Einfach mal abschalten

Einfach mal abschalten

Die Augen haben Ringe bekommen. Das Arbeiten und Leben in Zeiten von Corona hinterlässt eben seine Spuren. Es ist Mitte Mai, seit zwei Monaten arbeite ich von zu Hause. Wenn ich morgens aufstehe, brauche ich nur wenige Schritte zu gehen und bin schon am Arbeitsplatz. Aber erst mache ich einen weiten Weg darum herum und versuche ruhig in den Tag zu starten. Während ich frühstücke, reißt das Arbeitshandy mich aber bereits mit ersten Nachrichten und To Do‘s in den Arbeitsalltag. Also ran an den Laptop, um fix ein paar Sachen abzuarbeiten, bevor schon die erste Videokonferenz mit meinem Team ansteht. Bis zum Feierabend sollen weitere folgen, mit gefühlt stets mehr rauchenden Köpfen und weniger produktiven Gesprächen. Und danach? Mein Sportkurs, der jetzt eben online stattfindet. Abends schaue ich einen Livestream einer Politiker*innendiskussion, dann melden sich die Lieben aus der Ferne und wir spielen ein gutes altes Gesellschaftsspiel – per Videoanruf.

Und täglich grüßt das digitale Hamsterrad

Es gibt derzeit gefühlt kaum noch Aktivitäten, die nicht digital sind, in denen wir nicht ständig hinter einem Bildschirm kleben. Umso wichtiger und entspannender sind die Offline-Erlebnisse, die ich mir selbst regelmäßig anordne: Ein Spaziergang im Park, eine Radtour, eine Lesepause im Grünen. Das sind die Momente, in denen sich Körper und Geist vom digitalen Hamsterrad erholen. Dann schöpfe ich wieder Kraft für den nächsten digitalen Marathon. Dieser Marathon ist aber nicht nur auslaugend für uns als Menschen, sondern auch für die Erde: Unser derzeit unglaublich intensives Digitalleben ist nämlich ein enormer Stromfresser. Wäre das Internet ein Land, stünde es auf Platz sechs der Nationen mit dem größten Energieverbrauch weltweit. Und ebendiese – leider noch zu selten erneuerbar erzeugte – Energie verursacht jede Menge CO2-Emissionen, die den Klimawandel beschleunigen. Ach ja, der Klimawandel. Das war doch diese andere Krise, von der alle vor Corona sprachen? Die aber weniger schnell, dafür umso härter in unser Leben eingreifen wird?

Die doppelte Rechnung

Es ist zwar schön, dass wir uns derzeit mit Videoanrufen und anderen digitalen Lösungen weiterhin eine Art Alltag aufrecht erhalten können, in dem wir trotz Distanz arbeiten und Kontakt halten können und uns manchmal auch eine (Dienst-)Fahrt sparen können. Aber wir sollten dabei trotz alledem nicht die enorme globale Stromrechnung aus dem Auge verlieren. Eine Stromrechnung, deren Preis wir doppelt bezahlen werden, wenn wir nicht jetzt auch den Klimawandel im Blick behalten. Daher versuche ich mich in meinem neuen Alltag zu disziplinieren und meinen digitalen Konsum auf das Nötige zu beschränken. Wie ein Marathonläufer werde ich – werden wir alle – noch einen ziemlich langen Atem in dieser neuen digitalen Realität beweisen müssen. Der Wettlauf gegen den Klimawandel spielt sich parallel auf einer anderen, noch kräftezehrenderen Strecke ab, abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit. Damit uns auf keiner der beiden Strecken die Puste ausgeht:

 

11 Tipps für eine gesunde Digitalroutine im Alltag

  1. Weniger ist mehr: Das A und O des gesunden Digitalkonsums lautet so wenig online zu sein wie möglich, sowohl zum eigenen Wohl, als auch des Klimas. Das trifft besonders auf das Video-Streaming zu, denn für Serien, Filme und Videos auf Netflix, Amazon Prime, Youtube und Co wird unglaublich viel Energie in Serverzentren und bei der Übertragung benötigt. Video-Daten machen etwa 80 Prozent des weltweiten Datenverkehrs aus.
  2. Bewusst konsumieren: Wenn doch gestreamt wird, nicht parallel surfen oder googeln. Stichwort Google: Jede Google-Suche verursacht einen ansehnlichen CO2-Ausstoß. Daher empfiehlt es sich, auch hiermit bewusst umzugehen. Ebenso kann man sich bewusst gegen die Tricks der Streaming-Anbieter wehren, indem man das ewige Autoplay deaktiviert und somit verhindert, dass immer ein nächstes Video gezeigt wird. Wenn man nur Musik und nicht die Musikvideos streamen möchte, ist man durch die geringere Datenübertragung mit Musikanbietern besser bedient als mit Youtube.
  3. Ansprüche reduzieren: Die Bildübertragung im Streaming ist in den letzten Jahren stets besser geworden und frisst jede Menge Daten. Statt der voreingestellten Optimalqualität tut es aber auch eine etwas geringere, aber noch immer scharfe Bildqualität.
  4. Kleiner Bildschirm ist besser: Wenn möglich, lieber das Smartphone statt einen großen Bildschirm nutzen. Das reduziert die Netzlast. Dabei sollte man auf jeden Fall das WLAN statt eine mobile Datenverbindung nutzen, denn diese ist viel energieintensiver.
  5. Online-Pausen: Zwischendrin aus dem WLAN ausloggen und wenn man unterwegs ist, etwa für einen Spaziergang in der Mittagspause, wirklich mal komplett die Datenverbindung trennen. Das spart Energie und Daten und entspannt umso mehr.
  6. Vorher downloaden: Wer auch beim Spaziergang oder im Park absolut nicht auf den Lieblings-Podcast oder andere Online-Angebote verzichten möchte, kann diese je nach Anbieter vorher im WLAN downloaden und dann abrufen, wenn er unterwegs ist.
  7. Weniger Dateien: Was wir privat, aber auch auf der Arbeit an Dateien, Bildern, E-Mails verschicken und zwischenspeichern, frisst auch viel Energie. Daher: Lieber Links statt Dateien schicken, löschen, was nicht mehr benötigt wird und nicht endlos energieaufwendige Clouds füllen.
  8. Weniger hell: Um Energie zu sparen und unseren Augen (besonders abends!) eine Erholung zu gönnen, sollten wir die Helligkeit der Bildschirme reduzieren.

Tipps für eine bessere digitale Arbeitsroutine:

  1. Weniger Videokonferenzen: Die Teilnahme an Videokonferenzen, deren Teilnehmeranzahl und Dauer auf ein Minimum beschränken. Das macht die Gespräche effizienter und schafft auch mehr Zeit, um zwischendurch mal Luft holen und konzentriert an etwas arbeiten zu können.
  2. Mal abschalten: Wenn sich Videokonferenzen doch nicht umgehen lassen, auch mal das Video abschalten. Dadurch müssen weniger Daten übertragen werden und bei einer schlechteren Übertragungsqualität des Sprechers verbessert sich die Qualität beim Empfänger etwas.
  3. Offline gehen: Wenn zu viele Kurznachrichten, E-Mails und andere Störfaktoren einen von der wirklich wichtigen Arbeit ablenken, auch mal offline gehen. Falls es wirklich mal brennt, können einen die Kolleg*innen immer noch per Telefon erreichen.

Mit diesen Tipps versuche ich den neuen Alltag zu meistern und dabei meine Gesundheit und die des Planeten nicht aus den Augen zu verlieren. Schaltest du auch mal ab?

Für mehr klimafreundliche Alltagstipps schau auf www.NABU.de/Action vorbei und melde dich für unseren Newsletter „Nachhaltig leben“ an. Hier findest du mehr NABU-Infos zum Thema Energieverbrauch im Internet sowie in der Studie des Shift Projects und auf Utopia.

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