NABU-Neujahrsempfang: Wassersicherheit entscheidet sich in der Landschaft

22.01.2026. Während Krisen und Konflikte rasch immer näher rücken und die Wirtschaft taumelt, schreiten auch die ökologischen Krisen weiter voran – mit alarmierenden Befunden. Galt Deutschland stets als wasserreiches Land, so hat es in den vergangenen beiden Jahrzehnten Grundwasser in der Größenordnung des Bodensees verloren. Die gute Nachricht: Das ist reversibel. Wasser anzubauen und zu ernten ist Science, keine Fiction. Mit nachhaltiger und naturnaher Landbewirtschaftung kann man mehr Wasser in der Landschaft halten und die Grundwasservorräte wieder auffüllen. Unter dem Motto „Wege zur Wassersicherheit“ begrüßte Präsident Jörg-Andreas Krüger daher zahlreiche Gäste aus Politik, Verwaltung, Wirtschaft, Medien und Verbänden zum Agrar- und waldpolitischen Neujahrsempfang des NABU.
In seiner traditionellen Jahresrückschau und dem Ausblick auf das Jahr 2026 brachte der NABU-Präsident seine Sorge zum Ausdruck, dass die Politik den ökologischen Krisen nicht gerecht werde. Es sei nicht verständlich, dass die Vorschläge der EU-Kommission zur Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) vor allem auf Einkommensgrundstützungen für die Landwirtschaft setzen und keine Mindestbudgets für die Erbringung von gesellschaftlich gewünschte Ökosystemleistungen vorsehen. „Damit bricht der Sachgrund für die GAP weg“, so Krüger.
Es sei wichtig, auch in diesen polarisierten Zeiten faire und sachorientierte Diskussionen zu führen. Krüger äußerte die Hoffnung, dass das Wasser-Thema die Landnutzungs- und die Naturschutzseite zusammenbringen kann. Wassermangel sei in Deutschland angekommen, wie am großflächigen Waldsterben, an den Ernteeinbußen in der Landwirtschaft oder am Niedrigstand des Rheins deutlich würde. „Doch mit der Art der Landbewirtschaftung können wir Temperaturen und sogar Niederschläge beeinflussen“, leitete er die folgenden Studienvorstellungen ein.

Reges Interesse
Prof. Pierre Ibisch vom Econics Institute stellte seinen in Zusammenarbeit mit dem NABU veröffentlichten „Grün-Feucht-Kühl-Index“ vor: Die Art der Landnutzung sei für bedeutende Temperaturunterschiede, insbesondere in den extremen Wetterlagen, verantwortlich. Wo es grüner und kühler ist, gebe es lebensfreundlichere Bedingungen und sogar mehr Niederschläge – auch in agrarisch geprägten Regionen. Hier seien ausreichende Bäume, Hecken oder möglichst dauerhafte, grüne Bodenbedeckung nötig, um das Austrocknen und Aufheizen der Böden zu verhindern.
Wassersicherheit hängt also heute maßgeblich davon ab, wie die Landschaftsoberfläche bewirtschaftet wird, stellten Benjamin Subei von der Boston Consulting Group und Max Meister vom NABU klar. Mit der gemeinsam erarbeiteten Studie „Jeder Tropfen zählt – Wege zur Wassersicherheit“ (Link) zeigten sie: Die Wiederherstellung natürlicher Speicher- und Neubildungskapazitäten in der Gesamtheit der Flächen ist zentral für die langfristige Stabilität des Wasserhaushalts. Infrastruktur- und Effizienzmaßnahmen haben einen vergleichsweise kleinen Hebel und reichen alleine nicht aus, um das wachsende Wasserspeicherdefizit Deutschlands auszugleichen. Von besonderem Vorteil ist, dass Verbesserungen des Wasserhaushalts (anders als CO2-Einsparungen) oftmals vor Ort zu deutlichen Mehr- und Nebengewinnen führen können – Handlungs- und Profitebene also stark vor Ort gekoppelt werden können. Das mache Wasser als relativ einfach zu messende Größe auch für neue Konzepte der Bewertung und Inwertsetzung von Umweltkapital sehr interessant.
In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde deutlich, wie komplex und gleichzeitig dringend die Wasserproblematik sei. „Es lief zu lange zu gut“, unterstrich Marika Holtorff, Referentin für Wasserpolitik beim Deutschen Verband des Gas- und Wasserfachs (DVGW). Deutschland decke 70 Prozent seines Trinkwasserbedarfs aus dem Grundwasser, was die Handlungsnotwendigkeit verdeutliche. Dass sich die Anbaubedingungen in Europa schnell veränderten, und großer Wissens- und Handlungsbedarf bei entsprechenden Maßnahmen bestehe, hob Anke Stübing, Head of Sustainability bei Nestlé Deutschland, hervor. Es sei ein realistisches Szenario, dass Tomaten wegen des Wassermangels in absehbarer Zukunft nicht mehr aus Spanien importiert würden.

Panel-Diskussion
Laut NABU-Geschäftsführer Ingo Ammermann lege die Komplexität des Themas nahe, regionale, auf Wassereinzugsgebieten basierende Ansätze zu entwickeln, innerhalb derer die Stakeholder gemeinsam Lösungen organisierten. Die verschiedenen Förderinstrumente auf europäischer, deutscher und landesspezifischer Ebene sollten besser aufeinander abgestimmt werden. Gleichzeitig sei es geboten, die finanziellen Lasten der beteiligten Stakeholder auf möglichst viele Schultern zu verteilen, um in der Transition voranzukommen. Auch in der Forstwirtschaft müsse man umdenken, wie er am Beispiel von Nadelbaumkulturen und Rückegassen deutlich machte: „Nadelbäume hemmen die Grundwasserneubildung und eine dichte Walderschließung führt zu großen Wasserabflüssen.“
Den Appell, sich diesen Herausforderungen zügig und entschlossen zu stellen, machten sich die Abteilungsleiter aus den Bundesministerien für Landwirtschaft (BMLEH), Urban Treutlein, bzw. für Umwelt (BMUKN), Oliver Conz, nicht ganz zu eigen. Sie verwiesen auf bisher Erreichtes und laufende Prozesse.
Conz hob hervor, man müsse das Thema Wasser ganzheitlich betrachten. Dazu gehöre auch, das Grundwasser vor Ewigkeitschemikalien zu schützen. Die Natur-Wiederherstellungsverordnung liefere einen wichtigen Impuls.
Treutlein betonte, dass die Hebel für mehr Wassersicherheit vor allem in der Verbrauchseffizienz und beim Umgang mit der Flächenversiegelung lägen. Freiwilligkeit und Akzeptanz bei den Grundeigentümern stünden bei der Umsetzung im Vordergrund.
Den Schlusspunkt der Veranstaltung bildete eine von allen geteilte Erkenntnis: Guter Wille und theoretische Erkenntnis alleine werden es nicht richten. Eine kluge Governance, die Überwindung von Silodenken und Zuständigkeitslücken sowie konsequente Mehrebenenansätze sind entscheidend, um die Realität in der Fläche zu verbessern. Bei der Koordinierung und Umsetzung von mehr Wassersicherheit in Deutschland stehen wir noch am Anfang des Weges.
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