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Neuer Tag, neues Glück? Das Wetter hat von dieser Regel noch nie gehört und schüttet auch beim Ablegen am Stößensee immer weiter Wasser auf uns runter.

Wir müssen weiter nach Süden, Richtung Wannsee. Die Havel weitet sich hier zu einem mächtigen Strom und hat nichts mehr mit dem idyllischen Flüsschen der ersten Wochen unserer Havelberry-Finn-Tour zu tun. Hier ist ordentlich Verkehr auf dem Wasser, fast sind wir froh, dass das Wetter so unfreundlich ist, denn so brauchen wir nicht auch noch auf private Segelboote zwischen den Ausflugsdampfern und Lastenkähnen zu achten.

Wir müssen in der Fahrrinne bleiben, die roten Tonnen rechts, die grünen links von uns. Die Ufer der Havel sind im Regendunst schwerer zu erkennen, an den Fenstern perlt der Regen runter. Regelmäßig geht jemand raus ins Nasse und guckt zusätzlich mit dem Fernglas, ob wir freie Fahrt haben. Sebastian ist am Ruder, Djuke hat vorne Dienst, Andreas hält achtern Ausschau nach überholenden Yachten. Rebecca hat sich aus den zusammengerollten Futon-Matten ein Lager gebaut und holt fehlenden Schlaf von nachts nach. Es gab ein mittelschweres Schnarchproblem, gegen das kein Ohropax geholfen hat.

Der Wind geht mäßig, aber das Wasser ist noch kabbelig vom Unwetter gestern. Die Große Bärin tanzt auf den Wellen voran, es fühlt sich mindestens an wie raue Ostsee. Die Bugwelle eines Frachtschiffs schüttelt uns durch und reißt fast unseren Topf mit dem Rest Linsensuppe vom Herd, mit der wir uns mittags aufgewärmt haben.

Bevor wir zum Wannsee fahren, wollen wir der legendären Pfaueninsel einen Besuch abstatten. Wir lassen uns doch vom Regen die Entdeckungslust nicht vermiesen! Die Enttäuschung ist um so größer, als wir feststellen: Wir können da gar nicht anlegen. Außer per Fähre ist es nicht möglich, die Insel zu betreten.

Wir wenden, denn unser Ziel liegt etwas weiter nördlich. Nach der Pfaueninsel weitet sich die Havel wieder. Wir schieben uns aus dem Windschatten der Insel heraus und bekommen zusätzlich mächtig Gegenströmung. Ein paar Böen erfassen uns, denn das Floß ist alles andere als windschnittig. Sebastian gibt mehr Gas, aber es nützt nichts: Der Wind treibt uns wie einen Wasserball vor sich her. Der Steuermann flucht, das Spitzwasser der sich brechenden Wellen schlägt gegen die Fenster.

Meter für Meter kämpfen wir uns voran, wir müssen zum Anleger im Wannsee und dazu die Einfahrt zwischen zwei Tonnen treffen. Der Wind drückt uns weiter in die falsche Richtung, die rote Tonne rückt immer näher. „Hart links einschlagen! Liiinks!“, ruft Djuke von vorn und macht sich mit einem Bootshaken bereit, das Floß wenn nötig von der Tonne abzustoßen. „Was glaubst du, was ich tue?!“, tönt es gereizt vom Ruder zurück. Es klappt gerade so, die Tonne gleitet in Armlänge an uns vorüber.

Andreas und Rebecca horchen derweil auf den Motor, der nicht mehr sein freundlich-leises „Tuck-tuck-tuck“ von sich gibt, sondern unangenehm röhrt und vibriert. Wir haben kaum noch Vorschub, trotz Vollgas. Schließlich schaffen wir es doch in den Hafen, auch wenn wir beim Anlegen ganz schön rumeiern. Der Hafenmeister schüttelt den Kopf und fürchtet um die schicken Yachten um uns herum.

Als der Motor still steht, montieren wir unsere Unterwasserkamera an einem Bootshaken. Unsere Befürchtung bestätigt sich: Die Schraube ist hin. Wir rufen Martin, den Floßbauer an. Ob es ihm gelingt, am morgigen Feiertag einen Mechaniker mit passendem Ersatzteil zu organisieren? Wir hoffen es!