Trifft ein Einsiedler einen anderen…
Eigentlich ist sie ja ziemlich schön. Ich mag ihren Olivton, der an Jade erinnert und von schwarzen und beigen Sprenkeln durchsetzt ist. Die OberflÀchenstruktur der Schale sieht aus wie die Strahlen einer kleinen Sonne. Trotzdem kann ich mich nicht so recht an dem freuen, was ich da gerade aus dem Watt gebuddelt habe. Aber dazu spÀter mehr.
Es ist Anfang September. Und das heiĂt: Wattkartierung. PĂŒnktlich zum Eintreffen der Zugvögel aus der Arktis ist das Watt um diese Jahreszeit randvoll mit Leben. Einen ganzen Sommer lang hatten Abermilliarden Organismen Zeit zu wachsen und sich zu vermehren. Ăber Millionen Jahre Evolution und etliche tausend Generationen hinweg haben Lebewesen ihren Lebensrhythmus nach und nach so aufeinander abgestimmt, dass fĂŒr alle eine mindestens brauchbare â also das Ăberleben und Vermehrung ermöglichende â Gesamtlage dabei herausspringt. Und deswegen landet der AlpenstrandlĂ€ufer hier, wenn der Tisch auch wirklich gedeckt ist. Ich staune jedes Jahr wieder ĂŒber die synchronisierten AblĂ€ufe in der Natur.
Wattkartierung heiĂt aber nicht nur staunen, sondern auch schwitzen. 15 Kartierpunkte auf zwei insgesamt fast 10 Kilometer langen Strecken muss ich ablaufen. Kluge Leute nehmen sich ein paar Kolleginnen oder Freunde und, wie in der Anleitung empfohlen, âMotivationsschokoladeâ mit. Ich habe allerdings auch schonmal von Motivationsbier gehört (Sie ahnen sicherlich, auf welche Idee man bei 15 Kartierpunkten kommen kann â ich halte die Story aber fĂŒr erfunden..). Auf Trischen siehtâs anders aus. Hier heiĂt es: Du und das Watt. Und so ziehe ich denn los. Auf meinem Wagen schaukeln ein zur Probeentnahmeröhre umfunktioniertes altes Rohr, ein Spaten und eine Kiste mit dem unabdingbaren Kleinkram. Das GPS-GerĂ€t halte ich in der Hand. Zwischen glucksenden SpĂŒllöchern und stochernden Watvögeln fĂŒhrt es mich zu den vorgesehenen Punkten. Da im gesamten Wattenmeer seit Anfang der 90er Jahre solche Kartierungen vorgenommen werden, lassen sich auf lange Sicht sehr prĂ€zise Aussagen ĂŒber die Dynamik von Populationen verschiedenster Arten treffen. Das ist ein Datenschatz, den sich viele andere Wissenschaftler nur wĂŒnschen können.
Aber ich merke einmal mehr: Puh! Wissenschaft ist anstrengend! Die Sonne brennt. Der SchweiĂ lĂ€uft in Strömen. Ich wette, der Salzgehalt der Nordsee liegt um mindestens einen Prozentpunkt höher, wenn Mitte September alle Kartierteams ihre Arbeit verrichtet haben. Das Watt in der SĂŒdostbucht ist ausgesprochen schlickig, denn hier kommt das Wasser zur Ruhe. Feinste Teilchen sedimentieren und lassen meine Beine bis zum Knie versinken. Der Wagen sammelt den Schlamm, ihm fehlen die KotflĂŒgel. Alle hundert Meter muss ich ihn vom durch die RĂ€der heraufgeworfenen Schlick befreien. SchlieĂlich gibt sich das Problem, da sie sich irgendwann ohnehin nicht mehr drehen â jetzt habe ich einen Schlitten. Ich zĂ€hle OberflĂ€chenspuren, bohre mit der Proberöhre, grabe mit dem Spaten. Als ich nachhause komme, bin ich fix und alle und sehe aus wie das Ding aus dem Sumpf.
Aber jetzt mĂŒssen die Proben sortiert werden. Und da fĂ€llt mir die HĂŒbsche von oben entgegen. Es handelt sich um eine Teppichmuschel der Gattung Ruditapes. Sie stammt aus dem Pazifikraum und wurde durch Menschen sowohl wissentlich eingebĂŒrgert, da sie als Speisemuschel dient, als auch versehentlich eingeschleppt. Leider ist inzwischen belegt, dass sie durch ihre ungeheure Filtrationsleistung die Entwicklung heimischer Muschelarten beeintrĂ€chtigen kann. Dennoch, eine Muschel ist ein faszinierendes Wesen: Zwischen den Schalen lebt etwas, das fast nur aus Muskel und ein bisschen Verdauungstrakt besteht. Wenn man daran ein wenig herumphilosophiert (und vielleicht einen kleinen Sonnenstich hat), kommt man auf interessante Gedanken.
Der zweite Tag geht leichter von der Hand. Im Nordwesten ist das Watt sandiger, da hier viel stĂ€rkere Strömung vorherrscht. Im Vergleich zum Vortag habe ich das GefĂŒhl, ĂŒber das Watt zu fliegen. Und dann finde ich noch einen possierlichen kleinen Einsiedlerkrebs, der auf meiner Hand fĂŒr einen Fototermin posiert. Schön!
ZurĂŒck in der HĂŒtte falle ich fast vom Glauben ab: Mit noch schlammigen FĂŒĂen lese ich eine Mail. Und in der Mail steht, ich möge doch bitte nach dem invasiven Einsiedlerkrebs Pagurus longicarpus Ausschau halten, der sich inzwischen in hiesigen Gefilden ausbreitet… Pagurus longicarpus erkennen Sie an einem grĂŒn-blĂ€ulichen Schimmer auf der Schere. AuĂerdem ist das Glied dahinter verlĂ€ngert und wirkt gestreckter als beim heimischen Einsiedlerkrebs. Und jetzt schauen Sie sich mal die Fotos an.
Die Zeiten Ă€ndern sich also. Arten, die frĂŒher noch hĂ€ufig waren, verschwinden. Neue stellen sich ein. Oft konkurrieren sie miteinander um Ressourcen, zum Beispiel um Plankton, wie Muscheln es aus dem Wasser filtern, oder GehĂ€use von Strandschnecken als Behausung, wie Einsiedlerkrebse sie nutzen. Wie die Sache ausgeht, ist nicht immer einfach zu sagen. Manchmal kommt es zur Koexistenz, manchmal können sich Arten etablieren, wĂ€hrend andere sich nicht mehr halten. Fest steht, dass der Mensch durch Einschleppungen und vor allem die durch ihn bedingten klimatischen VerĂ€nderungen stark zu diesen Prozessen beitrĂ€gt. Ich bin gespannt, wie die Ergebnisse der Wattkartierung in zwanzig Jahren aussehen.
In diesem Zusammenhang habe ich noch eine Anmerkung: Manchmal werden grobe AnalogieschlĂŒsse von der Natur auf den Menschen genutzt, um politisch Stimmung zu machen. Es ist mir deshalb wichtig zu betonen, dass wir Menschen alle zu einer Art gehören, ob das nun dem Einzelnen passt oder nicht. Abgesehen davon sind Sie und ich, anders als die Teppichmuschel, an moralische MaĂstĂ€be gebunden. Das macht uns zu Menschen. Wer immer das nicht begreift, dem können Sie also gerne sagen, dass er offensichtlich nicht viel mehr Gehalt hat als, nun ja, ein paar Muskeln und einen erstaunlich langen Verdauungstrakt.
















