Wintergäste Teil 2

Plötzlich sind alle Wiesenpieper und Feldlerchen in heller Aufregung und fliegen laut warnend, wild durch die Luft: Untrügliches Zeichen, dass mal wieder ein „Singvogelschreck“ unterwegs ist. Und man muss auch nicht lange suchen, da sieht man einen kleinen braunen Pfeil über die Salzwiese schießen.

Nach den überwinternden Singvögeln, soll es nun um eine weitere Gruppe gehen, die einem als Wintergäste und Rastvögel im Bereich der Küste vielleicht nicht als erstes einfällt: Greifvögel im weiteren Sinne. Insbesondere zwei Arten sind für die Küsten Mitteleuropas zu nennen: der Merlin und der Raufußbussard.

Zunächst zum Merlin (Falco columbarius), der hier schon ein paar Mal Angst und Schrecken unter den Singvögeln verbreitet hat. Er ist der kleinste in Europa vorkommende Falke. Sein Name hat nichts mit dem gleichnamigen Zauberer der Artussage zu tun. Es ist stattdessen ein alter Eigenname, so wie „Amsel“ für die bekannte „Schwarzdrossel“, der im Mittelhochdeutschen noch „smirlin“ lautete und diesen „Zwergfalken“ betitelte.

Auch wenn er nicht zaubern kann, ist er doch ein beeindruckender Vogel. Er ist zwar, wie gesagt, klein, nur ca. 30 cm lang, doch ein sehr schneller und wendiger Jäger. Seine Beute sind Vögel bis zur Größe von Drosseln, also Tiere, die nur wenig kleiner sind als er selbst.

Als ich letztens über den Seeadler berichtete, dass sich alle Vögel der Insel in der Luft befänden, sobald ein solcher auftauche, stimmte das nicht ganz. Singvögel sind in der Regel von Seeadlern völlig unbeeindruckt. Ganz anders hingegen, wenn ein Merlin im Blickfeld auftaucht: Sofort fliegen alle Wiesenpieper, Feldlerchen und  Rotschenkel laut zeternd in die Luft. Man sieht den Merlin dann meist schnell und flach über die Vegetation hinweg fliegen, um so überraschte und aufgeschreckte Vögel zu fangen.

Nur die hier brütenden Wanderfalken und gelegentlich durchziehende Sperber (und noch seltener durchziehende Habichte) verursachen ähnliches Verhalten unter den Singvögeln.

Da der Merlin auf kleine Vögel spezialisiert ist, kann man ihn auch meist dort beobachten, wo sich viele Singvögel oder kleine Watvögel aufhalten, also z. B. die Küstenregionen während der Zugzeit. Wie bei den schon beschriebenen Singvögeln, Strandpieper, Schneeammer und Co., sehen auch beim Merlin die Überwinterungsgebiete den Brutgebieten recht ähnlich. Sieht man ihn hier an der Küste vor allem in baumarmen Salzwiesen und Marschen, brütet er in Taiga und Tundra ebenfalls in baumarmen Mooren, Heiden oder eben der Tundra.

Der abgebildete, braune Vogel ist ein Weibchen oder ein letztjähriger Jungvogel. Die Männchen sind oberseits grau. Im folgenden kleinen Filmchen kröpft (rupft) er bzw. sie vermutlich einen Wiesenpieper.

 

Der Raufußbussard (Buteo lagopus) ist mir hier auf der Insel leider noch nicht begegnet und wird es wohl auch nur auf dem Durchzug. Denn, typisch für einen Bussard, ernährt er sich meist von Kleinsäugern, die es auf Trischen nicht gibt – zum Glück für die Brutvögel, denn Mäuse und Ratten ernähren sich nicht komplett vegan, sonder knabbern auch mal an Eiern oder Küken.

Ähnlich wie der Merlin, brütet auch der Raufußbussard in Taiga und Tundra in mehr oder weniger offenem Gelände. Er mag es auch im Überwinterungsgebiet etwas offener als der nahverwandte Mäusebussard. Im Westen Deutschlands sieht man ihn fast nur im Nordeutschen Tiefland, im Osten kann man ihn aber auch weiter südlich beobachten.

Der Name bezieht sich auf die – wie bei den meisten Eulen und Adlern – befiederten Füße, eine Anpassung an kältere Lebensräume. Neben diesem, zugegebenermaßen oft schwierig zu sehendem Merkmal, unterscheidet er sich vom nur wenig kleineren Mäusebussard durch die hellen Schwanzfedern mit dunklen Endbinden und die allgemein hellere Färbung (wobei es auch fast weiße Mäusebussarde mit heller Schwanzbasis geben kann, diese haben dann aber meist auch weiße, obere Flügeldecken). Die Flügel sind etwas länger und von unten ist auf dem Flügelbug (dem „Knick“ im Flügel, also dem Handgelenk), ein dunkler Fleck auf dem ansonsten hellem Flügel zu sehen. Weibchen und Jungvögel haben weiterhin einen auffällig sehr dunklen Bauch, der deutlich vom hellen Kopf abgesetzt ist.

Zum Schluss noch ein Beleg, dass auch Greifvögel nicht nur Jäger, sondern auch Gejagte sein können. Diesen Merlin hat vielleicht der Wanderfalke erwischt. Im roten Kasten habe ich den für Falken typischen „Falkenzahn“ hervorgehoben.

Literatur:

Bauer, Hans-Günther, Bezzel, Einhard, Fiedler, Wolfgang (Hrsg.) (2005). Das Kompendium der Vögel Mitteleuropas: Alles über Biologie, Gefährdung und Schutz. Band 1: Nonpasseriformes – Nichtsperlingsvögel. 2. vollst. überarb. Auflage. Aula-Verlag: Wiebelsheim.

Svensson, Lars, Mullarney, Kilian, Zetterström, Dan (2011). Der Kosmos-Vogelführer: Alle Arten Europas, Nordafrikas und Vorderasiens. Frankh-Kosmos: Stuttgart.

Wember, Viktor (2005). Die Namen der Vögel Europas: Bedeutungder deutschen und wissenschaftlichen Namen. Aula-Verlag: Wiebelsheim.

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Naturschutzwart Trischen 2017