Die Nordsee: „Grünes Kraftwerk“ oder Ökosystem?

Bau des Offshore-Windparks Baltic 1 – Foto: NABU/Andreas Fußer
Der Nordseegipfel stellt die Weichen für den Offshore-Ausbau – aber wo bleibt dabei das Meer?
Am 26. Januar 2026 lud Deutschland zum Nordseegipfel nach Hamburg mit dem erklärten Ziel eines „grünen Kraftwerks Nordsee“. Neben allen Nordseeanrainern haben auch Irland und Luxemburg die Gipfelerklärung unterzeichnet. Ich werfe hier einen Blick auf die Ergebnisse und auf die Chancen, die jetzt für das Ökosystem Nordsee ergriffen werden müssen.
300 GW Offshore Wind
Die Stoßrichtung der Gipfelerklärung ist deutlich: Nach Willen der unterzeichnenden Staats- und Regierungschefs und ihrer Energieminister*innen sollen bis 2050 Windparks mit einer Gesamtleistung von 300 Gigawatt (GW) in der Nordsee installiert sein. In den nächsten 24 Jahren soll damit etwa zehnmal mehr gebaut werden als über die letzten etwa 15 Jahre auf allen europäischen Meeren zusammen, im Schnitt 10 GW im Jahr. Gelingen soll das durch mehr Kooperation bei Planung und Ausbau einschließlich der Netze, verbesserter Anwerbung von Fachkräften, „einfachen und schnellen Genehmigungsverfahren“ sowie mit besseren Rahmenbedingungen für Lieferkette und Finanzierung. Letzteres schließt etwa die von der Branche geforderten zweiseitigen Differenzverträge (Contracts-for-Difference – CfD) mit ein, bei denen sich Staat und Offshore-Entwickler Risiken und Gewinnüberschüsse teilen. Ein großer Fokus der Gipfelerklärungen liegt auf verbesserter Kooperation. So sollen 100 GW als gemeinsame, länderübergreifende Projekte umgesetzt werden, die Windparks an die Stromnetze mehrerer Anrainer anschließen.
Im allgemeinen globalen Klima von Abschottung, Konkurrenz und nationalen Egoismen ist vielleicht schon der gegenseitig versicherte Wille zur Zusammenarbeit ein zuversichtlich stimmendes Ergebnis. Gut ist auch das klare Bekenntnis zum Offshore-Ausbau. Wir können uns beim Klimaschutz keine Verzögerung leisten, wie sie sich zuletzt mit den in Deutschland gescheiterten Flächenauktionen andeutete. Auch die geplante Vernetzung von Windparks mit mehreren Ländern ist ein wichtiger Schritt, um die erzeugte Energie besser zu nutzen, Abschaltungen zu vermeiden und eine kontinuierlichere Energieversorgung zu erreichen.
Aber doch muss die kritische Frage erlaubt sein: Wo bleibt die Nordsee bei diesem Gipfel, der doch das Meer in seinem Namen trägt? Wo bleiben ebenso ambitionierte Ziele für dessen Schutz, wo doch die Biodiversitätskrise eine mindestens ebenso große Bedrohung unserer Lebens- und Wirtschaftsgrundlage ist, wie das Weltwirtschaftsforum erst 2025 feststellte. Wieso wurden bei einem Gipfel, der so radikal die Weichen für die Nordsee stellt, nicht auch die Umweltminister geladen?
Ökosystem Meer bleibt Randnotiz
Die Staats- und Regierungschefs blenden den Schutz der Nordsee gleich ganz aus. Auf den elf Seiten der Energieminister*innen-Erklärung stehen nur wenige Zeilen zum Meeresschutz. Mehr Feigenblatt als echte Ambition. Dort findet etwa die Meeresraumordnung Erwähnung. Im Prinzip gut, denn sie ist das Instrument, um Schutz und Nutzung in Einklang zu bringen. Doch dafür fehlen konkrete Anforderungen, eine Zusammenarbeit soll betont freiwillig bleiben. Das sind doppelte Standards. Volle Fahrt voraus für den Ausbau – aber gemeinsame Verantwortung für das Ökosystem, in dem er stattfinden soll? Nur vielleicht.
Auch das vage Versprechen, das Ökosystem Nordsee zu stärken, liest sich erstmal gut. Aber es fehlt jeglicher Hinweis, dass dem auch Taten folgen sollen. Im zugehörigen Aktionsplan jedenfalls, der Umsetzungsschritte der Gipfelerklärungen definiert, fehlt der Meeresschutz. Und so liegt der Verdacht nahe, dass mit den wenigen Sätzen zum Ökosystem Nordsee eher halbherzig ein sehr fadenscheiniges grünes Mäntelchen um den industriepolitischen Kern der Gipfelergebnisse gehüllt wurde, der weite Teile der Nordsee zu Industriegebieten machen wird. Mit Wohnplattformen oder -schiffen für die vielen Techniker, die täglich die Anlagen am Laufen halten, mit intensivem Schiffs- und Hubschrauberverkehr für die Wartung, mit jahrzehntelangem Baulärm. Die Auswirkungen sind absehbar: Der Lärm vertreibt Wale aus ihrem Lebensraum, verletzt im schlimmsten Fall ihr Gehör. Seevögel wie Trottellummen, Seetaucher, Eissturmvögel verlieren in kilometerweitem Umkreis ihren Lebensraum. Änderungen bei Meeresströmung und Wasserschichtung bedrohen das ökologische Fundament der Nordsee.
Und trotzdem erklärt der Gipfel auch: “We uphold our shared responsibility to protect the marine ecosystem and maintain a good environmental status”. Ein vielversprechender Satz. Dass heute schon kein „guter Umweltzustand“ besteht, der erhalten werden könnte – geschenkt. Doch wenn der Gipfel es ernst meint mit dem Ziel, müssen die Unterzeichnerländer zunächst eine Trendwende einleiten, um die weitere Verschlechterung aufzuhalten. Das kann nur gemeinsam gelingen und ist ebenso notwendig und geboten wie alle industriepolitischen Entscheidungen. Wirklich grüne Energie kann es nur im Einklang mit dem Naturschutz geben.
Chancen für die Nordsee
Und so müssen aus den Gipfelergebnissen Chancen für das Ökosystem Nordsee erwachsen:
- Gemeinsame Verantwortung für den Ausbau braucht gemeinsame Verantwortung für die Nordsee. Trotz erklärter Freiwilligkeit muss eine ambitionierte, nordseeweite Meeresraumordnung vorangetrieben werden mit dem Anspruch, ein gesundes Ökosystem zu erreichen und dafür alle Nutzungen an den Belastungsgrenzen des Meeres auszurichten. Ein wichtiger erster Schritt: Meeresschutzgebiete zu echten Refugien zu machen.
- Als Eckpunkte einer gemeinsamen Meeresraumordnung müssen gemeinsame ökosystembasierte Planungsgrundsätze sowie Sensitivitätskarten für Arten und Lebensräume erarbeitet und Flächenziele für Schutzgebiete und strikten Schutz umgesetzt werden.
- Gemeinsame Planung braucht gemeinsame, vergleichbare Daten. Nur dann können die nordseeweit wichtigsten und empfindlichsten Lebensräume identifiziert und wirksam geschützt werden. Dafür müssen die Unterzeichnerstaaten eine gemeinsame Monitoring-Initiative und Harmonisierung bestehender Daten starten.
- Den Ausbau nordseeweit zu denken eröffnet Spielräume, ökologisch sensible Gebiete freizuhalten. Die Idee des Nordseegipfels: Länder mit großen Meeresgebieten, aber geringerem Strombedarf können mehr ausbauen und so eng beplante Meeresbereiche anderer Länder zu entlasten. Diese gewonnene Flexibilität gilt es für die Entlastung der Meere zu nutzen.
Wenn es gelingt, auf diesen Chancen der Gipfelergebnisse aufzubauen, bleiben Offshore-Ausbau und Ökosystem Nordsee gemeinsam möglich. Wie politisch realistisch das ist, muss sich zeigen. Der Gipfel hat jedenfalls keine Blankovollmacht für einen rücksichtslosen Ausbau ausgestellt und muss sich auch an seinem Engagement für die Nordsee messen lassen.
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