Heute Lust auf Limo im Genmais-Becher?

Heute Lust auf Limo im Genmais-Becher?

In letzter Zeit häufen sich die Anlässe, einen Beitrag zu „alternativem Einweggeschirr“ zu schreiben: An Orten, wo man gar nicht „to-go“ isst und trinkt, stößt man immer öfter auf Einweg. Zuletzt gab’s beim Rockkonzert etwa Einwegbecher aus Maisstärke – „die sind ja nicht so schlimm“, hieß es; oder bei der Ethical Fashion Week fesche Holzschälchen und Papierbecher – war ja nur mal ein Baum statt Plastik.

Einwegteller und -becher aus angeblich umweltfreundlicheren Materialien zu produzieren, liegt derzeit voll im Trend. Passend dazu hat Öko-Test im Juni-Heft als kompostierbar vermarktete Einwegbecher und Einwegteller getestet. Und die EU-Kommission hat zuletzt vorgeschlagen, Einweggeschirr aus Plastik zu verbieten.

Auch meine Freunde bekommen mit, dass Plastik immer mehr in Verruf gerät: Eine Freundin organisierte kürzlich ein Geburtstagspicknick für ihre kleine Tochter. Vor dem Einkauf fragte sie mich, welche Teller aus „Öko-Sicht“ besser wären – die aus chlorfrei gebleichter Pappe oder die als nachhaltig angepriesenen Teller aus Pappelholz. Die Antwort ist relativ einfach: so gut Pappe und Holz zunächst klingen – beides ist Einweg. Und als Umweltverband empfehlen wir natürlich nur Mehrweg.

Coffee-to-go-Becher

Umweltschädlich, egal aus welchem Material: Coffee-to-go-Becher – Foto: NABU/S. Kühnapfel

Da es aber so bequem ist, Einweggeschirr beim Picknick zu benutzen, steht die Industrie schon bereit und verkauft unter einem grünen Deckmäntelchen Becher und Teller aus alternativen Materialien: Kunststoffe aus Maisstärke oder Zuckerrohr, Bambus, Palmblätter, Laub oder klassischer Pappe. Das klingt erfolgversprechend,  denken doch viele, dass Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen automatisch umweltfreundlicher sind als jene aus normalem Plastik und dass dann ja auch der Müll nicht so schlimm ist wie normaler Plastikmüll…

Das stimmt aber aus Umweltsicht nicht: Einwegmüll bleibt Einwegmüll und Ressourcenverschwendung bleibt Ressourcenverschwendung, auch wenn Bäume oder Pflanzen statt Erdöl oder Erdgas in den Produkten stecken.

Fakt ist: Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen sind nicht per se umweltfreundlicher

Die Auswirkungen unterschiedlicher Materialien auf die Umwelt versucht man mittels sogenannter  Ökobilanzen einzuschätzen. Dafür werden zum Beispiel der Energieverbrauch sowie die Auswirkungen der Rohstoffgewinnung auf Böden, Luft und Atmosphäre berücksichtigt. Schlagworte sind Treibhausgasbilanzen, Versauerung, Eutrophierung – ein naturwissenschaftliches Studium hilft bei der Lektüre… Weil die Erstellung von Ökobilanzen sehr teuer ist, gibt es sie nicht für viele Produkte. Doch man kann versuchen, die Erkenntnisse auf andere Produkte zu übertragen.

So gibt es Untersuchungen zu Produkten aus sogenanntem Bioplastik aus Zuckerrohr oder Maisstärke im Vergleich zu den gleichen Produkten aus konventionellem Kunststoff auf Erdöl- oder Erdgasbasis. Interessanterweise haben die untersuchten Becher und Folien aus landwirtschaftlichen Rohstoffen (bisher) keine bessere Ökobilanz. Ein wichtiger Punkt  dabei ist, dass die nachwachsenden Rohstoffe aus der industriellen Landwirtschaft stammen. So ist weiterhin der Verbrauch fossiler Rohstoffe durch den Energieverbrauch und den Chemikalieneinsatz hoch. Böden und Luft werden stark belastet und die Biodiversität geht zurück. Mit der Bio-Kennzeichnung von Lebensmitteln hat Bioplastik nichts zu tun.

Beispiel PLA-Becher aus Genmais

Zurück zum Einweggeschirr-Test von Öko-Test: Zwar kann ich mit allen Empfehlungen und Inhalten im Text mitgehen – auch Öko-Test entlarvt die angeblichen Vorteile der getesteten Geschirre und empfiehlt eindeutig Mehrweg  –, aber  letztlich bleibt doch die Tabelle in Erinnerung, nach der fast drei Viertel der untersuchten Produkte eine grüne gute Bewertung als Fazit bekommen. Für ein Magazin, das sich Umweltschutz auf die Fahne schreibt, ist diese indirekte Werbung für Einweggeschirr eher unpassend.

Die Umweltauswirkungen der Rohstoffgewinnung oder der Papierproduktion bleiben in der Bewertung von Öko-Test völlig außen vor. Ein Beispiel sind die gut abschneidenden PLA-Becher. PLA (Polymilchsäuren) ist ein Biokunststoff, der z.B. aus Maisstärke hergestellt wird. Was niemand mitbekommt: Der genutzte Mais ist derzeit ausschließlich Genmais aus den USA. Das muss aber – anders als bei Lebensmitteln – nicht angegeben werden. Monokulturen und Gentechnik wirken sich u.a. extrem negativ auf die Artenvielfalt aus.

Positiv an PLA ist, dass es theoretisch recycel- und kompostierbar ist. Zurzeit werden PLA-Verpackungen aber weder recycelt noch kompostiert, denn die Anlagen in Deutschland sind gar nicht auf das Material eingestellt.

Auch Papierverpackungen sind nicht öko

Taschen statt Plastiktüten - Foto: NABU/Sandra Kühnapfel

Grundsätzlich gilt: Plastik- und Papiertüten vermeiden, eigene Taschen zum Einkauf mitnehmen! – Foto: NABU/Sandra Kühnapfel

Die Umweltauswirkungen der Papierproduktion werden unterschätzt, vor allem, wenn das Papier schon öko-braun aussieht. Der Energie- und Wasserverbrauch ist aber enorm, sodass in Tüten-Ökobilanzen die Papiereinwegtüte schlechter abschneidet als die Kunststoff-Einwegtüte. Wegen der Reißfestigkeit wird kein oder kaum Recyclingpapier eingesetzt, sondern Frischfaser, das heißt frisches Holz. Hier gilt natürlich auch: Mehrwegtasche mitnehmen statt einfach von Plastik auf Papier umzusteigen.

Auch für Lebensmittelverpackungen und Einweggeschirr wird kein Recyclingpapier verwendet. Die Papiere sind meist mit Kunststoff beschichtet, damit Fette abperlen und nicht aufgesogen werden und der Becher sich nicht sofort  auflöst, wenn man Kaffee einschenkt. Bäume sollte man für die Herstellung langlebiger, hochwertiger Produkte statt für überflüssige Verpackungen und Einwegprodukte nutzen. (Das gilt übrigens auch für Klopapier.)

Einwegfrei statt nur plastikfrei

Mehrweggeschirr (auch aus Kunststoff) ist besser als Einweg aus Papier, Pappe, Holz oder sogenanntem Bioplastik. Zurzeit wird oft vergessen: Es geht nicht nur um weniger Plastik, sondern um weniger Einwegprodukte und Verpackungen allgemein. Der Slogan plastikfrei passt nicht so recht auf das, was aus Umweltsicht wünschenswert ist: Wir müssen den Kunststoffverbrauch reduzieren und Abfälle dürfen nicht in der Natur landen, sondern müssen hochwertig recycelt werden. Dort, wo Kunststoff als Werkstoff für langlebige und hochwertige Produkte Umweltvorteile bringt, sollte er auch eingesetzt werden.

Nicht auf Werbeslogans vertrauen

Einweg sollte nicht durch Einweg ersetzt werden, auch wenn auf der Verpackung Slogans stehen wie nachhaltig, grün, nachwachsend o.ä. Beliebt sind auch kompostierbar und bioabbaubar nach EN13432. Das Problem ist, dass diese europäische Norm völlig veraltet ist und eine Kompostierung in einer industriellen Anlage innerhalb von zwölf Wochen fordert. In Deutschland arbeiten die Anlagen allerdings schneller. Daher haben diese Produkte oder Verpackungen im Biomüll, auf dem Gartenkompost oder in der Natur nichts zu suchen.

Werbeversprechen gibt es natürlich überall, auch bei Mehrweg: Teures Bambusgeschirr wird als besonders grün beworben. Hierbei ist jedoch wichtig zu wissen, dass es sich um einen Mix aus Bambus und Melamin, also Kunststoff, handelt – für die Festigkeit geht es wohl nicht anders. Das haben Untersuchungen von Öko-Test und der Chemischen und Veterinäruntersuchungsämter in Stuttgart (CVUA-Institut) gezeigt, die Kindergeschirr und Coffee-To-Go-Becher untersucht haben. (Anders ist es bei richtigen Holzprodukten aus Bambus wie Brettern, Kochlöffel oder Schalen, bei denen man die Maserung erkennt.)

Seriöse Anbieter nennen die Zusammensetzung auf der Verpackung. Hier zeigt sich allerdings auch, dass der Kunststoffanteil inzwischen öfters aus PLA ist – wo wir dann wieder beim Thema Genmais aus den USA wären. Gesundheitliche Gefahren gab es beim Bambusgeschirr übrigens nicht. Man muss vielmehr entscheiden,  ob man den teuren Preis für ein unseriöses Öko-Werbeversprechen zahlen will. Aber es gibt ja zum Glück eine große Auswahl an Materialien.

Das nächste Picknick kommt bestimmt

Mehrweg beim Picknick

Foto: NABU/Sandra Kühnapfel

Auf den einen Geburtstag folgt der nächste und es gibt immer schöne Anlässe für ein Picknick. Daher lohnt es sich durchaus, ein Mehrweg-Set anzuschaffen, wenn man nicht seine schwere Küchenkeramik mit in den Park schleppen möchte. Für größere Anlässe kann man auch Mehrweggeschirr ausleihen – das ist gar nicht so teuer, wie man denkt. Oder vielleicht haben ja auch Freunde Mehrweggeschirr, das man sich ausleihen kann.

Und in die Natur gehören natürlich gar keine Abfälle! Daher auch am besten immer alle Abfälle mit nach Hause nehmen, damit die Mülleimer im Park nicht überquellen, kein Verpackungsabfall verweht oder Tiere die Abfälle aus den Eimern holen.

Katharina Istel

Katharina Istel

Referentin für Nachhaltigen Konsum
Katharina Istel

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2 Kommentare

Gaby

18.07.2018, 16:23

Wie wahr !!! Der einzig wahre Weg ist Mehrweg.

Antworten

Saaba

17.07.2018, 18:22

"Mehrweg statt Einweg" müsste eigentlich mal eine Plakataktion in den städtischen Parks z.B. sein, mit dem Hinweis, dass man einen Ort so verlässt, wie man ihn vorzufinden wünscht, am besten mit einem Bild darauf, was passiert, wenn keine Putztrupps hinterherräumen: wenn nämlich Menschen auf einem Müllberg ihres vorwöchentlichen Picknichs sitzen müssen- statt auf einer Wiese. Vielleicht geht dann vielen mal ein Licht auf. Es ist schwer nachzuvollziehen, warum Menschen extra einen Einweg-Geschirr-Einkauf tätigen, um diese Sachen zu transportieren und sie dann vor Ort wegzuschmeißen oder sogar liegen zu lassen. Der Rucksack, der das alles transportierte, ist ja immer noch transportbereit, um die Reste wieder mitzunehmen.

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