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Ich zôch mir einen valken

Trischen versinkt im Regen. Das erste schwere Sommergewitter hängt über der Insel. Dicke Tropfen tränken die durstige Salzwiese. Ich habe den Stecker des Laptops herausgezogen und sitze bei einer Kerze an der offenen Tür. Manchmal wallt eine Brise herein, lässt die Kerze flackern und trägt das nimmermüde Flöten der Rotschenkel herein. Wie ein mittelalterlicher Herold vollbringt ein kleiner Admiral das Kunststück, seine bunten Farben vor den dunklen Wolken durch den Regen zu führen. Eine schöne Stimmung. Ich finde, es ist Zeit für eine Geschichte. Machen Sie es sich gemütlich!

Es war noch früh im März, als ich morgens an der Südspitze der Insel stand. Ich lief auf knirschenden weißen Muschelbänken, die der gerade vergangene Winter zurückgelassen hatte. Darüber spannte sich kühl ein unendlich weiter, blauer Himmel. Plötzlich hörte ich ein schrilles Keckern: Wanderfalken! Ein balzendes Paar! Ich konnte kaum den Blick wenden, so schnell waren sie vorbei. Vorweg sauste – mit Beute in den Fängen! – ein großes Weibchen, und hinterdrein schoss in rasender Fahrt das kleinere Männchen. Meine Blicke folgten ihnen lange. Erst ganz am Ende der Insel verlor ich sie aus den Augen. Ich war glückselig. Ein Weibchen? Ich wagte kaum zu hoffen: Vergangenes Jahr war das langjährige Brutweibchen auf Trischen im stolzen Alter von sechzehn Jahren gestorben. Vor einigen Jahren hatte ich selbst einmal eines ihrer Küken beringt. Wie die meisten Greifvögel leben Wanderfalken monogam. Da sie alt werden, lohnt es sich für die Partner, sich aufeinander einzustellen. Das Ergebnis ist ein höherer Bruterfolg. Sollte der Witwer etwa…?

Falken faszinieren den Menschen schon seit sehr langer Zeit. Vom Orient über das mittelalterliche Europa bis hin zu den Mythen der Inuit tauchen sie immer wieder auf. Der Staufferkaiser Friedrich II war ebenfalls Fan und schrieb sogar eines der ersten ornithologischen Werke überhaupt (De arte venandi com avibus – Über die Kunst, mit Vögeln zu jagen), und viele Jahre später versuchte der kleine Till in immer neuen Versuchen, einen Wanderfalken zu malen, der nie so ganz gelang wie er in echt aussah. Damals hatte ich nie darauf gehofft, jemals wirklich einen zu sehen; in meinen Kinderbüchern galt er als nahezu ausgestorben. Pestizide waren schuld. DDT sammelte sich am Ende der Nahrungskette – also im Falken – und machte die Eierschalen brüchig. Die Eltern brüteten ihren Nachwuchs tot.

Und nun waren sie da. In den nächsten Wochen sah ich die beiden jeden Tag in der Morgendämmerung auf dem Nordturm sitzen. Oft kröpften sie frische Beute. Das ging so bis Anfang April. Und meine Freude wuchs, als ich irgendwann nur noch das Männchen sah. Ich ging inzwischen davon aus, dass das Weibchen sich zum Brüten niedergelassen hatte. Als ich den Terzel (so heißt das Männchen, es ist ein „Terzel“ = Drittel, kleiner als das Weibchen) auch nicht mehr sah, war ich zunächst nicht beunruhigt. Irgendwann aber sah ich gar keinen der beiden mehr. Im Rahmen der Brutvogelkartierung musste ich das fragliche Gebiet schließlich zweimal begehen. Wanderfalken warnen laut und aggressiv, wenn man ihr Revier betritt. Es passierte – nichts. In großer Höhe flog zwar der Terzel vorüber, aber er wirkte irgendwie sehr verloren. Ich sah ihn schließlich noch einmal am siebten Mai. Er flog am Strand durch den Regen gen Festland.

Kennen Sie das, wenn man eine lang gehegte Hoffnung aufgeben muss? Man hat sich in den schönsten Farben etwas ausgemalt, vielleicht sogar mit viel Mühe an etwas gearbeitet, und langsam sickert die Erkenntnis durch, dass es nichts wird. Dass der Traum zerfällt. Das scheint besonders oft der Fall zu sein, wenn man etwas zu sehr haben will. Lass die Dinge los, heißt es ja oft. Und es gibt da ein kleines, sehr altes Lied, das dieses immer wiederkehrende Motiv besingt. Es heißt: Ich zog mir einen Falken. Ja, genau. Es geht so:

Ich zog mir einen Falken, länger als ein Jahr.

Als ich ihn gezähmt hatte, wie ich ihn haben wollte,

und ich sein Gefieder mit Goldfäden schön umwunden hatte,

hob er sich in die Höhe und flog in fremde Reviere.

Das Lied stammt aus dem 12. Jahrhundert und ist in Mittelhochdeutsch verfasst, der Autor ist als „Der von Kürenberg“ bekannt. Sicher hat er beim Verfassen des Liedes nicht wirklich an einen Falken gedacht. Aber irgendwie spiegelten die Verse dieses fernen Menschen aus dem Mittelalter, in denen der Falke nur Symbol ist, das, was ich hier mit meinen echten Falken erlebte  – ich hatte es so sehr gewünscht, und mir die Hoffnung so zurechtgezähmt, bis die Vorstellung auf meinen Wunsch passte – aber ich hatte es wohl zu sehr gewollt. Mein Falke war entflogen.

Ich weiß nicht, ob Der von Kürenberg am Ende noch glücklich geworden ist. Ich weiß aber, dass sein Lied dann doch etwas zaghaft hoffend mit einer Bitte endet:

Gott sende sie zusammen, die einander lieb sein wollen.

Und ich weiß, dass vor ein paar Tagen in den Dünen völlig unerwartet und wirklich ziemlich spät im Jahr ganz still ein Vogel vor mir aufflog. Es war ein Wanderfalkenweibchen. Und für mich hieß es einmal mehr den Rückzug antreten. Denn es saß auf zwei wunderschönen Eiern.

Das große Rasenstück

Ich krieche auf den Knien durch die Salzwiese und denke an den Maler Albrecht Dürer. Den kennen Sie bestimmt. Die „Betenden Hände“ sind vielleicht das bekannteste Bild menschlicher Hände überhaupt. Vielleicht haben Sie auch schon einmal den „Feldhasen“ gesehen oder seinen Holzschnitt vom „Rhinocerus“, einem indischen Panzernashorn, das er nach Beschreibungen anfertigte. Es sieht deshalb nicht ganz naturgetreu aus.

Aber wie ich so krieche, denke ich an ein anderes, viel genauer und von Dürer selbst beobachtetes Bild. Neben mir wogen im Wind raschelnde Gräser mit ihren grünen Rispen, darüber tütet im hellblauen Himmel der Rotschenkel. Und wenn man ganz, ganz nahe an die dicken Raupen des Wolfsmilch-Ringelspinners heran kommt, kann man sogar ihrem nimmermüden Knabbern am saftigen Grün lauschen. Ich bin mittendrin. Und ich denke an Dürers „Großes Rasenstück.“

Der Titel klingt unendlich banal, nicht? Ich weiß noch, wie wir uns als Schüler im Kunstunterricht schief anguckten, als das Bild von ein bisschen Grünzeug auf einem winzigen Flecken Erde Thema wurde. Glücklicherweise hatte ich eine tolle Kunstlehrerin (Hallo, Frau Giörtz!), und deshalb ist bei mir doch ein bisschen was hängen geblieben. Im Jahre 1503 war die Darstellung von Banalitäten nämlich skandalös! In der Kunst galt es gefälligst Gott zu preisen, oder wenigstens zu suchen. Dieser Gedanke spiegelt sich ja auch in den himmelwärts strebenden gotischen Kathedralen wider, in denen eine ganze Architektur den Blick nach oben zieht. Wer wagt es da, den Blick gen Boden zu wenden?

Ich krieche weiter, in Gedanken beim Rasenstück. Dürer hat so genau gemalt, dass man auf dem fünfhundert Jahre alten Bild sehr gut verschiedene Pflanzen identifizieren kann, unter anderem den Breitwegerich. Mein kleiner Weg ist voll von Strandwegerich, einer verwandten Art. Und wie Dürer versuche ich, genau hinzusehen: Ich finde etliche Ameisen, die emsig ihren Geschäften nachgehen. Ein „Drahtwurm“, die harthäutige Larve eines Schnellkäfers, ist ihnen in die Fänge geraten und kämpft ums Überleben. Unter der Lupe sieht das aus wie die blutrünstigen Bilder in meinen alten Dinosaurierheften. Wie kleine Palmen ragen ganze Wälder von Strand-Milchkraut aus dem Boden, rot und weiß stehen ihre Blüten wie Miniaturen von Papierlaternen um den quietschgrünen Stengel. Ein winziger Laufkäfer kreuzt hastig meinen Weg. Er ist keinen halben Zentimeter groß (achten Sie im Bild unten mal auf die Größe der Sandkörner!), und ich werde ihm keinen „ganzen“ Namen geben können: Bis zur Gattung „Bembidion“ schaffe ich es noch. Seine riesigen, seitlich am Kopf sitzenden Augen und sein metallisch schwarz schimmernder Körper lassen ihn für seine Beute wahrscheinlich wie ein ungeheures, lebensgefährliches Untier erscheinen.

Und während ich weiterkrieche und den kleinen Wundern auf der Spur bin, sausen über mir die Flussseeschwalben mit lautem „kiääärr“ durch die Luft und versichern sich immer wieder, dass ich kein Fuchs bin. Keine Sorge, so viel Eleganz bringe ich nicht auf!

Ich erinnere mich nun an eine Episode aus meinem Studium: In unserem Anatomiesaal, in dem wir auch das Mikroskopieren lernten, stand in riesigen Lettern an der Wand IN MINIMIS DEUS MAXIMUS – Im Kleinsten ist Gott am größten. Vielleicht hat Dürer also doch an der richtigen Stelle gesucht, als er, statt den Papst zu porträtieren, lieber Rispengräser malte. Gott habe ich übrigens nicht zwischen den Gräsern gefunden. Aber eben Strand-Milchkraut und Bembidion. Ob das vielleicht ein winziger Teil von etwas viel Größerem ist, mag jeder selbst entscheiden. Ich freue mich jedenfalls über die kleinen Wunder, die das Leben alle Tage wieder hervorbringt.

Oben mein „Großes Rasenstück“ mit Flussseeschwalben, in der Mitte ein unbestimmter Bembidion-Laufkäfer, unten Strand-Milchkraut nebst unbestimmter Ameise.

Schöner wohnen mit den Möwen – Homestory III

Diesem dritten und letzten Teil der Möwen-Homestory muss ich voranstellen: Natürlich darf man nicht einfach so bei jemandem einsteigen und sich mal umsehen. Ihre Nachbarn würden Ihnen zurecht was husten, wenn Sie das täten. Das ist bei mir nicht anders. Zum einen sind meine gefiederten Inselmitbewohner mindestens ebenso empört, wenn ich ihre Privatsphäre strapaziere, zum anderen darf man auch eine Vogelkolonie nur mit gutem Grund betreten. Und den hat in der Regel nur ein Feldbiologe oder ein Wissenschaftler (mit entsprechender Genehmigung). Auch ich bin nicht einfach für diese Reportage mal eben gucken gegangen. Die Bilder, die Sie unten sehen, sind bei Begehungen entstanden, die zum Beispiel im Rahmen der Brutvogelkartierung ohnehin vonnöten waren.

Wie sieht es also aus in so einer Kolonie? Wir stehen auf der Dünenkante. Seegrünes Gras wächst bis zu den Knien, dazwischen blendet weißer Sand. Quadratmeterweise bedeckt silbrig schimmernder Strandwermut die Fläche, und die Luft ist erfüllt vom Jaulen der Silbermöwen. Wie ein Körper gewordener Schatten stößt eine Heringsmöwe sausend herab, täuscht an, dreht mit kehligem Ruf wieder ab, nicht ohne einen deftigen Gruß da zulassen: Laut klatscht es auf den Boden! …knapp daneben! Es ist deutlich: Wir sind nicht erwünscht. Halten wir unseren Besuch also kurz. Aber bevor es weiter geht, schnuppern Sie bitte einmal!

Kennen Sie das Phänomen, dass jede Wohnung einen besonderen Geruch hat, der sich mit den Bewohnern auch ändern kann? Ich hatte diese Empfindung immer, wenn wir früher aus dem Urlaub zurück in unser Haus gekommen sind und fand es angenehm vertraut. Bei den Möwen riecht es auch immer gleich und, sagen wir, speziell. Ein Freund prägte den wundervoll euphemistischen Ausdruck „Odeur de mouette“. Die Ingredienzien des Möwenparfüms sind eine ordentliche Portion dicke Luft aus dem Hühnerstall und ein Hauch von Fischmarkt in der Mittagssonne. Und in diesem Dunst liegen, wie vom Himmel gefallen, alle paar Meter die Nester der Möwen. Wir müssen gut aufpassen, wohin wir den Fuß setzen.

Das Nest ist einfach. Der Standard ist ein Häufchen locker zusammengescharrtes trockenes Seegras, halb ordentlich, halb lässig um eine kleine Mulde im Sand drapiert. Ein so kunstvolles Nest wie es etwa der Zaunkönig baut oder einen tonnenschweren Horst wie beim Seeadler darf man also nicht erwarten. Die wären im Wind aber auch fehl am Platze. Und ich finde es immer wieder witzig, welche Variationen dieses Eigenheimstandards es dann doch gibt. Eine kleine Auswahl finden Sie unten:

Das Nest ganz oben entspricht in etwa der Norm. Darunter brütet man mit vorzüglichem Seeblick, aber nicht ganz ohne Risiko direkt an der Abbruchkante. Dann sehen Sie die ganz minimalistische Marie-Kondo-Version, hier wurde alles weggeräumt, was man nicht zwangsläufig braucht (sehen Sie die Spuren ums Nest?). Es folgt mein diesjähriges Lieblingsnest, das irgendwie an ein altes Fischerhäuschen mit rosenumranktem Vorgarten erinnert. Und ganz unten? Tja..

…wenn man ganz genau hinsieht, findet man in einigen Nestern bereits frisch geschlüpfte Küken. Die Warnrufe der Alttiere sorgen in den ersten Stunden nach dem Schlupf dafür, dass sie sich tief ins Nest drücken und durch ihr tarnendes Gefieder mit der Umgebung verschmelzen. Haben sie das Nest aber bereits verlassen, rennen die Küken auf den Ruf hin zur nächsten Deckung. Das kann durchaus einmal der Mensch sein, vor dem da gewarnt wird…

Aber jetzt soll es gut sein. Lassen wir die Tiere wieder in Ruhe. Mit einem ganzen Kopf (und einer Nase) voll Eindrücken von einem Ort, der den Vögeln vorbehalten bleiben soll, geht es entlang des Strandes zurück zur Hütte. Die letzten Sanderlinge des Frühjahrszuges flitzen den Spülsaum entlang. Über uns kreischen klirrend einige Küstenseeschwalben. Es riecht nach Tang in der Nachmittagswärme, und am Horizont ballen sich riesige, blaubeerblaue Gewitterwolken. Ein Junitag auf Trischen und die Möwenhomestory gehen zu Ende.

Unter Möwen – Die Homestory I

Wenn ich hier eines lerne dann, dass ich Möwen unterschätzt habe. Wie Krähen und Tauben genießen diese Vögel ja bei vielen Menschen einen eher zweifelhaften Ruf. Das gilt seltsamerweise sogar für Ornithologen. Ein Beispiel ist der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen – ein exzellenter und sehr engagierter Ornithologe! – der sich angeblich weigert, Möwen zu bestimmen, wenn sie noch nicht ausgewachsen und damit schwer zu identifizieren sind. Aber ich wette, dass weder der enttäuscht seinen in die Lüfte entschwindenden Pommes hinterdreinblickende Strandurlauber noch der von Art zu Art eilende Vogelenthusiast jemals in der Situation waren, mit Möwen zu leben. Und das ist ja gerade sozusagen mein Beruf. Dazu gehört auch, Ihnen davon zu erzählen! Weil es da eine ganze Menge interessante, lustige und überraschende Angelegenheiten gibt, kommt nun die Möwen-Homestory in drei Teilen, und wir beginnen heute mit der Vorstellung der Protagonisten:

Trischen ist eigentlich eine riesige Möwenkolonie. Mittendrin steht meine Hütte. Die meisten meiner Nachbarn sind Herings- und Silbermöwen, die Sie sicherlich am Strand schon einmal beobachtet haben (und von denen Sie im Gegenzug sicherlich am Strand schon einmal beobachtet worden sind). Ich muss sagen, dass ich ihre Schönheit gerade ganz neu kennen lerne. Ich kann keine treffenderen Worte für die Silbermöwe finden, als der Altvater der deutschen Ornithologie, Johann Friedrich Naumann, sie nach einem Besuch an der Nordsee aufgeschrieben hat (Danke an Bernd Hälterlein für den Hinweis auf diesen Text!):

„Nicht leicht möchte es unter den einfach gezeichneten, mit gar nicht prunkenden Farben gezierten Vögeln einen geben, welcher diese Meve überträfe. Unbeschreiblich schön waren sie, wenn sie so paarweis vor uns standen, das stets größere Männchen dann seinen Hals ausdehnte und seine Stimme hören ließ u.s.w. Das blendendste, reinste Weiß, als Hauptfarbe, mit dem angenehmen leichten Aschblau des Rückens sanft in einander verschmolzen, die sammetschwarzen Enden der großen Schwungfedern mit ihren schnee-weißen Spitzchen, der goldgelbe Schnabel mit dem prächtig rothen Fleck, das liebliche gelbe Auge, alles zusammen macht ein vortreffliches Ganzes.“

Schön, oder? Ich finde, diese Worte machen Lust darauf, einer Alltagserscheinung wie der Silbermöwe noch einmal mit ganz neuem Blick zu begegnen. In einer kleinen Abstimmung gefiel den meisten meiner ornithologischen Kolleginnen und Kollegen allerdings die Heringsmöwe noch besser (die war hier zu Naumanns Zeiten aber auch noch nicht häufig zu sehen). Ihr dunkles Deckgefieder, das im Ton sehr variabel ist und sozusagen 50 shades of grey annehmen kann, passt so stimmig zum Lufthansagelb von Schnabel und Beinen. Gemeinsam mit der schlanken Gestalt ergibt das einen wirklich ausgesprochen eleganten Vogel, und ich finde mit ihrem Schwung und dem stolzen Blick strahlt sie immer so eine Art Mantel-und-Degen-Verwegenheit aus. Dazu passt auch, dass die Heringsmöwe ein Langstreckenzieher ist, den es im Winter häufig bis ins ferne Westafrika zieht, während Silbermöwen eher kleinräumig allenfalls einmal zwischen Nord- und Ostsee pendeln.

Jetzt sind beide Arten hier vor Ort. Und zwar mit jeweils mehreren Tausend Individuen. Ich kann Ihnen sagen, wir kennen uns inzwischen ziemlich gut. Ich habe jede Menge Möwisch gelernt, weiß, was „hehehe“, „kjaauauaauauaua“, „mhwow“ und „ga-ga-ga“ bedeuten, und ich bilde mir ein, dass mein gefiedertes Gegenüber mich auch ganz gut einschätzen kann.

Aber nur ich habe einen Fotoapparat. Und deswegen kann ich Ihnen in den kommenden Folgen der Möwen-Homestory zeigen, was sich in der Kolonie neben meiner Hütte alles ereignet. Kleiner Teaser: Morgen Abend wissen Sie, woher die kleinen Möwen kommen.

Gute Nacht und bis morgen!

Oben Silber- unten Heringsmöwe. Finden Sie die Unterschiede?

Trutz, blanke Hans?

Vergangenen Samstag ist eine Kolonie von Lachmöwen und Flussseeschwalben untergegangen. Das ist kein ungewöhnliches Phänomen (auch Anne Evers berichtete hier https://blogs.nabu.de/trischen/tag/hochwasser/ darüber). Aber die Szenen, die sich abspielten, waren schon herzzerreißend, auch für einen abgebrühten Naturkundler. Man kann anhand eines solchen Ereignisses allerdings einiges erklären. Und deshalb versuche ich Sie nun durch meinen Augen den Nachmittag des 21. Mai 2022 erleben zu lassen. Also – Katastrophenfilm ab!

Den ganzen Tag schon hatten starke Westwinde geweht. Gerade hatte ich mich noch gefreut, denn auf ihren wilden Lüften waren zwei Basstölpel, im Synchronflug wie mit unsichtbaren Fäden verknüpft, den Strand entlang gesaust. Des einen Freud, des andren Leid: Als ich mich umdrehte, bot sich mir ein Bild der Panik.

Etwa hundert Meter südlich der Hütte hat sich in der Salzwiese eine Brutgemeinschaft aus Lachmöwen und Flussseeschwalben angesiedelt. In ihrem Umfeld versuchen auch einige Paare Austernfischer und Rotschenkel ihr Glück. Die Kolonie schmiegt sich in die Südostbucht, ihr äußerster Rand schließt ziemlich genau mit der Vegetationskante ab, bevor kurz darauf das Watt beginnt. Von dieser Kante war aber nichts mehr zu sehen. Sie stand bereits tief unter Wasser – darüber kreischten in heller Aufregung hunderte Vögel, deren Gelege im Begriff waren, unterzugehen. Und es war noch eine Stunde bis Hochwasser…Flussseeschwalben sausten hin und her, völlig unfähig, den vordringenden Fluten mit ihren aufgeregten Schreien Einhalt zu gebieten; dazwischen flatterten wie große weiße Schmetterlinge Lachmöwen auf der Stelle und blickten ängstlich auf das untergehende Nest zu ihren Füßen. Besonders gerührt hat mich ein Paar Austernfischer, das sich schließlich eng aneinander kuschelte, als die Flut immer näher rückte. Sie hielten auf ihrem Gelege aus, bis das Wasser ihnen fast bist zum Bauch stand. Der menschliche Blick mag da einiges verklären, aber ich glaube es ist nicht zu weit hergeholt, zu vermuten, dass sie angesichts der Gefahr das Bedürfnis nach Geborgenheit und Halt verspürten.

Ich konnte noch eine weitere Beobachtung machen, die ich verhaltensbiologisch sehr interessant fand: Einige Lachmöwen begannen nämlich plötzlich, mitten im Chaos, Nistmaterial einzutragen. Natürlich stellt sich sofort der Gedanke ein: Na klar, die wollen schnell ihr Nest ein Stück höher bauen! Und wirklich ist bei Zwergseeschwalben beschrieben worden, dass sie ihr Gelege innerhalb kürzester Zeit bis zu 10 Zentimeter „hochbuddeln“ können, wenn Flugsand es zu begraben droht. Aber ganz so einfach ist es nicht. Denn „Nestbauaktivitäten“ beobachtet man bei Vögeln (und sogar Fischen!) auch als sogenannte Übersprungshandlung, wenn sie, zum Beispiel in einem Kampf an der Grenze ihres Reviers, nicht so recht wissen, ob sie fliehen oder angreifen sollen. Dann gähnen sie plötzlich, putzen sich oder picken nach Gras, ganz als würden sie ein Nest bauen, scheinbar völlig aus dem Kontext gegriffen. Das ist besonders gut für Silbermöwen und Dreistachlige Stichlinge beschrieben, und Niko Tinbergen hat sogar einen Nobelpreis, unter anderem für diese Beobachtungen, erhalten. Wenn Menschen trippeln, pfeifen usw. ist das vielleicht nichts so viel anderes. Ich bin mir also nicht ganz sicher, was die Lachmöwen wirklich dazu trieb, aber sie können es sich unten auf den Fotos einmal ansehen. Gerettet hat es sie nicht.

Als das Wasser wieder ablief, kehrte schließlich Ruhe ein und ich war ein bisschen traurig. Allerdings sind die meisten Küstenvögel an solche Ereignisse angepasst. Viele können ein zweites Gelege beginnen, manche wechseln dafür den Koloniestandort (ich habe am Folgetag gesehen, dass auch eine ganze Reihe übrig geblieben sind). Aber warum brüten sie denn überhaupt an so einer riskanten Stelle? Einfache Antwort: Weil es auch Vorteile hat. Trischen mag gelegentliche Sommerhochwasser erleben, aber dafür gibt es hier keinen Fuchs. Und warum dann nicht wenigstens ein bisschen höher auf dem Dünenkamm? Auch nicht so klug – denn da sitzen die Großmöwen, die nur allzu gerne Eier und Küken fressen würden. Die Stelle „auf der Kante“ ist also gar nicht so unklug gewählt. Unnötig zu erwähnen, dass klimawandelbedingt immer häufigere und höhere Hochwasser – und vor allem mangelnde Ausweichmöglichkeiten – schließlich doch limitierend für den Erhalt einer Art werden. Deshalb ist ein Raum wie Trischen so wichtig!

Übrigens – wir Menschen machen es nicht anders. Schließlich siedeln auch wir an der Küste. Vorteile bringt es ja auch für uns mit sich: Fruchtbare Böden, Handelsmöglichkeiten, Fischreichtum – und auch wir müssen gelegentlich einen Preis dafür zahlen. Nur ein Beispiel:

Mitte des vierzehnten Jahrhunderts lief es ohnehin nicht so gut für die Menschen in Mitteleuropa. In die Häuser der durch eine kleines Eiszeit mit Ernteausfällen geschwächten Bevölkerung kroch der schwarze Tod. Und nachdem die Pest überstanden war, brach 1362 schließlich eine Sturmflut nie dagewesenen Ausmaßes (der „blanke Hans“) über die „Uthlande“ der Nordsee herein. Etliche tausend Menschen kamen  in der „groten Mandränke“ um; übrig blieb das, was wir heute als die nordfriesischen Inseln kennen. Umsiedeln? Ausweichen? Nicht immer möglich. Und was hier bei mir Lachmöwen erleben, passiert den Menschen in Bangladesch und Ozeanien schon heute. In Detlev von Liliencrons berühmtem Gedicht wird aus dem allzu selbstbewussten „Trutz, blanke Hans!“ in der letzten Zeile eine Frage.

 

Bild 1: Kolonie in Panik. Zwischen den Grasbulten steht gewöhnlich auch bei Flut kein Wasser. An diesem Tag ist es etwa 50 cm höher als sonst angestiegen.

Bild 2: Lachmöwen tragen Nistmaterial ein.

Bild 3: Rat- und hilflose Austernfischer, darüber warnende Flussseeschwalbe.