Halbzeit auf Trischen

Wenn man davon ausgeht, dass die Überfahrt zurück ans Festland wie geplant am 15. Oktober stattfinden kann, dann ist heute, am 3. Juli Halbzeit dieser Saison! Seit dreieinhalb Monaten beobachte ich nun das rege Treiben der Vogelwelt und die ständigen Veränderungen der Insel im Rhythmus der JahresZeiten und der GeZeiten.

Zeit für einen Rückblick, würde ich da sagen!

Bei einigen Beiträgen aus den vergangenen Monaten fragt sich bestimmt die ein oder der andere, wie es damit wohl weitergegangen ist? Ich denke da zum Beispiel an die Wohnungsbesichtigungen oder das Reh. In diesem Beitrag werden ich hoffentlich alle Fragezeichen beseitigen. Und wenn doch welche verloren im Raum stehen bleiben, freue ich mich über Nachfragen.

Einiges ist passiert. Jeder Tag brachte neue Überraschungen. Der Frühjahrszug vieler Vögel hat erste große Schwärme auf die Insel gebracht. Inzwischen sind sie seit einigen Wochen alle fort und haben das Feld allein den Brut- und „Mauservögeln“ überlassen. Nur ab und zu zeigen sich kurzweilige Gäste wie ein einzelner Steinwälzer oder übersommernde Sanderlinge. Die Ringelgänse sind, wie angekündigt, Ende Mai auf ihre Reise gen Norden aufgebrochen. Nur eine einzige Gans hält hier bei mir im Hüttenumfeld die Stellung. Sie hat anscheinend den Anschluss verloren. Selten halten sich zur Zeit einzelne Singvögel im Lockgebüsch auf.

Die Wohnungsbesichtigungen sind leider ins Leere gelaufen. Nach ersten gebrachten Umzugskisten in Form von kleinen Klümpchen, die an der Nisthilfe befestigt wurden, entschieden sich die potentiell interessierten Rauchschwalben dann doch anders. Auch das Brandganskollektiv bezog eine andere Behausung, aber das war ja zu erwarten.

Die Brutsaison ist noch nicht abgeschlossen! Zwar sind die Graugansküken mit ihren Eltern direkt nach dem Schlüpfen vor Monaten Richtung Festland aufgebrochen, doch konnte ich bisher zum Beispiel noch kein Brandgansküken entdecken. Es müsste aber jeden Tag soweit sein! Unter den Löfflern sind die meisten inzwischen flügge und lassen sich an vielen Orten um die Insel bei der Nahrungssuche beobachten.

Trotz einiger räuberischer Großmöwen, die ich bei der Erbeutung kleiner Rotschenkelküken beobachten konnte, scheint der Bruterfolg der Tüter gut auszufallen. Jeden Tag sehe ich mehrere flügge Jungvögel in der Südostbucht. Auch die warnenden und beobachtenden Altvögel auf dem Hüttenumlauf werden weniger. Für sie geht das Brutgeschäft zu Ende. Es scheint ein bisschen so, als hätten sie „ihr Revier“, die Südostbucht, nun den Austernfischern mit ihrem Nachwuchs überlassen.

Die lustig watschelnden Küken der Silber- und Heringsmöwen erkunden inzwischen fleißig den Strand. Auch Sturmmöwenküken konnte ich an der Südspitze beobachten. Tja, aber was machen die Lachmöwen? Nach dem Hochwasser Anfang Juni siedelten sie sich um und versuchten einen neuen Brutstart. Leider waren die Wasserstände der letzten zwei Tage wieder so hoch, dass ein Teil der Kolonie im Wasser lag. Mal schauen was sich die Lachmöwen nun einfallen lassen.

Die schreckhaften Seeschwalben scheinen auch noch zu brüten. Die Wasserstände konnten ihnen aber diesmal nichts anhaben. Anscheinend haben sie vom ersten Hochwasser gelernt.

So wie die Eiderenten mit der Mauser beginnen und ihr Federkleid wechseln, hat sich auch die ganze Insel „umgezogen“. Nach dem beige/grau im anfänglichen Frühling/ausklingenden Winter, trägt sie nun viele Grüntöne, gespickt von kleinen, bunten Sprenkeln, oder flächigen helllilanen Mustern. Auch wenn ich zur Zeit selten das Hüttenumfeld verlasse um die Brutvögel nicht zu stören, entdecke ich regelmäßig neue Pflanzen die in der Salzwiese oder wie aus dem Nichts am Strand sprießen.

Und was ist eigentlich mit dem Reh? Nach knapp zwei Wochen war es verschwunden. Welchen Weg es eingeschlagen hat und ob es zum Festland zurückgefunden hat, weiß nur es selbst…..

Gespannt erwarte ich den Spätsommer und den Herbst. Schaut man auf die Zahlen und Berichte der letzten Jahre, wird es eine aufregende Zeit! Die Insel wird rappelvoll und vielleicht kommen ein paar Arten vorbei, die sich im Frühling nicht gezeigt haben. Ich behalte weiterhin quasi permanent mein Fernglas um den Hals, damit mir so wenig wie möglich entgeht.

Es freut mich, dass so viele Leserinnen und Leser bis hierhin diesen blog verfolgt haben. Und noch mehr freut es mich, wenn alle weiterhin dabei bleiben und mich virtuell während meiner zweiten Halbzeit hier auf Trischen, mitten im Nationalpark Wattenmeer, begleiten.

Anne de Walmont

Vogelwartin 2019