Rotschenkel Beiträge

Ankommen auf Trischen – die ersten Tage auf der Insel

Vor etwa einer Woche bin ich auf Trischen angekommen, meiner neuen Heimat für die kommenden Monate. Bei strahlendem Sonnenschein legten wir an, was den Start umso schöner machte. Doch bevor ich richtig ankommen konnte, stand eine anstrengende Aufgabe an: Alles, was ich für meinen Aufenthalt brauche, musste zur Hütte geschleppt werden. Zum Glück gibt es zwei Handkarren und tatkräftige Unterstützung von zwei Freund*innen, sodass wir diese Herausforderung gemeinsam meistern konnten. Nachdem wir alles zur Hütte gebracht hatten, blieb nicht mehr viel Zeit und ich musste meine Helfer*innen und Axel verabschieden, denn mit dem nächsten Hochwasser mussten sie zurück ans Festland gelangen. Die darauffolgenden Tage habe ich mir die Zeit genommen, die Hütte gemütlich und wohnlich zu machen – schließlich wird sie für kanpp sieben Monate mein Zuhause sein.

Natürlich wollte ich auch die Insel erkunden und kennenlernen. Trischen ist ein besonderer Ort, geprägt von Natur, Wind und Wetter und gar nicht mal so klein, wie ihr es euch vielleicht vorstellt. Von der Hütte bis zur Nordspitze ist man etwa eine Stunde zu Fuß unterwegs – die vielen Stopps, um Vögel zu beobachten und kuriose Strandfunde zu entdecken nicht miteinberechnet. Einen ersten Überblick über die Insel konnte ich mir bei meinen täglichen Exkursionen schon verschaffen, aber noch ist nicht jeder Winkel ausgekundschaftet. Ich freue mich darauf in den nächsten Wochen, die Insel richtig kennenzulernen.

Die Hütte von der Nordspitze der Insel aus gesehen

Doch auch rund um die Hütte gibt es schon einiges zu entdecken. Fast jeden Morgen erwartet mich eine Überraschung, wenn ich die Tür meiner Hütte öffne. Einmal begrüßte mich ein Buchfink mit seinem typischen Ruf, den ich aus dem Wald nur allzu gut kenne. Er rastete kurz auf dem Hüttengeländer, bevor er, gestört durch mich, auch schon weiterflog. Am nächsten Tag saß eine Dohle auf meinem Aussichtsturm und beobachtete die Umgebung. Und am darauffolgenden Tag nahm eine Ringeltaube auf meinem Dach Platz und machte sich mit ihrem charakteristischen Gurren bemerkbar.
Doch neben diesen Überraschungen gibt es auch alte Bekannte, die mich täglich willkommen heißen. Rotschenkel, Feldlerche und Wiesenpieper balzen rund um die Hütte und füllen die Luft mit ihren Rufen und ihrem Gesang.

Rotschenkel im Morgenlicht

Die Ringelgänse nutzen die Salzwiesen, nahe der Hütte, als Rastplatz und fressen sich hier Fettreserven an, um gestärkt ihre Reise in die Brutgebiete fortzusetzen. Und meinen ersten Sturm mit Windstäke 8 und zumindest teilweise, nassen Füßen bzw. Hüttenstelzen, habe ich auch schon gehabt. Es ist ein wunderbares Schauspiel der Natur, das ich aus nächster Nähe erleben darf.

Langsam komme ich hier an. Ich stelle mich auf den Rhythmus der Insel ein, lasse mich von Sonnenauf- und Sonnenuntergang sowie den Gezeiten leiten. Das Leben auf Trischen ist anders, entschleunigt, aber voller intensiver Momente.
Ich bin gespannt, welche Überraschungen die Insel mir in den kommenden Monaten noch bereithält und welche Erlebnisse zur Gewohnheit werden. Eines ist sicher: Jeder Tag hier ist einzigartig, und ich freue mich darauf, die Natur weiterhin so hautnah zu erleben.

 

Bis bald!

Eure Mareike Espenschied
Naturschutzwartin 2025

Land unter

Moin liebe Blogleser:innen,

leider gibt es schlechte Nachrichten von der Insel. Seit Tagen ist es sehr windig hier oben. Der beständige Wind drückt das Wasser in die Deutsche Bucht, das führt zu ungewöhnlich hohen Wasserständen. Am vergangenen Sonntag hat sich die Lage dann zugespitzt, die Wasserstände waren bis zu einem Meter über dem normalen Pegel. Zu hoch für Trischen, große Teile der Insel standen unter Wasser. Der breite Strand war verschwunden, das Wasser hat fast überall bis an die Dünen gereicht. Die Salzwiesen waren flächig überschwemmt. Die Brutvögel hat das zu einem ungünstigen Zeitpunkt erwischt. Stundenlang musste ich mit ansehen wie vor allem die Flussseeschwalben und die Lachmöwen in großer Aufregung in der Luft über ihren Kolonien standen. Ein paar der Gelege der Flussseeschwalben vor meiner Hütte hatte ich in den letzten Wochen mit Stecken markiert, diese Stecken ragten nun nur noch etwa zur Hälfte aus dem Wasser heraus, kein gutes Zeichen. Die beiden Arten hatten, soweit ich es beobachten konnte, noch keine Küken, es lagen wohl noch hauptsächlich Eier in den Nestern, die das Wasser mit sich gerissen hat. Andere Arten, bei denen der Nachwuchs schon geschlüpft war hatten wohl etwas bessere Karten, sie konnten sich teilweise mit dem Nachwuchs in höhere Bereiche retten. Vor der Hütte saß ein Rotschenkel der seine Jungen unter seine Flügel nahm und so vor Kälte und Nässe schützte.

Gestern bin ich dann die Insel abgelaufen um zu sehen was das Unglück angerichtet hatte. In der Seeschwalben- und Lachmöwenkolonie waren die meisten Gelege leer, nur ein paar wenige Eier lagen noch an ihrem Platz. Am Strand konnte ich eine verendete Trauerente und eine Trottellumme finden, Arten, die an sich weiter draußen auf dem Meer leben, die das Unwetter aber nicht überstanden haben und bei mir angekommen sind. In der Zwergseeschwalbenkolonie, die es auch getroffen haben dürfte, waren ungewöhnlich viele Vögel anwesend, um die 120 Tiere. Ich gehe davon aus, das anderswo Kolonien abgesoffen sind, und dass sich die Vögel nun auf Trischen gesammelt haben.

Ein Rotschenkel trotzt mit seinem Nachwuchs dem Sturm

Ich hoffe, dass einige der betroffenen Brutpaare einen weiteren Versuch starten und ein Nachgelege versuchen. Für viele Arten hier auf der Insel dürfte der Schaden ansonsten imens sein, hunderte Paare haben ihre Brut für ein Jahr verloren. Heute waren die Wasserstände wieder sehr hoch, nicht so schlimm wie am Sonntag, aber die Salzwiesen und der Strand waren wieder flächig überschwemmt. Ab morgen soll es endlich wieder ruhiger werden.

Viele Grüße,

Jakob

1, 2, 100 Austernfischer

Moin, liebe Blogleser:innen,

die Brutvogelkartierung hat begonnen. Meine größte Aufgabe während der Zeit auf Trischen ist die Erfassung der Brutbestände der hier ansässigen Vögel. Es könnten an die 30 Arten werden, von denen ich in den nächsten Monaten die Brutpaare dokumentieren werde. Hierfür werden, je nach Art, verschiedenste Methodiken angewendet.

Ein Pärchen Austernfischer

Zum Auftakt hat diese Woche die Revierkartierung begonnen. Hierfür laufe ich eine vorgegebene Linie über die gesamte Insel entlang und nehme mittels App die Vögel auf, die ein Revier anzeigen oder sonstige Hinweise auf eine Brut sehen lassen. Das kann herausfordernd sein, manche Arten sind etwas heimlicher und in der hohen Vegetation nicht immer leicht auszumachen. Außerdem gilt es, die Vögel nicht doppelt zu zählen. Bei meiner ersten Begehung hat der Austernfischer den größten Teil ausgemacht, er brütet verteilt auf der ganzen Insel. Viele Rotschenkel trällern vor sich hin und wollen gezählt werden, außerdem Feldlerchen und Wiesenpieper. Die Graugänse sind schon fleißig am brüten, von ihnen konnte ich bereits etwa ein Dutzend Gelege finden. Die Weißwangengänse und Stockenten zähle ich in Paaren, Bachstelzen und Rohrammer besetzen ebenfalls mehrere Reviere. Dieses Prozedere werde ich noch zweimal wiederholen.

Die ersten Daten

In den kommenden Wochen und Monaten kommen weitere Methodiken hinzu, einige Arten werden mit der Drohne aus der Luft erfasst, ich werde Brutpaare in Kolonien zählen, Nester werden aufgenommen und Balzgruppen erfasst. Ich werde berichten und bin gespannt wie sich die Bestände entwickeln. Einige Arten wie Weißwangengans, Löffler und Zwergseeschwalbe nehmen über die letzten Jahre zu, andere wie Austernfischer, Lachmöwe und Silbermöwe werden seltener. Die Brutvogelkartierung ist elementar um diese Trends zu dokumentieren, mögliche Gefährdungen zu erkennen und daraus dann Schutzmaßnahmen entwickeln zu können.

Viele Grüße

Jakob

Vom Ankommen

Moin zusammen,

auch wenn die Temperaturen noch eine andere Sprache sprechen, es ist Frühling im Wattenmeer. Für die Zugvögel ist es die Zeit des Ankommens. Die ersten Stunden des Tages verbringe ich mit der Zugplanbeobachtung, der systematischen Erfassung aktiv ziehender Vögel. Hierfür sitze ich im Windschatten der Trischenhütte. Mein Blick ist nach Süden gerichtet und ich schwenke immer wieder den Horizont ab, um auf mich zukommende Trupps zu entdecken. Außerdem lausche ich, was über mir so entlang zieht. Bisher ist es noch recht ruhig. Ein paar ziehende Rohr- und Kornweihen, Blässgänse, Stare und Bluthänflinge sind schon unterwegs. Der starke Vogelzug lässt noch auf sich warten. Die Vögel sind auf dem Weg in ihre nördlicheren Brutgebiete und kommen langsam dort an.

Eine ziehende Kornweihe

Von den 25 Arten die im letzten Jahr auf Trischen gebrütet haben sind bisher 19 auf der Insel angekommen. Die Weißwangen- und Graugänse bilden Paare, die Brandgänse Balzgruppen, die Kormorane sammeln sich, der Wanderfalke rauscht ab und zu vorbei, Austernfischer und Rotschenkel trällern vor sich hin, und Feldlerche und Wiesenpieper erfüllen die Luft mit ihrem Gesang. Ich konnte bislang um die 50 Löffler beobachten, im letzten Jahr waren es um diese Zeit etwa doppelt so viele. Ich hoffe, in den nächsten Tagen kommen noch mehr von ihnen auf der Insel an.

Ein aufgeregter Rotschenkel

Auch ich bin mittlerweile angekommen. In meiner ersten Woche habe ich die Insel erkundet und bin nun so gut wie überall einmal gewesen. Die Insel wird mir immer vertrauter und Routinen stellen sich ein. Es gab einige neue erste Male, der erste Bernstein, die ersten abgelesenen Vogelringe, die erste Essensbestellung und der erste leichte Sonnenbrand. Ich habe, wie die Vögel, mein Revier besetzt und freue mich nun auf den Frühling auf Trischen.

Die besten Grüße

Jakob

The Sound of Silence

Liebe Trischen Blogleser*innen,

wenn ich an eine unbewohnte Insel denke, denke ich neben einer unberührten Natur vor allem an eines: absolute Stille.

Wer kennt ihn nicht, den Alltagslärm der uns tagtäglich umgibt – sei es eine vielbefahrene Straße vor dem Fenster oder der lärmende Nachbar? Etwa 12km entfernt vom Festland bekomme ich akustisch recht wenig von der Welt dort draußen mit. Gelegentlich höre ich das Surren eines Flugzeugmotors oder das Brummen eines der großen Schiffe, die an Trischen vorbei schippern.  Aber Stille? Weit gefehlt! Auf Trischen herrscht eine ganz andere Geräuschkulisse. Zum Tosen des Windes, gesellt sich das „Stimmengewirr“ meiner Nachbarn – und die haben gerade zu dieser Zeit viel zu sagen. Es ist Balzzeit: Brutpartner müssen gefunden und Reviere verteidigt werden. Und gerade die Rotschenkel vor meiner Hüttentür meinen es sehr ernst damit. Sie sind meist das Letzte was ich beim Einschlafen höre und das Erste was ich morgens beim Aufwachen mitbekomme. Pausenlos schwirren sie laut rufend durch die Luft, sitzen auf den Pfählen rund um die Hütte und recken ihre Flügel in die Luft, damit auch jeder Rotschenkel in der Umgebung, ihre weißen Federzeichen bewundern kann.

 

Audio-Player

 

Nicht dass sie nun auf falsche Gedanken kommen: Ich möchte mich keineswegs beschweren, bestaune ich das Spektakel und die Mühen, die dabei auf sich genommen werden, jeden Tag aufs Neue. Mit einem bewundernswerten Durchhaltevermögen zeigen die gefiederten Bewohner Trischens ihren (zukünftigen?) Partner*innen, was sie alles zu bieten haben. Und dies kann auf ganz vielfältige Weise geschehen. Seeschwalben sind vielleicht das beeindruckendste Beispiel der heimischen Vogelwelt: Hier überreicht das Männchen dem Weibchen ein Brautgeschenk in Form eines kleinen Fischchens. Sandregenpfeifer hingegen drücken mit ihren Bäuchen kleine Mulden in den Boden, ganz ähnlich wie es beim Anlegen einer Nestmulde am Strand geschieht. Und andere wiederum beweisen durch ausdauernde Singflüge, ein vielfältiges Gesangsrepertoire oder durch ein besonders prächtiges Gefieder, wie fit sie sind. Brandgänse treiben es sogar noch weiter: Sie stellen sich in Gruppenbalzen dem direkten Vergleich mit ihren Kontrahent*innen. Dabei finden sich mehrere Männchen und Weibchen zusammen, um auszuhandeln wer mit wem zur Brut schreitet. Unliebsame Teilnehmer*innen können beispielsweise mit einem kreisenden Auf- und Absenken des Kopfes in ihre Schranken gewiesen werden.

Und auch wenn die Vorbereitungen schon auf Hochtouren laufen, haben auf Trischen beim Brutgeschäft bisher vor allem die Graugänse ernst gemacht. Bei der Springtidenzählung bin ich schon über das ein oder andere Nest gestolpert. Dieses wird auf Trischen meist in den höheren Lagen der Salzwiese bzw. der Dünen gut versteckt in der Vegetation angelegt. Nach meinem Geschmack allzu oft in unmittelbarer Nähe zu den Großmöwen, die ebenfalls die hohen Dünen als Sitzplatz bevorzugen.

 

Also Daumen drücken, dass auch die Graugänse gutes Durchhaltevermögen bei der Verteidigung ihrer Nester (und später Küken) beweisen!

Ihre Melanie Theel