EU-Kommission: Keine Zeit für Naturschutz

In einer ersten Stellungnahme zur Absage der EU-Naturschutzkonferenz in Amsterdam durch die niederländische Ratspräsidentschaft (wir berichteten gestern im Blog), bekräftigte ein Sprecher von Jean-Claude Juncker heute gegenüber dem Nachrichtendienst ENDS, dass die Entscheidung zu den Naturschutzrichtlinien erst im Herbst wieder auf die Tagesordnung kommen soll. „Die Kommission arbeitet unter Hochdruck an der Bewältigung der Flüchtlingskrise, und präsentiert fast wöchentlich dazu neue Vorschläge. Deswegen können andere Initiativen nicht mit der gleichen Geschwindigkeit bewältigt werden.“ Die Kommission plane „zu dem Thema im Herbst zurückzukehren„.

Ohne auf den Zynismus dieser Aussage weiter eingehen zu wollen, stellen sich doch direkt einige neue Fragen, zum Beispiel was der zuständige Kommissar für Umwelt- und Meerespolitik denn zur Zeit zur Bewältigung der Flüchtlingskrise alles unternimmt oder unternehmen sollte? Und selbst wenn es dort nennenswerte Initiativen gäbe – es ist sehr wahrscheinlich, dass die Ergebnisse des Fitness Checks und auch der Entwurf der politischen Entscheidung zum Erhalt der Richtlinien längst fertig gestellt sind. Es würde wohl auch den Kommissionspräsident wenig Aufwand kosten, diese zur Veröffentlichung freizugeben, um sich dann wieder wichtigen anderen Aufgaben zu widmen (diese finden sich übrigens hier im Terminkalender des Juncker-Teams und hier in den Tagesordnungen der wöchentlichen Treffen der Kommissare). Und ob die Lage im Herbst wohl wesentlich ruhiger ist? Oder könnte es so sein, dass die vorliegenden eindeutigen Ergebnisse des Fitness Checks der Naturschutzrichtlinien und die klaren Meinungsäußerungen fast aller Beteiligten jemandem in Junckers Nähe derart ungelegen kommen, dass er (oder sie) es vorzieht, das Thema ersteinmal auf die lange Bank zu schieben und auf bessere Zeiten zu warten?

Die Europäische Kommission gräbt sich – und die ganze EU-Umweltpolitik – von Tag zu Tag tiefer in ein Loch der Unglaubwürdigkeit. Und das 14 Tage vor den Britischen Referendum. Wir können nur hoffen, dass es Führungskräfte in Europa gibt, die hier bald einschreiten.

Die Umweltverbände haben die umgehende Herausgabe der Fitness-Check-Studie verlangt. Wir sind gespannt auf die Antwort der Kommission, die Frist läuft in den nächsten Tagen aus.

Konstantin Kreiser

Konstantin Kreiser

Leiter Globale und EU-Naturschutzpolitik im NABU
Konstantin Kreiser

2 Kommentare

Marianne Keßler

10.06.2016, 19:52

es ist schade, dass die Natur in den Hintergrund gerät. Es ist wichtig die Flüchtlingskrise zu bewätltigen, aber auch andere Probleme müssen eine Lösung finden. Ohne intakte Natur ist das Leben nicht vorstellbar.

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Claus Mayr

Claus Mayr

15.06.2016, 12:09

Interessant, heute erfahren wir bei EurActiv, wofür Kommissionspräsident Juncker - trotz seines Engagements in der Flüchtlingskrise - so alles Zeit hat, etwa mehrere Tage zu einem Wirtschaftsgipfel zu Putin nach Rußland zu reisen: http://www.euractiv.com/section/global-europe/opinion/president-junckers-misguided-trip-to-russia/

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