August 2022 Beiträge

Haaaai!!

Na, Aufmerksamkeit erregt? Offensichtlich, denn Sie haben den Beitrag ja aufgerufen. Ganz ehrlich – hätte ich auch. Ich lese im Internet und in Büchern ALLES, das in irgendeiner Form mit Haien zu tun hat. Meistens funktioniert das ja als reines Clickbaiting à la „Riesiger Weißer Hai taucht plötzlich unter Schwimmerin auf – klicken Sie HIER um zu sehen, was dann geschah!“, und diesen hinterhältigen Mechanismus habe ich gerade ja auch genutzt. Aber: Ich will Sie nicht enttäuschen. In diesem Blog geht es um die Natur auf Trischen. Und deshalb geht es heute um – Haie.

Spätestens ab Juni sind die Zeiten der improvisierten Dusche in der Enge der Hütte vorbei. Das Meer lockt. Und es gibt nichts Schöneres, als morgens direkt aus dem Bett in die Wellen zu laufen, sofern die Nordsee sich denn gerade die Ehre gibt. Erst taufeuchtes Gras, dann den schon warmen Sand unter den Füßen, vorbei an sonnengelb leuchtenden Distelköpfen, spaziere ich über die kleine Düne in die Brandung. Neben mir warnt der Sandregenpfeifer. Über mir rufen Seeschwalben. Als ich wenige Sekunden später auf dem Rücken im Wasser liege, hängen sie über mir im Himmel wie ein Mobilée. Sie steigen in der Luft auf und ab, wie mich die sanfte Dünung auf und ab trägt; manchmal kommen wir uns entgegen, dann entfernen wir uns; aber immer wieder betrachten wir einander, und bisweilen fällt auch ein Kommentar: „Krrriiiiäääh!“ – „Na, Schöne?“ Mehr wird aber nicht geredet. Im Gang der Wellen steigen wie die Seeschwalben auch Gedanken auf, verweilen, versinken wieder. Heute ist einer: Das Wasser ist aber schon ganz schön trübe. So braun. Undurchsichtig. Was mag da unter mir sein? Strandkrabben, Garnelen, Schlick, klar. Vielleicht ja auch eine Flunder? Oder eine große Scholle? Oder…? Was immer da ist, ich würde es nicht sehen.

Vielleicht war es ein Fehler, dass ich am Vorabend etwas über Bullenhaie gelesen habe. Ich hatte mir ein Buch bestellt, das ich als Kind bestimmt hundertmal aus der Stadtbibliothek ausgeliehen hatte: „The Album of Sharks“ von Tom McGowen. Es ist 1978 erschienen, und es ist interessant zu betrachten, wie sich unser Verhältnis zur Natur seitdem gewandelt hat. „Die meisten Haie sind sicherlich extrem gefährlich“ steht da im Vorwort, und es gibt launige Geschichten zum Weißen Hai („besser bekannt als Menschenhai“ – ‚man eater‘ im englischen Original) und eben auch zum Bullenhai. Der, so das Buch, „bekommt, was er verdient“, wenn er zur Beute von Schwertwalen wird. Aber vor allem jagt er gerne in flachem, trübem Wasser und steigt bis weit in Süßwasserflüsse auf. Die Wellen schwappen gemütlich. Mir wird irgendwie etwas mulmig.

Realitätscheck I: Von 500 Haiarten sind etwa zehn potenziell gefährlich. Unfälle mit Haien pro Jahr weltweit: 80 bis 100. Mit Todesfolge: Fünf bis zehn. Tote durch Blitzschlag: Drei bis zehn in Deutschland. Unfälle mit Kühen 2014 in Deutschland: 10200, vier Todesopfer. Bienen, Deutschland: Ungefähr 20 Tote pro Jahr. Ganz zu schweigen von all den Mädels, die ich bei „Zustand nach Pferdetritt“ am Wochenende im Schockraum begrüßen durfte. Passiert etwas mit einem Hai, ist das tragisch, aber zu 100% ist ein Mensch wissentlich in den Lebensraum eines Tieres mit scharfem Gebiss eingedrungen. Meine aus dem trüben Wasser aufsteigenden Gedanken zeigen, wie irrational unser Verhältnis zur Natur oft ist. Denn wenn ich Haaaaai! schreibe, sollte das in erster Linie die Aufmerksamkeit auf eine hochgefährdete Tiergruppe lenken.

Realitätscheck II: Jedes Jahr werden 100 Millionen Haie durch Menschen getötet. Beim Finning schneidet man ihnen lebendig die Rückenflosse ab und wirft sie ins Meer zurück. Soviel dazu. Und überhaupt: Haie in der gemütlich schwappenden Nordsee sind eben Quatsch.

Raus aus den Wellen. Die Füße treten auf festen Sand, Muschelschalen knacken unter den Sohlen – plötzlich stehe ich auf etwas, das sich anders anfühlt. Wie Leder. Ein Stück Tang? Mitnichten. Ich halte das kleine Ding gegen die Sonne. Durch eine derbe Hülle schimmert bräunlich-goldenes Licht. Oben und unten kringeln sich an den Ecken wie Engelshaar kleine Schnüre. Aufgrund der aparten Form nennt der Volksmund dieses seltsame Etwas ein Nixentäschchen: Ich bin auf das Ei eines Katzenhaies getreten. Ein kleiner Witz, den die Natur sich mit mir erlaubt hat.

Katzenhaie kommen in der Nordsee sogar recht häufig vor. Es sind schöne Tiere, gemustert wie ein kunstvoll gewebter Perserteppich. Tief am Grund der Nordsee legen sie ihre Eier in Tangwälder, wo diese mit den langen Schnüren Halt finden. Der kleine Hai kann durch die Hülle atmen und hat einen Dottervorrat, der ihn in etwa einem halben Jahr eine Größe erreichen lässt, die zumindest etwas unwahrscheinlicher macht, dass er direkt nach dem Schlüpfen selbst gefressen wird. Mehr als einen Meter werden Katzenhaie nicht lang. Von ihrem geheimnisvollen Leben sehen wir in der Regel – nichts. Aber hier ist der Beweis, am Strande Trischens: Sie sind da.

Das trübe, braune Wasser verbirgt also doch etwas. Es ist wirklich voller Leben. Wo wir instinktiv Schrecken und Gefahr vermuten – in der Nacht, im Wasser, im Dickicht – verbirgt sich häufig auch das Wunderbare und Schöne. Sehen Sie sich mal die Bilder und das Video an, die ich unten verlinkt habe. Meine Hai-Leidenschaft ist jedenfalls neu entfacht. Und jetzt gehe ich baden!

Achso, und eine Bitte: Meiden Sie Restaurants, in denen Haifischflossensuppe angeboten wird. Ich verstehe nicht, warum der Handel mit Haiflossen nicht längst untersagt ist.

Bild 1: Das Nixentäschchen, das ich am Strand gefunden habe – die Eikapsel eines Katzenhaies, darin etwas Sand.

Bild 2: Embryo des Kleingefleckten Katzenhaies, ebenfalls im Nixentäschchen.

Bild 3: Naturschutzwart bei der Lektüre seines Lieblingskinderbuches.

Und hier noch ein Link: Auf dieser Seite finden Sie ganz rechts (neben dem Stammbaum) ein schönes Video mit sich entwickelnden Katzenhaieembryos: https://de.wikipedia.org/wiki/Katzenhaie

 

 

Bildrechte für das Bild mit dem Katzenhaiembyro:

By © Alice Wiegand, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3316124

 

 

 

 

 

 

Der Greif

Es gibt Naturphänomene, die selbst den zivilisiertesten Menschen nicht kalt lassen: Das kann ein Sonnenaufgang über dem Meer sein, ein rauschender Wasserfall oder ein schweres Sommergewitter.  Neben der Begegnung mit der unbelebten Natur ist es aber sicherlich jene mit dem wilden Tier, die am intensivsten, nachhaltigsten und psychologisch am interessantesten ist.

Unter den Tieren wiederum gibt es solche, die eher unter dem Radar laufen und solche, die mit fast jedem „etwas machen“. Ein farbloser, winziger Schmetterling, der nur einen wissenschaftlichen Namen trägt, mag mir ein seliges Lächeln ins Gesicht zaubern; ich erwarte aber nicht, dass das jeder nachvollziehen kann. Ganz anders verhält es sich mit dem Seeadler. Ich möchte anhand seines Beispiels ausloten, was eigentlich passiert, wenn uns das Wilde begegnet.

Vorab müssen Sie wissen, dass Seeadler um die vorletzte Jahrhundertwende in Europa vor allem durch das Sammeln von Eiern und aktive Bejagung ausgerottet waren. Einem zeitweiligen Anstieg der Population folgte in den späten 60er- und 70er Jahren dann der fast komplette Einbruch des Bestands. Schuld war das Insektizid DDT, das sich am Ende der Nahrungskette, also auch in Greifvögeln, anreicherte und die Kalkbildung der Eierschalen störte. Es kam fast kein Jungvogel mehr durch. Umfangreiche Schutzmaßnahmen unter Einsatz vieler Helferinnen und Helfer und ein DDT-Verbot retteten die Art schließlich haarscharf, bevor es zu spät war. Ich finde, das ist eine großartige Erfolgsgeschichte des Naturschutzes, die zeigt, dass wir mit vereinten Kräften wirklich etwas schaffen können. Und sie ermöglicht Begegnungen wie diese:

Es ist Ende März auf Trischen. Der Himmel ist eisgrau. Noch vor wenigen Tagen wehte Schnee in dichten, nassen Fahnen vom Himmel. Jetzt liegen die Sandbänke im Wasser, als müssten sie sich vom Herumwandern unter der Gewalt der Winterfluten ausruhen. Dick eingepackt in meinen Mantel stehe ich auf dem Geländer der Hütte und spähe angestrengt durchs Fernglas, denn draußen auf einer der Bänke sitzen vier junge Seeadler, deren genaues Alter ich zu bestimmen versuche. „Jung“ heißt in diesem Fall nicht älter als fünf Jahre und noch nicht geschlechtsreif. Die Tiere vagabundieren, oft in lockeren Trupps, durch die Lande, gekleidet in ein Gefieder, das dem der Alttiere von Jahr zu Jahr ähnlicher wird. Die vier Gesellen hier sind noch stracciatellafarben; dunkle, schokoladenbraune Federn wechseln sich mit cremefarbenen ab; insgesamt wirken sie etwas unfertig. Aber das kommt noch. Als ich die Beobachtung notiere, schreckt mich das tiefe „Hrott, hrott“ der Ringelgänse auf – ein Blick durchs Fernglas – die Sandbank ist leer. Ein Blick in den Himmel: Vier fliegende Teppiche setzen zum Sturzflug an. Seeadler wirken mit bis zu 2.40 Meter Spannweite (schreiten Sie das mal ab!) von weitem oft etwas schwerfällig, aber als sie nun zum Angriff auf die Ringelgänse ansetzen, käme einem kein Begriff weniger in den Sinn. Während der Schwarm unter lautem Rufen das Weite sucht, jagen die vier Jungadler nun im Verbund eine Ringelgans, die das Tempo nicht halten kann: Neben ihrem panischen Flügelschwirren sehe ich den nächsten Verfolger die Luft mit seinen riesigen Schwingen geradezu schaufeln, jeder Flügelschlag hebelt ihn mehrere Meter näher an seine Beute heran; die ganze Szene scheint nichts als eine Illustration der Natur zum Thema „Tempo“. Es fehlt nur das wilde Getrommel, das solchen Szenen in Naturdokumentationen unterlegt wird. Aber das alles passiert lautlos. Keiner der Vögel ruft jetzt noch. Nur der Wind braust langsam stärker auf. Schließlich landet die erschöpfte Gans im Wasser. Alle paar Sekunden stößt einer der Seeadler nieder und zwingt sie zum Untertauchen. Und dann – lassen die Seeadler von ihr ab. Ich weiß bis heute nicht, was sie dazu bewegte. Sie setzten sich zurück auf die Sandbank und putzten sich in trauter Viersamkeit, während die Ringelgans sich flach aufs Wasser gedrückt trollte, als hätte sie etwas ausgefressen.

Was für ein Naturschauspiel! Ein Eindruck allenfalls weniger Minuten. Aber vergessen werde ich es niemals. Neben der Aufregung, die sich von tausenden panischen Vögeln und der Anspannung der jagenden Adler durch die vibrierende Luft auf den Beobachter übertrug, sind es seltsam widerstreitende Gefühle, die mich bewegten: Man ist hin und hergerissen zwischen der Hoffnung für die Ringelgans, zu entkommen und der für die Adler, Beute zu machen. Diese menschliche Verteilung von Sympathien ist ökologisch natürlich sinnlos, aber sie bleibt eben nicht aus, wenn Menschen Natur betrachten.

Vor einigen Tagen haben Axel Rohwedder und ich eine Kontrollfahrt mit der Luise gemacht. Als wir zurückkamen, saß an der Südspitze der Insel wie in Stein gemeißelt ein Seeadler. Seine neugierigen dunklen Augen verrieten, dass auch er noch nicht ganz ausgewachsen war (dann wären sie  heller) – aber das tat der Majestät der Erscheinung keinen Abbruch. Noch kein König, aber ein Thronfolger, den die riesigen Federn bedeckten wir Schuppen einen Märchendrachen. Und tatsächlich wirkte der Vogel fast wie ein Wesen aus der Fantasie, ein Greif, ein Wächter der Insel.

Ich glaube das ist es, was die Begegnung mit dem Wilden mit uns macht: Sie befeuert die Fantasie. Sie trägt uns heraus aus dem Raum, den wir als „natürlich“ empfinden – unsere menschengemachte Umgebung – und spannt uns ein in eine Welt, in der wir nicht das Zentrum sind, in der Ungeheuerliches, Unbekanntes, Wundersames, Nie-Gesehenes wartet, manchmal Schwer-zu Ertragendes, manchmal ein Erlebnis, das sich mit seiner Schönheit für alle Zeit in unsere Träume und Gedanken hineinmalt. Mit dem Schwinden der Wildnis schwindet also auch noch etwas anderes. Ist der Seeadler nicht ein fantastisches Symbol dafür, dass es so weit nicht kommen muss?

Bild 1: Der Greif von Trischen.

Bild 2: Diese Seeadlerfeder habe ich am Strand gefunden. Sie ist länger als mein Unterarm.