Mareike Espenschied Beiträge

Hallo Trischen!

Hallo Trischen!

 

Moin! Mein Name ist David und ich habe das große Glück, dieses Jahr als Naturschutzwart auf der Insel Trischen arbeiten zu dürfen. Ich freue mich riesig darauf, meine Zeit in den Dienst dieser besonderen Insel und ihrer Bewohner zu stellen – und natürlich, dass ihr mich bei diesem Abenteuer über den Blog begleitet!

Wie in den Jahren zuvor konnte auch dieses Jahr der Termin der Inselbesetzung am 15. März nicht eingehalten werden. Grund dafür war ein defekter Kran im Meldorfer Hafen, weshalb die „Luise“ – das Schiff des Trischenversorgers Axel Rohwedder – nicht rechtzeitig zu Wasser gelassen werden konnte. Dank der Expertise und des Engagements des Seesportvereins (SSV) Meldorf konnte dieses Problem jedoch zügig behoben werden, und so kam nur fünf Tage später, am 20. März, der ersehnte Anruf von Axel: „Sonntagmorgen gegen 6 Uhr fahren wir los!“

Nach einer nächtlichen Anreise aus Süddeutschland kamen mein Vater und ich gegen 4 Uhr morgens im Meldorfer Hafen an. So blieben uns noch ein paar wertvolle Minuten, um die Augen auszuruhen und ein wenig Kraft für die Überfahrt und den Umzug zu tanken.

Als Axel am Hafen eintraf, empfing uns der Morgen noch mit einer dichten, grauen Suppe. Kurz zitterten wir, ob uns der Nebel doch noch einen Strich durch die Rechnung machen würde – bis sich die Morgensonne schließlich langsam durchkämpfte und einen absolut herrlichen Tag mit Sonnenschein und ruhiger See einläutete.

„Luise“ im Nebel

Die Überfahrt verlief ruhig, aber mit Bedacht: Da die Fahrwasser, wie das gesamte Wattenmeer, einem stetigen Wandel unterworfen sind, ging Axel kein Risiko ein. Statt der direkten Route wählte er einen weiteren Bogen: erst an der Küste entlang nach Norden über die Süderpiep und schließlich von Norden her über den Flakstrom zur Südspitze von Trischen. Dort hieß es dann erst einmal: Warten auf das Niedrigwasser.

Axel Rohwedder beim „Lesen“ des Wattenmeers

Diese Stunden des „Trockenfallens“ waren besonders intensiv. Mein neues, temporäres Zuhause lag nur noch wenige Meter entfernt, doch das Wasser gab den Weg nur schmerzhaft langsam frei. Als es dann endlich so weit gesunken war, dass es nicht mehr in meine Gummistiefel schwappen konnte, war es so weit: Ich konnte Trischen endlich betreten.

Warten auf das Watt

Danach ging alles Schlag auf Schlag: Hütte klarmachen und einheizen, das ganze Gepäck mit dem Handkarren vom Boot über den Strand zur Hütte schleppen und eine erste, kleine Erkundungstour über die Insel.

Da Axel auf das Hochwasser am nächsten Morgen warten musste, konnte ich die erste Nacht auf der Insel noch gemeinsam mit meinem Vater verbringen – ein schöner Übergang, bevor am nächsten Tag der Moment des Abschieds, aber damit auch des endgültigen Ankommens kam.

Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle noch einmal an den SSV Meldorf e.V., ohne den dieses ganze Vorhaben wohl kaum vorstellbar wäre. Natürlich auch danke an Axel Rohwedder für die erste und alle kommenden Versorgungsfahrten und an meinen Vater für die tatkräftige Hilfe beim Umzug!

Ein besonderer Dank geht außerdem an meine drei unmittelbaren Vorgänger:innen Melli, Jakob und Mareike, die mich jederzeit mit Rat und Tat unterstützen. 🙂

 

Abschied nehmen von „Luise“, Axel und meinem Vater Stefan

Tschüss Trischen: Vom Abschied nehmen und ankommen auf dem Festland

Tschüss Trischen: Vom Abschied nehmen und ankommen auf dem Festland

Anfang Oktober hat das Landunter die Insel wieder verwandelt. Die Salzwiese, die über den Sommer hinter den Dünen hoch und dicht gewachsen war, liegt nun flach am Boden. Große Sandflächen sind wieder sichtbar – fast wie im März, als ich hier ankam. Auch die Vogelarten, die mich damals begrüßten, sind zurück: die ersten Ringelgänse sind wieder da und Rotdrosseln ziehen über die Insel. In diesem Moment wurde mir klar: Der Kreis hat sich geschlossen. Das Bild ist rund – und es ist Zeit zu gehen.

Hütte und Insel nach dem Landunter Anfang Oktober

Das Wetter spielte mit und erlaubte den spätestmöglichen Umzugstermin: Den 15. Oktober. Vor genau einer Woche also kam Axel mit meinen Umzugshelfer:innen. Nach einem grauen Morgen mit Nieselregen zeigte sich sogar noch die Sonne. Wir konnten meine sieben Sachen ohne Probleme zum Boot bringen, die Hütte verriegeln – und ich hatte Zeit, mich in Ruhe zu verabschieden. Auf der Rückfahrt saß ich draußen und blickte zurück, bis auch die letzte Silhouette von Trischen am Horizont verschwunden war.

Das Ankommen auf dem Festland war weniger spektakulär, als ich es mir vorgestellt hatte. Und doch gab es viele kleine Freuden: eine ausgedehnte heiße Dusche, das Wiedersehen mit Familie und Freunden. Auf der Fahrt zurück nach Freiburg bewunderte ich ununterbrochen die leuchtende Laubfärbung der Bäume. Die alltäglichen Rufe von Spatzen und Meisen – auf Trischen nicht zu hören – erzeugten ein wohliges Gefühl von Zuhause in mir.

Ich möchte mich an dieser Stelle ganz herzlich bei allen Leser:innen bedanken: fürs Mitlesen, für die vielen netten, mitfiebernden und lobenden Nachrichten im Gästebuch und für die Wertschätzung meiner Arbeit. Es hat mir große Freude gemacht, euch ein Stück weit mit auf die Insel zu nehmen und meine Erlebnisse zu teilen.

Dies ist mein letzter Blogartikel – aber am kommenden Sonntag, den 26.10., wird es noch einen kleinen Vortrag über Trischen im Deichhaus in Nordermeldorf geben. Außerdem entsteht dank eines engagierten Filmteams ein Dokumentarfilm über die Insel. Mehr Infos zum Projekt und Crowdfunding findet ihr hier: Meerland – der Film und https://www.instagram.com/meerland.film/

Im kommenden Jahr wird euch mein Nachfolger David von seinen Erlebnissen auf Trischen berichten. Ich bin genauso gespannt wie ihr – und wünsche ihm eine wunderschöne Zeit auf der Insel!

 

Eure Naturschutzwartin 2025
Mareike Espenschied

Meine erste Sturmflut und meine letzten Tage auf Trischen

Ein Glück gab es dieses Jahr während der Brutzeit keine Sturmflut, Gelege und Küken wurden vom Meer verschont.
Doch eine richtige Sturmflut wollte ich auf Trischen unbedingt mal erleben – kurz vor Saisonende, war es nun endlich soweit.
Nach einer guten Woche mit Ostwind und extrem niedrigen Hochwasserständen, schlug das Wetter um. Der Wind drehte auf Südwest und brachte Sturm und Regen mit sich. Morgens als ich aus dem Fenster schaute hatten die Wellen bereits fast den kompletten Strand überspült – doch bis Hochwasser dauerte es noch ganze vier Stunden!
Riesige Vogelschwärme flatterten aufgeregt umher weil jeder noch trockene Fleck nach und nach überflutet wurde. Die Hüttenstelzen standen bereits zwei Stunden vor Hochwasser vollständig im Wasser, kein Fleckchen Erde war mehr zu sehen.

Vogelschwarm über den Dünen

 

Immer wieder zogen kräftige Regenschauer über die Insel und ich mussten meinen Logenplatz auf dem Umlauf kurzzeitig verlassen. Der Sturm pfiff um die Hütte und peitschte die Wellen immer weiter über die Dünen. Ich wollte alles noch besser überblicken, strotzte dem Sturm und stieg auf den Turm. Von hier oben war der Anblick wirklich überwältigend: Die Ostspitze war schon lange unter der Wasseroberfläche verchwunden, aber auch die Nord- und Südspitze wurden nach und nach von den Wellen verschluckt. Die Dünen schrumpften zu schmalen Kämmen und an immer mehr stellen, wo die Dünen nicht hoch genug waren, schwappten die Wellen schließlich über den Dünenkamm. Die Möwen, Brandgänse, Pfeif- und Spießenten tummelten sich auf der ruhigeren östliche Seite, der kaum noch sichtbaren Insel. Die Alpenstrandläufer und Sanderlinge versuchten sich auf den noch übriggebliebenen hohen Dünen ein trockenes Plätzchen zu ergattern. Sogar schwimmender Treibsel wurde in der Not als Landeplatz angenommen. Das Wasser hatte mittlerweil den Handlauf der Hüttentreppe erreicht. Ich stand auf dem Turm der Hütte umgeben von Wasser, stemmte mich gegen den Wind und war überwältigt: Trischen war nur noch ein sichelförmiger Streifen mitten im Meer.

Sanderlinge und ein Alpenstrandläufer auf einer Düne, (noch) sicher vor Wellen und Wind

 

Kiebitzregenpfeifer und Alpenstrandläufer nutzen schwimmendes Treibsel als Rastplatz

 

Meine Freund*innen und Familie waren froh, dass ich wohlauf war. Ich konnte sie beruhigen: Trischen wird mehrmals im Jahr bei Stürmen vom Meer überspült und genau für solche Extremsituationen ist die Vogelwärter*innenhütte gebaut. Ich hatte zu keinem Zeitpukt Angst (sonst hätte ich mir wohl auch den falschen Job ausgesucht), im Gegenteil: Ich war glücklich, begeistert, aufgeregt, das ganze war so spannend wie ein Thriller: Welche Dünenkrone wird als nächstes von den Wellen erfasst, wie hoch klettert das Wasser noch die Hüttentreppe empor? Ich war begeistert und dankbar, das einmal erleben zu dürfen und gleichzeitig verspürte ich eine gewisse Demut angesichts der Kräfte die Wind und Wasser hier entfalteten. In solchen Momenten fühle ich mich klein und unbedeutend aber in einem positiven Sinne: Ich bin ganz im Moment und meine täglichen Sorgen sind belanglos, angesichts dessen, was sich hier gerade abspielt.

Landunter

 

Die Dünen westlich der Hütte wurden fast vollständig vom Meer überspült

 

Am Tag danach: Die Sturmflut hat die Dünen an vielen Stellen völlig weggespült

 

Dieser Tag war einer der eindrücklichsten Ereignisse, die ich auf Trischen in den letzten Monaten erleben durfte – und das noch so kurz vor Schluss, denn meine Tage hier sind so langsam gezählt: Mitte Oktober werde ich die Insel verlassen, je nach Wetterlage auch schon ein paar Tage früher.
Ich habe eine Liste mit Aufgaben, die ich vor der Abreise noch erledigen muss: Den Pegelmesser auslesen, Holz für meinen Nachfolger David hacken und die Hütte winterfest machen, sind nur einige Punkte darauf. Mit den letzten Tagen auf der Insel ist die Zeit der „letzten Male“ angebrochen: Das letzte mal an die Nordspitze laufen, auf der angespülten Bank sitzen und die Seehunde beobachten, die letzte Lebensmittelbestellung, die letzte Rastvogelzählung und das letzte Mal auf dem Aussichtsturm stehen.
Ich freue mich auch schon aufs Festland, Freund*innen und Familie wieder zu sehen, auf eine Waschmaschine, jederzeit eine warme Dusche und frisches Brot. Doch ich werden auch viel vermissen, was mir gerade noch selbstverständlich scheint: Die unzähligen wunderschönen Sonnenauf- und -untergänge, die kreischenden Möwen und unermütlich rufenden Rotschenkel zur Brutzeit und die „ist“-Rufe der ziehenden Wiesenpieper jetzt im Herbst, den Blick aus dem Fenster auf Salzwiese, Meer und Dünen und – irgendwann wenn mich die Hektik des Alltags wieder verschluckt hat – mit Sicherheit auch die einsamen und ruhigen Tage auf der Insel.

Ich bin dankbar, dass ich das Privileg hatte ein halbes Jahr als Naturschutzwartin auf Trischen zu leben und zu arbeiten, es ist eine Zeit die prägt und die ich nie vergessen werde und ich glaube, vieles was ich hier hatte werde ich erst schätzen können, wenn ich wieder zurück auf dem Festland bin.
Das lasse ich euch dann hier in meinem letzten Blogartikel wissen.
Bis dahin werde ich noch meine letzten Inseltage in vollen Zügen genießen!

 

Eure Naturschutzwartin 2025
Mareike Espenschied

 

Die Wattkartierung: Was lebt in Schlick und Sand?

Die Wattkartierung: Was lebt in Schlick und Sand?

An den meisten Tagen ist mein Blick von der Insel aus auf das weite Watt gerichtet. Ich beobachte die Vögel, die bei Ebbe zur Nahrungssuche auf die Wattflächen fliegen, oder schaue zu, wie die Flut diese langsam zurückerobert. Doch nachdem die meisten Aufgaben auf der Insel erledigt sind, war ich für die jährliche Wattkartierung selbst in dieser unendlich scheinenden Landschaft unterwegs.

Die Wattkartierung wird seit über 30 Jahren durchgeführt, hierbei werden an festgelegten Probepunkten biotische und abiotische Daten herhoben um den Zustand des gesamten Ökosystems Wattenmeer zu dokumentieren. Die Probetransekte, bestehend aus 10-15 Probepunkten, liegen im ganzen Wattenmeer verteilt. Zwei Transekte davon befinden sich in der Nähe von Trischen.

Die Vorbereitung auf die Wattkartierung fühlt sich jedes Mal an, als wenn ich zu einer kleinen Expedition aufbreche. Statt Fernglas und Notizbuch packe ich Spaten, ein spezielles Sieb und eine große Stechröhre ein. Dazu kommen ein GPS-Gerät zur Navigation und ein Maßband, um die 1 m2 großen Probeflächen abzustecken, die untersucht werden sollen. All dieses Material über das Watt zu schleppen, ist eine echte Herausforderung und schränkt die Bewegungsfreiheit ordentlich ein. Ich befestige was möglich ist am Rucksack, in die linke Hand nehme ich den Spaten, unter den rechten Arm klemme ich die Stechröhre und los geht´s!

 

Die Weite des Wattenmeers

 

Besonders tückisch ist der Untergrund selbst, denn das Watt ist nicht einfach nur Schlamm: Es gibt festes Sandwatt, das hauptsächlch aus groben Sandkörnern betseht und kaum unter den Füßen nachgibt und weiches Schlickwatt, in das man bei jedem Schritt einsinkt und die Fortbewegung sehr langsam und beschwehrlich macht. Man weiß vorher nie genau, was einen erwartet. Erst der nächste Schritt verrät, ob der Boden trägt oder nachgibt. Ein ständiges Tasten und Abwägen bis ich an meinem Zielpunkt angelangt bin.

Es ist ungewohnt, die Insel nach so vielen Monaten von dieser Entfernung zu sehen, denn die Probepunkte, zu denen ich mit Hilfe des GPS-Geräts gelange, liegen bis zu 2 km von Trischen entfernt.

 

Die Vogelwärter:innen-Hütte ist nur noch ein kleiner Punkt am Horizont

 

Das GPS-Gerät zeigt an: 0 m bis zum Probepunkt, ich bin angekommen. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Ich stecke den Quadratmeter mit dem Maßband ab und inspiziere zunächst die Oberfläche: Welcher Watttyp liegt vor? Ist der Probepunkt von Wasser bedeckt und wie drick ist die Oxidationsschicht? Entdecke ich Strandschnecken auf der Oberfläche? Sehe ich die sternförmigen Spuren der Pfeffermuschel oder den charakteristischen Haufen eines Wattwurms? Alles notiere ich mit schlickigen Händen aber sorgfältig auf dem Datenblatt. Danach kommt die massive Stechröhre zum Einsatz. Mit vollem Körpergewicht drücke ich sie 30 Zentimeter tief in den Boden, um eine exakte Probe zu entnehmen. Der spannendste Teil folgt aber erst danach: Direkt neben der Probestelle grabe ich mit dem Spaten ein tiefes Loch, bis es sich mit Sickerwasser füllt. In diesem Wasser wasche ich nun den Inhalt der Probe durch das Sieb.

 

Das abgesteckte Probequadrat mit Stechröhre und Arbeitsutensilien

 

Langsam, Schicht für Schicht, spült das Wasser den Schlick davon und legt frei, was sonst im Verborgenen lebt. Plötzlich zeigen sich Herzmuscheln in unterschiedlichsten Größen im Sieb, winzige Schneckenhäuser der Wattschnecke tauchen auf und Würmer ringeln sich im restlichen Sediment. Es ist eine faszinierende Welt im Miniaturformat. Jeder Fund wird sorgfältig gezählt und notiert. Nichts wird mitgenommen, alles bleibt vor Ort. Am Ende des Tages übertrage ich die erhobenen Daten von dem, von Schlick und Salzwasser ganz wellig gewordenen Datenblatt, in eine Exceltabelle. Nachdem ich alle Punkte beprobt habe sende ich die Daten an die Schutzstation Wattenmeer, wo sie gesammelt werden um den Zustand des Wattenmeers zu dokumentieren und Veränderungen erkennen zu können.

 

 

Es ist eine anstrengende und schweißtreibende Arbeit. Aber wenn ich danach mit schlickverschmierter Kleidung und schmerzenden Armen zurück auf die Insel komme und den Blick wieder über das, nun von der Flut bedeckte Watt schweifen lasse, sehe ich es mit anderen Augen. Ich weiß jetzt ein bisschen besser, welche Geheimnisse unter der dem Meereswasser verborgen sind und wie viel Leben in diesem scheinbaren Nichts pulsiert.

 

Eure Naturschutzwartin 2025
Mareike Espenschied

 

Vom Staunen zum Handeln: Zwei seltene Entdeckungen und die Artenvielfalt

Vom Staunen zum Handeln: Zwei seltene Entdeckungen und die Artenvielfalt

Oft widme ich meine Blogeinträge ja den gefiederten Freunden um mich herum. Doch diesmal möchte ich von zwei Entdeckungen erzählen, die auch fliegen – aber ohne Federn und was sie mit der Shifting Baseline zu tun haben.

Seltene Bewohnerin der Salzwiesen

Die Strandaster (Aster tripolium) ist eine charakteristische Art der Salzwiesen, die diese im Spätsommer und Frühherbst mit ihren zartlila Blüten schmückt. Ende August suchte ich dichte Bestände der Strandaster gezielt ab, um eine ganz besondere Bewohnerin der Salzwiesen zu finden: Die Strandaster-Seidenbiene (Colletes halophilus). Und schon nach wenigen Minuten hatte ich Glück: Zwei Weibchen dieser seltenen Wildbienenart sammelte emsig Pollen an den vielen Blüten. Was für ein Glück!

Blühende Strandastern (Aster tripolium) auf Trischen

 

Strandaster-Seidenbiene (Colletes halophilus) beim Pollen sammeln

Die Standaster-Seidenbiene wurde 2019 das erste Mal sicher auf Trischen nachgewiesen und 2015 erstmals in Schleswig-Holstein. Eine Bekannte, die sich seit Jahren mit Wildbienen in Schleswig-Holstein beschäftig, erzählte mir noch einige spannende Fakten: In Deutschland ist die Art extrem selten. Das liegt vor allem an ihrem speziellen Lebensraum: Die Strandaster-Seidenbiene gräbt ihre Brutröhren in den Sand, dort legt sie ihre Eier mit einem Vorrat an Pollen der Strandaster als Nahrung für die Larven ab. Da die Gefahr von Überflutungen groß ist, hat die Seidenbiene vorgesorgt: Sie produziert einen polyesterartigen Kokon für ihren Nachwuchs. Wenn das Meer die Brutröhren überspült, sind die Eier bzw. Larven in ihrem Luftsack sicher und ertrinken nicht. Eine geniale Erfindung, finde ich!

Heimliche Hüttengäste

Ein paar andere fliegende Gäste habe ich nicht gezielt aufgesucht. Diese haben sich ein besonders lauschiges Plätzchen, zwischen der Hüttenwand und meinem Duschsack, ausgesucht. Als ich ihn abhängte, um ihn mit Wasser zu befüllen staunte ich nicht schlecht als ich in die Augen von fünf kleinen Fledermäusen schaute. Die Fünf waren mindestens genauso überrascht wie ich, suchten sich aber nach einem kurzen Schock eine andere Bleibe um den Tag zu überdauern. Wie sich abends herausstellte allerdings nicht unbedingt eine geeignete: Als es dunkel wurde flatterte nämlich plötzlich einer der Kollegen in meiner Hütte umher. Wieder einmal waren beide Seiten etwas überrascht und überfordert, doch nach ein wenig Zeit und Überwindung (die Handhabung von Vögeln bin ich durch viele Jahre Vogelberingung gewohnt, aber eine Fledermaus hatte ich noch nie in der Hand) schaffte ich es den armen Irrgast in einem Karton nach draußen zu bringen. Beim Umgang mit Fledermäusen gilt: Immer Handschuhe anziehen! (Hier gibt es mehr Informationen zum Umgang mit verirrten Fledermäusen.)

Meine Recherche ergab, dass es sich vermutlich um Rauhautfledermäuse (Pipistrellus nathusii) handelte. Sie wurden von einigen Vorgänger*innen schon im Frühjahr und Herbst durch Feldermausdetektoren auf Trischen nachgewiesen. Da Fledermäuse viel heimlicher, als die meisten Vogelarten leben, ist es recht unbekannt, dass auch Fledermäuse weite Strecken zwischen Brut- und Winterquartieren zurücklegen – Rauhautfledermäuse sogar bis zu 1.500 km! Sie waren bei mir etwa eine Woche zu Gast, bis ich sie nicht mehr abends um die Hütte jagen sah. Bei der Ansammlung könnte es sich sogar um ein sogenanntes Balzquartier gehandelt haben, denn Rauhautfledermäuse paaren sich in Balzquartieren während des Zuges (Quelle: Bundesamt für Naturschutz).

Potenzielle Rauhautfledermäuse (Pipistrellus nathusii) an der Hütte

 

Artenvielfalt im Rückgang – das Phänomen der Shifting Baseline

Und wieder einmal zeigt es mir wie vielfältig die Natur ist und wie viel es zu entdecken gibt. Neben der Strandaster-Seidenbiene gibt es noch viele andere Wildbienenarten in Deutschland, die teilweise sehr selten geworden sind. Bei den heimischen Fledermäusen sieht es nicht besser aus: Alle in Deutschland vorkommenden Fledermausarten sind stark zurück gegangen und stehen ausnahmslos auf der Roten Liste (Quelle: Landesfachausschuss Fledermausschutz NRW).

Doch das sind nur zwei Beispiele für das was wir Artensterben nennen. Und wir sind mittendrin. Neben dem menschengemachten Klimawandel ist vielen Menschen nicht bewusst, dass dieser Hand in Hand mit dem 6. Artensterben geht – ebenfalls menschengemacht. Dass die Artenvielfalt abnimmt merken wir oft nicht, da solche Prozesse schleichend gehen und sich oft über mehrere Generationen ziehen: Waren für unsere Großeltern Rebhuhn, Kiebitz und Wachtel noch Allerweltsvögel, kennen sie viele junge Menschen gar nicht mehr und dass kaum noch Insekten auf der Autoscheibe kleben ist heute normal, vor 50 Jahren war das anders. Dieser Effekt wird Shifting Baseline genannt. Die Basislinie, also das was wir als „normal“ empfinden, verschiebt sich bei der Artenvielfalt langsam und schleichend nach unten…

„Man kann nur Schützen was man kennt“

Doch wir müssen diesem Prozess nicht hilflos zusehen! Ich bin mir sicher, dass das viele von Euch wissen und schon so handeln, aber ich möchte diesen oft gelesenen und so wahren Satz hier noch einmal zitieren: „Man kann nur schützen was man kennt.“

Deshalb: Lernt die Tieren und Pflanzen in eurer Umgebung kennen, macht Ausflüge in die Natur(schutzgebiete), nehmt an Führungen teil, gebt das Wissen und eure Begeisterung an eure Mitmenschen, eure Kinder, weiter. Der NABU hat eine Plattform entwickelt, auf der man sein Artenwissen kostenlos erweitern kann: Die NABU-Naturgucker-Akademie. Naturschutzzentren bieten Veranstaltungen für Groß und Klein. So können wir dem Gewöhnungseffekt etwas entgegen setzen. Wir profitieren alle davon und es macht sogar Spaß!

 

Dieser Blogartikel ist länger geworden als sonst, aber mir liegt das Thema sehr am Herzen und ich danke Euch, dass ihr in bis zum Ende gelesen habt! 😊

 

Eure Naturschutzwartin 2025
Mareike

 

Hier sind noch einige nützliche links:

Wildbienen helfen im Garten, auf dem Balkon und der Fensterbank: https://www.wildbiene.org/allgemein

Fledermausfreundliches Haus: https://schleswig-holstein.nabu.de/tiere-und-pflanzen/saeugetiere/fledermaeuse/fledermausschutz/ffh/19035.html

Naturnahe Gartengestaltung: https://www.nabu.de/umwelt-und-ressourcen/oekologisch-leben/balkon-und-garten/grundlagen/index.html

Zum Weiterlesen:

https://www.klimawiese.de/artensterben-in-deutschland-das-kannst-du-tun-um-artensterben-zu-verhindern/

https://www.wissenmachtklima.de/shifting-baseline-umweltforschung/