Es grünt so grün?

Politisch passiert zur Zeit einiges im Bereich der Siedlungspolitik. Schnellerer Wohnungsbau ist angesagt, und man muss aufpassen, dass dabei der Naturschutz nicht auf der Strecke bleibt. Gleichzeitig ist aktuell aber auch „Grün in der Stadt“ ein Gewinnerthema, weil es positive Assoziationen weckt, bei der Bevölkerung gut ankommt und vordergründig niemandem weh tut. Tatsächlich ist das Thema aber sehr vielschichtig: Es geht es um Naturschutz, um „wilde Ecken“ und um Naturerfahrung für Großstadtmenschen. Es geht aber auch um Gesundheit,  um Klimaanpassung, um Wohlbefinden und um soziale Gerechtigkeit. Und ja, auch um Standortaufwertung, ein Aufgabenfeld, dass zumeist dann vernachlässigt wird, wenn die Kassenlage knapp ist oder die Begehrlichkeiten groß.

Urbanes Grün - keine Selbstverständlichkeit. Foto: Eric Neuling

Urbanes Grün – keine Selbstverständlichkeit. Foto: Eric Neuling

Bereits vor zwei Jahren wurden unter Beteiligung des NABU in einer Charta Stadt und Grün Eckpunkte  formuliert, wie das Stadtgrün stärker in den Vordergrund gerückt werden kann und welche Ziele dafür maßgeblich sind. Die Bedeutung des Themas  hat auch die Bundesregierung  erkannt; durch den neuen Ressortzuschnitt mit der Abteilung Bauen und Stadtentwicklung integriert im Bundesumweltministerium sah man die Chance, das Thema weiter voran zu bringen. Im letzten Jahre wurde dafür zunächst eine Bestandsaufnahme erarbeitet und im Sommer in einem sogenannten „Grünbuch“ veröffentlicht. Bestandsaufnahmen sind geduldig, und so finden sich hier die verschiedenen Anforderungen nebeneinander dargestellt – immerhin werden aber auch die Hauptkonfliktlinien, insbesondere jene zwischen dem steigenden Nutzungsdruck für Siedlungszwecke gerade in den großen Ballungsräumen, dem Bedürfnis nach Naherholungsflächen und der Notwendigkeit von Lebensraumerhalt, kurz beschrieben.

Aber was folgt nun aus dieser Bestandsaufnahme? Welche Schlussfolgerungen werden gezogen, welche Maßnahmen eingeleitet?  Dazu werden gerade für das Umweltministerium in einem „Weißbuch“ wesentliche politische Handlungsempfehlungen und Umsetzungsschritte formuliert, unter Federführung des Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raumforschung und unter Mitautorenschaft des Julius-Kühn-Institutes und des Bundesamtes für Naturschutz. Kompakt soll es werden das Weißbuch wie man hört,  nur rund 25 Seiten stark. Was aus Sicht des Naturschutzes in solch einem Empfehlungskatalog behandelt werden muss, dazu hat eine Allianz aus 6 Verbänden unter Beteiligung des NABU gerade eine Stellungnahme vorgelegt. Denn angesichts der vielfältigen Interessen besteht die Gefahr, dass Aspekte des Naturschutzes zu kurz kommen – und einmal weggebaut, „überpflegt“ oder entkoppelt sind Brachen, Grünflächen und naturnahe Bereiche nur schwer oder unzureichend wieder herstellbar.

Was also muss nach Ansicht der Verbände konkret passieren?

  • Es müssen die Weichen dafür gestellt werden, dass grüne Strukturen (oft wird auch von „grüner Infrastruktur“ gesprochen, um dem Begriff der „grauen Infrastruktur“, also Straßen, Wegen, Leitungen etc. einen gleichartigen Begriff entgegen zu setzen) gleichberechtigt Berücksichtigung finden und dass für sie ebenso Qualitätskriterien festgelegt werden wir für Strukturen aus Stein und Beton.
  • In den gesetzlichen Regelungen muss der Naturschutz gestärkt werden, insbesondere im Baugesetzbuch – dies betrifft zuvorderst die Rolle der Eingriffsregelung, damit Ausgleichsmaßnahmen tatsächlich einen Ausgleich darstellen und damit der Erfolg dieses Ausgleichs auch dauerhaft sichergestellt wird.
  • Die sparsame Flächeninanspruchnahme bei der Innenverdichtung, also der baulichen Entwicklung im besiedelten Bereich, sollte stärker als bisher im Vordergrund stehen, die betreffenden Gesetze und Verordnungen müssen dahingehend angepasst werden.
  • Die für Naturschutz und Stadtgrün zuständigen Verwaltungen in den Kommunen dürfen nicht weiter kaputt gespart werden, sondern müssen so ausgestattet werden, dass sie ihre Aufgaben für Mensch und Natur in der Stadt auch tatsächlich in ausreichendem Maße erfüllen können.
  • Damit alle Menschen in der Stadt Natur erleben können, müssen Grünräume in benachteiligten Gebieten zielgerichtet gefördert werden. Naturerfahrungsräume sind in die Planung stärker als bisher einzubeziehen, ehrenamtliche Grün- und Gartenprojekte als oftmals erster Naturkontakt der städtischen Bevölkerung sind zu stärken.
  • Straßenbäume und auch Bereiche mit spontaner Vegetationsentwicklung sind zu erhalten und zu fördern, gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels und dem daraus resultierenden Anpassungsbedarf in den Städten.
  • Förderprogramme im Bereich des Städtebaus sind entsprechend inhaltlich auszurichten bzw. zu ergänzen, zudem muss der Bund als großer Grundstückseigentümer seine Vorbildrolle bei der Entwicklung urbanen Grüns stärker als bisher wahrnehmen.
Stadtnatur. Foto: NABU/H. May

Stadtnatur. Foto: Helge May

Jetzt gilt es, den Druck weiter hoch zu halten, die Erarbeitung des Weißbuchs kritisch zu begleiten und nicht zuletzt mit Blick auf die anstehende Bundestagswahl im kommenden Jahr die Weichen dafür zu stellen, dass neben Steinen und Beton auch das Grün weiterhin eine Zukunft hat in unseren Städten.

 

6 Kommentare

anna von mikecz

11.05.2016, 20:02

in koeln betrifft das unter anderem gerade die erweiterungsplaene des 1.fc koeln in den aeusseren gruenguertel - der NABU stadtverband koeln und NABU NRW sprechen sich fuer den erhalt des stadtgruens aus und haben sich mit stellungnahmen in das verfahren eingebracht: http://nabu-koeln.jimdo.com/ bitte unterstuetzt das koelner stadtgruen ! dazu auch die BI 'gruenguertel fuer alle' + die online petition gegen die erweiterungsplaene: https://www.openpetition.de/petition/online/keine-landschaftszerstoerung-im-koelner-stadtwald-ca-6-ha-fuer-neue-sportplaetze-des-1-fc-koeln mit naturfreundlichen gruessen aus dem rheinland NABU koeln

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volker bannert

12.05.2016, 16:32

hallo! was mir (als frankfurter) zu diesem thema auffällt, ist, dass grün = gut gesetzt wird. tatsächlich ist die lage aber viel komplizierter und es reicht für die erhaltung der biodiversität bei weitem nicht aus, ein paar bäume zu pflanzen oder sie zu erhalten. wir müssen rückzugsräume für die natur fordern, in denen sich die natur frei entfalten kann! hier in frankfurt wird sonst noch jede einigermaßen wervolle naturecke zu einem naherholungsraum - oder wie man jetzt sagt: zu einem naturerlebnisraum... wir haben noch teils recht große&gute flächen, aber der schutz durch die landschaftsschutzgebietsverodnung ist so dünn, dass auf diesen flächen alles mögliche veranstaltet wird - hauptsache, es dient dem bürger. aber mit naturschutz hat das wenig zu tun. gruß, volker

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Till Hopf

Till Hopf

12.05.2016, 17:00

Hallo Volker, Du sprichst ein wichtiges Thema an - vordergründig sind alle dafür (deswegen habe ich es als vermeintliches "Gewinnerthema" bezeichnet, das vordergründig niemandem weh tut), im Detail gibt es aber wichtige Unterschiede. Als Naturschützer müssen wir uns konsequent dafür einsetzen, dass es nicht nur um Quantität, sondern auch um (ökologische) Qualität geht - auch im urbanen Raum muss es naturnahe Flächen und Rückzugsräume geben, die primär der Natur gewidtmet bleiben!

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Christian Henkes

13.05.2016, 06:36

Hallo! Dazu möchte ich vom NABU Mainz unbedingt einen Kommentar abgeben. Sehr gut, dass das Thema angesprochen wird - und es müsste noch prominenter nach vorne geschoben werden. Es brennt uns hier massiv auf den Nägeln. Es wird noch jede Freifläche, jede kleinste Grünfläche und jede städtische Brache bebaut bzw. steht unter Druck. Und dies geschieht schleichend. Es ist meist nicht das eine große Projektgebiet, sondern hier eine Baumreihe, die fällt, dort ein Geschossriegel, der auf Grün zwischen zwei Bestehende geschoben wird und so weiter. In Summe aber ein großer Verlust. Und was dann noch übrig ist, wird zu "grünen Erholungsfunktionsflächen" - das hat Volker aus Frankfurt ja bereits angesprochen. Rückzugsräume für die Natur in Mainz gibt es kaum noch. Auch besonders beliebt: Mit Verweis auf "ortsnaher Ausgleich" die Ausgleichsflächen direkt an neue Wohngebiete (wenn sie ausgewiesen werden). Dafür so gut wie keine öffentlichen Grünflächen - wo sich die Bevölkerung erholt und was das für die Ausgleichsflächen bedeutet, kann sich jeder vorstellen. Besonders perfide: Unsere Aktivitäten und Stellungnahmen für den Erhalt des Stadtgrüns werden pauschal abgeschmettert mit "Innenentwicklung vor Außenentwicklung" ("Da seid ihr doch auch dafür!"). Das Maß einer sinnvollen Nachverdichtung ist zumindest hier in Mainz aber längst überschritten. Ich formuliere mal etwas provokant und verkürzt: Wenn ich mir meinen Außenbereich hier so anschaue (Intensivlandwirtschaft), dann kann ich dem Grundsatz der Innenentwicklung (in Mainz) nicht mehr uneingeschränkt folgen. Beste Grüße Christian

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Dr. Christian Hepner

16.05.2016, 11:52

Christian Henkes muss ausnahmslos recht gegeben werden - die Zerstörung unserer Umwelt geschieht schleichend. Seine Beschreibung der Zerstörung von grünem Stadtgebiet kann in noch größerem Ausmaß in ländlichen Gebieten beobachtet werden. Jede Gemeinde weist ihr eigenes Industriegebiet aus, FFH-Gebiete und Landschaftsschutzgebiete werden, soweit dafür notwendig und möglich, aufgehoben, Gewerbesteuereinnahmen winken. Zusammenschlüsse von mehreren Gemeinden, gemeinsame Industriegebiete landschaftsschonend auszuweisen, sind nur selten zu sehen. Windkraftanlagen möchten von interessierten Betreibern in ausgewiesene Naturschutzgebiete gebaut werden und die Gemeinden unterstützen dies aus Eigennutz, auch hier Kommerz vor Naturschutz. Naturschutz muss endlich ernst genommen werden !

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Till Hopf

Till Hopf

19.05.2016, 11:12

Wichtige Unterstützung für unsere Anliegen kommt von berufener Seite: der Sachverständigenrat für Umweltfragen hat sich dem Problem des Flächenverbauchs in seinem neuen Umweltgutachten angenommen und der Thematik ein eigenes Kapitel gewidmet: http://www.umweltrat.de/SharedDocs/Downloads/DE/01_Umweltgutachten/2016_Umweltgutachten_Kap_04.html?nn=395728 Kernaussagen: das Ziel, den Flächenverbrauch bis zum Jahr 2020 auf 30ha/Tag zu reduzieren wird unter den aktuellen Rahmenbedingungen nicht erreicht werden. Und noch wesentlicher: Der Rat hält es für erforderlich, bis zum Jahr 2030 ein Netto-Null-Ziel der Flächeninanspruchnahme anzustreben!

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