„ … und ihr müsst die Akzeptanz beschaffen!“

„ … und ihr müsst die Akzeptanz beschaffen!“

Wessen Aufgabe ist es eigentlich, für die Akzeptanz der Energiewende zu sorgen? Nur gemeinsam kann dieses Projekt gelingen. Transparenz und Teilhabe sind die Schlüssel zu einer Änderung, die uns allen zugutekommt. Doch wie gelingt das in der Praxis?  

Das Schöne an der der Arbeit für den NABU ist, dass man hier zwar vieles theoretisch betrachten kann, aber nicht muss. Im Gegenteil. Wir reden nicht nur über Krötenzäune, wir stellen sie auf. Und wir (vor allem Ortsgruppen und Landesverbände) klagen – wenn es sich nicht verhindern lässt – auch mal die Einhaltung und Umsetzung geltenden Rechts ein. Wenn eine Allee widerrechtlich abgeholzt werden soll oder ein Windrad am geplanten Standort seltene Vögel oder Fledermäuse fundamental gefährdet. Wir sind, was wir tun. Die Naturschutzmacher.

Wegen der Praxisnähe, aber natürlich auch wegen der gesammelten Kompetenzen im Bereich Natur- und Umweltschutzpolitik, ist der NABU meist gern gesehener (manchmal auch gefürchteter) Partner in Forschungsprojekten. Dabei kommt es dann auch gelegentlich zu überraschenden Situationen, wenn wir als UmweltschützerInnen auf WissenschaftlerInnen treffen. Das fängt damit an, dass bei solchen Aufeinandertreffen oft eine unterschiedliche Sprache gesprochen wird. Netzwerk. Was ist ein Netzwerk? Für die einen ein IT-Netzwerk (Computernetze), für die nächsten ein soziales Netzwerk (Facebook. Oder besser: das NABU-Netz). Für wieder andere dann ein ökologisches Netzwerk. Da heißt es beim ersten Aufeinandertrefffen erst einmal, vorsichtig, offen, neugierig, achtsam und sehr geduldig zu sein. Doch im Laufe der Projekte nähert man sich an, lernt viel dazu und freut sich am Ende über gemeinsame Erfolge, neues Wissen und spannende Erfahrungen.

Viel anstrengender wird es, wenn man mit Akteuren zu tun hat, die glauben, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben und Sichtweisen anderer nicht sehen, verstehen und akzeptieren (können oder wollen). Da heißt es dann auch schon mal: „Wir entwickeln hier die ultimative Technologie zur Energiewende. Und ihr müsst uns dann die Akzeptanz dafür beschaffen!“ Wie bitte?! Wir müssen die Akzeptanz eurer Technologie beschaffen? Bei wem denn? Und wie? Und warum überhaupt wir? Wir arbeiten (und leben) für Umwelt- und Naturschutz! Das könnt ihr doch selber machen! Na gut, lasst es uns gemeinsam tun! Nur wie…?

Miteinander statt aneinander vorbei

Bei Akzeptanz geht es vor allem um das Miteinander. Das gilt auch – und vor allem – bei der Energiewende. Bei der Energiewende wird es Gewinner geben. Und Verlierer. Wichtig ist, den Verlierern zu helfen und sie nicht alleine stehen zu lassen. Dafür müssen alle Betroffenen (im Fachjargon dann „Stakeholder“ genannt) von Beginn an mit- und ernstgenommen werden. Wo mehr Möglichkeiten zur Partizipation und Informationen bestehen, ist die Akzeptanz von Infrastruktur, Kosten und anderen Veränderungen im Rahmen der Energiewende größer. Und wer von Beginn an am Änderungsprozess teilgenommen hat, tut sich meist leichter, das Neue dann auch anzunehmen. Soweit die Theorie. Doch wie setzt man das praktisch um?

Der „Transdisziplinäre Diskurs“

Es gibt eine Reihe von Methoden, wie man das Verständnis von Veränderungen und die Akzeptanz begünstigen kann. Eine davon ist der sogenannte Transdisziplinäre Diskurs (TD). Salopp ausgedrückt könnte man das folgendermaßen übersetzen: „Schaut mal alle – Wissenschaftler wie Praxispartner – über euren Tellerrand und redet öfter mal miteinander!“ Der Transdisziplinäre Diskurs wird vor allem dann eingesetzt, wenn die Eigenlogik der Disziplinen versagt und der gesellschaftliche Problemdruck zur wesentlichen Motivation für Forschung wird.

Unter dieser Prämisse werden seit den 1990er Jahren Änderungsprozesse gestaltet. Triebfedern des Transdisziplinären Diskurses waren und sind vor allem Umwelt und Nachhaltigkeit, Sozial- und Gesundheitswissenschaften. Da verwundert es auch kaum, dass die prominentesten Themen, in denen transdisziplinär diskutiert wird, Klimakrise, Gesundheit, Ressourcenmanagement und Energiewende sind – die großen sozio-ökologischen Herausforderungen eben. Das Grundkonzept des TD beinhaltet zwingend partizipative Elemente. Es ist also essenziell, so viele relevante Akteure wie möglich bzw. nötig zu integrieren.

Und weil das alles immer noch recht kryptisch und theoretisch klingt, möchte ich nun vorstellen, wie wir den Transdisziplinären Diskurs in den „Kopernikus-Projekten für die Energiewende“ leben. In den Projekten entwickeln Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gemeinsam technologische und wirtschaftliche Lösungen für den Umbau des Energiesystems. Es ist die größte Forschungsinitiative zur Energiewende. Und die Zusammenarbeit darin ist genauso spannend wie herausfordernd.

Die Quadratur des Kreises?

Üblicherweise läuft das ja so: Die Gesellschaft entdeckt ein Problem. Zum Beispiel die gesundheitsschädigende Wirkung des Rauchens. Daraufhin findet ein gesellschaftlicher Diskurs statt, der zu bestimmten Ergebnissen führt: Rauchen in Büros, Ämtern und Restaurants wird demnach verboten. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten sind diese Verhaltensweisen aber gesellschaftlich akzeptiert und niemand kann sich mehr vorstellen, dass man im Wartebereich des Bürgeramtes, in Zügen oder in Restaurants vor einigen Jahren noch rauchen dürfte. Rauchverbote sind gesellschaftliche Praxis geworden. Denselben Prozess gibt es auch in der Wissenschaft. Nach dem Entdecken (oder dem Erfinden) von wissenschaftlichen Problemen findet ein wissenschaftlicher Diskurs statt. Dieser führt zu Ergebnissen, die in die wissenschaftliche Praxis eingehen.

Wenn die beiden Prozesse also gleich sind, wieso bringt man sie dann nicht zusammen? Genau das ist die Hauptaufgabe des Transdisziplinären Diskurses! Die Belange, Wünsche, Sichtweisen, Kompetenzen und Erfahrungen der Gesellschaft werden im selben Prozess mit denen der Wissenschaft zusammengebracht. Zur Gesellschaft zählen dabei neben den Umweltverbänden natürlich viele weitere Akteure. Gewerkschaften, Verbraucherschützer, Kirchen, Politik und Verwaltung, Bürgerinitiativen … Gemeinsam mit der Wissenschaft sollen sie Lösungen entwickeln, die innovativ und zielführend sind und von der Gesellschaft akzeptiert werden. Dabei wird der Transdisziplinäre Diskurs in vier Phasen durchgeführt:

  1. Im Co-Design werden gesellschaftliche und wissenschaftliche Probleme gemeinsam identifiziert und diskutiert. Das Ziel dabei ist, gegenseitig ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln, das Problem zu umrahmen und spezifische Forschungsfragen abzuleiten.
  2. Während der Phase der Co-Produktion werden wissenschaftliche Erkenntnisse (z. B. neue Technologien) und gesellschaftliches Wissen (How-tos, Werte) zusammengetragen, um anschlussfähige Lösungen zu produzieren.
  3. Die Phase Co-Kommunikation und transdisziplinäre Re-Integration stellt eine bedeutende Herausforderung dar. Geht es doch darum, die unterschiedlichen Perspektiven in eine Gesamtlösung zu integrieren.

Die Ergebnisse des neu generierten Wissens werden nun wieder in die gesellschaftliche und wissenschaftliche Praxis eingespeist und der Kreislauf kann von vorne beginnen (Iteratives Vorgehen).

Transdisziplinärer Diskurs

Transdisziplinärer Diskurs

 

 

Am Ende entstehen dabei in der Regel Lösungen, die auf breite gesellschaftliche Zustimmung stoßen – eben weil viele Akteure der Zivilgesellschaft an der Erarbeitung diesen Lösungen mitgewirkt haben. Akteure unterschiedlicher Lager konnten bzw. mussten sich ehrlich austauschen über ihre Interessen sowie die Möglichkeiten und Schwierigkeiten oder gar Grenzen ihrer Lösungsstrategien. Und es zeigt sich, dass eine Diskursfähigkeit und das Öffnen von Grenzen ein wesentlicher Gewinn des Projekts war und ist.

Der Transdisziplinäre Diskurs erfordert Mut, aber auch Demut. Konsequenz, aber auch Toleranz. Leidenschaft, aber auch Leidensfähigkeit. Und das alles, um zu gewährleisten, dass die Energiewende, mit all ihren positiven und weniger positiven Nebenwirkungen von der Gesellschaft am Ende auch akzeptiert wird und somit zu einer klimafreundlichen Zukunft führt.

Dass die Energiewende nicht von heute auf morgen passieren kann, habe ich in einem anderen Blog-Artikel auch schon mal erläutert…

Danny Püschel

Danny Püschel

Referent Energiepolitik und Klimaschutz
Danny Püschel

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4 Kommentare

Natalie

13.06.2019, 13:27

Ich bitte direkt um eine Kooperation: Es geht nicht um Recht oder Macht haben wollen -mehr! Es geht um die Vorstellung, eine aktuelle Planung wie versorge ich mich, wir uns als Nachbarn in der Zukunft mit Erneuerbaren Energien, welche Möglichkeiten habe ich, Lage des Hauses, Daches, Wand? Boden? Weil wir wieder für uns selbst vor -sorgen und selbst -ständig werden dürfen — unabhängig von Preisen! Jedes Dach, Gebäude bringt sich ein und als Gemeinschaft sind wir noch stärker und helfen uns bei der Umsetzung gemeinsam! Bitte und Danke

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Tierfreund

07.06.2019, 13:30

Toller Beitrag und eine sehr gut gemachte Grafik zur Transdisziplinärer Diskurs. Es es erlaubt die Grafik auf anderen Webseiten zu verwenden? Natürlich mit Quellenangabe.

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Danny Püschel

Danny Püschel

11.06.2019, 11:44

Danke für das Feedback, Tierfreund. Die Grafik kann gerne verwendet werden. Quelle: NABU 2019, nach Bergmann et al. 2010

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RescuePlanetLife

31.05.2019, 21:10

Wir alle können unsere Umwelt schützen. Gemeinsam ist das möglich, denn jeder kann seinen Beitrag leisten! #RescuePlanetLife

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