Vögel zählen

Etwa alle 14 Tage, immer zu Springtide, werden im gesamten Wattenmeer die Rastvögel gezählt. Dann wird mit hohen Zahlen jongliert. Das ist nicht unbedingt trivial und kann einen Vogelwart schon manchmal an den Rand der Verzweiflung treiben.

Zum Beispiel dann, wenn die Luft flimmert und in einiger Entfernung ein großer Schwarm Limikolen rastet, der bunt gemischt ist: Sanderlinge, Alpenstrandläufer, Kiebitzregenpfeifer, vielleicht auch noch Steinwälzer, Sandregenpfeifer und Knutts – alles durcheinander. Fast geschafft, da kommt der Wanderfalke vorbei und alle Vögel fliegen auf, so dass die Karten neu gemischt werden. Der große Schwarm teilt sich auf, einige fliegen in den Bereich, in dem schon gezählt wurde, andere in den Bereich, der noch darauf wartet. Das ist eine Situation, die den meisten Vogelzählern irgendwie bekannt vorkommt.

Aber wie behält man da den Überblick? Und selbst wenn alle still sitzen bleiben, wie kann eine Einzelperson wissenschaftlich korrekt so viele Vögel zählen, seien es rastende Vögel oder gar durchziehende Massen, wie beispielsweise die Weißwangengänse im Mai? Das sind gute Fragen.

Die Antwort darauf ist nur mäßig zufriedenstellend: Es ist alles eine Frage der Erfahrung und man brauch ein gutes Augenmaß.

Die wichtigste Ausstattung beim Zählen von Vögeln ist neben der entsprechenden Optik (Fernglas, Spektiv und ggf. eine Kamera) die Zähluhr und das Notizbuch, denn der Kopf allein wäre schnell reichlich überfordert. Hat man viel Zeit und verhältnismäßig wenig Vögel, so kann man praktisch Individuum für Individuum zählen und so sein Augenmaß trainieren. Je mehr Vögel aber zu zählen sind und je weniger Zeit dafür zur Verfügung steht, desto mehr wird aus dem eigentlichen Zählen ein Schätzen. Dazu zählt man eine geeignet große Gruppe aus und schätzt ab, wie oft die Anzahl der ausgezählten Gruppe in dem gesamten Schwarm wiederzufinden ist. Wichtig ist dabei, dass beispielsweise unterschiedlich dicht sitzende Gruppen entsprechend berücksichtigt werden. So erhält man am Ende zwar nicht unbedingt Zahlen, die der Wahrheit entsprechen, sich ihr aber bestmöglich annähern. Auch wenn die Zweifel ob das alles so stimmen kann, am Anfang groß sind –  am Ende wird es fast zur Routine.

Doch wer sagt mir eigentlich, ob ich dann nah genug dran bin an der Wahrheit, so dass meine Zahlen wissenschaftlich belastbar sind? Da hilft es, sich immer wieder mit verschiedenen anderen erfahrenen Vogelzähler*innen abzugleichen. Oder man eicht sich selbst, indem man sich regelmäßig kontrolliert und Anhand von Fotos am Bildschirm nachzählt.

Wollen Sie mal probieren?

Zum Einstieg eine Gruppe durchziehender Weißwangengänse. Versuchen sie einmal zu schätzen, wie viele Vögel insgesamt dort fliegen und kontrollieren Sie ihre Schätzung an Hand der Bildunterschrift des nächsten Bildes.

Und wie sieht es hier aus? Das gleiche Spiel mit einem Schwarm aus Sanderlingen (und einigen Alpenstrandläufern). Wie viele Individuum sind es wohl insgesamt?

Die gezählten Vogelzahlen sind von so vielen Faktoren abhängig. Und wahrscheinlich spielen sogar Faktoren wie die Tagesverfassung der zählenden Person eine Rolle, ob eher 10% mehr oder doch 10% weniger gezählt werden.

Doch am Ende ist es auch nicht so sehr wichtig, ob bei 3.700 gezählten Sanderlingen in Wahrheit 3.912 oder 3.499 anwesend waren, sondern es geht viel mehr um die Größenordnung. Und die sollte zumindest stimmen!

Jonas

Jonas

Naturschutzwart Trischen 2018