denn die  Begegnung mit ihnen verleitet zum Aufschauen und lenkt den Blick für einen kurzen Moment aus den irdischen Verhältnissen heraus. An meinen Ausführungen weiter oben haben Sie schon gemerkt, dass Sie bei mir an einen Bibliomanen geraten sind. Ich habe in Ermangelung echter Vögel einmal zwei, drei Stücke Literatur aus meinem Bücherregal gesucht, in denen Menschen in Gefangenschaft oder Gefahr ihrer Begegnung mit Zugvögeln Ausdruck verliehen haben:

Der Schriftsteller Ernst Toller hatte während seiner Gefangenschaft im Festungsgefängnis Niederschönenfeld Besuch von einem Schwalbenpaar, das sich seine Zelle aussuchte, um darin ein Nest zu bauen.

Von den Ufern des Senegal, vom See Omandaba

Kommt Ihr, meine Schwalben,

Von Afrikas heiliger Landschaft.

Was trieb euch zum kalten April des kalten Deutschland?

Wo soll ich euch eine Stätte bereiten, Vögel der Freiheit?

Ein anhaltender Kampf zwischen nestzerstörenden Gefängniswärtern und nestschützenden Häftlingen entspann sich mit wechselnden Erfolgen. Die heimlich geschriebenen Zeilen konnten schließlich aus dem Gefängnis herausgeschmuggelt werden und liegen heute als „Das Schwalbenbuch“  vor.

Walter Flex gehörte 1914, heute kaum noch nachvollziehbar, zur großen Schar der Kriegsbegeisterten. 1916 schrieb er im Schützengraben:

Wildgänse rauschen durch die Nacht

Mit schrillem Schrei nach Norden

Unstete Fahrt, habt Acht, habt Acht

Die Welt ist voller Morden.

Schon 1917 war er tot. Während die Gänse im nächsten Jahr sicherlich den gleichen Weg zurück genommen haben, war Flex als Teil des „Mordens“ schnell Opfer seiner eigenen Kriegslust geworden. Dass auch in diesen Tagen Menschen ihr Leben lassen müssen, während am Himmel Vögel dem Leben entgegen ziehen, macht mich unendlich traurig.

Die Literatur ist voll von solchen Beispielen. Rosa Luxemburg freut sich in ihren Gefängnisbriefen, dass sie den Ruf des Wendehals (das ist eine ziehende Spechtart) gehört und erkannt hat: „Mir ist, als hätte ich ein Geschenk gekriegt, seit ich weiß, wer der Vogel mit der klagenden Stimme ist.“ Und Dante besingt seine Kraniche sogar im Inferno, also in der Hölle.

E come i gru van cantando lor lai, facendo in aere di sé lunga riga…

Und wie die Kraniche mit Klagetönen die Lüfte rasch durchziehen in langen Fahnen…

Ich bin voll Dankbarkeit, dass ich mich den Vögeln nun wirklich anschließen darf. Kraniche werde ich auf Trischen eher nicht begegnen, ihre Zugrouten verlaufen weiter östlich. Aber sie führen mich gen Norden, aus Hamburg heraus. Und deshalb möchte ich mit ein paar Zeilen schließen, die Ihnen gewissermaßen an die Flügel geheftet – und von einem sehr bekannten Freiheitsapostel geschrieben worden sind:

Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen!

Die mir zur See Begleiter waren.

Zum guten Zeichen nehm ich euch,

mein Los, es ist dem euren gleich!

Vielleicht kennt das ja noch jemand von Ihnen aus der Schule!

 

Sie hören von mir, sobald ich Inselboden unter den Füßen habe.

Bis dahin  bleibe ich Ihr

Till Holsten

PS: Vielen Dank für den zahlreichen Zuspruch für meine Anfänge hier!