Blick auf die Nachbarn: Naturschutz in den Niederlanden

Heute versammelten sich Naturschutz- und Landwirtschaftsexperten aus ganz Europa auf einem Bauernhof mitten in den Niederlanden, um über die Zukunft des Naturschutzes vor allem im Hinblick auf das Verhältnis zur Landwirtschaft zu beraten. Nachdem wir mit dem BirdLife-Netzwerk heute aus unserer Sicht den „Fitness-Check“ der EU-Naturschutzrichtlinien für beendet erklärt haben (wir hoffen die offizielle Politik tut dies auch sehr bald!), geht es jetzt darum sich wieder um das Handeln zu kümmern. Der Titel der Konferenz lautet demnach auch (übersetzt): „Biodiversität, einen Schritt weiter“.

Uferschnepfe

Die Niederlande haben im ersten Halbjahr 2016 die EU-Ratspräsidentschaft inne und damit eine Schlüsselrolle auch für die Naturschutzpolitik. 1991 wurde unter ihrer Präsidentschaft die FFH-Richtlinie verabschiedet – diese Verdienst verspielten die Regierung allerdings fast, als sie sich in den letzten Jahren als Hauptkritiker der Naturschutzrichtlinien gerierte. Inzwischen wurde sie jedoch vom eigenen Parlament dazu gezwungen, sich in Brüssel für den Erhalt der EU-Naturschutzrichtlinien einzusetzen.

Wo stehen die Niederlande im EU-weiten Vergleich?

Die Niederlande sind ein besonderes Land, zu großen Teilen unter dem Meeresspiegel gelegen, sehr intensiv genutzt, mit großer Bevölkerungsdichte – gleichzeitig eine sehr umweltbewusste Bevölkerung und international anerkannte wissenschaftliche Institutionen und Naturschutzverbände. Naturschutzgebiete werden oft streng geschützt, befinden sich aber in unmittelbarer Nachbarschaft zu Flächen mit extrem intensiver Landwirtschaft. Das Nebeneinander von Verlierer- und Gewinnerarten ist daher besonders krass. 47 Prozent der Brutvogelarten nehmen zu, aber 53 Prozent nehmen ab. EU-weit ist das der höchste Anteil an abnehmenden Vogelarten, auch bei anderen Arten ist das Land Schlusslicht (51% der FFH-Arten in einem schlechten Erhaltungszustand, nur 4% der Lebensraumtypen in einem günstigen Zustand; in Deutschland liegen diese Werte jeweils bei 28%). Spitzenreiter sind die Niederlande allerdings bei den Daten: in keinen EU-Land gibt es so viel Wissen über den Zustand der Arten.

 

Vielversprechende Ansätze in der Landwirtschaft

Seit Jahrzehnten hat sich die niederländische Landwirtschaft an einem Paradigma orientiert: Immer mehr Produktion zu immer geringeren Preisen. Nach dem zweiten Weltkrieg gab jeder Niederländer über die Hälfte seines Einkommens für Lebensmittel aus, jetzt nur noch acht Prozent. Das sehen viele als großen Erfolg, denn es bleibt Einkommen übrig für Autos, Elektronik, Fernreisen… Jetzt befindet sich die Agrarpolitik jedoch in einer Sackgasse – ökonomisch wie ökologisch gesehen. Der Milchpreis liegt bei 28 Cent, 32 wären notwendig um keinen Verlust zu machen.

In den Niederlanden wird die Landwirtschaft wohl aufgrund der knappen Fläche immer intensiver sein als anderswo. Ein neues Modell von Agrarkooperativen versucht nun jedoch, zu einem Umdenken beizutragen. Landwirtschaftliche Betriebe schließen sich, unterstützt von EU-Fördermitteln, auf lokaler Ebene zusammen –  aber nicht mit dem alleinigen Ziel, Produktion und Vermarktung zu verbessern, sondern um sich um die Bereitstellung öffentlicher Güter, wie den Schutz von Arten, Boden und Wasser zu kümmern. Leider reichen die Gelder der EU kaum aus, denn die Gemeinsame Agrarpolitik verteilt den Löwenanteil der Subventionen bisher über die umweltschädlichen Direktzahlungen pauschal pro Hektar.

Natuurmonumenten Marker Wadden

www.natuurmonumenten.nl

Wiederherstellung von gestörten Ökosystemen

Ursprüngliche Natur findet man in den Niederlanden nicht mehr, über Jahrhunderte hat man die Techniken zur ihrer Zerstörung perfektioniert. Daher wird dort nun Natur und Artenvielfalt oft „künstlich“ neu geschaffen oder am Leben gehalten, teilweise in sehr umstrittenen Projekten. Man versucht sogar ganze Landschaften am Übergang von Meer und Land wieder in einen ökologisch gesunden, für die Fischerei produktiven und touristisch attraktiven Zustand zu bringen. Auf der Tagung wurde das Beispiel des riesigen „Marker Wadden“ Projekts vorgestellt, bei dem naturnahe Uferbereiche und neue für die Artenvielfalt wertvolle Inseln in einem vom Meer abgeschnittenen See geschaffen werden. Das Projekt soll mehrfach „Gewinn“ abwerfen, für die Natur, die Wirtschaft, die Gesellschaft.

Wie auch immer man zu den einzelnen Ansätzen steht, in jedem Fall scheinen die Niederlande ein spannendes „Labor“ zu sein, in dem man innovativen Ideen aufgeschlossen ist – ob es um die Zerstörung oder die Wiederherstellung von Natur geht. Auf der Tagung veröffentlichten die niederländischen Naturschutzverbände ihre Forderungen für eine bessere Umsetzung des Naturschutzrechts unter dem Titel „Naturschutz in den Niederlanden – Volldampf voraus!“ (download auf Englisch hier – unten auf der Seite)

Konstantin Kreiser

Konstantin Kreiser

Leiter Globale und EU-Naturschutzpolitik im NABU
Konstantin Kreiser

1 Kommentar

Michel Meenhuis

15.04.2016, 20:58

Unser Premierminister Rutten zerstört alles. Das einzige, was er denkt, ist der niederländische Fiskus. Ich bin für die Natur!

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