Reisetagebuch Teil 6: Von Early Birds und feinem Zwirn

Reisetagebuch Teil 6: Von Early Birds und feinem Zwirn

Für unser NAJU-NABU-Team brechen die letzten Tage an. Mit den Rangern geht es noch im Morgengrauen raus, Spaziergang zum Seeufer: Birdwatching steht auf dem Programm. Mit dabei ist auch Dr. Shimeles, der das Vogelbuch über den Tanasee veröffentlicht hat.

Die Artenvielfalt ist aufregend hoch: Zwischen Fischereihafen und Kirchengarten tummeln sich opportunistische Pelikane, verschiedene Arten Eisvögel, tropische Hornvögel, quietschgrüne Papageien, die funkelnden „Sunbirds“ und sogar ein kleiner Trupp Nimmersatte. Während einige eifrig die Ferngläser justieren und das Bestimmungsbuch von vorne nach hinten (und zurück) durchblättern, reiben sich andere auch zwei Stunden später noch immer den Schlaf aus den Augen und verwünschen den frühen Start – ja, es war viel Programm die letzten Tage!

Nach dem Frühstück steht dann der Trip mit den Rangern gemeinsam zu den Blue Nile Falls an. Der Blaue Nil entspringt am Tanasee und fließt dann Richtung Sudan. Leider ist er alles andere als blau, seine Farbe ist rotbraun. Da geht sie hin, die schöne fruchtbare Erde Abyssiniens, wortwörtlich den Bach runter. Was die Entwaldung, Überbeanspruchung der Böden und die massive Erosion bewirken, bekommt man hier deutlich vor Augen geführt. Bitter, denn fruchtbarer Boden wird rund um den Tanasee unbedingt benötigt. Gut, dass der Anfang gemacht ist mit den Aufforstungsprojekten des NABU und den Communities. Auch in unserem Handbuch geht es um die Notwendigkeit, Bäume zu pflanzen, um der Erosion vorzubeugen – vielleicht können wir ja wirklich etwas bewegen.

Das Müll-Problem an diesem touristischen Hotspot nehmen wir gemeinsam mit den lokalen Gästeführern unter die Lupe. Die sammeln zwar eifrig einmal im Monat Plastik, alte Textilien und was sonst noch so rumfliegt zusammen, ein Verwertungssystem gibt es jedoch in Äthiopien nicht mal im Ansatz.

Ein Paradies für Geier und Ratten, ein Problem für die Stadt: Eine Müllhalde in Bahir Dar – Foto: NABU

Das Ende der Reise steht dann nach vielen Verabschiedungen vom Tanasee (und vor allem unseren neuen Freunden in Bahir Dar) unter dem Stern der feinen Hemden. Nach zehn Tagen im Koffer kommen sie bei den Terminen in Addis Abeba im Bildungsministerium sowie der Deutschen Botschaft nun zum Einsaz. Auch ein kurzer Besuch bei „Lucy“, unser aller Urahnin, im National Museum muss sein. Addis zeigt sich weniger entspannt als Bahir Dar, überall Autos (und zwar jahrzehntealte Modelle, da kann man die Schadstoffwerte mit dem eigenen Wohlbefinden messen), Baustellen, wenig Bäume und schon gar keine Kronenkraniche oder Affen mehr.

Unsere aufregende Reise ist vorbei. Was wir gemeinsam mit dem NABU-Team in Bahir Dar und den Lehrerinnen und Lehrern alles geschafft haben, hat unsere Erwartungen weit übertroffen. Wir haben hoch engagierte und sehr interessierte Menschen kennengelernt – und eine Menge neuer Freunde.

An einigen Stellen sind wir an unsere Grenzen gekommen, strukturell oder persönlich. Wir mussten erkennen, dass unsere Vorstellungen von Umweltbildung und Naturschutz hier mit einer ganz anderen Realität konfrontiert werden.

Wer die Welt retten will, der sollte vor der eigenen Haustür anfangen, darf dabei aber auf keinen Fall den Blick über den Tellerrand vergessen. Denn was mit dem Tanasee passiert, ist auch für uns wichtig. Nicht zuletzt, weil unsere Zugvögel, wie die Kraniche, sonst keinen Überwinterungsplatz mehr hätten. So hat uns der Austausch mit den engagierten Menschen vor Ort auch viel für unsere Arbeit in der NAJU und im NABU in Deutschland gelehrt.

Natürlich funktioniert Umweltschutz und Bildungsarbeit in Äthiopien anders als bei uns, aber wir haben den Grundstein dafür gelegt, dass wir einander besser verstehen und zusammen an einem Strang ziehen. Denn nur wenn viele Menschen an vielen Orten, viele kleine Schritte tun … Naja, ihr kennt das!

Bis bald, Abyssinia!

Titelbild: Die blauen Nilfälle – Foto: NABU

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