Beobachtungen BeitrÀge

Mein Freund, der Rotschenkel

LangjĂ€hrige Leserinnen und Leser des Trischenblogs kennen sie inzwischen genau so gut wie der Vogelwart. Man kommt schlichtweg nicht um sie herum – und das meine ich ganz wörtlich, denn seit ich im MĂ€rz den ersten Fuß auf die Treppe der HĂŒtte gesetzt habe, haben mir die Trischener Rotschenkel deutlich gemacht, dass das hier ihr Reich ist: Morgens sitzen sie bereits vor Sonnenaufgang auf dem GelĂ€nder, mittags jagen sie sich in wild sausenden Gruppen um den Turm, in der AbenddĂ€mmerung schauen sie neugierig zum Fenster herein und beĂ€ugen kritisch meine KochkĂŒnste. Alles (!) geschieht unter permanentem, lautem Flöten. Wenn es einen Kommentar der Natur zu meinem Leben hier gibt, dann lautet er: TĂŒ-tĂŒ-tĂŒ-tĂŒ-tĂŒ-tĂŒ-tĂŒĂŒĂŒ!

Ich bilde mir aber ein, dass sich unser VerhĂ€ltnis zueinander im Laufe der Zeit geĂ€ndert hat. Anfangs konnte von Freundschaft natĂŒrlich keine Rede sein. Im TĂŒ steckte vor allem Protest. „Was willst du hier? Hau ab! Und zu blöd, uns zu fangen, ist er auch noch!“ ĂŒbersetzte ich im Geiste. Im Mai war vor liebestrunkenem Geflöte kein Halten mehr. Meine Übersetzung erspare ich Ihnen. Ich war völlig abgeschrieben. Doch inzwischen werde ich offensichtlich wieder interessanter.

Da gibt es einen Moment, der mich immer wieder tief berĂŒhrt: Es ist der Moment, in dem mir bewusst wird, dass ich jetzt von einem Tier wahrgenommen werde. Ich meine damit nicht die BrandgĂ€nse, die hoch ĂŒber mich hinwegfliegen und mich als kleinen Punkt unter vielen am Strand sehen. Und ich meine auch nicht die MĂŒcke, mit der ich nachts einen Kampf um das Blut fĂŒhre, das sie unter meiner Haut wittert. Ich meine den Moment, in dem man sich gegenseitig ins Auge schaut.

Diese Momente sind selten. Ich erinnere mich an einen Fuchs, der einmal plötzlich wie aus dem Boden gewachsen im Wald vor mir stand. Wie gebannt sahen wir uns vielleicht zehn Sekunden lang an. Dann drehte er sich um und rannte fort. Ich denke an eine KĂŒstenseeschwalbe, die fast eine halbe Minute ĂŒber mir in der Luft stand. Sie blickte herunter, mir direkt ins Gesicht. Ich blickte hoch. Ich konnte sehen, wie ihre Augen meinen Blick – nicht etwa meinen Körper – fixierten. Wir nahmen uns wahr. Zu spĂŒren, wie sich im tierischen GegenĂŒber etwas tut, dass man in diesem so unendlich fremden und doch so nahen Bewusstsein in irgendeiner Form in gerade diesem Augenblick prĂ€sent ist, macht etwas mit einem. Ich kann es gar nicht so richtig beschreiben, aber ich glaube es hat damit zu tun, dass man sich seiner eigenen KreatĂŒrlichkeit bewusst wird.

Die Rotschenkel liefern mir diesen Moment hĂ€ufig. Fast jeden Morgen sehen wir uns an. Oft blinzeln wir uns auch zu. Das kurze Schließen der Augen signalisiert: Ich bin nicht zu 100% aufmerksam. Ich will dich nicht fangen und weiß, dass auch du mich nicht fangen willst. Es ist erstaunlich, aber es klappt wirklich. Sie kennen den Effekt vielleicht von Ihrem Hund oder Ihrer Katze. Und der Rotschenkel bleibt sitzen, wenn ich die Treppe hinab gehe.

Was spielt sich da ab? Keine Frage, der Vogel denkt nicht wie ich. Zwar teilen wir bestimmte Formen der Wahrnehmung, aber schon da tun sich Unterschiede auf: Mein Sehvermögen ist viel geringer und mein Abstraktionsvermögen viel ausgeprĂ€gter als seines. Und weiß ich auch nur, ob er ĂŒberhaupt in so etwas wie Begriffen denkt? Habe ich die geringste Ahnung davon, welches Bild er in seinem Köpfchen von mir hat und was er empfindet, wenn sein Gehirn es erzeugt? Ich weiß es nicht. Und hier wird es interessant. Denn streng genommen weiß ich das bei einem menschlichen GegenĂŒber ja auch nicht. NatĂŒrlich können wir darĂŒber reden, wie wir Dinge oder uns gegenseitig wahrnehmen. Aber, um einen ganz einfachen erkenntnistheoretischen Kniff zu nutzen: Ob wir wirklich das Gleiche meinen, wenn wir von „Blau“ oder „Schmerz“ oder gar so komplizierten Begriffen wie „Liebe“ sprechen, können wir niemals wissen, sondern allenfalls hoffen. Und doch fĂŒhlen wir uns ja hĂ€ufig verstanden, oder, im Falle des Rotschenkels und mir, zumindest wahrgenommen. Er ist ein kleiner Spiegel, der mir bestĂ€tigt: Du bist da.

Es gibt eine kleine Geschichte, die noch einen neuen Twist in die Angelegenheit bringt. Sie stammt von einem klugen Mann namens Zhuangzhi und ist ungefĂ€hr 2400 Jahre alt. Da ich meine BĂŒcher gerade nicht dabei habe, versuche ich sie aus dem GedĂ€chtnis aufzuschreiben:

„Zhuangzhi geht mit einem Freund ĂŒber eine BrĂŒcke. Im sonnendurchfluteten Wasser tummeln sich die Fische. Er sagt: „Schau, wie fröhlich sie spielen, die Fische!“ Sein Freund entgegnet: „Woher willst du denn wissen, dass sie fröhlich sind? Du bist doch gar kein Fisch!“ Darauf Zhuangzhi: „Woher willst du denn wissen, dass ich es nicht weiß? Du bist doch gar nicht ich!“

Da kann man lange drĂŒber nachdenken. Am Ende steht wohl der Gedanke, dass wir uns niemals wirklich sicher sein können, dass wir von anderen verstanden werden. Wir können aber ebenso wenig mit Sicherheit sagen, dass wir nicht verstanden werden. Und darin liegt die Hoffnung.

Was also mag der Rotschenkel ĂŒber mich denken? Ich weiß es nicht. Ich blinzel ihm einfach zu. Der Rotschenkel blinzelt zurĂŒck.

 

Requiem fĂŒr einen KĂŒhlschrank

Man kann den Menschen sehr technisch betrachten: Bei einer Temperatur von etwa 37°C, einem Blut-pH-Wert um 7.4 (das ist der Wert fĂŒr den SĂ€ure-Basen-Haushalt) und einem bestimmten Gehalt verschiedener Salze darin lĂ€uft der Betrieb optimal. Das sind sozusagen die Werkseinstellungen. Ihre Grenzen sind, anders als bei einigen Pflanzen und Tieren, recht eng bemessen. Besonders wir SĂ€ugetiere sind da empfindlich. Verrutscht der pH-Wert um wenige Punkte hinter dem Komma, hat das Blut nur ein paar Grad mehr oder weniger – schon ist das schöne Leben ist dahin.

Und obwohl wir uns bei Frost nicht einfach in Winterstarre begeben können (Amphibien, Insekten) oder wochenlang von nichts leben als dem Tau, der sich auf unserer Haut sammelt (einige WĂŒstenkĂ€fer), obwohl wir lĂ€ngst keinen schĂŒtzenden dicken Pelz mehr tragen, haben wir doch den gesamten Erdball besiedelt. Wie konnte das passieren? Das Gehirn macht’s möglich. Denn das lĂ€sst uns Dinge erfinden wie: Kleidung, Zisternen, Pumpen, DĂ€cher, Heizungen und – KĂŒhlschrĂ€nke! Ich habe meinen hier auf der Insel sehr geliebt. Zwanzig Jahre lang hat er unermĂŒdlich seinen Dienst getan. Letzte Woche hat er sein Leben ausgehaucht.

Unter dem Gefrierfach hatte sich seit lĂ€ngerem ein dicker Eispanzer gebildet. Zuletzt konnte ich kaum noch etwas ins obere Fach legen. Allein, das Abtauen war von einem unguten Zischen begleitet. Das schmelzende Eis gab schließlich den Blick auf ein kleines Leck frei, durch das KĂŒhlgas austrat. Da half alle verzweifelte Erste Hilfe nichts, kein Panzerband, kein Sekundenkleber – mein schöner KĂŒhlschrank lag in seinen letzten, schnaufenden ZĂŒgen.

Er war wirklich ein Unikum. Die Herstellerfirma gibt es nicht mehr. Das einzige Modell, das rĂ€umlich passt und mit der Solaranlage kompatibel ist, hat eine unbestimmte Lieferzeit im Rahmen mehrerer Wochen. Na schön, es wird auch ohne gehen. Schließlich ist die Menschheit einen Großteil ihrer Geschichte ohne diesen Luxus ausgekommen. Ein findiger Freund rĂ€t mir zum Bau eines Mini-KĂŒhlschrankes, der sich einfache Physik zunutze macht: Kleiner Topf in großen Topf, dazwischen Sand. Befeuchtet man den Sand, kĂŒhlt die VerdunstungskĂ€lte das Innere des kleinen Topfes. Funktioniert! Bietet aber kaum Raum – eine Grube muss her. Unter der HĂŒtte ist den ganzen Tag Schatten.

Mit der nĂ€chsten Post kommt eine KĂŒhlbox an, die ich an die Steckdose anschließen kann. Die brummt zwar laut, macht das Leben aber leichter. Als es nachts plötzlich energisch piept und das Brummen schlagartig verstummt, bin ich hellwach. Verdammt! Schnell das Licht angeknipst – kein Licht. Der Strom ist weg. In der Hitze der Nacht wĂ€lze ich panisch den Gedanken, dass mir die Box womöglich die gesamte Verstromung zerschossen hat. Auch mein Handyakku ist nahezu leer – ich stolpere hinaus und knipse die Powerbank von der Lichtfalle zum Nachtfalterfang ab; es gilt alle Reserven sinnvoll zu nutzen. Schließlich will ich notfalls wenigstens noch Bescheid geben oder mir ein faltbares Solarmodul bestellen können…

Morgens habe ich wieder Strom, das Modul ist in Ordnung. Aber ein paar ungute Gedanken aus der Nacht bleiben. Ein kleiner Ausfall der Technik, und schon lebt es sich wie im Mittelalter. Gewiss, man kann sich helfen. Abgesehen davon lebe ich zumindest hier auf der Insel ja in Sachen Strom schon autark, das ist ein gutes GefĂŒhl. Aber der kleine Vorfall demonstriert doch anschaulich unsere AbhĂ€ngigkeit von der Energieversorgung. Es ist verzwickt: Gerade die FĂ€higkeit, unsere „Betriebstemperatur“ mittels Technik innerhalb der nĂ€chsten Umgebung zu gewĂ€hrleisten, lĂ€sst das Klima im Ganzen immer schneller in lebensfeindliche Temperaturen kippen. WĂ€hrend DĂŒrren, Hunger, WaldbrĂ€nde und Korallensterben den Planeten heimsuchen, wĂ€hrend wir wie nie zuvor vor Augen gefĂŒhrt bekommen, dass unsere AbhĂ€ngigkeit von fossilen EnergietrĂ€gern Unrechtsregimes in die HĂ€nde spielt, legitimieren die USA erneut eine klimafeindliche Politik, die G7 stimmen fröhlich ein und in Deutschland baut man eine Autobahn durch klimaschĂŒtzende Moorgebiete. Und jetzt bin ich nicht mehr wĂŒtend, weil mein KĂŒhlschrank kaputt ist, sondern weil ich im Jahr 2022, nachdem man seit Jahrzehnten weiß, wohin die Reise geht, noch solche SĂ€tze schreiben muss.

Lieber, kleiner Waeco-KĂŒhlschrank, du hast mir gezeigt, wie wertvoll Energie ist. Ich werde dich vermissen.

Oben: Der Alte. Mitte: Der Neue. Die PappwĂ€nde lasse ich stehen, damit keine Tiere hineinfallen. Unten: Der Hausrotschwanz fand die Baustelle ausgesprochen interessant. Beim Buddeln sind ein paar Schlickkrebse fĂŒr ihn mit abgefallen.

Die Schatzinsel

Inseln! Ich muss wahrscheinlich gar nicht viel mehr Worte machen, und schon haben Sie die schönsten Bilder im Kopf. Aber dann wĂ€re dieser Blogeintrag reichlich kurz. Ich frage also: Was macht die Faszination aus? Aus welcher Quelle speist sich der Strom an Vorstellungen, Projektionen, SehnsĂŒchten? Und warum stellt sich eigentlich nicht die gleiche AssoziationsfĂŒlle ein, wenn ich „Felder!“, „HĂŒgel!“ oder „FußgĂ€ngerzonen!“ schreibe?

Beim GrĂŒbeln ĂŒber solche Fragen wandere ich barfuß den Strand „meiner“ Insel entlang. Mit den Wellen schwappen Gedanken durch den Kopf, eine leicht Brise verweht sie wieder – es ist wohl die schönste Art des Nachdenkens. Ein Gedanke aber bleibt schließlich haften: Ob Lanzarote oder Wangerooge, ob sturmzerklĂŒftete Felshaufen im SĂŒdatlantik oder die vulkangeborenen Schönheiten in den unendlichen Weiten des Pazifiks, eines eint sie alle: Das Versprechen von Geheimnis.

Fernab liegt die Insel im Meer. Vielleicht sieht man sie auf einer Seekarte, vielleicht auch am Horizont. Was sie birgt, lÀsst sich nur erahnen. Und was wurde dort nicht alles vermutet! Sagenhafte Gestalten, fremde Völker mit noch fremderen Sitten, ausgestorbene Tiere, heilende Pflanzen, die NÀhe zu sich selbst, die NÀhe zu Gott..die Liste ist lang. Der Clou ist: Man hat das alles gefunden. Inseln halten ihre Versprechen.

Kennen Sie noch „Die Schatzinsel“? Der X-fach verfilmte Roman von Robert Louis Stevenson begeistert ja seit ĂŒber hundert Jahren Leserinnen und Leser. Er bricht das Konzept aufs Wesentliche herunter: Da ist die Insel, auf der es ein wertvolles Geheimnis, eben den Schatz, gibt, und der will unter MĂŒhen und Gefahren gehoben werden. Die Bilder sind ikonisch, sie prĂ€gen unsere Vorstellung vom einsamen Eiland bis heute. Wenn ich hier durch den heißen Sand auf den DĂŒnen stapfe, muss ich oft an die verschwitzten Piraten aus dem Buch denken. Ich habe bisher zwar kein Gold gefunden. Aber etwas Wertvolles ist mir dort dennoch begegnet, und auch Trischen hat ein kleines Geheimnis preisgegeben. Es kam allerdings nicht in einer modrigen Kiste, sondern auf flinken FlĂŒgeln daher.

Als ich vor einigen Tagen eine Raubfliege aus dem Insektenkescher holte, ahnte ich noch nicht, dass mir da etwas Besonderes ins Netz gegangen war. Ich hatte sie in eben jenen Schatzinsel-DĂŒnen gefangen, wo diese interessanten Insekten, die so witzige Namen wie „Gemeiner Sandwicht“ oder „Braune Rabaukenfliege“ tragen, in der Mittagshitze auf Beute lauern (und ich bin gerade ziemlich dankbar fĂŒr jeden Brummer, den sie mir vom Leibe halten). Sand-Raubfliegen hatte ich schon öfters gefunden. Sie sind typisch fĂŒr dieses Habitat. Aber diese hier sah mit ihren rötlich geringelten Beinen ein klein wenig anders aus – Tolmerus – eine schwer zu bestimmende Gattung! Eine Art dieser Gruppe, die extrem seltene Cowin’s Raubfliege, war in Deutschland bisher nur an ganz wenigen Standorten nachgewiesen worden, unter anderem auf Borkum, Baltrum und Mellum…hmm..! Ich lud das Bild im Internet hoch. Und Hilfe nahte: Dr. Danny Wolff hatte sie gleich am nĂ€chsten Morgen bestimmt. Es war tatsĂ€chlich Cowin’s Raubfliege. Ein Erstnachweis fĂŒr den Nationalpark – und sogar fĂŒr ganz Schleswig-Holstein!

Und so wird auch Trischen zur Schatzinsel. FĂŒr mich fĂŒr einen Sommer. FĂŒr die Natur hoffentlich fĂŒr alle Zeit. Wer weiß schon, was sie noch birgt? Ich werde weiter stöbern und versuchen, die Schatzkarte, die meine VorgĂ€ngerinnen und VorgĂ€nger mit ihren Entdeckungen gezeichnet haben, um einige Details zu bereichern.

Unten sehen sie die beiden Raubfliegen im Detail: Sand-Raubfliege oben, in der Mitte Cowin’s Raubfliege, ganz unten der Fundort in den DĂŒnen.

Falls Sie selbst eine Raubfliege entdecken (und am besten fotografieren!), können Sie sie Dr. Wolff unter info@asilidae.de melden, er hilft Ihnen bei der Bestimmung. Citizen Science! Das exzellente Buch Die Raubfliegen Deutschlands, das er mit Markus Gebel und Fritz Geller-Grimm verfasst hat, empfehle ich wÀrmstens!

Ich zĂŽch mir einen valken

Trischen versinkt im Regen. Das erste schwere Sommergewitter hĂ€ngt ĂŒber der Insel. Dicke Tropfen trĂ€nken die durstige Salzwiese. Ich habe den Stecker des Laptops herausgezogen und sitze bei einer Kerze an der offenen TĂŒr. Manchmal wallt eine Brise herein, lĂ€sst die Kerze flackern und trĂ€gt das nimmermĂŒde Flöten der Rotschenkel herein. Wie ein mittelalterlicher Herold vollbringt ein kleiner Admiral das KunststĂŒck, seine bunten Farben vor den dunklen Wolken durch den Regen zu fĂŒhren. Eine schöne Stimmung. Ich finde, es ist Zeit fĂŒr eine Geschichte. Machen Sie es sich gemĂŒtlich!

Es war noch frĂŒh im MĂ€rz, als ich morgens an der SĂŒdspitze der Insel stand. Ich lief auf knirschenden weißen MuschelbĂ€nken, die der gerade vergangene Winter zurĂŒckgelassen hatte. DarĂŒber spannte sich kĂŒhl ein unendlich weiter, blauer Himmel. Plötzlich hörte ich ein schrilles Keckern: Wanderfalken! Ein balzendes Paar! Ich konnte kaum den Blick wenden, so schnell waren sie vorbei. Vorweg sauste – mit Beute in den FĂ€ngen! – ein großes Weibchen, und hinterdrein schoss in rasender Fahrt das kleinere MĂ€nnchen. Meine Blicke folgten ihnen lange. Erst ganz am Ende der Insel verlor ich sie aus den Augen. Ich war glĂŒckselig. Ein Weibchen? Ich wagte kaum zu hoffen: Vergangenes Jahr war das langjĂ€hrige Brutweibchen auf Trischen im stolzen Alter von sechzehn Jahren gestorben. Vor einigen Jahren hatte ich selbst einmal eines ihrer KĂŒken beringt. Wie die meisten Greifvögel leben Wanderfalken monogam. Da sie alt werden, lohnt es sich fĂŒr die Partner, sich aufeinander einzustellen. Das Ergebnis ist ein höherer Bruterfolg. Sollte der Witwer etwa…?

Falken faszinieren den Menschen schon seit sehr langer Zeit. Vom Orient ĂŒber das mittelalterliche Europa bis hin zu den Mythen der Inuit tauchen sie immer wieder auf. Der Staufferkaiser Friedrich II war ebenfalls Fan und schrieb sogar eines der ersten ornithologischen Werke ĂŒberhaupt (De arte venandi com avibus – Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen), und viele Jahre spĂ€ter versuchte der kleine Till in immer neuen Versuchen, einen Wanderfalken zu malen, der nie so ganz gelang wie er in echt aussah. Damals hatte ich nie darauf gehofft, jemals wirklich einen zu sehen; in meinen KinderbĂŒchern galt er als nahezu ausgestorben. Pestizide waren schuld. DDT sammelte sich am Ende der Nahrungskette – also im Falken – und machte die Eierschalen brĂŒchig. Die Eltern brĂŒteten ihren Nachwuchs tot.

Und nun waren sie da. In den nĂ€chsten Wochen sah ich die beiden jeden Tag in der MorgendĂ€mmerung auf dem Nordturm sitzen. Oft kröpften sie frische Beute. Das ging so bis Anfang April. Und meine Freude wuchs, als ich irgendwann nur noch das MĂ€nnchen sah. Ich ging inzwischen davon aus, dass das Weibchen sich zum BrĂŒten niedergelassen hatte. Als ich den Terzel (so heißt das MĂ€nnchen, es ist ein „Terzel“ = Drittel, kleiner als das Weibchen) auch nicht mehr sah, war ich zunĂ€chst nicht beunruhigt. Irgendwann aber sah ich gar keinen der beiden mehr. Im Rahmen der Brutvogelkartierung musste ich das fragliche Gebiet schließlich zweimal begehen. Wanderfalken warnen laut und aggressiv, wenn man ihr Revier betritt. Es passierte – nichts. In großer Höhe flog zwar der Terzel vorĂŒber, aber er wirkte irgendwie sehr verloren. Ich sah ihn schließlich noch einmal am siebten Mai. Er flog am Strand durch den Regen gen Festland.

Kennen Sie das, wenn man eine lang gehegte Hoffnung aufgeben muss? Man hat sich in den schönsten Farben etwas ausgemalt, vielleicht sogar mit viel MĂŒhe an etwas gearbeitet, und langsam sickert die Erkenntnis durch, dass es nichts wird. Dass der Traum zerfĂ€llt. Das scheint besonders oft der Fall zu sein, wenn man etwas zu sehr haben will. Lass die Dinge los, heißt es ja oft. Und es gibt da ein kleines, sehr altes Lied, das dieses immer wiederkehrende Motiv besingt. Es heißt: Ich zog mir einen Falken. Ja, genau. Es geht so:

Ich zog mir einen Falken, lÀnger als ein Jahr.

Als ich ihn gezÀhmt hatte, wie ich ihn haben wollte,

und ich sein Gefieder mit GoldfÀden schön umwunden hatte,

hob er sich in die Höhe und flog in fremde Reviere.

Das Lied stammt aus dem 12. Jahrhundert und ist in Mittelhochdeutsch verfasst, der Autor ist als „Der von KĂŒrenberg“ bekannt. Sicher hat er beim Verfassen des Liedes nicht wirklich an einen Falken gedacht. Aber irgendwie spiegelten die Verse dieses fernen Menschen aus dem Mittelalter, in denen der Falke nur Symbol ist, das, was ich hier mit meinen echten Falken erlebte  – ich hatte es so sehr gewĂŒnscht, und mir die Hoffnung so zurechtgezĂ€hmt, bis die Vorstellung auf meinen Wunsch passte – aber ich hatte es wohl zu sehr gewollt. Mein Falke war entflogen.

Ich weiß nicht, ob Der von KĂŒrenberg am Ende noch glĂŒcklich geworden ist. Ich weiß aber, dass sein Lied dann doch etwas zaghaft hoffend mit einer Bitte endet:

Gott sende sie zusammen, die einander lieb sein wollen.

Und ich weiß, dass vor ein paar Tagen in den DĂŒnen völlig unerwartet und wirklich ziemlich spĂ€t im Jahr ganz still ein Vogel vor mir aufflog. Es war ein Wanderfalkenweibchen. Und fĂŒr mich hieß es einmal mehr den RĂŒckzug antreten. Denn es saß auf zwei wunderschönen Eiern.

Das große RasenstĂŒck

Ich krieche auf den Knien durch die Salzwiese und denke an den Maler Albrecht DĂŒrer. Den kennen Sie bestimmt. Die „Betenden HĂ€nde“ sind vielleicht das bekannteste Bild menschlicher HĂ€nde ĂŒberhaupt. Vielleicht haben Sie auch schon einmal den „Feldhasen“ gesehen oder seinen Holzschnitt vom „Rhinocerus“, einem indischen Panzernashorn, das er nach Beschreibungen anfertigte. Es sieht deshalb nicht ganz naturgetreu aus.

Aber wie ich so krieche, denke ich an ein anderes, viel genauer und von DĂŒrer selbst beobachtetes Bild. Neben mir wogen im Wind raschelnde GrĂ€ser mit ihren grĂŒnen Rispen, darĂŒber tĂŒtet im hellblauen Himmel der Rotschenkel. Und wenn man ganz, ganz nahe an die dicken Raupen des Wolfsmilch-Ringelspinners heran kommt, kann man sogar ihrem nimmermĂŒden Knabbern am saftigen GrĂŒn lauschen. Ich bin mittendrin. Und ich denke an DĂŒrers „Großes RasenstĂŒck.“

Der Titel klingt unendlich banal, nicht? Ich weiß noch, wie wir uns als SchĂŒler im Kunstunterricht schief anguckten, als das Bild von ein bisschen GrĂŒnzeug auf einem winzigen Flecken Erde Thema wurde. GlĂŒcklicherweise hatte ich eine tolle Kunstlehrerin (Hallo, Frau Giörtz!), und deshalb ist bei mir doch ein bisschen was hĂ€ngen geblieben. Im Jahre 1503 war die Darstellung von BanalitĂ€ten nĂ€mlich skandalös! In der Kunst galt es gefĂ€lligst Gott zu preisen, oder wenigstens zu suchen. Dieser Gedanke spiegelt sich ja auch in den himmelwĂ€rts strebenden gotischen Kathedralen wider, in denen eine ganze Architektur den Blick nach oben zieht. Wer wagt es da, den Blick gen Boden zu wenden?

Ich krieche weiter, in Gedanken beim RasenstĂŒck. DĂŒrer hat so genau gemalt, dass man auf dem fĂŒnfhundert Jahre alten Bild sehr gut verschiedene Pflanzen identifizieren kann, unter anderem den Breitwegerich. Mein kleiner Weg ist voll von Strandwegerich, einer verwandten Art. Und wie DĂŒrer versuche ich, genau hinzusehen: Ich finde etliche Ameisen, die emsig ihren GeschĂ€ften nachgehen. Ein „Drahtwurm“, die harthĂ€utige Larve eines SchnellkĂ€fers, ist ihnen in die FĂ€nge geraten und kĂ€mpft ums Überleben. Unter der Lupe sieht das aus wie die blutrĂŒnstigen Bilder in meinen alten Dinosaurierheften. Wie kleine Palmen ragen ganze WĂ€lder von Strand-Milchkraut aus dem Boden, rot und weiß stehen ihre BlĂŒten wie Miniaturen von Papierlaternen um den quietschgrĂŒnen Stengel. Ein winziger LaufkĂ€fer kreuzt hastig meinen Weg. Er ist keinen halben Zentimeter groß (achten Sie im Bild unten mal auf die GrĂ¶ĂŸe der Sandkörner!), und ich werde ihm keinen „ganzen“ Namen geben können: Bis zur Gattung „Bembidion“ schaffe ich es noch. Seine riesigen, seitlich am Kopf sitzenden Augen und sein metallisch schwarz schimmernder Körper lassen ihn fĂŒr seine Beute wahrscheinlich wie ein ungeheures, lebensgefĂ€hrliches Untier erscheinen.

Und wĂ€hrend ich weiterkrieche und den kleinen Wundern auf der Spur bin, sausen ĂŒber mir die Flussseeschwalben mit lautem „kiÀÀÀrr“ durch die Luft und versichern sich immer wieder, dass ich kein Fuchs bin. Keine Sorge, so viel Eleganz bringe ich nicht auf!

Ich erinnere mich nun an eine Episode aus meinem Studium: In unserem Anatomiesaal, in dem wir auch das Mikroskopieren lernten, stand in riesigen Lettern an der Wand IN MINIMIS DEUS MAXIMUS – Im Kleinsten ist Gott am grĂ¶ĂŸten. Vielleicht hat DĂŒrer also doch an der richtigen Stelle gesucht, als er, statt den Papst zu portrĂ€tieren, lieber RispengrĂ€ser malte. Gott habe ich ĂŒbrigens nicht zwischen den GrĂ€sern gefunden. Aber eben Strand-Milchkraut und Bembidion. Ob das vielleicht ein winziger Teil von etwas viel GrĂ¶ĂŸerem ist, mag jeder selbst entscheiden. Ich freue mich jedenfalls ĂŒber die kleinen Wunder, die das Leben alle Tage wieder hervorbringt.

Oben mein „Großes RasenstĂŒck“ mit Flussseeschwalben, in der Mitte ein unbestimmter Bembidion-LaufkĂ€fer, unten Strand-Milchkraut nebst unbestimmter Ameise.