Berlin

Das Golmcamp 2017 – “praktisch” unschlagbar

Freitag, August 11, 2017
Das Golmcamp 2017 – “praktisch” unschlagbar

Text von Elke Koch, BatCity Berlin

Seit Mitte März  bin ich bei der neu gegründeten BatCities-Gruppe  Berlin und an diesem Wochenende soll ich nun einen Einblick in die praktische Arbeit vor Ort, ins Fledermaus-Monitoring bekommen. Dass es dabei schon zum ersten hautnahen Kontakt kommen wird, ist mir noch gar nicht klar.

Ich bin einigermaßen aufgeregt: Wie lang werden die Nächte sein? Was werde ich sehen? Wie werde ich mich einbringen können?

Noch größer als die Spannung ist aber die Freude darüber, dass ich als unerfahrener Neuling dabei sein darf. Außer mir sind vor allem berufliche „Fledermausler“ dabei, daneben gibt es ein paar Ehrenamtliche, die aber schon über langjährige Erfahrung verfügen. Geleitet wird das Camp von Uwe Hoffmeister (NABU-Mitglied und neugieriger Fledermausforscher mit Beringungserlaubnis des Landesamts für Umwelt) und Gerhard Maetz (Fledermausexperte der UNB Teltow-Fläming), der am Sonnabend zu uns stoßen wird.

Das NSG Heidehof-Golmberg ist FFH-Gebiet und ein wichtiges Refugium für bisher 17 nachgewiesene Fledermausarten.  500 Mopsfledermäuse überwintern hier und bilden damit das größte Quartier Brandenburgs. Unsere Aktivitäten abseits der Wege finden natürlich mit Ausnahmegenehmigung und nach Absprache mit UNB und Waldbesitzer statt.

Wir treffen uns am Freitagabend an der Kirche in Merzdorf, von dort startet die auf 14 Personen angewachsene Gruppe um halb acht per Auto (viel schwere Ausrüstung!) in den Wald. Nahe bei einem Bunker und einem verlassenen, halb eingestürztem Haus schlagen wir unser Quartier für die nächsten Stunden auf, dann werden die Netze gespannt: Zwei am Weg, zwei im Wald, eins direkt im Bunker. Das Material der Netze ist superweich und flauschig, anders als etwa Netze zum Vogelberingungsfang, die die empfindlichen Fledermäuse verletzen könnten.

Bild: Aufbau Fledermaus(hoch-)netz

Die Netze dürfen nicht zu straff gespannt werden, da die Fledermäuse sie sonst orten könnten, und sollten auf verschiedenen Niveaus „Taschen“ bilden.

Der erste Fang ist ein Braunes Langohr, das vorsichtig aus den Maschen befreit wird. Aus der Nähe betrachtet ist es ein sehr besonderes, etwas skurriles Geschöpf: Die Ohren sind fast so lang wie der restliche Körper, innen geriffelt und – zumindest bei diesem in der Hand gehaltenen Exemplar – widderhornförmig nach hinten gebogen.

Natürlich stellt sich die Frage: Warum tut man das? Warum fängt man Fledermäuse, greift damit in ihr Leben ein?

Es ist immer noch viel zu wenig bekannt über das Leben der heimlichen Wesen der Nacht. Und gleichzeitig werden alle Arten in unserer zunehmend verbauten Landschaft und der industriell geprägten Landwirtschaft in ihrem Leben stark eingeschränkt und bedroht. Um dem etwas entgegenzusetzen, muss man das Verhalten der Fledermäuse besser kennenlernen. Nur so kann man sie auch schützen.

Leider wissen sie nicht, dass sie ihrer Art einen großen Dienst erweisen und wir können es ihnen auch nicht vermitteln… Der Eingriff in ihr Leben ist aber auf kurze Zeit begrenzt und wir versuchen, sie so wenig wie möglich zu stressen.

Dennoch sind sie von der Situation natürlich nicht begeistert und tun dies teilweise durchaus lautstark kund. Ja, man kann sie gut hören, für mich eine neue Erkenntnis. Während die im Fliegen, also zur Ortung ausgestoßenen Laute in der Regel in einem für uns nicht hörbaren Frequenzbereich liegen, sind ihre Unmutsäußerungen gut wahrnehmbar. Auch einige Unterschiede zwischen eher ruhigeren und eher quirligeren Arten offenbaren sich bei den Untersuchungen. Beruhigen lassen sie sich am besten, wenn man ihnen mit aufeinandergelegten Händen einen kleinen Schutzraum, einen kleine „Höhle“ gestaltet. Enge bedeutet für Fledermäuse Schutz und Behaglichkeit – darüber werde ich bald noch mehr erfahren.

Bild: Die “Bearbeitung” 😉

Nach dem Fang werden die Tierchen – eventuell nach einer kurzen Zwischenstation in einem luftigen Behältnis –  „bearbeitet“: Neben dem Artnamen werden Geschlecht und Alter (juvenil oder adult) erfasst, die Ringnummer, wenn vorhanden und auch der Aktivitätsstatus bezüglich der Reproduktion. Bei Männchen zeigen das angeschwollene Hoden, bei Weibchen ist anhand der Brustwarzen feststellbar, ob sie aktuell stillen oder dies kurz zuvor noch getan haben. Schließlich wird die Länge der Unterarmknochen vermessen und die Tiere werden gewogen. Dabei darf ich auch schon aktiv werden: Die „Mäuse“ werden aus der Hand des ersten Bearbeiters in eine kleine Plastiktüte überführt (Öffnung nach unten, dann krabbeln sie gleich hoch) und diese an eine kleine Federwaage gehängt. Die Gewichtsunterschiede sind recht eindrücklich: nur um die fünf Gramm wiegt die Zwergfledermaus, während die Großen Abendsegler auf 37 Gramm kommen.

Alles läuft absolut eingespielt,  zügig und dabei gleichzeitig  ruhig und gelassen, eine Atmosphäre, die bald auch auf mich abfärbt. Meine besondere Bewunderung gilt den jeweiligen Schreibern, die oft gleichzeitig mehrere Tiere in die Liste eintragen, ohne dabei aus den Augen zu verlieren, welches ihnen angesagte Merkmal zu welchem Tier gehört!

Nach der Bearbeitung dürfen die einzelnen Tiere wieder fliegen – möglichst nicht in der Nähe der Netze. Uwe macht ein paar spektakuläre Zeitlupenaufnahmen der Davonfliegenden.

Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel größer die Tiere im Flug sind! Selbst die kleine Zwergfledermaus, die mit angelegten Flügeln längs nicht einmal über drei meiner Finger reicht (es heißt, sie würde in eine Streichholzschachtel passen – ich hoffe, niemand hat das je ausprobiert!), „wächst“  beim Abflug mit um die 25 cm Flügelspannweite  ganz beachtlich.

Nach dem Langohr gehen zwei Große Mausohren (wirklich groß!) ins Netz, dann ein Großer Abendsegler (sehr laut!), eine Breitflügelfledermaus, ein Kleiner Abendsegler, eine Zwergfledermaus. In dieser Nacht werden wir zwar nur auf etwa 20 Exemplare, aber sieben verschiedene Arten  kommen, können also eine große Artenvielfalt feststellen.

Eine Fledermaus in die Hand zu nehmen wage ich anfangs noch nicht. Sie wirken doch sehr zerbrechlich und man braucht sicher einige Erfahrung, um sie locker und dennoch sicher  zu halten. Aber die eine oder andere abflugbereite bekomme ich dann doch schon auf die Hand gesetzt. Ich spüre die winzigen Krallen und bin fasziniert vom feinen, weichen Fell.

Bild: Mopsfledermaus (NABU/Grimmberger)

Ich gebe um 2 Uhr auf (die lange Arbeitswoche steckt mir noch in den Knochen) und verabschiede mich in mein persönliches Nachtquartier. Hätte ich doch gewusst, dass nur wenige Minuten später die erste und einzige Mopsfledermaus dieser Nacht ins Netz geht…

Am Sonnabend starten wir um 12 Uhr mit einem Picknick am Golmberg, dann geht es an die Kontrolle der Kastenreviere. Rechts und links des Wegs hängen Fledermauskästen (Sommerquartiere), teils Flachkästen, teils Rundkästen, deren Zustand Uwe – Leiter rauf, Leiter runter – mit Hilfe der Taschenlampe prüft. Einige sind leer, einige von Arten bewohnt, denen die heutige Erfassung nicht gilt, hier stören wir nicht.

Die Arbeit für alle beginnt mit einem Flachkasten, den eine Gruppe von 16 Mopsfledermäusen bewohnt. Nach dem gestern kennengelernten Verfahren werden die Details aufgenommen. Danach darf die jeweilige „Maus“ zurück in den Kasten, dessen Ein- und Ausflugloch schnell wieder verstopft wird.

Sechzehn Fledermäuse in einem Flachkasten kann ich mir noch ganz gut vorstellen. Doch dann, im meiner Meinung nach eher kleinen Rundkasten, finden sich 37 (54?) Bechsteinfledermäuse! Da kann man nur nach dem Motto leben: „Je enger, desto gemütlicher“!

Nach einem kleinen Zwischenprogramm – Gerhard führt uns zu einer alten Wolfsfallgrube auf dem Golmberg und erzählt die Geschichte von Tetzels Kasten-  fahren wir zu einem Teich im Wald, unserem Abendquartier.

Heute werden Hochnetze aufgestellt – und das ist leichter gesagt als getan. Es kommen zwei  verschiedene Systeme zum Einsatz, mit denen wir bis in etwa 12 Meter Höhe kommen. Und beide sind „Marke Eigenbau“: eins aus dicken Teleskop-Angelstangen, das  andere eine Bearbeitung eines Bühnentechnikaufbausystems – hier  muss per Schweizer Taschenmesser noch etwas nachgebastelt werden, bis die Karabinerhaken beim Hochziehen der Netze anstandslos in der Führung laufen. Ich bin ziemlich verwundert, dass es im Handel kein fertiges spezielles Fledermausfang-Equipment gibt! Anscheinend eine Marktlücke.

Noch bevor die aufgestellten Netze hochgezogen – „scharf gemacht“ – werden, fliegt derste Fledermaus an ein paar picknickenden Feldforschern vorbei und landet an einem Baum, von wo sie in geschulte Hände kommt. Es ist eine junge Fransenfledermaus, die schon zu so früher Zeit – kurz vor  20 Uhr – unterwegs ist.

Bild: Junge Fransenfledermaus

Im Netz landen dann später Mops- und Breitflügelfledermäuse, hin und wieder noch eine Fransenfledermaus, vor allem aber Große Abendsegler. Obwohl sie als eher „rabiat“ gelten, sitzen sie heute lange auf der Hand, bevor sie sich zum Abflug entschließen, lassen sich streicheln und  betrachten: Kleine runde, weit auseinander stehende  Ohren,  pilzförmiger Tragus (allmählich geht mir auch dieser Begriff leicht von den Lippen), eher breite Schnauze, seidiges braunes Fell. Und hier stellt sich wieder einmal heraus, dass nichts die praktische Erfahrung ersetzen kann: Sicher haben wir in unserer Schulung vom besonderen Geruch der Abendsegler gehört, doch was das wirklich bedeutet, wird mir erst jetzt klar. Und dieser unangenehm-intensive Geruch bleibt an der Hand haften, sodass  ich – und ich habe keinen guten Geruchssinn!  – dann doch mal an den Teich muss.

Neben den Netzen kommt heute auch ein Infrarot-System zum Einsatz – zwei Scheinwerfer und ein Monitor, auf dem sich eins der Netze entspannt und ohne Taschenlampeneinsatz beobachten lässt.

Die Netzfänge kommen in Wellen, mal drei Tiere gleichzeitig, mal eine Zeitlang gar keins. Zeit für Gespräche, für Blicke in den Nachthimmel oder in den geheimnisvoll dunklen Wald.

Als eine dieser Ruhephasen schon ziemlich lange andauert, brechen wir ab. Es ist „erst“ halb zwei, aber der Tag war lang genug!

Fazit: Das Golmcamp war für mich ein unglaublich spannendes und eindrückliches Erlebnis. Bisher – also in der Theorie und aus der Ferne – fand ich Fledermäuse interessant und besonders. Doch nun bin ich völlig hingerissen und fühle mich ihnen verbunden!

Sebastian Kolberg

Sebastian Kolberg

NABU-Fledermausexperte

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