Zoonosen können unseren Turteltauben zu schaffen machen

Welche Faktoren außer fortschreitenden Lebensraumveränderungen in der intensivierten Landwirtschaft und einem übermäßigen Jagddruck bereiten unseren Turteltauben sonst noch Probleme? Derzeit sind aufgrund der sich ausbreitenden Coronavirus-Epidemie allgemein Zoonosen wieder stärker ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt. Als Zoonosen werden Krankheiten bezeichnet, die in Wildtierbeständen zirkulieren und unter Umständen von dort auch auf Haus- und Nutztiere sowie in seltenen Fällen auf den Menschen überspringen können.

Ringeltaube und Turteltaube an der gemeinsamen Tränke.

In den Beständen von Wildtauben, inklusive der Turteltauben findet sich eine Reihe von Erregern, wie zum Beispiel diverse Stämme von Trichomonaden der Art Trichomonas gallinae. Das sind einzellige Parasiten, die auch Nutzgeflügel krank machen können. Trichomonas befällt bei den Vögeln überwiegend den Kropf und Rachenraum, die sichtbaren Symptome der Krankheit werden auch Gelber Kropf genannt. Eine Übertragung dieser Art auf den Menschen findet nicht statt, aber der Krankheitserreger ist in den Beständen der Wildtauben weit verbreitet und stärker pathogene Stämme von Trichomonas gallinae können unseren Turteltauben stark zu schaffen machen.

Trichomonas gallinae, der einzellige Erreger der Trichomonaden-Infektion, auch Gelber Kropf genannt.

Da die Übertragung oral erfolgt, können sich Tauben schon im Nestlingsalter bei den Elterntieren während der Fütterung anstecken. Zwischen Altvögeln auch von verschiedenen Arten findet eine Übertragung im wesentlichen an gemeinsamen Vogeltränken, wie z.B. offenen Wasserstellen statt. Gerade in den Winterquartieren in Afrika können die wenigen, während der Trockenzeit verbleibenden Wasserstellen die Übertragung begünstigen, da dann eine große Zahl von Vögeln inklusive verschiedener Taubenarten z. T. in hohen Dichten die gleichen Tränken aufsuchen. Aber auch in Europa werden Wasserstellen von verschiedenen Arten zeitgleich aufgesucht und ermöglichen so eine Übertragung. Das alljährliche Grünfinkensterben, das besonders heftig im Jahr 2009 ausfiel, lässt sich ebenfalls auf die Trichomonas-Erreger zurückführen. Wie bei vielen anderen Zoonosen auch, die natürlicherweise in Wildvogelpopulationen vorkommen, werden Trichomonaden für die Turteltauben und andere Vogelarten wohl vor allem dann zum Problem, wenn die Vögel aufgrund der sich allgemein verschlechternden Lebensbedingungen bereits immunologisch geschwächt sind.

Wir hoffen jedenfalls, dass Melanie, Francesco und Cyril, die sich derzeit alle noch in ihren Winterquartieren in Westafrika aufhalten, von den Pathogenen verschont bleiben und bald gesund die weite Rückreise in ihre Brutgebiete in Deutschland und Italien antreten werden.

Ben Metzger

Ben Metzger

Dr. Ben Metzger ist freischaffender Biologe mit dem Schwerpunkt Ornithologie. Er verfügt über langjährige Berufserfahrung in den Bereichen Naturschutz, Vogelzugforschung, Bestandsmonitoring und Vogelzoonosen. Die letzten fünf Jahre war er bei BirdLife Malta als wissenschaftlicher Leiter und Projektmanager angestellt. Seine Arbeitsschwerpunkte dort waren die Inventarisierung und Ausweisung von Meeresnaturschutzgebieten (mIBAs, MPAs), sowie der angewandte Artenschutz von See- und Zugvögeln im zentralen Mittelmeer.

Der legale und illegale Abschuss von Zugvögeln wie der Europäischen Turteltaube ist auf Malta ein andauerndes Problem.
Ben hat Erfahrung mit GPS- und GLS-Tracking, Radiotelemetrie und Satellitenbesenderung. Seine beruflichen Tätigkeiten der letzten Zeit beinhalten außerdem das Monitoring arktischer Seevogelkolonien in Spitzbergen sowie die Mitarbeit an einem Dokumentarfilmprojekt zum Thema Meeresnaturschutz und Habitatsvernetzung in Baha Kalifornien, Mexiko. Er hat ehrenamtlich für zahlreiche Naturschutzorganisationen und Beringungsprojekte im In- und Ausland gearbeitet. Ben lebt zur Zeit in Lissabon, Portugal.
Ben Metzger

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