Geiz ist geil – Warum nicht beim Energiesparen?

Geiz ist geil – Warum nicht beim Energiesparen?

Hand aufs Herz, im tiefsten Inneren sind viele von uns doch auch Sparfüchse und Pfennigfuchser. Ein paar Cent oder Euros gespart zu haben, macht schon ein gutes Gefühl. Wer will verhehlen, gelegentlich in Beilagen der Wochenblätter oder die Hauswurfsendungen von Postaktuell zu schauen? Es könnte doch ein interessantes Sonderangebot oder Schnäppchen dabei sein, das unser heimliches Interesse findet. Geiz ist eben doch eine geile Sache. Was aber, wenn aus dringenden Gründen des Klimaschutzes ein sparsamerer Umgang mit Energie gefragt ist? Oder der Krieg in der Ukraine energiepolitische Einschnitte erforderlich macht? Eigentlich müssten wir – das Volk der Sparer – voll in unserem Element sein. Wir sparen Heizöl, Benzin und Gas auf Teufel komm raus. Guerillakämpfern gleich entziehen wir Sparfüchse und Pfennigfuchser sowohl der Klimakrise als auch dem Krieg seine Energie.

Ideen zum Energiesparen

Auf der Liste unserer Spar-Listen steht zum Beispiel das Kraftstoffsparen. Wir lassen das Auto möglichst oft stehen oder bilden Fahrgemeinschaften. Oder wir steigen aufs Fahrrad um. Müssen wir doch einmal ins Auto steigen, dann sparen wir bis zu 20 Prozent durch frühzeitiges Schalten oder durch ein selbstauferlegtes Tempolimit. Wir sparen weiteres Gas und Öl, indem wir die Raumtemperatur und der Warmwasserverbrauch senken und die Wirkung der Heizungsanlage optimieren lassen. Muss die Umwälzpumpe der Heizung tatsächlich 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr laufen? Und was ist mit dem Smartphone oder den anderen digitalen Endgeräten, die Tag und Nacht laufen, damit wir immer online sind. Schalten wir doch einfach einmal ab – im doppelten Sinne. Wäre es nicht geil, wir könnten uns den digitalen Burnout ersparen?

Selbst in öffentlichen Gebäuden, im Gewerbe- oder Dienstleistungsbereich und im Handel lassen sich kurzfristig riesige Sparerfolge bei Strom, Gas und Öl erzielen. Erfolge, die sich zudem langfristig auszahlen würden. Müssen die Heizungen oder Klimaanlagen von Schulen, Büros und Supermärkten wirklich Tag und Nacht und am Wochenende laufen? Können nachts nicht einfach einmal die Lichter ausgehen, weil Innenräume nicht rund um die Uhr beleuchtet werden müssen oder weil Leuchtreklamen nachts ohnehin kaum angeschaut werden?

Die Liste mit listigen Energiespar-Ideen ließe sich beliebig fortsetzen. Auf unseren Energiesparbüchern könnten wir locker ähnliche Reichtümer anhäufen, wie wir sie auf unseren unverzinsten Sparkassenbüchern horten. Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe hat errechnet, dass sich bis 2030 EU-weit ohne zusätzliche Kosten mehr als 40 Prozent der Endenergie einsparen ließen. Das würde Haushalte und Industrie um 240 Milliarden Euro entlasten. Viele andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Aber warum ist es geil, eine weiter entfernt liegende Tankstelle anzufahren, um 5 Cent auf den Liter Sprit zu sparen und warum ist es unsexy, die 5 Cent durch spritsparendes Fahren oder die Benutzung des Fahrrads nicht auszugeben?

Vom Sparen und Sparen

Offenbar gibt es Unterschiede zwischen Sparen und Sparen, gibt es attraktives und unattraktives Sparen. Wer sich Antworten der Psychologie auf die Frage erwartet, warum Sparen einerseits ein Selbstläufer und andererseits ein Rohrkrepierer ist, der sieht sich enttäuscht. Bei der Psychologie des Sparens geht es stark um individuelle Belohnungen, aber auch um Selbstwertgefühle und persönliche Zufriedenheiten sowie um assoziierte Zukunftsbilder. Selbst vorhandene oder fehlende soziale Kontakte spielen eine Rolle. Es scheint daher müßig, in Zeiten wie diesen, in denen der sparsame Umgang mit den Ressourcen einen besonderen Stellenwert hat, auf individuelle Einsichten und zielführende persönliche Entscheidungen zu setzen. Die Sache mit der Psyche und dem Sparen ist augenscheinlich zu komplex.

Die Politik ist gefragt

In solchen Situationen ist es die Aufgabe der Politik steuernd einzugreifen. Doch wenn es um Suffizienz – aber auch um Effizienz oder Konsistenz geht – zieht sich die Politik meist aus der Affäre und verschiebt die Verantwortung auf die Bürgerinnen und Bürger. Tatsächlich leisten viele Menschen bereits einen wichtigen Beitrag, in dem sie vom Auto aufs Rad oder den ÖPNV umsteigen, in dem sie elektrische Geräte ausschalten und nicht im Standby laufen lassen, oder bereits beim Kauf auf die Reparaturtauglichkeit achten.

Das Bemühen der Einzelnen wird jedoch nicht ausreichen, um den möglichen Wumms zu erzielen. Daher ist die Politik – ob sie will oder nicht – gefordert, sich des Themas anzunehmen, Perspektiven für eine Suffizienz-Politik zu entwickeln und einen rechtlichen Rahmen für den verantwortungsvollen und zukunftsorientierten Umgang mit den begrenzten natürlichen Ressourcen zu setzen. Die Ampel muss mehr tun, damit schneller weniger rauskommt – aus Schornsteinen und Auspuffrohren. Denn weniger kann mehr sein. Mehr Lebensqualität, mehr Nachhaltigkeit, mehr Unabhängigkeit und mehr Zukunftschancen.

Ein Zwischenruf von Ralf Schulte, NABU-Fachbereichsleiter Naturschutzpolitik

2 Kommentare

A. Schrade

27.04.2022, 09:53

Also spätestens seitdem ich mehr Zeit damit verbringen kann, mir über meine Ernährung und die Zukunft der Kinder und Enkel Gedanken zu machen, ist das Schnäppchen passee. Denn wenn man erst mal dahinter kommt, mit welchen schamlosen Lügen die Industrie uns bombardiert um die kapitalistischen Märkte zu speisen, speziell die hohen Vorstandsboni und Dividenden für die, die absolut nichts mit der Wertschöpfung für diesen Planeten machen, dann ärgert man sich nur noch über die Zerstörung dieses Planeten für die Herstellung von "Führe mich in Versuchung-Prospekten". Hier werden nicht nur Produkte des Alltags aus Asien in Hochglanzprospekten angeboten, die keinem deutschen Arbeitsplatz weiter helfen, sondern eben auch die Lebensmittel, die in Osteuropa, Russland und Asien angebaut werden, um dann in Deutschland in ein Glas abgefüllt zu werden, um mit einer deutschen Hersteller-Adresse versehen zu werden, damit es so aussieht, als wäre das Produkt tatsächlich in Deutschland entstanden. Leider glauben noch 90% der Menschen, die bei ALDI, LIDL und Co. einkaufen, dass sie ein deutsches Produkt in den Händen halten. Aber den meisten Menschen ist es sowieso egal, wo Lebensmittel herkommen, hauptsache sie sind billig. Dass viel Obst aus Südamerika kommt und leider den Beigeschmack von sehr viel ungesunder Chemie (Pestizide, usw.) enthält, ist kaum einem Menschen bewusst. Dank Mercusor-Abkommen darf nämlich die Chemie-Industrie die in Europa verbotenen Substanzen ungehemmt in das südamerikanische Obst pumpen, weil es den kapitalistischen Mächten hilft. Und die Bauern, die diese Gifte einsetzen haben keine andere Wahl, weil sie sonst kein Geld verdienen und ihre Familien nicht ernähren können. Wenn nicht endlich etwas passiert, dann wird die ganze Erde unbewohnbar, dank Öl-Lobby ist sie das ja in großen schon. Ein Schnäppchen hier bei uns, lässt gar nicht erahnen wie viel Elend dafür an einem anderen Punkt dieses Planeten dafür entstehen muß. Aber das will der Verbraucher gar nicht wissen. Ich habe mir schon oft den Spaß gemacht in den Discountern zu meiner Frau laut zu sagen: "Lass die Milch stehen, die unsere Bauern tötet." "Lass den Funkwecker stehen, der andernorts die Umwelt zerstört" "Lass uns zu einem anderen Autohaus fahren, dank VW werden auch die Uiguren misshandelt und unterdrückt" Und was passiert: Alle schauen kurz auf und grasen dann gemütlich weiter im Grabbeltisch, der deutsche Arbeitsplätze zerstört, die Sozialsysteme untergräbt und den Planeten weiter zerstört. Es ändert sich nichts wenn weiter für schwachsinnige Produkte den ganzen Tag, 24 Stunden rund um die Uhr Werbung gemacht werden darf, obwohl man weiß das diese Produkte unsere Gesundheit und die Lebensgrundlage, den Planeten zerstören. Und das Jammern über hohe Preise, das habe ich in vielen Kundengesprächen vernommen, das ist auf einem ganz hohen Niveau. Benzin, Gas und Diesel müßten 10 Mal so viel kosten, damit es wirklich die Menschen einschränkt und zu einem gesunden Planeten hilft. Darunter ist alles PLaneten zerstörend. Wo sollen unsere Kinder und Enkel arbeiten. Müssen sie in Zukunft nach Osteuropa, Russland oder Asien zur Arbeit pendeln, weil wir auch noch so dumm sind und den Fortschritt in die Energie- und Mobilitätswende nicht schaffen?

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Barbara Cloos

25.04.2022, 18:11

Hallo Nabu-Leute, ich kann Euren Argumenten beim Energiesparen nur zustimmen, möchte aber jetzt noch einen weiteren wichtigen Punkt ansprechen. Es betrifft unseren Verbrauch an Getreide, um die Knappheit auf dem Weltmarkt zu reduzieren und damit eine Hungersnot in vielen Ländern, vornehmlich auf dem afrikanischen Kontinent, zu verhindern. Meist wird angeführt weniger Fleisch zu essen, damit Getreide als Tierfutter eingespart werden kann. Das ist zweifelslos richtig. Ich möchte aber noch auf einen anderen Aspekt hinweisen. Das Lebensmittel, das bei uns am meisten weggeworfen wird, sind Backwaren. Laut einer Studie vom WWF (Spiegelartikel vom 04.10.102018) werden in Deutschland geschätzte 1,7 Tonnen pro Jahr weggeworfen. Das entspricht einer Ernte von fast 400.000 Hektar Ackerland - eine Fläche größer als die spanische Insel Mallorca. Dieses Überangebot führt laut einer Studie der Umweltorga-nisation WWF zu einer enormen Vergeudung von Lebensmitteln. In manchen Geschäften lande jede fünfte Backware im Müll. Das könnte man verhindern, wenn bei uns weniger Brotprodukte hergestellt werden würden. Und das wäre meiner Ansicht nach durchaus möglich. Es ist nicht notwendig, dass man bis zum nächtlichen Ladenschluss das gesamte Sortiment an frischem Brot und sonstige frischen Backwaren bereitgehalten wird. Früher gab es das auch nicht und wir wurden trotzdem alle satt. Da waren die Brotregale halt am Nachmittag nicht mehr so voll wie morgens oder bereits leer. Es gibt dann aber immer noch die Möglichkeit im Supermarkt oder auch beim Bäcker abgepacktes Brot zu kaufen. Dadurch könnte man viel Getreide bei uns sparen und den Ländern, die auf Importe angewiesen sind, beliefern - wie oben genannt pro Jahr die Menge an Getreide, die eine Ackerfläche von 400.000 Hektar entspricht. Und das betrifft nur Deutschland. In anderen reichen Ländern sieht es bestimmt ähnlich aus. Insgesamt wäre das ein großer Beitrag gegen den Hunger in der Welt, gerade in der jetzigen Situation, wo wahrscheinlich die Hauptlieferanten von Getreide durch den Ukraine-Krieg ausfallen werden. Mit freundlichen Grüßen Barbara Cloos

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