Warum gibt es die EU-Vogelschutzrichtlinie? Ein Gastbeitrag von Alistair Gammell

Die Aktion „NatureAlert“ zur Rettung der EU-Naturschutzrichtlinien wird in den nächsten Tagen die Marke von 300.000 aktiven Unterstützern erreichen. Sie ist die größte gesamteuropäische Naturschutzkampagne unserer Zeit. Gleichzeitig sammeln auch die Gegner des Naturschutzes digitale Unterschriften und hoffen, dass Kommissionspräsident Juncker ernst macht mit seiner Idee, die EU-Vogelschutzrichtlinie abzuschaffen und eine „modernere“ Naturschutzgesetzgebung zu kreieren.  Zu den Anführern dieser Gegenkampagne gehören diejenigen deutschen Lobbyverbände, die vorgeben, die Interessen von Bauern, Waldbesitzern und Jägern zu vertreten. Letztere stellen sich damit sogar explizit gegen ihren eigenen europäischen Dachverband FACE, der sich neulich wieder klar für den Erhalt der EU-Naturschutzrichtlinien ausgesprochen hat.

Alistair Gammell

Alistair Gammell (Foto: BirdLife)

An dieser progressiven Haltung der europäischen Jagdvertreter hat Alistair Gammell großen Anteil, über dessen Gastbeitrag ich mich heute sehr freue. Alistair hat drei Jahrzehnte für unseren britischen BirdLife-Partner, die Royal Society for the Protection of Birds (RSPB) gearbeitet und war deren erster Direktor für Internationales. Mit großen Einsatz hat er das wichtige Abkommen zwischen BirdLife International und FACE zur Vogeljagd mitverhandelt  und damit einen jahrzehntelangen Konflikt im Sinne des Naturschutzes weitgehend befriedet. Alistair war aber auch einer der „Paten“ der EU-Vogelschutzrichtlinie selbst, um deren Entstehungsgründe es in seinem Beitrag geht:

Hat man die Vogelschutzrichtlinie, und später die Fauna-Flora-Habitatrichtlinie, deshalb geschaffen, weil verwirrte Eurokraten es nicht lassen konnten, sich in die Naturschutzpolitik einzumischen, die ganz wunderbar ohne diese Einmischung funktionierte, wie es einige glauben machen wollen? Oder war es, weil Vogeljagd und Vogelfang zunahmen und, zusammen mit der zunehmenden Zerstörung von Lebensräumen, untragbar wurden und eine immer größere Bedrohung für Europas Zugvögel darstellten, deren Lebensweise keine Grenzen kennt?

In den 1970er Jahren bestand die Vogeljagd nicht einfach darin, dass ein paar Leute gelegentlich ihre obskuren traditionellen Praktiken ausübten, sondern es handelte sich um ein andauerndes Massaker, in dem in Europa jedes Jahr viele hundert Millionen Vögel, häufige und seltene, getötet wurden. Um die Zahl der getöteten Vögel zu steigern, reisten die Jäger zu den vogelreichsten Gebieten und nutzten die neueste Technik, wie automatische Gewehre, Netze, Aufnahmen von Vogelrufen zum Anlocken von Schwärmen. Methoden, mit denen Vögel wahllos gefangen werden können, wie Leimruten und Fallen, waren üblich, ebenso wie in vielen Gegenden zu allen Jahreszeiten gejagt wurde, einschließlich im Frühling, wenn die Zugvögel sich auf ihrem mühsamen Rückweg in die europäischen Brutgebiete befinden.

Frühlingsjagd auf Turteltauben. Heute traurige Ausnahme, früher "Normalität". (Foto: BirdLife Malta)

Frühlingsjagd auf Turteltauben. Heute traurige Ausnahme, früher andauerndes Massaker. (Foto: BirdLife Malta)

Gleichzeitig wandelten sich Europas Landschaften durch zunehmende Verstädterung, intensivere Landwirtschaft, Umweltverschmutzung und den Einsatz von Pestiziden, so dass Vögel immer weniger geeignete Lebensräume für die Brut zur Verfügung hatten.

Die europäischen Bürger, die erkannten, dass die Vögel Europas Probleme hatten und dass deren Bedrohungen nicht nur international und damit außerhalb der Kontrolle einer einzelnen Regierung waren, sondern auch oft durch die Politik der EU verschlimmert wurden, verlangten ein europaweites Handeln, um unser Naturerbe zu schützen und die Tötung von Vögeln auf ein vertretbares Maß zu reduzieren. Seit damals sind die Bedrohungen durch zunehmende Verstädterung, intensive Landnutzung und Vogeljagd nicht verschwunden, tatsächlich sind sie stärker als je zuvor. Daher ist und bleibt das Erfordernis des internationalen Handelns für den Vogelschutz heute gleichermaßen relevant wie es in den 1970er Jahren war.

Die Richtlinien wurden mit dem Blick der Vernunft formuliert. Sie legen das Gesetz nicht endgültig fest, sondern setzen vereinbarte Mindeststandards und überlassen es den einzelnen Regierungen der EU-Länder, diese in der Weise umzusetzen, die sie für am besten halten. Die Richtlinien verlangen, dass die bedrohtesten Arten besonders geschützt werden und dass den europaweit wichtigsten Gebieten für Vögel und andere Tier- und Pflanzenarten besonderer Schutz gewährt wird. Das erscheint wichtig und vernünftig. Aber der besondere Schutz für Arten und Gebiete ist nicht absolut ausgestaltet. Die Regierungen in den Mitgliedstaaten können, wenn nötig, Ausnahmen gewähren, aber wenn sie das tun, müssen sie darlegen, dass sie andere Lösungen erwogen haben und zeigen, dass diese Alternativen nicht zufriedenstellend wären. Auch die erscheint vollkommen vernünftig. Würden wir nicht wollen, dass Menschen, die vorschlagen, einen nationalen Schatz – und das sind diese seltenen Vögel oder wichtigen Gebiete für Fauna und Flora – zu zerstören, es sich zweimal überlegen und zeigen, dass sie Alternativen erwogen und diese aus vernünftigen Gründen verworfen haben? Und diese EU-Instrumente haben funktioniert. Es ist erwiesen, dass es seltenen Arten dank der Vogelschutzrichtlinie besser geht, und das Töten von Vögeln, obwohl leider immer noch zu weit verbreitet, ist zurückgegangen.

Der Kranich hat sich dank EU-Vogelschutzrichtlinie wieder erholt (Foto: Frank Derer)

Der Kranich hat sich dank EU-Vogelschutzrichtlinie wieder erholt (Foto: Frank Derer)

Aber natürlich kann nicht jeder tun, was er will – so funktionieren Gesetze nun mal und darüber sollten wir froh sein. Regierungen und Projektplaner müssen tatsächlich zeigen, dass alternative und weniger schädigende Lösungen nicht möglich sind. Jäger können nicht einfach geschützte Arten töten. Und das ist auch gut so.

Nichts hat sich geändert seit den 1970ern, außer dass Europas Tier- und Pflanzenwelt heute noch mehr bedroht ist und den Schutz, den diese Richtlinien gewährleisten, mehr braucht als je zuvor.

Mit dem gebührenden Respekt für Franklin Roosevelt habe ich schamlos eines seiner Zitate angepasst, das für mich zusammenfasst, warum diese Richtlinien gebraucht werden und stark bleiben müssen.

Es sind unsere europäischen Landschaften und Natur, unsere europäischen Sprachen und europäische Kultur, die Europa anders und zu unserem Zuhause machen. Wir sollten seine Naturwunder wertschätzen, die natürlichen Ressourcen wertschätzen, die Geschichte und Romantik als ein heiliges Erbe wertschätzen, für unsere Kinder und unsere Kindeskinder. Lasst nicht selbstsüchtige Menschen oder gierige Interessen unseren Kontinent seiner Schönheit berauben, seines Reichtums oder seiner Romantik.

***

Der englische Originaltext ist gestern in  „Martin Harper’s Blog“  erschienen.

Wir starten hiermit in den Endspurt von NatureAlert. Bitte unterzeichnen Sie jetzt und verbreiten Sie diesen kurzen Aufruf (download hier), vor allem an all diejenigen, die Zugang zu einem großen E-mail-Verteiler oder Newsletter haben! Danke!

Welterbe Buchenwald Grumsin  Foto: Klemens Karkow.

Welterbe Buchenwald Grumsin (Foto: Klemens Karkow)

Gastautor

Gastautor

Hier schreiben verschiedene Autorinnen und Autoren für den NABU.
Gastautor

5 Kommentare

Paul Niersmann

03.07.2015, 17:47

Die Gemeinschaft aller Menschen darf von der Erde das nehmen, was sie für das Überleben braucht. Dabei hat sie Rücksicht zu nehmen auf alle Lebewesen, auch auf Tiere und Pflanzen. Jede unsinnige Vernichtung von Leben lässt die Natur, Gottes Schöpfung ärmer werden. Geschädigt werden wir alle. Schont die Natur! Schützt das Leben!

Antworten

Eduard Weber

03.07.2015, 23:09

Vogelschutz muss sein, aber er sollte hier im Lande beginnen bevor wir auf andere Länder zeigen . Nisthilfen fehlen in unserer kLinisch sterilen Landschaft mit Monokulturen und abgedichten Häusern , ohne auch nur ein Loch . Dazu freilaufende wildernde Katzen die auch noch draussen gefüttert werden , so dass sich die Waschbären daran fett fressen und sich inzwischen explosionsartig vermehren, vor denen dann selbst Brutplätze auf den Bäumen nicht sicher sind.

Antworten

Guenter Trageser

04.07.2015, 19:02

Bei der aktuellen Auseinandersetzung geht es um das fragwürdige Hobby einer lautstarken Minderheit gegen eine deutliche Mehrheit von verantwortungsbewussten Europäern. Der Artenschwund ist nicht mehr zu leugnen. Es ist genug kaputtgemacht! Errungenschaften wie Schutzgebiete und entsprechende Richtlinien dürfen keinesfalls rückgängig gemacht werden. Schützen wir die Restnatur vor den ewig gestrigen Zeitgenossen.

Antworten

Dr. Peter Hofmann

05.07.2015, 13:16

EU-Vogelschutzrichtlinie und FFH-Richtlinie haben sich bewährt. Es soll wohl nun den Forderungen des Industrie-Agrarkomplexes und der europaweiten Jagdlobby nachgekommen werden, diese Minimalforderungen zu liquidieren und stattdessehn ein windelweiches Naturschutz-Alibi zu beschließen. Das gilt es auf alle Fälle zu verhindern. Ich schließe mich daher den Protesten gegen ein solches Vorgehen an.

Antworten

Markus Jewanski

19.07.2015, 17:12

Jahrzehnte lange industrielle Landwirtschaft, zunehmende Versiegelung, Licht- und Meeresverschmutzung zeigen bereits deutliche Wirkungen, so das Rebhuhn und Kuckuk bald nur noch Märchenfiguren sind. Eine Vereinbarung, die so viel Anstrengungen für die Natur gekostet hat, und die sich bewährt hat, darf nicht unbemerkt verschwinden.

Antworten

Hinterlasse einen Kommentar

Bitte bleibe höflich.
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht und Pflichtfelder sind markiert.