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Wo sind all die Blumen hin?

Und jetzt ist Spätsommer. Diesen Satz hier stehen zu sehen überrascht mich selbst. Denn diese Jahreszeit kommt nicht mit wilden Stürmen oder krachendem Eis übers Land. Es stehen auch nicht, wie über Nacht aus einem Farbeimer verschüttet, frisches Grün, Weiß und Violett in der Landschaft, wie manchmal an einem März- oder Aprilmorgen. Und der erste Schnee, der das Gefühl von einem Tag auf den anderen auf „Winter“ umstellt, fällt auch nicht. Nein, der Spätsommer sickert ganz langsam in die Landschaft ein. Über Tage und Tage durchwirkt er die Pflanzen, legt sich Schicht für Schicht auf die spiegelnden Wattflächen und erscheint schließlich auch in einer ganz langsamen Verschiebung der Blautöne des Himmels. Die Salzwiese wirkt an manchen Stellen wie ein goldgelbes, erntereifes Feld. Ähren pendeln schwer im Wind, dazwischen taumeln mit dem Ostwind herangewehte Admirale und Tagpfauenaugen. Der Boden hat die Sonne der letzten Wochen aufgesaugt und gespeichert wie ein Wärmereservoir. Wenn ich nach Sonnenuntergang noch einmal den Weg zum Strand gehe, sinken die Füße in warmen Sand, aus dem die Hitze der letzten Wochen jeden Tropfen Wasser gesaugt hat. Ganz fein rieseln die Körner zwischen die Zehen und schmeicheln der Haut. Und das Meer scheint selbst das Licht zu speichern: In der Dunkelheit blinkt es geheimnisvoll grünlich im leisen Wellengang. Die Schritte im Wasser hinterlassen eine Spur glimmernder Funken. Meeresleuchten! Es sind winzige Geißeltierchen, in denen bei Berührung eine chemische Reaktion abläuft, die sich in Licht entlädt. Es wirkt eher, als hätten sich einige Funken Licht im Meer verirrt und würden nun wieder herausfinden wollen.

Sie spüren es vielleicht in meinen Worten: Mit dem ausklingenden Sommer passiert auch mit mir etwas. Ich habe mich verändert, genau wie die Salzwiese: Die Haut ist so braun wie seit etlichen Jahren nicht mehr, die Haare darauf golden. Durch Wind und Salz und Licht ausgebleicht, kann ich mir meine grauen Haare nun wieder als blond verkaufen. Und das ist natürlich nur die Hülle. Der Gang der Jahreszeit lässt mich auch innerlich nicht unberührt. Wie naiv ist die Annahme, dass die Kräfte, die eine ganze Insel formen, nicht auch einen Menschen prägen sollten! Aber die Sandbänke und Priele der Seele sind eben nicht besonders gut zugänglich. Schutzzone 1 gewissermaßen, hier hat nur einer Zutritt (und der bin in diesem Fall ich).

Und deshalb erzähle ich Ihnen nun von einigen nachdenklich stimmenden Strandfunden: Patronenhülsen. Keine Sorge, es sind nur Hülsen. Manchmal findet man eine am Strand. Gefährlicheres liegt zuhauf im Meer, Nord- und Ostsee sind immer noch voller Mordinstrumente. Die Kriege der Menschheit erstrecken sich leider weit über ihr offizielles Ende hinaus. Das ist gefährlich für Menschen – jeder kennt ja die schrecklichen Bilder von Landminenopfern. Aber auch Seeminen haben schon manchen Kutterkapitän das Leben gekostet! Doch auch für die Natur ist es natürlich Mist, wenn tonnenweiser explosiver und giftiger Sprengstoff ganze Lebensräume verseucht, der langsam seinen Weg durch rostendes Metall findet. Wir kriegen normalerweise nicht viel davon mit. Aber jetzt liegen sie hier vor mir: Drei Patronenhülsen. Kein Schrot für die Gänsejagd. Es sind MG-Patronen. Die Jahresstempel sind 1943, 1943 und 1944. Vielleicht aus einem Flugabwehrgeschütz, vielleicht aus einem Flugzeug. Ich weiß nicht, ob sie abgefeuert wurden oder ob Ladung und Projektil von der Nordsee herausgelöst sind. Ist Ihnen jemand zum Opfer gefallen? Wurden sie mit der Absicht, einen Menschen zu töten, abgefeuert? Ich muss wohl davon ausgehen. Und auch wenn ich natürlich weiß, dass genau das vielmillionenfach passiert ist, ist die Unmittelbarkeit in der dieser vergangene Moment hier vor mir liegt, doch irgendwie würgend. Dass der Raum, in dem ich mich aufhalte, nicht nur Natur- sondern auch Menschengeschichte atmet, wird leider nicht nur durch die zahlreichen Ziegelsteine des alten Luisenhofes hier am Strand, sondern auch durch solche unappetitlichen Funde belegt.

Irgendwie ist es ja etwas kitschig, aber ich muss an das bekannte Antikriegslied von Pete Seeger denken: „ Where have all the flowes gone?“ Ich hebe die Hülsen also auf und stecke ein paar gelbe Distelköpfe hinein. Mit ein paar Tropfen Wasser sind die Mordinstrumente zur Blumenvase umfunktioniert, wenn auch zu spät.

Mittags sitze ich auf der Bank in der Sonne. Plötzlich ertönt ein Geräusch in der Luft, das mich polternd aufspringen lässt – meine Hände suchen nach dem Fernglas, während ich bereits um die Hütte herumlaufe und versuche, den schwarzen Punkt, der am Himmel auf mich zurast, zu fixieren. Und dann ist sie schon über mir: „QUOORRK“! Eine Raubseeschwalbe! So wie ich auf der Hütte poltere, poltert sie durch die Luft, für eine Seeschwalbe ist der Vogel ein ziemlicher Brecher, und der riesige Schnabel sieht so aus, als hätte man einem Schneemann eine Möhre ins Gesicht gesteckt. Ich weiß nicht, was der seltene Gast aus dem Ostseeraum hier suchte; nach kaum zwei Minuten war der Vogel gen West verschwunden. Aber die Begegnung hinterlässt in mir ein Gefühl tiefer Dankbarkeit. Ich bin so froh, nach Seeschwalben Ausschau halten zu dürfen. In der Luft die Schönheit und nicht den Tod wittern zu müssen. Ich denke an die Menschen, früher und heute, denen es anders geht. Und wenn auch der Halliglfieder nun verblüht ist – mit jeder Pore von Körper und Geist sauge ich das Leben in mich auf.

 

Limikolophilie

Jede Welle bringt sie ein Stück näher an mich heran. Barfuß im nassen Sand, die Knöchel immer wieder überspült von einem Schwall Wasser, stehe ich am Strand vor der Hütte und erwarte, was jedem Vogelbeobachter das Herz hüpfen lässt wie einen kleinen Sanderling im Sand: Limikolen!

Limikolen sind Watvögel. Etliche verschiedene, oft schwer unterscheidbare Arten zählen zu dieser illustren Gruppe. Ihre Namen erzählen von abgelegenen Sehnsuchtsorten, von der Musik der Wildnis und von sehr flinken, sehr langen Beinen: Alpenstrandläufer. Terekwasserläufer. Anadyrknutt. Sandregenpfeifer. Rot-, Grün- und Gelbschenkel! Meine Namens-Favoriten: Goldregenpfeifer und Einsamer Wasserläufer. Pure Poesie!

Aber ich möchte nicht nur über ihre Namen sinnieren. Ich möchte sie sehen, und zwar möglichst nah. Die Zeit ist gerade in gleich zweifacher Hinsicht genau richtig: Einerseits hat der Vogelzug seine Richtung inzwischen wieder geändert. Seit vor ein paar Tagen der Himmel ganz kurz eine verräterische Nuance von Septemberblau aufleuchten ließ, trudeln jeden Tag neue Schwärme auf der Insel ein. Und andererseits läuft jetzt die Flut auf. Das treibt die Vögel langsam, aber sicher vom nahrungsreichen Watt auf den Strand. Und damit direkt auf mich zu. Wenn ich ganz still stehe, bemerken sie mich in der Hektik des Pickens, Rennens und Schwirrens nicht. Es gibt wohl kaum eine schonendere Art des Beobachtens. Davon zeugt auch, dass die Sanderlinge schließlich kaum drei Meter vor meinen Füßen herumflitzen. Als die Flut ihren höchsten Punkt erreicht, nicken einige von ihnen sogar ein.

Das Gros der kleinen Gestalten machen Alpenstrandläufer aus. Die Vögel sind nicht einmal so groß wie eine Amsel, aber ihre schiere Masse ist überwältigend: Wenn Tausende von ihnen übers Watt in eine Richtung trippeln, wirkt das wie eine vorrückende Legion aus einem Hollywoodfilm, zumal in diesem Fall ich die Vogelperspektive innehabe. Dass viele von ihnen noch immer einen Teil des Prachtgefieders tragen, dass also zweitausend Winzlinge, allesamt mit schwarzbefiederten Bäuchlein und somit gewissermaßen uniformiert, auf mich zu rennen, verstärkt diesen Eindruck noch. Erst bei genauerem Hinsehen fällt auf, dass bisweilen schon die helleren Federn des Schlichtkleides hindurchlugen und einige Vögel etwas scheckig erscheinen. Den einen zieren bereits zwei, drei weiße Flecken, ein anderer strahlt noch im vollen Ornat des Brutgeschäftes: Eigentlich sehen sie doch alle unterschiedlich aus. Jeder ist ein wundervoll arrangiertes Federmosaik aus Beige, Rostbraun, Tintenschwarz und Dünensandweiß und damit ein Kunstwerk für sich. Dazwischen saust immer mal wieder ein Wicht entlang, der den „Alpi“ wie einen Riesen erscheinen lässt: Ein Zwergstrandläufer. Das winzige Federbällchen brütet im allerhöchsten Sibirien, wo er zwischen Schneeeule und Rentier sein klitzekleines Nest baut. Seine Küken sind kaum daumennagelgroß. Ich kann mich nicht sattsehen.

Inzwischen stehe ich auf einer kleinen Sandbank. Der Strand vor der Hütte wird bei hoch auflaufendem Wasser zu einer großen, flachen, Pfütze, die durch einen einige Zentimeter höheren Sandrücken vom Meer getrennt ist – ideal für Watvögel, hier lässt sich prima im Boden stochern und anschließend geschützt rasten. Meine Zehen graben sich fest in den Sand. Ich stelle das Spektiv gerade, es ist durch einen kräftigen Wasserschwall verrutscht. Plötzlich schwirrt die Luft. Ein weiterer Schwarm saust über meinen Kopf. Das „chrüüi“  aus vielen Kehlchen verrät mir, dass es Sandregenpfeifer sind, noch bevor sie sich, vielleicht fünfzehn Meter vor mir, aus vollem Schwung auf butterweichen Schwingen niederlassen. Anders als ein Alpenstrandläufer, der wie eine Nähmaschine durchs Watt stochert und mit seinem Schnabel Würmer ertasten kann, ist der Sandregenpfeifer auf seinen Gesichtssinn angewiesen: Kurz stehen, gucken, rennen, picken – repeat. Das ist der Lebensrhythmus dieses Vogels. Und der Grund, warum sie einfach verdammt niedlich sind. Denn damit das funktioniert, ist Freund Pfeifer mit großen, großen dunklen Augen ausgestattet.

Und so geht es weiter. Eine Pfuhlschnepfe landet. Zwischen den Alpenstrandläufern vagabundieren im rostroten Wams langbeinige Sichelstrandläufer. Cremefarbene Federsäume verraten mir, dass die beiden dicken Knutts in der Mitte der Versammlung erst dieses Jahr geschlüpft sind und zum ersten Mal die Reise ins ferne Westafrika antreten. Hoch in der Luft tönt das klagende Flöten der Kiebitzregenpfeifer: „Fiiühhhiiie, fiiühhiiie!“. Es klingt, als würden sie vergangenem Liebesglück hinterherpfeifen. Noch immer treffen in langen Ketten Austernfischer und die langschnäbeligen Großen Brachvögel von weiter außen liegenden Sandbänken ein. Und immer wieder bin ich beim Mustern der Schwärme plötzlich wie elektrisiert: War das da gerade nicht doch ein Sumpfläufer? Aber wo ist er nun hin im Gewusel? Oder womöglich ein noch seltenerer Gast aus Amerika? Am Ende finde ich keinen davon. Aber dafür kann ich einen farbberingten Alpenstrandläufer ablesen, dessen Markierung mir verrät, dass er in Ungarn beringt wurde. Als mir das Meer mit einigen im Wellenrauschen klirrenden Sandklaffmuscheln noch ein paar weiße Sanderlinge, wie Schneeflocken im Sommer, vor die Füße trägt, bin ich glücklich.

Aber der komischste Vogel steht wohl mittendrin im Gewusel. Vielleicht haben Sie ein Bild von mir in markigen Outdoorklamotten, gewissermaßen immer mit Fahrtenmesser, Kompass und Camouflagedress ausgerüstet. Ich muss mit dieser Vorstellung – zumindest für heute – aufräumen: Kurz zuvor war ich noch baden, die Hütte ist hundert Meter weiter hinter der Düne…wozu also der Tand? Bademantel, Boxershorts und Sonnenbrille reichen zum Vögel beobachten doch völlig aus. Und auch wenn ich wahrscheinlich aussehe wie König Koks oder ein missglückter Hugh Hefner-Verschnitt – was soll’s! Die Sanderlinge hat’s jedenfalls nicht gestört…

 

Bild 1: Sanderlinge und Alpenstrandläufer.

Bild 2: Auf der Sandbank: Alpenstrandläufer – und finden Sie den Sichelstrandläufer (rostbraun, etwas größer..)?

Bild 3: Links Kiebitzregenpfeifer, rechts Sandregenpfeifer.

 

Der Hochzeitsfluch der Ameisen

Sind wirklich so viele Fans der Royals unter den Leserinnen und Lesern des Trischen-Blogs? Sie stutzen vielleicht, aber die website-Statistik verrät mir, dass der mit Abstand beliebteste Eintrag fast jeden Tag „Hochzeitsflug der Ameisen“ heißt. Das alljährliche Schwärmen der Königinnen und ihrer zahlreichen Gemahlen generiert jedenfalls jede Menge Klicks. Vielleicht liegt es daran, dass sich zwei Einträge unter gleichem Namen summieren – sowohl Tore als auch Anne haben schon sehr schön über das alljährliche Ereignis geschrieben -, vielleicht aber auch daran, dass es im Internet verhältnismäßig wenig Informationen über das Phänomen gibt. Wer immer im Hochsommer unter hunderten geflügelten Ameisen plötzlich auch ein großes Fragezeichen im Gesicht stehen hat, landet offensichtlich beim Trischen-Blog.

Sei’s drum, da auch meine bescheidene Residenz heute Schauplatz des royalen Großereignisses war, wollen wir der Königin die Ehre erweisen. Aber bevor ich zum literarischen Kratzfuß ansetze noch einmal in aller Kürze: Worum geht es hier nochmal?

Bei Ameisen schreiten nur die Männchen und eine exklusive Auswahl an Weibchen, eben die Königinnen, zur Paarung. Die Arbeiterinnern, also jene Ameisen, die einem in den allermeisten Fällen über den Weg krabbeln, haben zwar kein Recht auf Sex, aber dafür auf lebenslange Arbeit. Sie sind von der Hochzeit also ausgeladen. Königinnen und Männchen tragen als Zeichen ihres Adels Flügel, mit denen sie sich in die Luft schwingen um sich dort zu paaren. Das geschieht synchron bei windstillem, heißen Wetter und sorgt für genetischen Austausch zwischen weit voneinander entfernt liegenden Populationen. Während die befruchteten Königinnen anschließend neue Kolonien gründen können (mit befruchteten Eiern, die zu Männchen und Königinnen, und unbefruchteten, die zu Arbeiterinnen werden), haben die Herren der Ameisenschöpfung nach der Paarung ihr Recht auf Leben verwirkt und müssen sterben. Alles ist eitel.

Aber nun! Wie war die Massenhochzeit der Königinnen? Das Fest begann bereits am früh Morgen, und kaum strahlte das Dach der Hütte etwas Wärme zurück, war der Andrang riesig. Innerhalb zweier Stunden stand über dem First eine schwirrende Wolke aus Abertausenden tanzender Ameisen, die in einer für menschliche Augen vollkommen unkoordinierten Wirrsal versuchten, der Bestimmung allen Lebens nachzugehen. Man hat kaum den Gedanken „Ameise“; die einzelnen Tiere sind als solche kaum zu identifizieren. Es wirkt eher, als würde plötzlich durch eine magische Brille der wilde Tanz der Atome sichtbar werden. So viele Tiere! Jedes einzelne unendlich fragil, mit hauchzarten, gläsernen Flügelchen, haarfeinen Fühlern und vielgliedrigen Beinen, jedes für sich ein vollendetes Wesen, das in seiner Winzigkeit mit allem ausgestattet ist, was es braucht. Hunderttausende dieser kleinen Wunder ziehen wie Rauchschwaden über die Insel, stehen als zitternde Schattenpünktchen in heißer Luft, sausen sonnenbeleuchtet umher wie weiß glühende Lichtsplitter. Hunderttausende verbrauchen sich in einem einzigen großen Fest, steigen hoch auf, erschöpfen sich, fallen schließlich wie ein Regen schwindenden Lebens vom Himmel und sind schon morgen nichts mehr als die Erinnerung eines schreibenden Mannes auf einer einsamen Insel. Der kleine quietschgelbe Fitis, der sich heute die Veranda mit mir teilt, sieht das prosaischer: Er schlägt sich den Wanst voll, für ihn regnet es sozusagen Pommes.

Ich bin einmal mehr beeindruckt davon, wie viel Leben da draußen ist. Denn das, was ich heute gesehen habe ist ja nur ein Tag auf einer Insel irgendwo im Wattenmeer. Für wie viele Wesen hat sich hier heute ihr Leben vollendet? Die menschliche Sprache hat für diese Großereignisse der Natur immer schnell den Begriff der „Verschwendung“ parat. Und der Gedanke mag wirklich aufkommen, schließlich paart sich nur ein Bruchteil der Männchen. Aber genau das ist eben das Prinzip Ameise. Nur der unsagbar produktive Ausstoß möglichst vieler Individuen garantiert den Erhalt der Art. Das geht auch anders: Wale zum Beispiel verfolgen sichtlich ein ganz anderes Konzept und sind damit (wenn der Mensch sie nicht daran hindert) ebenso erfolgreich.

Darüber zu spekulieren, was Natur denn nun eigentlich „will“, also beispielsweise den Erhalt möglichst vieler Individuen oder einer größtmöglichen Anzahl von Arten, ist müßig. Natur ist kein denkendes Subjekt. Es ist unser menschlicher Blick, der diese Schablonen nutzt, um sich dem rätselhaften Phänomen „Leben“ zu nähern. Wir fragen eben gerne, welcher Zweck verfolgt wird, und welche Mittel dazu eingesetzt werden. Aber diese Art zu Denken stammt aus unserer eigenen kleinen Menschen-Lebenswelt. Sie ist nur relevant für uns Menschen. „Das Leben“ fragt sich nicht, warum es da ist – und wenn doch, dann eben nur durch einen seiner allerwinzigsten Bruchteile: Uns.

Zurück zum Fest. Da ich dies schreibe, rieseln noch immer sterbende Ameisen-Galane auf meine Tastatur. Bekanntermaßen bekommt ja auch nicht allen Menschen die Ehe (angeblich verlängert sie das Leben von Männern und verkürzt das von Frauen), für den Ameisenmann aber bedeutet sie den sicheren Tod. Die Liebe ist sein Fluch, sein Leben im Rausch eines Sommertages verblüht. Aber irgendwo draußen im Dunkeln krabbelt es doch noch: Es sind die Ameisenköniginnen, die das Treiben überstanden haben und in ihren kleinen Körpern das Leben ins nächste Jahr tragen werden.

Und deshalb schließe ich heute ausnahmsweise einmal anders, nämlich mit

God save the Queen!

 

Der Greif

Es gibt Naturphänomene, die selbst den zivilisiertesten Menschen nicht kalt lassen: Das kann ein Sonnenaufgang über dem Meer sein, ein rauschender Wasserfall oder ein schweres Sommergewitter.  Neben der Begegnung mit der unbelebten Natur ist es aber sicherlich jene mit dem wilden Tier, die am intensivsten, nachhaltigsten und psychologisch am interessantesten ist.

Unter den Tieren wiederum gibt es solche, die eher unter dem Radar laufen und solche, die mit fast jedem „etwas machen“. Ein farbloser, winziger Schmetterling, der nur einen wissenschaftlichen Namen trägt, mag mir ein seliges Lächeln ins Gesicht zaubern; ich erwarte aber nicht, dass das jeder nachvollziehen kann. Ganz anders verhält es sich mit dem Seeadler. Ich möchte anhand seines Beispiels ausloten, was eigentlich passiert, wenn uns das Wilde begegnet.

Vorab müssen Sie wissen, dass Seeadler um die vorletzte Jahrhundertwende in Europa vor allem durch das Sammeln von Eiern und aktive Bejagung ausgerottet waren. Einem zeitweiligen Anstieg der Population folgte in den späten 60er- und 70er Jahren dann der fast komplette Einbruch des Bestands. Schuld war das Insektizid DDT, das sich am Ende der Nahrungskette, also auch in Greifvögeln, anreicherte und die Kalkbildung der Eierschalen störte. Es kam fast kein Jungvogel mehr durch. Umfangreiche Schutzmaßnahmen unter Einsatz vieler Helferinnen und Helfer und ein DDT-Verbot retteten die Art schließlich haarscharf, bevor es zu spät war. Ich finde, das ist eine großartige Erfolgsgeschichte des Naturschutzes, die zeigt, dass wir mit vereinten Kräften wirklich etwas schaffen können. Und sie ermöglicht Begegnungen wie diese:

Es ist Ende März auf Trischen. Der Himmel ist eisgrau. Noch vor wenigen Tagen wehte Schnee in dichten, nassen Fahnen vom Himmel. Jetzt liegen die Sandbänke im Wasser, als müssten sie sich vom Herumwandern unter der Gewalt der Winterfluten ausruhen. Dick eingepackt in meinen Mantel stehe ich auf dem Geländer der Hütte und spähe angestrengt durchs Fernglas, denn draußen auf einer der Bänke sitzen vier junge Seeadler, deren genaues Alter ich zu bestimmen versuche. „Jung“ heißt in diesem Fall nicht älter als fünf Jahre und noch nicht geschlechtsreif. Die Tiere vagabundieren, oft in lockeren Trupps, durch die Lande, gekleidet in ein Gefieder, das dem der Alttiere von Jahr zu Jahr ähnlicher wird. Die vier Gesellen hier sind noch stracciatellafarben; dunkle, schokoladenbraune Federn wechseln sich mit cremefarbenen ab; insgesamt wirken sie etwas unfertig. Aber das kommt noch. Als ich die Beobachtung notiere, schreckt mich das tiefe „Hrott, hrott“ der Ringelgänse auf – ein Blick durchs Fernglas – die Sandbank ist leer. Ein Blick in den Himmel: Vier fliegende Teppiche setzen zum Sturzflug an. Seeadler wirken mit bis zu 2.40 Meter Spannweite (schreiten Sie das mal ab!) von weitem oft etwas schwerfällig, aber als sie nun zum Angriff auf die Ringelgänse ansetzen, käme einem kein Begriff weniger in den Sinn. Während der Schwarm unter lautem Rufen das Weite sucht, jagen die vier Jungadler nun im Verbund eine Ringelgans, die das Tempo nicht halten kann: Neben ihrem panischen Flügelschwirren sehe ich den nächsten Verfolger die Luft mit seinen riesigen Schwingen geradezu schaufeln, jeder Flügelschlag hebelt ihn mehrere Meter näher an seine Beute heran; die ganze Szene scheint nichts als eine Illustration der Natur zum Thema „Tempo“. Es fehlt nur das wilde Getrommel, das solchen Szenen in Naturdokumentationen unterlegt wird. Aber das alles passiert lautlos. Keiner der Vögel ruft jetzt noch. Nur der Wind braust langsam stärker auf. Schließlich landet die erschöpfte Gans im Wasser. Alle paar Sekunden stößt einer der Seeadler nieder und zwingt sie zum Untertauchen. Und dann – lassen die Seeadler von ihr ab. Ich weiß bis heute nicht, was sie dazu bewegte. Sie setzten sich zurück auf die Sandbank und putzten sich in trauter Viersamkeit, während die Ringelgans sich flach aufs Wasser gedrückt trollte, als hätte sie etwas ausgefressen.

Was für ein Naturschauspiel! Ein Eindruck allenfalls weniger Minuten. Aber vergessen werde ich es niemals. Neben der Aufregung, die sich von tausenden panischen Vögeln und der Anspannung der jagenden Adler durch die vibrierende Luft auf den Beobachter übertrug, sind es seltsam widerstreitende Gefühle, die mich bewegten: Man ist hin und hergerissen zwischen der Hoffnung für die Ringelgans, zu entkommen und der für die Adler, Beute zu machen. Diese menschliche Verteilung von Sympathien ist ökologisch natürlich sinnlos, aber sie bleibt eben nicht aus, wenn Menschen Natur betrachten.

Vor einigen Tagen haben Axel Rohwedder und ich eine Kontrollfahrt mit der Luise gemacht. Als wir zurückkamen, saß an der Südspitze der Insel wie in Stein gemeißelt ein Seeadler. Seine neugierigen dunklen Augen verrieten, dass auch er noch nicht ganz ausgewachsen war (dann wären sie  heller) – aber das tat der Majestät der Erscheinung keinen Abbruch. Noch kein König, aber ein Thronfolger, den die riesigen Federn bedeckten wir Schuppen einen Märchendrachen. Und tatsächlich wirkte der Vogel fast wie ein Wesen aus der Fantasie, ein Greif, ein Wächter der Insel.

Ich glaube das ist es, was die Begegnung mit dem Wilden mit uns macht: Sie befeuert die Fantasie. Sie trägt uns heraus aus dem Raum, den wir als „natürlich“ empfinden – unsere menschengemachte Umgebung – und spannt uns ein in eine Welt, in der wir nicht das Zentrum sind, in der Ungeheuerliches, Unbekanntes, Wundersames, Nie-Gesehenes wartet, manchmal Schwer-zu Ertragendes, manchmal ein Erlebnis, das sich mit seiner Schönheit für alle Zeit in unsere Träume und Gedanken hineinmalt. Mit dem Schwinden der Wildnis schwindet also auch noch etwas anderes. Ist der Seeadler nicht ein fantastisches Symbol dafür, dass es so weit nicht kommen muss?

Bild 1: Der Greif von Trischen.

Bild 2: Diese Seeadlerfeder habe ich am Strand gefunden. Sie ist länger als mein Unterarm.

Über Einmaligkeit

Bestimmte Naturerlebnisse sind nur an einem einzigen Punkt auf der gesamten Erde möglich. Ich meine damit nicht einen Ort in der Größenordnung von Ländern oder gar Kontinenten, sondern wirklich ein Fleckchen, sagen wir, nicht größer als Trischen.

Zum Beispiel gibt es inmitten der blauen Weiten des Pazifiks einen Unterwasserberg, an dem sich täglich hunderte Fuchshaie einfinden, um sich von Putzerfischen säubern zu lassen. Es muss dieser Berg sein, die Haie sind nur da. Zumindest wurde das Verhalten bei dieser Art noch nirgendwo anders beobachtet. Wer dieses Schauspiel erleben will, kann nicht an einem anderen Ort auf sie warten. Oder: Die Schmuckseeschwalbe brütet mit nahezu ihrem gesamten Artbestand in einer einzigen großen Kolonie auf der Isla Rasa im Golf von Kalifornien. 25.000 Vogelpaare auf 50.000 Eiern – und zwar nur hier. Es gibt nur ganz wenige weitere, wesentlich kleinere Kolonien. So etwas liest sich beeindruckend – aber eben auch exotisch. Die Superlative dieser Welt scheinen immer weit entfernt, das Ungewöhnliche liegt per definitionem nicht vor der eigenen Haustür. Oder? Wenn Ihnen noch mehr Beispiele einfallen, schreiben Sie mir gerne, eigentlich wäre das eine schöne Idee für ein Buch. Wenn ich diese Reihe fortführen muss, lande ich aber doch bald auf einer kleinen Insel in der Nordsee. Wissen Sie schon, worauf ich hinaus will?

Ab Mitte Juli sammelt sich auf Trischen der Gesamtbestand der mitteleuropäischen Brandgänse zur Mauser. Das gibt es nur hier. Es ist das ornithologische Alleinstellungsmerkmal dieser Insel und ein echtes Superlativ, direkt vor den Toren der Elbe. Seit einigen Tagen finde ich nun im Spülsaum Abertausende Federn: Die Schhönsten schimmern dunkelgrün, wie glimmernde Olivine. Andere bilden einen hübschen Kontrast zwischen Wolkenweiß und einem warmen, bronzebraunen Farbton. Ich habe sie schon hunderte Male aufgelesen und betrachtet, aber ich kann nicht umhin, es wieder und wieder zu tun. Von den Brandgänsen selbst sehe ich indes gar nicht so viel, sie sind nun für einige Wochen flugunfähig und verteilen sich in den Buchten rund um die Insel. Da meistens ein frischer Wind weht, verschwinden viele von ihnen in den Wellentälern. Ich war anfangs ehrlich gesagt gar nicht so beeindruckt. Aber das änderte sich vergangenen Sonntag.

Ich war am späten Nachmittag in der Wärme auf der Veranda eingenickt. Als ich aufwachte, stand die Sonne schon tief, und mit ihrem Sinken lief das Wasser auf: Es sah aus, als würde der ins Meer sinkende Himmelskörper das Nordseebecken ganz langsam zum Überschwappen bringen. Kein Lufthauch ging, die Flut schien wie ein flüssiger Spiegel direkt aus dem Himmel zu fließen. Die Horizontlinie war von einem namenlosen Nichts verschluckt. Und dieses raumlose Etwas kroch nun langsam über die vorgelagerten Sandbänke. Plötzlich schwebten darauf Brandgänse. Tausende. Sie hatten hinter der Sandbank gesessen, ich hatte sie nicht sehen können. Aber nun hob das Wasser sie empor. Es war ein surrealer Anblick: Als würden plötzlich Vogelgeister aus dem Boden steigen, die mir in einer feierlichen Prozession auf dem spiegelblank auflaufenden Wasser entgegen schwebten. Während die Brandgänse sich selbst kaum bewegten und nur von der Flut getragen wurden, wurde der gespenstische Eindruck noch verstärkt durch ein paar Hundert Eiderenten, die mit einer dunklen Schleppe Wassers, wie mit einem Mantel, unendlich langsam quer zum Strand schwammen. Ich war völlig gebannt. An solchen ruhigen Abenden geben normalerweise die Watvögel ihr Konzert, aber wenn ich daran zurückdenke, erinnere ich mich an nichts als das leise Ticken meiner Armbanduhr.

Das war mein Brandgansmausererlebnis. Es war für mich, im Wortsinn, einmalig. Ich werde das so nie wieder erleben, denn das gibt es nur hier. Ich bin sehr, sehr dankbar für diese zwei Stunden an einem Juliabend auf der Insel Trischen in der Nordsee. Und natürlich: Die Haiberge, Megakolonien und Vogelsammelplätze dieser Welt sind so verletzlich wie besonders. Geht dort etwas schief, steht es schlecht um die betroffenen Arten. Diese Orte verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit. Andererseits: Wenn ich an prägende Naturerlebnisse denke, dann sind es nicht nur die exklusiven Orte und Arten, die mir im Gedächtnis geblieben sind: Nächtliches Erwachen von den Rufen ziehender Pfeifenten, mitten in Hamburg. Der Buntspecht, der an einer Dachrinne meines Labors am UKE ein Heavy-Metal-Trommelsolo gab. Ein Nashornkäfer bei einem etwas bierseligen Sommerspaziergang in Hannover Linden. Auch diese Erlebnisse waren, im Wortsinn, einmalig. Neue warten, aber genau so wird mir kein einziger Moment mehr geschehen, den ich schon durchlebt habe.

Und wer weiß? Vielleicht erzähle ich Ihnen beim nächsten Mal schon wieder vom bescheidenen Wiesenpieper, vom flüsternden Strandroggen, aus dem fremden Leben eines Schlickkrebses oder von der ersten Amsel, die ein ganz zarter Hauch von Herbst zu mir auf die Insel weht. Natur ist überall. Sie verdient einen Platz auch in unserem Alltag. Schauen wir hin! Und vor allem: Erzählen wir uns davon!