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Über Einmaligkeit

Bestimmte Naturerlebnisse sind nur an einem einzigen Punkt auf der gesamten Erde möglich. Ich meine damit nicht einen Ort in der Größenordnung von Ländern oder gar Kontinenten, sondern wirklich ein Fleckchen, sagen wir, nicht größer als Trischen.

Zum Beispiel gibt es inmitten der blauen Weiten des Pazifiks einen Unterwasserberg, an dem sich täglich hunderte Fuchshaie einfinden, um sich von Putzerfischen säubern zu lassen. Es muss dieser Berg sein, die Haie sind nur da. Zumindest wurde das Verhalten bei dieser Art noch nirgendwo anders beobachtet. Wer dieses Schauspiel erleben will, kann nicht an einem anderen Ort auf sie warten. Oder: Die Schmuckseeschwalbe brütet mit nahezu ihrem gesamten Artbestand in einer einzigen großen Kolonie auf der Isla Rasa im Golf von Kalifornien. 25.000 Vogelpaare auf 50.000 Eiern – und zwar nur hier. Es gibt nur ganz wenige weitere, wesentlich kleinere Kolonien. So etwas liest sich beeindruckend – aber eben auch exotisch. Die Superlative dieser Welt scheinen immer weit entfernt, das Ungewöhnliche liegt per definitionem nicht vor der eigenen Haustür. Oder? Wenn Ihnen noch mehr Beispiele einfallen, schreiben Sie mir gerne, eigentlich wäre das eine schöne Idee für ein Buch. Wenn ich diese Reihe fortführen muss, lande ich aber doch bald auf einer kleinen Insel in der Nordsee. Wissen Sie schon, worauf ich hinaus will?

Ab Mitte Juli sammelt sich auf Trischen der Gesamtbestand der mitteleuropäischen Brandgänse zur Mauser. Das gibt es nur hier. Es ist das ornithologische Alleinstellungsmerkmal dieser Insel und ein echtes Superlativ, direkt vor den Toren der Elbe. Seit einigen Tagen finde ich nun im Spülsaum Abertausende Federn: Die Schhönsten schimmern dunkelgrün, wie glimmernde Olivine. Andere bilden einen hübschen Kontrast zwischen Wolkenweiß und einem warmen, bronzebraunen Farbton. Ich habe sie schon hunderte Male aufgelesen und betrachtet, aber ich kann nicht umhin, es wieder und wieder zu tun. Von den Brandgänsen selbst sehe ich indes gar nicht so viel, sie sind nun für einige Wochen flugunfähig und verteilen sich in den Buchten rund um die Insel. Da meistens ein frischer Wind weht, verschwinden viele von ihnen in den Wellentälern. Ich war anfangs ehrlich gesagt gar nicht so beeindruckt. Aber das änderte sich vergangenen Sonntag.

Ich war am späten Nachmittag in der Wärme auf der Veranda eingenickt. Als ich aufwachte, stand die Sonne schon tief, und mit ihrem Sinken lief das Wasser auf: Es sah aus, als würde der ins Meer sinkende Himmelskörper das Nordseebecken ganz langsam zum Überschwappen bringen. Kein Lufthauch ging, die Flut schien wie ein flüssiger Spiegel direkt aus dem Himmel zu fließen. Die Horizontlinie war von einem namenlosen Nichts verschluckt. Und dieses raumlose Etwas kroch nun langsam über die vorgelagerten Sandbänke. Plötzlich schwebten darauf Brandgänse. Tausende. Sie hatten hinter der Sandbank gesessen, ich hatte sie nicht sehen können. Aber nun hob das Wasser sie empor. Es war ein surrealer Anblick: Als würden plötzlich Vogelgeister aus dem Boden steigen, die mir in einer feierlichen Prozession auf dem spiegelblank auflaufenden Wasser entgegen schwebten. Während die Brandgänse sich selbst kaum bewegten und nur von der Flut getragen wurden, wurde der gespenstische Eindruck noch verstärkt durch ein paar Hundert Eiderenten, die mit einer dunklen Schleppe Wassers, wie mit einem Mantel, unendlich langsam quer zum Strand schwammen. Ich war völlig gebannt. An solchen ruhigen Abenden geben normalerweise die Watvögel ihr Konzert, aber wenn ich daran zurückdenke, erinnere ich mich an nichts als das leise Ticken meiner Armbanduhr.

Das war mein Brandgansmausererlebnis. Es war für mich, im Wortsinn, einmalig. Ich werde das so nie wieder erleben, denn das gibt es nur hier. Ich bin sehr, sehr dankbar für diese zwei Stunden an einem Juliabend auf der Insel Trischen in der Nordsee. Und natürlich: Die Haiberge, Megakolonien und Vogelsammelplätze dieser Welt sind so verletzlich wie besonders. Geht dort etwas schief, steht es schlecht um die betroffenen Arten. Diese Orte verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit. Andererseits: Wenn ich an prägende Naturerlebnisse denke, dann sind es nicht nur die exklusiven Orte und Arten, die mir im Gedächtnis geblieben sind: Nächtliches Erwachen von den Rufen ziehender Pfeifenten, mitten in Hamburg. Der Buntspecht, der an einer Dachrinne meines Labors am UKE ein Heavy-Metal-Trommelsolo gab. Ein Nashornkäfer bei einem etwas bierseligen Sommerspaziergang in Hannover Linden. Auch diese Erlebnisse waren, im Wortsinn, einmalig. Neue warten, aber genau so wird mir kein einziger Moment mehr geschehen, den ich schon durchlebt habe.

Und wer weiß? Vielleicht erzähle ich Ihnen beim nächsten Mal schon wieder vom bescheidenen Wiesenpieper, vom flüsternden Strandroggen, aus dem fremden Leben eines Schlickkrebses oder von der ersten Amsel, die ein ganz zarter Hauch von Herbst zu mir auf die Insel weht. Natur ist überall. Sie verdient einen Platz auch in unserem Alltag. Schauen wir hin! Und vor allem: Erzählen wir uns davon!

 

Neue Federkleider

Das Vogeljahr ist geprägt von verschiedenen Abläufen. Es gibt eine Brutzeit, eine Zugzeit, eine Zeit in der die Vögel überwintern und eine Zeit der Mauser. Während der Mauser erneuern Vögel ihre Federn. Die alten und abgenutzten Federn werden abgeworfen und neue Federn wachsen nach.

Je nach Vogelart passiert dies zu unterschiedlichen Zeiten. Manche Vögel machen eine Teilmauser in der nur bestimmte Teile des Gefieders erneuert werden. Andere Arten machen eine sogenannte Vollmauser. Hier wird das gesamte Gefieder erneuert. Während der Vollmauser sind diese Vögel flugunfähig.

Von Trischen aus ist das Phänomen der Vollmauser jedes Jahr gut zu beobachten. Ab Mitte Juli versammeln sich Tausende Brandgänse auf dem Wasser rund um die Insel um hier ihr gesamtes Federkleid zu erneuern. Ende Juli habe ich über 10.000 Tiere gezählt!

Mit den Strömungen gleiten sie an der Inselkante entlang oder ruhen sich am Strand aus. In dieser Zeit sind die Brandgänse besonders sensibel gegenüber Störungen, da das Wachstum der neuen Federn eben auch viel Kraft benötigt. Bei Störungen versuchen die Vögel panisch davonzufliegen oder tauchen schnell ab. Gut, dass sie weitestgehend durch die Verordnungen des Nationalparks geschützt werden.

Die abgeworfenen Federn schwimmen auf dem Wasser und landen anschließend im Spülsaum der Insel. Ich habe ein paar Federn gesammelt, um sie hier zu zeigen. Es ist gut zu sehen das ein neues Federkleid dringend nötig ist. Manche Federn sind ganz abgetragen während andere dagegen noch ganz okay aussehen. Mittlerweile dürfte die Mauer weitestgehend abgeschlossen sein. Die Brandgänse erstrahlen wie neu in frischen Farben und sind wieder bestens mit ihren neuen Federkleidern ausgestattet.

 

Na, die haben sich aber gemausert!

Lange habe ich darüber nachgedacht, wie ich über die Mauser berichte, denn schließlich habe ich versprochen, den Federwechsel, zumindest den der Brandgänse, zu gegebener Zeit genauer vorzustellen. In den Vorjahren haben die Vogelwarte bereits sehr schön und ausführlich über den Vorgang der Mauser in diesem blog geschrieben. (Klick hier: Infos aus 2018; Infos aus 2017) Da wäre es ja für die liebe Leserschaft vielleicht etwas langweilig, das Gleiche nur in anderen Worten erneut präsentiert zu bekommen. Darum soll ein kleiner Schwerpunkt im Jahre 2019 auf die Bestandserfassung der Brandgänse während dieses wichtigen Abschnittes ihres Vogeljahres gelegt werden. Die Eiderenten werden auch noch kurz erwähnt und dann soll nur noch geguckt werden! Ich habe mich entschieden einen Strandspaziergang zu machen und die Federn (vor allem die der Eiderenten, aber auch der Brandgänse und die weniger anderer Vögel) auf die ich stieß, in Bildern festzuhalten. Ich habe sie so fotografiert, wie sie vom Meer auf den Strand gespült und teilweise anschließend von dort in die Düne geweht wurden. Der Strand ist voll von Federn! Und wenn man den Blick gesenkt hält, erkennt man immer wieder wie besonders Wind, Wasser und der Alltag der Vögel sie geformt haben. Außerdem ergeben sie mit anderen Strandfunden wie Muscheln, Tang, Wespe und Marienkäfer sehr schöne Bildkompositionen. Aber manchmal stehen sie auch einfach für sich allein auf weitem Sand oder in ihren besonderen Farben und Oberflächen aus nächster Nähe. Viel Spaß beim Bilder schauen!

Aber nun zunächst zu den Brandgänsen:

Seeschwalben in Trauer

Und das ist sehr erfreulich! Denn es geht nicht darum, dass es den hier brütenden Fluss-Küsten- Zwerg- und (Brand-)seeschwalben nicht gut geht. Das Gegenteil ist überraschenderweise eingetreten! Die hohen Wasserstände Anfang Juni und Anfang Juli haben ihnen weitaus weniger zugesetzt als ich zunächst annahm!

Halbzeit auf Trischen

Wenn man davon ausgeht, dass die Überfahrt zurück ans Festland wie geplant am 15. Oktober stattfinden kann, dann ist heute, am 3. Juli Halbzeit dieser Saison! Seit dreieinhalb Monaten beobachte ich nun das rege Treiben der Vogelwelt und die ständigen Veränderungen der Insel im Rhythmus der JahresZeiten und der GeZeiten.

Zeit für einen Rückblick, würde ich da sagen!