Cyril am Dan Doutchi See

Seit dem 22. November hatte Cyril unweit des Dan Doutchi Sees gerastet. Von Joost Brouwer, dem Experten in der Region, erfuhren wir, dass dieser See auf natürliche Weise erst im Jahr 1975 entstanden war, als die schwere Dürre von 1973/74 von einem extremen Starkregenereignis beendet wurde. Weil aufgrund der vorhergegangenen Dürre ein Großteil der Vegetation verschwunden war, erzeugten die Regenfälle in der Gegend einen massiven Oberflächenabfluss mit einhergehender starker Erosion. Das Wasser sammelte sich und formte den Dan Doutchi See in der natürlichen Senke einer alten Abflussrinne, die dort schon vor tausenden Jahren entstanden war, als die Region des Sahel und der Sahara viel niederschlagsreicher waren als heute.

Links: Cyrils Bewegungen im sülichen Niger im Januar mit dem Dan Doutchi See am oberen Bildrand, Quelle: Argos. Rechts: Das Fehlfarben-Satellitenbild zeigt, dass der Dan Doutchi Ende Januar noch reichlich Wasser führt (dunkelblau), Quelle: Sentinel-hub Playground.

Mitte der neunziger Jahre war der See, der während der regenreichsten Zeit des Jahres eine Fläche von 1100-1500 Hektar aufweist, ein herausragendes Gebiet für Wasservögel. Inzwischen sind seine Ufer, die fast ganzjährige Bewirtschaftung erlauben, jedoch viel intensiver agrarwirtschaftlich genutzt. Es ist ganz klar, dass eine wachsende, dort heimische Bevölkerung den See und das Umland als Lebensgrundlage benötigt. Allerdings geschieht die Intensivierung und damit einhergehende Lebensraumveränderung wie auch bei uns in Mitteleuropa nicht unbedingt zu Gunsten des Artenreichtums, was sich nach Joosts Angaben auch auf die Zugvogelbestände negativ auswirkt, die im Gebiet überwintern.

Unter dem zunehmenden Bewirtschaftungsdruck haben auch die in den Flutungsflächen vormals teils dichten Bestände der Arabischen Gummi-Akazie (Vachellia nilotica) zu leiden, die vermehrt der Brennholz- und Holzkohlegewinnung zum Opfer fallen. Die dichten und dornigen Bäume sind für die Turteltauben bevorzugte Rast- und Schlafbäume. Wenn diese fehlen, müssen sich die Turteltauben mit anderen, weniger Schutz bietenden Bäumen oder Sträuchern begnügen.

In der Zeit zwischen dem 13. und 15. Januar 2020 verließ Cyril sein zweites Winterquartier in der Nähe des Dan Doutchi und flog knappe 40 km weiter in Richtung Südwesten. Da der See derzeit noch reichlich Wasser führt, vermögen wir nicht zu sagen, was Cyril veranlasst hat das Gebiet aufzugeben und noch weiterzuziehen. Insgesamt scheint er in den letzten zwei Wochen eher unstet im Süden des Nigers unterwegs zu sein und mehr umherzustreifen, und so flog er um den 19. Januar fast in entgegengesetzter Richtung wieder ca. 25 km nach Nordosten. Wir werden Cyril über seinen Sender weiter im Auge behalten und sind gespannt, wohin er sich als nächstes bewegen wird.

Ben Metzger

Ben Metzger

Dr. Ben Metzger ist freischaffender Biologe mit dem Schwerpunkt Ornithologie. Er verfügt über langjährige Berufserfahrung in den Bereichen Naturschutz, Vogelzugforschung, Bestandsmonitoring und Vogelzoonosen. Die letzten fünf Jahre war er bei BirdLife Malta als wissenschaftlicher Leiter und Projektmanager angestellt. Seine Arbeitsschwerpunkte dort waren die Inventarisierung und Ausweisung von Meeresnaturschutzgebieten (mIBAs, MPAs), sowie der angewandte Artenschutz von See- und Zugvögeln im zentralen Mittelmeer.

Der legale und illegale Abschuss von Zugvögeln wie der Europäischen Turteltaube ist auf Malta ein andauerndes Problem.
Ben hat Erfahrung mit GPS- und GLS-Tracking, Radiotelemetrie und Satellitenbesenderung. Seine beruflichen Tätigkeiten der letzten Zeit beinhalten außerdem das Monitoring arktischer Seevogelkolonien in Spitzbergen sowie die Mitarbeit an einem Dokumentarfilmprojekt zum Thema Meeresnaturschutz und Habitatsvernetzung in Baha Kalifornien, Mexiko. Er hat ehrenamtlich für zahlreiche Naturschutzorganisationen und Beringungsprojekte im In- und Ausland gearbeitet. Ben lebt zur Zeit in Lissabon, Portugal.
Ben Metzger

1 Kommentar

Thea Siegert

19.02.2020, 10:23

Finde die Beiträge außerordentlich interessant und berührend. Ich danke allen Fachleuten und Freiwilligen, die sich so intensiv und leidenschaftlich für unsere Zugvögel einsetzen, um sie vor den Auswirkungen unserer Zivilisation versuchen zu retten und zu beschützen. Deshalb bin ich Zugvogelpate beim Nabu geworden. Wünschen allen Beteiligten viel Kraft und geben Sie nicht auf!

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