Literatur Beiträge

Meine kleine Inselbibliothek

Moin!

Heute möchte ich euch, passend zum Welttag des Buches, der 1995 von der UNESCO für das Lesen, für Bücher, für die Kultur des geschriebenen Wortes und für die Rechte ihrer AutorInnen ins Leben gerufen wurde, einen kleinen Blick in meine Inselbibliothek gewähren. Es ist ein ziemlich langer Beitrag geworden, daher wird es am Ende eine kleine Überraschung geben. 😉

Da ich erst einen Monat auf Trischen bin und bisher nur wenig zum Lesen kam, stehen die meisten Werke noch auf meiner Leseliste. Andere habe ich zwar davor schon gelesen, aber wollte diese bewusst noch einmal in dieser besonderen Umgebung erleben. Und da es heute auch um die Rechte von AutorInnen geht, werde ich auch darüber ein paar Worte verlieren.

Die meisten Bücher, die ich mitgenommen habe, haben – manche mehr, manche weniger – mit dem Meer, der Küste oder konkret mit dem Leben auf einer einsamen Insel zu tun. Ein Buch, auf das ich bei meiner Recherche zu „Inselliteratur“ gestoßen bin, steht dabei unmittelbar mit Trischen in Verbindung:

„Die drei Getreuen“ – Gustav Frenssen

Bevor ich auf das Buch eingehe, ist eine Einordnung des Autors zwingend: Frenssen war einer der einflussreichsten Autoren Nazi-Deutschlands, stark in völkischem Nationalismus und NS-Ideologie verstrickt und durch seine Schriften und antisemitische Hetze maßgeblich am Aufstieg der NSDAP und den damit einhergehenden Verbrechen beteiligt. Aufgrund meiner persönlichen Überzeugungen hätte ich ein Buch eines solchen Autors für gewöhnlich nicht mit der Kneifzange angefasst. Warum steht es jetzt dennoch in meinem Regal?

Frenssens Bruder, Theodor, war von 1896 bis 1897 der erste Schäfer, an den Trischen verpachtet wurde. So wurde die Insel von Frenssen in diesem Buch unter dem Namen „Flackelholm“ als Ort der Sehnsucht verewigt:

 

»Da drüben liegt Flackelholm, genau da, woher der Wind zieht. Groß, still und einsam liegt es da, wie ein Riese, der sich am Rand der Brandung hingelegt hat, so lang er ist, um zu schlafen, und hält mit krummem, breitem Rücken das Meer auf. Wie still wird es dort sein! Kein Mensch dort, und ringsum das weite Feld, und die Watten grau und eben und unendlich, und das ungeheuere Meer. Wenn ich dort jetzt allein wäre, acht Tage lang, rund um mich die gewaltige Öde: vielleicht würden mir diese Dinge hier anders erscheinen. Von Flackelholm aus: ja! da muß die ganze Welt und das einzelne Leben anders aussehen, ganz anders.«

 

Das Buch wurde 1898 geschrieben, also noch vor dem Ersten Weltkrieg und dem Aufstieg der Nationalsozialisten. Nachdem ich ein gebrauchtes Exemplar für 5 € mit einem Buchdeckel mit drei Seeschwalben entdeckte, wagte ich das Experiment. Lässt sich in dem Buch die spätere Ideologie Frenssens schon erahnen? Welche Rolle spielt Trischen im Buch, und kann ich aus dem Text über 100 Jahre später vielleicht noch etwas mitnehmen?

Ich war anfangs tatsächlich sehr überrascht: Frenssen schreibt mit bemerkenswertem sozialen Mitgefühl über Armut und Leid der ländlichen Bevölkerung und an manchen Stellen hat man fast den Eindruck, dass er die gesellschaftlichen Ursachen des Elends durchaus sieht. Doch gegen Ende treten völkisches Denken und kolonialer Pathos immer deutlicher hervor. Literarisch ist der Kitsch – zumindest für mich – kaum zu ertragen, doch als historisches Fenster ist es spannend:

Frenssen, der im gerade erst entstandenen deutschen Nationalstaat aufwuchs und sozialisiert wurde, hatte anfangs noch merklich Probleme, sich in der verordneten „deutschen Identität“ einzufinden und sah sich und seine Mitmenschen in erster Linie als Bewohner der Küste. Sein späteres Werk und Wirken zeigt jedoch deutlich, dass die damaligen autoritären „Germanisierungskampagnen“ durchaus Früchte trugen: Er selbst wurde zum treibenden Motor jener gefährlichen Ideologie, die bis heute nachwirkt. Das Buch ist dabei ein perfektes Beispiel für den Übergang vom eigentlich harmlosen Heimatgefühl zum reaktionären Nationalismus.

 

„A Sand County Almanac“ – Aldo Leopold

Dass dieses dunkle Kapitel auch vor dem Naturschutz nicht haltgemacht hat und bis heute nicht gänzlich aufgearbeitet wurde, wurde mir schmerzlich während meines Studiums der Umweltwissenschaften bewusst. In mehreren Modulen wurde Konrad Lorenz zitiert – oft gänzlich ohne kritische Einordnung seiner Vergangenheit. Sein bekannter Satz „Man schützt nur, was man liebt, und man liebt nur, was man kennt“ mag inhaltlich stimmen, doch in Anbetracht seiner Verstrickung in die NS-Rassenpolitik, seiner Beteiligung an pseudowissenschaftlichen Rechtfertigungen für Verbrechen im besetzten Polen und Berichten über seine Mitwirkung an Experimenten an KZ-Häftlingen hinterlässt das Zitat einen bitteren Beigeschmack.

Um in Diskussionen mit ProfessorInnen nicht „alternativlos“ dazustehen, suchte ich nach anderen Denkern dieser Zeit und stieß auf einen Pionier der ökologischen Ethik: Aldo Leopold. Er gilt als Begründer des modernen Naturschutzes in den USA. Sein Werk ist für mich das Gegenstück zu den oben genannten Verirrungen. Leopold entwickelte die sogenannte „Land Ethic“. Sein zentraler Gedanke: Wir müssen aufhören, das Land (Boden, Wasser, Pflanzen, Tiere) als Eigentum zu betrachten, das uns nur Nutzen bringen soll. Stattdessen sind wir Teil einer „biotischen Gemeinschaft“.

Und auch wenn ich mittlerweile vieles, was Leopold schreibt deutlich kritischer sehe – etwa die Ausblendung indigener Völker in dieser biotischen Gemeinschaft oder die Beschränkung von Verantwortung auf die rein individuelle Ebene -, so sind seine Beschreibungen der Natur und seine Beobachtungsgabe fast unvergleichlich. Es gehört zu den Büchern, die mich bis heute prägen. Ich freue mich sehr darauf, es hier auf Trischen noch einmal zu lesen.

 

„Zivilisation und Wahrheit“ – Abdullah Öcalan

Während ich hier auf Trischen für ein halbes Jahr die Freiheit meiner selbstgewählten „Isolation“ genieße, wandern meine Gedanken unweigerlich zu einem Autor, dessen Alltag seit über 26 Jahren von extremer, erzwungener Isolation auf einer Gefängnisinsel geprägt ist: Abdullah Öcalan.

Da es heute auch um die Rechte von AutorInnen geht, möchte ich diesen Rahmen nutzen, um auf die unmenschlichen Haftbedingungen auf İmralı, aber auch auf Öcalan als einen der bedeutendsten Denker unserer Zeit aufmerksam zu machen. Für mein eigenes Verständnis von Freiheit, Naturschutz und Gesellschaft war sein Werk „Jenseits von Staat, Macht und Gewalt“ das wohl prägendste Buch überhaupt. Er zeigt darin auf, dass ökologische Krisen und soziale Unfreiheit untrennbar miteinander verbunden sind und wir Naturschutz nicht losgelöst von gesellschaftlichen Machtstrukturen denken können.

Mit auf die Insel habe ich jedoch sein Buch „Zivilisation und Wahrheit“ genommen. Es ist ein Geschenk eines Freundes, das ich während einer gemeinsamen Mahnwache für die Freiheit Öcalans kurz vor meinem Inselantritt bekommen habe. Ich bin sehr gespannt, wie seine Analysen über den Weg der Menschheit und die Suche nach Wahrheit, die unter den widrigsten Bedingungen entstanden sind, hier auf Trischen wirken.

 

„Robinson Crusoe“ – Daniel Defoe

Und um den Kopf nach der schweren Kost wieder etwas freizubekommen, darf der Inselklassiker schlechthin nicht fehlen. Obwohl mir die Geschichte, wie wohl den meisten,  eingermaßen geläufig ist, habe ich das Buch selbst tatsächlich noch nie gelesen. Es steht aber ganz oben auf meiner Liste und nachdem ich mich ja bereits mit Frenssen im kritischen Lesen geübt habe, bin ich sehr gespannt, wie sich das Buch in der heutigen Zeit lesen lässt.

 

 


Aber nun langsam zum Schluss

„performative male reading“

Beim Zusammenstellen dieser Auswahl ist mir dann noch etwas aufgefallen: In meinem Regal stehen fast ausschließlich Bücher männlicher Autoren. Bis auf „Zur See“ von Dörte Hansen, das mein Vorgänger Jakob hier im Blog bereits vorgestellt hat, fehlt eine weibliche Perspektive fast völlig. Meine Vorgängerin Mareike hat mir glücklicherweise schon einen Tipp hinterlassen: „Birding on Borrowed Time“ von Phoebe Snetsinger. Die Geschichte einer Frau, die nach einer Diagnose, die männlich dominierte Vogelbeobachtungsszene aufmischte und mit 8.398 beobachteten und dokumentierten Arten zur ersten Person wurde, die mehr als 8.000 Vogelarten gesehen hat, steht definitiv auf meiner Liste. Dennoch würde ich mich über weitere Empfehlungen freuen!

 

 


 

Jetzt aber endlich zur anfangs erwähnten Überraschung: Ich möchte unter allen, die bis hierher durchgehalten haben, ein Exemplar von „Ein Jahr im Sand County“ (die deutsche Ausgabe von Aldo Leopolds Klassiker) verlosen.

So könnt ihr teilnehmen:

Schreibt mir bis zum 30. April einen Eintrag in mein Gästebuch. Ich freue mich über jede Nachricht, zum Beispiel zu einer dieser Fragen:

Welches Buch hat euch geprägt? Was lest ihr gerade? Oder: Habt ihr Tipps für starke weibliche Perspektiven in der Natur- und Inselliteratur?

Ganz egal, was ihr mir schreibt: Fügt unbedingt #WelttagdesBuches hinzu, damit ich weiß, dass ihr in den Lostopf wollt!

Datenschutz auf Trischen-Art:
Die Verlosung wird ganz klassisch stattfinden: Alle Namen wandern auf kleine Zettel. Dann ziehe ich blind eine(n) GewinnerIn. Sobald die Person per E-Mail benachrichtigt wurde und die Adresse für den Versand feststeht, wandern alle übrigen Zettel zur endgültigen Datenvernichtung in meinen Hüttenofen.

Ich bin gespannt auf eure Nachrichten und wünsche euch einen wundervollen Welttag des Buches und viel Freude beim Eintauchen in fremde Welten!

 

Trischen, den 23. April 2026