Artenschutz: Klimaschutz-Bremse oder Beschleuniger?

Artenschutz: Klimaschutz-Bremse oder Beschleuniger?

Ein Gastbeitrag von Frederik Eggers vom Landesverband Niedersachsen (Teamleiter Natur- und Umweltschutz)

Die letzten Jahre haben uns alle spüren lassen, dass die Klimakrise keine abstrakte Entwicklung auf dem Papier oder in ferner Zukunft oder in weit entfernten Teilen der Erde ist. Wir stecken mittendrin und bemerken bereits die ersten extremen Auswirkungen direkt vor unserer Haustür. Dabei stehen wir wohl erst am Anfang, und das Ausmaß scheint noch lange nicht absehbar.

Die Schlüssel zu mehr Klimaschutz

Dass mehr für den Klimaschutz getan werden muss, fordern Naturschutzverbände schon seit langem. Vor allem wir als NABU versuchen immer wieder und an vielen Stellen konstruktiv mitzuarbeiten[1]. So sind und waren für uns von Beginn an eine vernünftige Raumplanung und eine bessere finanzielle und personelle Ausstattung der Genehmigungsbehörden, die über Vorhaben zum Ausbau der erneuerbaren Energien entscheiden, die Schlüssel zum Erfolg. Schon über die Raumordnung und vor den konkreten Planungen sollten Gebiete identifiziert werden, in denen die Konflikte insbesondere von Windenergieanlagen mit dem Artenschutz nahezu ausgeschlossen oder nur gering sind. Diese Gebiete könnten dann für den Ausbau der erneuerbaren Energien priorisiert werden. Dies würde für mehr Akzeptanz sorgen – vor allem in den Kreisen der Artenschützer*innen – und zeitraubenden Rechtsstreitigkeiten vorbeugen.

Mit der einseitigen Fokussierung auf den technischen Klimaschutz, also den Ausbau der erneuerbaren Energien, wird dagegen nicht berücksichtigt, dass wir uns gleichzeitig in einer Biodiversitätskrise befinden. Diese führt zu dem wahrscheinlich größten Artensterben in der Geschichte der Erde – größer noch als das Aussterben der Dinosaurier. Das „Gegenstück“ zum technischen Klimaschutz ist der natürliche Klimaschutz. Hierher zählen unter anderem Ökosysteme wie Moore und Wälder, die auf der einen Seite große Kohlenstoffsenken, auf der anderen Seite aber auch sehr wichtige Lebensräume für zahlreiche Tier- und Pflanzenarten sind. Nur mit einem guten Zusammenspiel von beiden Formen des Klimaschutzes sind wir in der Lage, Klimaziele einzuhalten und zeitgleich das Artensterben zu bremsen.

Die Biodiversitätskrise

Der Lebensraum des Kiebitz ist durch den Flächenverbrauch durch die Landwirtschaft und den Ausbau der erneuerbaren Energien mittlerweile stark eingeschränkt. Foto: NABU/CEWE/Volker Schlär

Konservative Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens eine Million Arten weltweit vom Aussterben bedroht sind. Spätestens mit der „Krefelder Studie“[2] rückte der Verlust der Biodiversität und das mögliche Ausmaß eines Insektensterbens ins öffentliche Bewusstsein. Die Studie hat gezeigt, dass in den letzten drei Jahrzehnten mehr als 75 Prozent Biomasse-Verlust bei Fluginsekten beobachtet wurde – und das ausschließlich in Naturschutzgebieten. Um die Veränderungen außerhalb von Schutzgebieten abschätzen zu können, fehlen leider wichtige Datengrundlagen. Das Entscheidende für Ökosysteme ist allerdings, dass nicht nur einzelne Arten verschwinden, sondern die Masse der Insekten. In einem Ökosystem gibt es viele komplexe Wechselwirkungen und gegenseitige Abhängigkeiten zwischen verschiedenen Tier- und Pflanzenarten. Dabei hat nicht nur der Verlust einer Art, sondern vor allem der Verlust der Nahrungsgrundlage für viele Vogelarten nicht vorhersehbare negative Auswirkungen auf die Natur. Es ist nicht verwunderlich, dass viele Vogelarten, vor allem im Offenland, stark gefährdet oder teilweise vom Aussterben bedroht sind.

Natürlich befeuert die Klimakrise das Artensterben – der Weltbiodiversitätsrat sieht den Klimawandel als die größte Bedrohung für die Artenvielfalt.[3] Das Problem ist jedoch, dass viele Arten und Lebensräume bereits ohne die Klimakrise extrem vorbelastet sind, etwa durch Zerschneidung der Landschaft, Entwässerung für die landwirtschaftliche Nutzung oder die Einträge von Pestiziden.

Die aktuelle Rechtsetzung

Vor diesem Hintergrund erscheinen die Änderungen im Naturschutzrecht, egal ob auf Bundes- oder EU-Ebene, möglicherweise wie der Anfang vom Ende für viele Arten. Es ist absolut nachvollziehbar, dass aufgrund der politischen Entwicklungen und der Notwendigkeit der Bekämpfung der Klimakrise der Ausbau der erneuerbaren Energien beschleunigt umgesetzt werden muss. Aber dass der Artenschutz durch die aktuelle Rechtsetzung in diesem Ausmaß eingeschränkt und teilweise außer Kraft gesetzt wird, schießt völlig über das Ziel hinaus. Zu nennen sind hier beispielsweise die Neuregelung des § 45b Bundesnaturschutzgesetz und die Notfallverordnung (EU) 2022/2577 aus dem Dezember 2022.

Einschränkungen beim Artenschutz werden nur das Artensterben beschleunigen, nicht aber die Genehmigungsverfahren. Sie werden nicht dafür sorgen, dass Windenergieanlagen schneller in Betrieb gehen können, da der Artenschutz keinen Einfluss auf die personelle Ausstattung von Genehmigungsbehörden hat oder der schnelleren Beschaffung wichtiger Materialien für die Produktion entgegensteht. Was über Jahrzehnte versäumt wurde, soll jetzt mit der Brechstange innerhalb kürzester Zeit umgesetzt werden – und dies an vielen Stellen leider auf Kosten der Natur und somit auch auf Kosten eines gesamtgesellschaftlichen Konsenses.

Ich würde mir wünschen, dass dieselbe Energie und derselbe Wille zur Beschleunigung, wie wir sie bei der Sicherung der Energieversorgung beobachten können, in die Erhaltung und Renaturierung von Natur und Landschaft fließen. Am Ende zerstören wir unsere eigene Lebensgrundlage. Denn eins ist klar: Unser Streben nach Klimaschutz bestimmt darüber, wie wir zukünftig auf diesem Planeten leben werden. Aber der Artenschutz entscheidet, ob wir überhaupt noch auf der Erde leben können.

Ein Gastbeitrag von Frederik Eggers vom Landesverband Niedersachsen (Teamleiter Natur- und Umweltschutz)

Der Beitrag wurde für den Sammelband „Politik und Recht erleben, Zukunft mitgestalten“ von Simon Fink und Angela Schwerdtfeger (2023) erstveröffentlicht (Lizenznummer CC-BY SA 4.0) und kann unter folgendem Link abgerufen werden: https://doi.org/10.17875/gup2023-2410

[1] S. z.B. das Positionspapier des NABU, Naturverträglicher Ausbau der Windenergie: Wie der Ausbau der Windenergie an Land und auf See unter Berücksichtigung von Natur- und Artenschutz gelingen kann, 1.4.2023, online abrufbar unter https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/energie/wind/231108-nabu-windenergie-positionspapier.pdf

[2]Hallmann et al., More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas, PLOS ONE v. 18.10.2017, online abrufbar unter https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0185809 (zuletzt abgerufen am 29.8.2023).

[3] IPBES, Global assessment report on biodiversity and ecosystem services of the Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services, Bonn, 2019, online abrufbar unter https://www.ipbes.net/global-assessment (zuletzt abgerufen am 29.8.2023).

1 Kommentar

Sandra Mänty

02.05.2024, 18:16

Es ist mir absolut unverständlich, wie Naturschutz in Deutschland so abgestürzt ist. In der Politik kommt er überhaupt nicht mehr vor, bzw. nur als Hemmnis - ausgerechnet durch einen "Grünen" Wirtschaftsminister proklamiert - aber auch in der Öffentlichkeit scheint das Thema nicht mehr interessant zu sein. Wieso wird unsere Umwelt als nicht länger wichtig und wertvoll wahrgenommen? Während Covid hieß es noch überall, dass Natur ganz wichtig für Gesundheit und Wohlbefinden sei, doch nun ist Naturschutz aus dem Bewusstsein verschwunden. Es gibt viele Krisen auf der Welt zur Zeit, aber eben auch die Biodiversitätskrise, die uns alle und die Menschen in der Zukunft hart treffen wird. Ich bin zutiefst besorgt.

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